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aus Heft 42/2014 Wirtschaft/Finanzen

Absturz

Lars Reichardt und Lorenz Wagner  Foto: Tim Barber

Die Deutschen trinken immer weniger Bier, der Bierpreis hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren halbiert, den Brauereien geht es schlecht. Was ist bloß los mit uns und unserem Lieblingsgetränk?

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Immer mehr Biertrinkern ist egal, welche Marke sie kaufen - Hauptsache, billig.


Und dann kam er tatsächlich, der Tag, als es vorbei war. Am 1. Juli hatte jeder seinen Schlüssel abgegeben, auch die wenigen, die bis zum Ende da waren. Die Frau am Empfang, die kaum mehr Anrufe entgegennahm, der Lagerarbeiter, der keine Lastwagen mehr belud, der Maschinist, der keinen Sud mehr kochte, und natürlich Ralf Treske, der, auch als er schon freigestellt war, ab und an in die Grüner Talstraße fuhr, zu seiner Iserlohner Brauerei. Nur schwer konnte er glauben, noch schwerer ertragen, was dort nun alles verschwunden war: die Stimmen der Arbeiter im Hof, das wilde Rasseln der Maschinen, das Leuchten der Schrift auf dem Fabrikturm. Zählten sie nicht zu den 50 größten Brauereien des Landes? Wurde ihr Bier nicht erst vor wenigen Jahren ausgezeichnet? Sie waren doch ein Stück Sauerland.

33 Jahre lang, an rund 7000 Tagen, war Ralf Treske durch das große Eingangstor zu seiner Arbeit gegangen. Er hatte Gabelstapler gefahren und das Lager geführt, hatte Schichten eingeteilt und war zum Betriebsratschef aufgestiegen. »Das ist meine Brauerei. Wir Iserlohner! Ich habe einen Enkel. Der ist elf. Das Erste, was er sagen konnte, war: Opa-Bier. So war das. Ich habe da auf jede Schraube aufgepasst. Habe das verteidigt, immer die Fahne hochgehalten.«

Zum Schluss aber gab er auf. Kaum mehr ging er abends raus. Er konnte die Sprüche nicht mehr ertragen, im »Eck«, seiner Stammkneipe: »Hey, Treske! Wie schmeckt eure Plörre wieder? Hat da jemand in den Tank gepisst?« Er schämte sich, er, im Ort das Gesicht der Brauerei, mehr als die vielen Chefs, die kamen und gingen, diese Manager, die, wie Treske sagt, noch mit der Trommel um den Weihnachtsbaum liefen, als er schon Bier braute.

Diese Chefs sahen im Billigbier die Zukunft. Und sie sind in eine Falle geraten, die Billigfalle.

Bier ist in Deutschland zur Ramschware verkommen. Drei von vier Kästen werden über Aktionen verkauft, als »einmalige Gelegenheit« oder »Dauer-Super-Niedrigpreis«: 7,77 Euro der Kasten, 24 Cent die Halbliterdose. Bereinigt um Inflation und Mehrwertsteuer haben sich die Preise in nur zwei Jahrzehnten halbiert. Das ist der erste Teil der Geschichte. Der zweite ist noch bitterer für die Brauer. Jeder Vierte, der früher Bier kaufte, kauft heute was anderes. Die Deutschen haben ihre Liebe zum Bier verloren.

Es war doch mal ihr Getränk, war den Deutschen das, was den Franzosen der Wein ist: ein Kulturgut. Wir sind die Erfinder des Reinheitsgebots. Unsere Vielfalt ist weltbekannt: Pils und Helles, Alt und Kölsch, Zwickel und Weizen. Und vor nicht langer Zeit hatte in diesem Land fast jeder Biertrinker seine Lieblingsmarke. Nie hätte ein Jeveraner ein Becks angerührt, ein Augustiner-Trinker ein Hofbräu. Auch diese Treue ist vorbei. Wie kann das sein?

Einer der Menschen, die dieses Sterben vorhergesagt haben, sitzt im tiefen Allgäu, in Meckatz, einem Ort, der eigentlich nur aus einer Straße besteht, aus seiner Brauerei, seiner Gaststätte und seiner Villa: Michael Weiß, Ende fünfzig, groß, hager, mit grünem Samtjanker und schwarzer Tuchhose. Er ist Chef von »Meckatzer Löwenbräu«, Träger des Bundesverdienstkreuzes, und viele Jahre war er Präsident des Bayerischen Brauerbundes, wo er sich recht unbeliebt gemacht hat mit seinem Kampf gegen die Bierverramschung, mit Sprüchen wie »Wer darüber schweigt, macht sich schuldig«. Wieder und wieder ist Weiß zu Messen und Brauertreffen gefahren, hat Vorträge gehalten und Billigbiermagnaten wie Günther Kollmar, den Gründer der Oettinger-Brauerei, mit Fragen genervt.

Weiß eilt zum Regal in seinem hellen, aufgeräumten Büro, zwei Leitz-Ordner lagert er dort, noch mal untergliedert in Klarsicht-Kladden, Beweise aus zwei Jahrzehnten der Bierverelendung: billige Prospektbilder von Netto, Rewe, Lidl, Aldi, Norma, Edeka. Angebote und Rabatte, fein ausgeschnitten, aufgeklebt und mit Bleistift-Notizen versehen. »Ein Wahnsinn!«, steht daneben. Oder: »Wie lange die das durchhalten?« Oder: »Mir wird fast schlecht, wenn ich diese Preise sehe. Wo soll dieses Downtrading enden?« Und der Preissturz ist in der Tat nicht zu begreifen. Es steigen ja zugleich die Kosten fast aller Rohstoffe und Produktionsfaktoren: Hopfen und Malz, Strom und Diesel, Maschinen und Mitarbeiter.
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Begonnen hat diese Geschichte mit einem 25-Cent-Bier, das Lars Reichardt und Lorenz Wagner recht ungläubig mit in die Redaktion brachten. Feierlich abgeschlossen wurde sie mit dem Öffnen der Dose. Erblindet ist während der Ramsch-Recherche keiner. Im Gegenteil, die beiden Redakteure sehen nun klarer.

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