bedeckt München 20°
Anzeige
Anzeige

Neue Fotografie 23. Oktober 2014

Kassenflop

Fabian Geißler (Interview)  Fotos: Ben Kuhlmann

Videotheken waren einst die Rettung des Samstagabends und eine Bedrohung der Kinokultur. Doch dann kam das Internet – und der Weg in die Videothek erscheint immer mehr Deutschen als überflüssig. Der Fotograf Ben Kuhlmann dokumentiert den Niedergang.




Anzeige
Name:
Ben Kuhlmann
Geboren: Biberach, Deutschland
Ausbildung: BA Kommunikationsdesign 
Webseite:
www.ben-kuhlmann.de

SZ-Magazin: Herr Kuhlmann, ich war seit Jahren nicht mehr in einer Videothek. Wer nutzt Videotheken heutzutage überhaupt noch?
Ben Kuhlmann:
Meistens war ich beim Fotografieren alleine. Die wenigen Besucher die ich gesehen habe, waren entweder Nostalgiker oder Menschen, die mit dem Internet noch nicht vertraut sind. Und natürlich die Kunden der Schmuddelecke, die jedoch nicht Filme ausleihen, sondern kaufen. 
   
Was fasziniert Sie so an Videotheken?
Der Charme des Verfallenden und das leicht Verruchte. Sie haben häufig den gleichen Aufbau, etwa den obligatorischen Industrieteppichboden - und doch steckt sehr viel Liebe im Detail. Es gibt handgeschriebene Ausleihkärtchen, Plastikblumen, die den Laden aufwerten sollen, und Sitzmöglichkeiten, wobei sich die Frage stellt, wer sich in Videotheken ausruht.
 
Was ist Ihre schönste Erinnerung an einen Videothekenbesuch?
Als Jugendlicher habe ich mir die Kundenkarte meiner Eltern genommen, um bei einem Date mit einem Mädchen DVD gucken zu können. Somit begann die Verabredung bereits mit der Filmauswahl, mit dem ewigen Stöbern durch die Videothek und dem Grübeln, welcher Film ihr besonders gut gefallen könnte. Der Gang durch die Regale steht in keinem Vergleich zu der heutigen schnellen Suche im Internet.
 
Welchen Film haben Sie sich am häufigsten ausgeliehen?
Ich habe keinen Klassiker. Jedoch ist mir ein Film besonders in Erinnerung geblieben: Bang Boom Bang. Ein sehr skurriler Film, in dem zufälligerweise auch eine Videothek, beziehungsweise eine Porno-Videokassette eine Rolle spielt, da einer der Hauptcharaktere darauf seine Frau erkennt und daraufhin völlig durchdreht.
 
Ihre Bilder von verlassenen Videotheken stehen symbolisch für die technologische Entwicklung. Welche Ladengattung stirbt ihrer Meinung nach als nächstes aus?
Wenn ich mir das Stadtbild so ansehe, denke ich, dass als nächstes Bücherläden und Reisebüros verschwinden. Das Internet bietet hier einfach eine zu starke Alternative und macht diese Läden weitgehend überflüssig.
   

---
Seine Bilder der untergehenden Videotheken möchte Ben Kuhlmann in einem Fotoalbum veröffentlichen. Mehr zu seinem Crowdfunding-Projekt erfahren sie hier.


Anzeige

  • Neue Fotografie

    »Ich habe gemerkt, wie sehr ich mit dem Begriff ›deutsch sein‹ ringe«

    Manche Ideen waren schon früher nicht gut. Etwa die eines deutschen Ehepaars, das vor 130 Jahren das Dorf Nueva Germania in Paraguay gründete, um das deutsche Blut vor fremden Einflüssen zu schützen. Der Plan ging nicht auf, aber das Dorf gibt es noch. Die Fotografin Constanze Flamme zeigt, was daraus geworden ist.

    Interview: Florian Zinnecker
  • Anzeige
    Neue Fotografie

    Autofokus

    Oldtimer sind das Markenzeichen Kubas. Auch der Fotograf Florian Rainer fotografierte die historischen Autos - im Mittelpunkt seiner Bilder steht jedoch etwas ganz anderes.

    Interview: Klara Weidemann
  • Neue Fotografie

    Ein Freilichtmuseum des Kommunismus

    Transnistrien ist ein Land, das es eigentlich gar nicht gibt. Am Rande von Europa gelegen, befindet es sich seit über zwei Jahrzehnten im politischen Schwebezustand. Die Fotografin Julia Autz verbrachte zwei Monate in dem bettelarmen Land.

    Interview: Klara Weidemann