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aus Heft 40/2014 Politik

»Ich glaub, das steht irgendwo im Koran«

Seite 3: »Und ob man die Feinde abknallt oder köpft, ist doch egal. Tot ist tot.«

Marie Delhaes und Frederik Obermaier  Fotos: Matthias Ziegler

Die schraffierten Gebiete im Irak und in Syrien werden von den Milizen der Terrorgruppe Islamischer Staat kontrolliert

Haben Sie Ihrer Familie erzählt, was Sie vorhaben?
Nein, nicht einmal meine Freunde hier in Kempten wussten was. Meine Eltern haben es aber wohl geahnt. Sie haben mir Hunderte Nachrichten geschrieben und versucht, mich anzurufen. Ich habe nicht reagiert. Aber dann haben sie meinen Onkel in der Türkei angerufen, bei dem ich damals untergekommen bin.

Wie hat er reagiert?
Er wollte mich aufhalten. Aber irgendwann hat er aufgegeben.

Wie haben Sie den Kontakt zu den Islamisten in Syrien hergestellt?
Ich hatte Telefonnummern von David bekommen. Die musste ich nur anrufen, und dann haben die das klargemacht.

Das hört sich an wie ein Reisebüro.
So in etwa. Sie haben mir gesagt, dass ich in die Stadt Hatay fahren soll, und da würden dann schon Leute warten, die mich über die Grenze bringen.

Hatten Sie keine Bedenken, dass es sich um eine Falle handelt?

Ich kannte die Leute ja, mit denen ich telefoniert habe.

Waren das Leute aus Deutschland?
Teilweise.

Aus Dinslaken?
Dazu sage ich jetzt nichts.

Jetzt sitzen Sie aber hier in Kempten, nicht in Aleppo. Was ist passiert?
In Hatay musste ich nur noch in den Bus steigen. An der Bushaltestelle waren dann aber plötzlich überall Polizisten. Da dachte ich mir: Okay, wenn ich da jetzt nicht einsteige, dann können sie mir auch nichts anhaben. Und dann bin ich halt wieder zurückgegangen zu meinem Onkel. Ich wurde gezwungen, mir meinen Bart abzuschneiden. Alle meinten, damit sei ich entradikalisiert. Aber insgeheim habe ich mir geschworen, dass ich noch krasser werde.

Offenbar waren es Islamisten aus Dinslaken, die A.s Reise in den Dschihad organisiert haben. Dinslaken, eine nordrhein-westfälische Stadt am Niederrhein, hat sich in den vergangenen Jahren zum Zentrum junger Islamisten entwickelt. Mehrere junge Männer sind bereits nach Syrien gereist, wo sie als »Lohberger Brigade« – nach dem gleichnamigen Dinslakener Stadtteil – bekannt wurden. Regelmäßig tauchen sie seither in Propagandavideos auf. Auch Erhan A., das wird schnell klar, hat Kontakt zu mehreren Männern in Dinslaken. Er will jedoch nicht darüber sprechen. Sich in Deutschland für den Islamischen Staat zu engagieren, ist seit September illegal. Nur über jene Dinslakener, die bereits in Syrien sind und die deutsche Polizei nicht mehr fürchten müssen, könne man reden, sagt er.

Ein Dinslakener wurde bekannt, weil er auf einem Foto mit mehreren abgeschlagenen Köpfen posiert und in die Kamera gegrinst hat. Kennen Sie ihn?
Ja, das ist Mustafa. Ich chatte regelmäßig mit ihm. Der ist sehr nett, hat eine angenehme Stimme.

Wissen Sie, ob er es war, der die Männer geköpft hat?

Das weiß ich nicht. Aber ich denk mal, dass er es war.

Finden Sie das gut?
Ja. Das waren Assad-Leute, es war also legitim, sie zu töten. Ob man dann auch noch mit den Köpfen rumposen muss, das ist wieder eine andere Sache. Das hätte ich nicht gemacht.

Warum schneiden die Kämpfer des IS ihren Gegnern die Köpfe ab?
Ich glaub, das steht irgendwo im Koran. Und ob man die Feinde abknallt oder köpft, ist doch egal. Tot ist tot. Es geht nur darum, dass sie nicht leiden. Selbst die schlimmsten Feinde dürfen wir nicht quälen, so will es der Koran.

Ein anderer Mann aus Dinslaken hat sich im Juli bei einem Selbstmordanschlag in die Luft gesprengt.
Ja, das war Philipp, mit dem hab ich auch oft telefoniert. Es wird erzählt, dass er sich freiwillig gemeldet hat, weil er eh schon verletzt war und nicht mehr reden konnte. Aber ich denke, dass er einfach den Islam voranbringen wollte und sich für Allah geopfert hat. Er hätte sich sicher auch bereit erklärt, wenn er nicht angeschossen gewesen wäre.

Würden Sie so was auch machen?
Nein, das würde ich mich nicht trauen.

