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aus Heft 41/2014 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Soll man älteren Mitmenschen den Sitzplatz anbieten, auch auf die Gefahr hin, dass man ihnen damit unterstellt, alt und gebrechlich zu wirken?

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»Als sich in der vollbesetzten U-Bahn eine etwa 60 Jahre alte Frau in meine Nähe stellte, wollte ich (37 Jahre) aufstehen, um ihr meinen Platz anzubieten. Dann habe ich es doch nicht getan, da ich ihr damit unterstellen würde, dass sie so gebrechlich und alt aussieht, dass man ihr einen Platz anbieten muss. War das richtig?« Andreas G., München



Älteren den Platz zu überlassen ist ein klassisches Gebot der Höflichkeit, aber auch der Moral: Man macht ihn frei für jemanden, von dem man annimmt, dass er oder sie nicht (mehr) gut stehen kann; ein Unterfall des klassischen Hilfegebots. Dagegen haben Sie verstoßen, wenn Sie sitzen geblieben sind.

Allerdings hat das einen Haken, der hier in der Formulierung »von dem man annimmt« liegt. Sie müssen sich über die betreffende Person ein Urteil bilden, sie kategorisieren, typisieren, labeln: jung oder alt, hilfsbedürftig oder nicht. Dieses Urteil kann im Widerspruch zur Persönlichkeit und des Selbstbildes des- oder derjenigen stehen und sie oder ihn deshalb verletzen. Die Soziologin Iva Fidancheva nennt das in ihrem Buch Die verletzende Macht der Höflichkeit eine »Verletzung durch Mislabeling« und führt dazu als Paradebeispiel just Ihr Problem des Aufstehens für Ältere an. Sie weist jedoch auch darauf hin, dass das Kategorisieren anderer trotz aller negativen Aspekte die Interaktion erleichtert, weil man nur »begrenzte Verarbeitungskapazitäten« habe und die Einschätzung im täglichen Leben »überschnell« erfolgen müsse. Mit anderen Worten: Sie kommen im Alltag gar nicht darum herum, andere in Schubladen zu stecken, auch auf die Gefahr hin, ihnen dabei Unrecht zu tun.

Was bedeutet das für Sie? Dass Sie sich überhaupt diese Gedanken machen, zeichnet Sie schon einmal aus. Sie respektieren die Dame in mehrfacher Hinsicht: als ältere Mitbürgerin, als Person, der, wenn nötig, Hilfe zusteht, aber auch als individuellen und verletzlichen Menschen. Wenn Sie dies alles beachten und abwägen, können Sie sich am Ende immer noch irren, etwa weil die Dame hilfsbedürftiger oder aber verletzlicher ist als gedacht. Jedoch wäre ein derartiger Irrtum zwar bedauerlich, aber nicht vorwerfbar.

Literatur:
Iva Fidancheva, Die verletzende Macht der Höflichkeit, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2013, S. 180ff.

Ein Klassiker in diesem Zusammenhang ist: Erving Goffman, Interaktionsrituale, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1986


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