Mindestens fünf Männer aus Deutschland haben sich in den vergangenen Monaten in Syrien und Irak in die Luft gesprengt. Dutzende Menschen starben. Die deutschen Dschihad-Reisenden würden als »Kanonenfutter« regelrecht verheizt, berichten Verfassungsschützer. Klar ist: Der Krieg ist anders, als es ihn sich viele Dschihad-Abenteurer erträumt haben. Mehrere britische Dschihadisten schrieben jüngst aus Syrien: »Wir sind gekommen, um das syrische Regime zu bekämpfen«, doch stattdessen würden sich die Rebellengruppen hauptsächlich untereinander bekriegen. »Wir werden gerade gezwungen zu kämpfen.« Jeder dritte Dschihad-Reisende aus Deutschland soll mittlerweile wieder in die Bundesrepublik zurückgekehrt sein. Voller Hass auf den Westen oder frustriert vom Dschihad? Das weiß niemand. Dem ersten IS-Rückkehrer wird seit einigen Tagen in Frankfurt der Prozess gemacht. Mindestens zwei deutsche Islamisten hingegen sollen von ihren eigenen Gefährten gefangen genommen worden sein, weil sie sich auf die Rückreise machen wollten. Denn wer sich vom IS abwendet, gilt als Verräter.

IS kontrolliert mittlerweile große Teile Syriens und des Irak. Glauben Sie, dass der Vormarsch noch weitergeht?
Als Nächstes kommt hoffentlich die Türkei. Wenn die Türken sich nicht widersetzen, wird die Scharia eingeführt. Ohne Stress und ohne Killen. Und dann geht es weiter ins nächste Land.

Auch Deutschland?
Ja, klar. In zwanzig, dreißig Jahren haben wir das geschafft. Wir kämpfen so lange, bis der ganze Planet islamisch ist.

Und dann?
Erst mal wird der Islam zur Staatsreligion gemacht. Dann kommt überall unsere Flagge hin. Und die Polizeiautos machen wir schwarz statt grün. Sonst würde alles so bleiben. Christen und Juden dürfen ja ihre Religion hier weiterleben. Sie müssten halt eine Steuer zahlen. Und natürlich müssen sie sich an unsere Gesetze halten. Frauen ohne Schleier, das ist zum Beispiel ein No-Go.

Die Idee einer Islamrepublik Deutschland gefällt Erhan A. Er redet sich in Fahrt, immer neue Ideen kommen ihm. Unverschleierte Frauen zum Beispiel könne man künftig von einer Art Scharia-Polizei nach Hause bringen lassen und »richtig anziehen«. Auch die Männer müssten sich anpassen, weite Hosen anziehen, die auf jeden Fall über dem Knöchel enden. So wie einst beim Propheten Mohammed. Dass seine eigene Hose fast schon auf dem Boden schleift, fällt ihm offenbar nicht auf. Er redet weiter, fantasiert davon, dass man alle Homosexuellen umbringen könnte. Irgendwann, wenn in Deutschland der Islamische Staat herrsche. Aber man solle ihn nicht falsch verstehen, sagt Erhan A.: Er würde nie mit Absicht gegen ein Gesetz verstoßen – »zumindest nicht in diesem Land«.

Einen Tag nach Ihrer Rückkehr aus der Türkei nach Deutschland, nach Ihrem missglückten Einreiseversuch nach Syrien, stand die Polizei vor Ihrer Tür. Was wollten die Beamten?
Die haben meinen Pass einkassiert. Seitdem muss ich mich zweimal pro Woche bei der Polizei melden. Vor ein paar Wochen habe ich dann auch noch einen Platzverweis für die Allgäuer Festwoche bekommen, die hatten Angst, dass ich ein Attentat begehe. Die Festwoche ist ein Volksfest, so eine Art kleines Oktoberfest. Mit Musik, Frauen und Alkohol. Das widert mich an. Aber ein Attentat? Das hätte ich echt nicht gemacht.

Haben Sie noch Kontakt zu Ihren Freunden in Syrien?
Ja klar, wir haben eine Whats-App-Gruppe, Dawla al-Islamiya, also Islamischer Staat, heißt die. Da sind ungefähr 50 Leute drin. Etwa ein Drittel ist schon in Syrien oder dem Irak, der Rest überlegt, bald nachzukommen.

Worüber unterhalten Sie sich?
Über alles, was zum Islam gehört. Die Leute, die schon angekommen sind, erzählen halt, was so passiert. Wo zum Beispiel eine Bombe eingeschlagen ist, wer gestorben ist.

Unterhalten Sie sich auch darüber, wer als Nächstes nach Syrien geht?

Nein, darüber sprechen wir aus Sicherheitsgründen nicht.

Politiker und Experten rätseln, wie man deutsche Islamisten davon abhalten könnte, nach Syrien zu gehen. Wie könnte man Sie aufhalten?
Das können sie nicht. Das haben die Behörden jetzt auch eingesehen. Meinen Pass jedenfalls habe ich vor ein paar Tagen wieder zurückbekommen. Jetzt werde ich erst mal für ein paar Wochen in den Urlaub fahren.

Wirklich nur in den Urlaub? Oder doch nach Syrien?
Mal schauen.
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Frederik Obermaier, SZ-Redakteur im Ressort Investigative Recherche, hat sich zusammen mit Reportern des WDR-Magazins Monitor auf die Suche nach deutschen IS-Anhängern gemacht. Den Kemptener Dschihadisten Erhan A. traf er zusammen mit Marie Delhaes. Sie recherchiert schon seit Jahren in der deutschen Islamisten-Szene. Um ihre Arbeit nicht zu gefährden, schreibt sie unter Pseudonym.

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