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aus Heft 44/2014 Politik

»Ich wollte nie Vorbild sein«

Von Lara Fritzsche  Fotos: Wolfgang Stahr

Kristina Schröder gab ihr Ministeramt auf, um mehr Zeit für ihre Tochter zu haben. Nun hat sie ihr zweites Kind bekommen - sitzt aber schon wieder im Bundestag. Ein Gespräch mit einer Frau, die viel Widerspruch aushalten muss.


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SZ-Magazin Sie haben Ihr Amt als deutsche Familienministerin aufgegeben, weil sich Beruf und Familie in Deutschland nicht vereinbaren lassen. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Kristina Schröder Mir war völlig klar, dass das für Diskussionen sorgen wird. Und ich hatte in dem Jahr davor durchaus manchmal überlegt, ob ich einen anderen Grund anführe. Irgendwas Politisches, das finden dann immer alle sehr ehrenwert. Aber dann hab ich mir gedacht: Nein. Was mich bewogen hat, passt zu meiner Familienpolitik. Ich habe immer gesagt, ich stelle die Wahlfreiheit ins Zentrum. Es gibt nicht den einen Königsweg, sondern jeder muss ohne Rechtfertigungsdruck seine eigenen Prioritäten setzen dürfen. Und ich setze jetzt meine.

Trotzdem wollten Sie es als individuelle Entscheidung verstanden wissen. Sie hätten es auch als Signal nutzen können: Es gibt ja unheimlich viele Eltern, vor allem Frauen, die Kind und Karriere nicht befriedigend miteinander vereinbaren können.
Ich wollte nie ein Vorbild dafür sein, wie Eltern von kleinen Kindern ihr Leben zu organisieren haben. Schon als Ministerin nicht, und mit meiner Entscheidung, dies nicht mehr zu sein, ebenso wenig. Aus meiner bisherigen Biografie kann man die Aussage ableiten, dass es objektiv möglich ist, Kinder und Karriere zu verbinden. Ich habe es ja selbst zwei Jahre lang durchgezogen. Aber die Frage ist doch, ob man es zu den Bedingungen will, unter denen es möglich ist. Hier geht es wirklich darum, was einem fundamental im Leben wichtig ist. Und das kann nur jeder Mensch für sich selbst entscheiden.

Man ist immer so frei, eins von beiden aufzugeben: Kinder oder Karriere. Aber das ist doch keine Wahlfreiheit. Was ist, wenn man beides will?
Man kann beides miteinander verbinden, aber man kann nie in beiden Bereichen hundert Prozent geben. Keine Betreuungseinrichtung der Welt kann etwas daran ändern, dass ich eine Stunde, die ich am Schreibtisch sitze, nicht mit meinem Kind auf dem Spielplatz sein kann. Ein Job frisst Zeit, und die Zeit fehlt Ihnen mit Ihrem Kind - das gilt übrigens für Frauen und Männer gleichermaßen. An dem Dilemma kommt man nicht vorbei, deshalb muss jeder Mensch seine eigenen Prioritäten im Leben setzen Der Staat kann hier nur die Rahmenbedingungen verbessern.

Wäre das nicht Ihre Aufgabe gewesen als Familienministerin?
Ich habe den Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz für alle Kinder ab dem ersten Geburtstag verwirklicht. Und ich habe einen Schwerpunkt beim Thema Arbeitszeit gesetzt - weg von den Präsenzritualen, mehr Teilzeitarbeit, auf die es in Deutschland auch einen Rechtsanspruch gibt.

Wer Teilzeit arbeitet, kommt für verantwortungsvolle Aufgaben und gute Posten oft nicht mehr in Frage.
Aber dagegen hilft kein Gesetz. Sie können allerhand erlassen, aber ändern kann sich nur was, wenn die Kultur sich ändert, in den Firmen. Wenn das gelebt wird, im besten Fall auch von den Männern. Wenn endlich auch der Chef offen sagt: »Es tut mir leid, Donnerstagabend kann ich nicht, da geh ich zum Laternenumzug«, dann haben wir viel geschafft.

Also hat Sigmar Gabriel mehr bewirkt als Sie mit Ihrer Politik? Er hat öffentlich erklärt, dass er mittwochmittags nicht kann, weil er da seine Tochter von der Kita abholt.
Ich finde das gut, dass er das macht. In manchen Zeitungen wurde er dann sofort zum Teilzeitminister erklärt. Da habe ich mich geärgert.

Frau Schwesig und Frau von der Leyen haben auch angekündigt, viel von zu Hause aus zu arbeiten. Ging das zu Ihrer Amtszeit nicht?
Klar, das geht mal. Aber in so einem Amt passiert wahnsinnig viel Unvorhergesehenes. Sie müssen immer verfügbar sein. Ich erinnere mich an eine Situation: Meine Tochter Lotte war anderthalb Jahre alt, und wir haben die Eingewöhnung in die Kita gemacht. Ich hatte mir dafür extra die Fastnachtswoche freigehalten. Und dann kam am Tag vorher ein Spiegel- Titel raus: »Die deutsche Familienpolitik ist gescheitert« oder so ähnlich. Also stand ich die ganze Zeit in der Kita im Flur mit dem Handy am Ohr und hing in Telefonkonferenzen fest. Als ich abends zur Ruhe kam, war ich einfach nur traurig, weil ich mir dachte, dieser Tag kommt so nicht noch einmal, und ich hätte sehr gerne so viel mehr davon mitbekommen.

Wann ist Ihnen klar geworden, dass Sie lieber mehr Zeit mit Ihrem Kind hätten?
Mir war von Anfang an klar, wie verdammt hart das wird. Und ich wusste, dass ich nicht meine gesamte Familienphase so verbringen möchte. Als Angela Merkel mich 2009 fragte, ob ich Familienministerin werden will, war meine erste Reaktion: »Ich will jetzt Kinder bekommen. Wie soll das gehen?« Es war dann sogar leichter als gedacht, weil Lotte so ein Einsteigermodell ist: unkompliziert und fröhlich.

Und was hat Angela Merkel gesagt?
Lass es uns doch probieren, das kann funktionieren. Meine Rückendeckung hast du, auch wenn mal was nicht geht.

Würden Sie das anderen Frauen auch raten? Beim Jobgespräch sagen, dass sie jetzt als Nächstes Kinder planen?
Nein, das würde ich nicht. Als Arbeitgeber muss man das grundsätzlich bei jeder jungen Frau und bei jedem jungen Mann als normal voraussetzen. Bei einem Ministerjob ist das eine andere Sache, finde ich.

Wie häufig oder selten haben Sie Ihre Tochter denn gesehen?
Ich habe rabiat um jedes freie Wochenende, jeden freien Abend gekämpft. Und wenn Abendtermine, dann nur von 18 bis 19 Uhr. Aber dennoch gab es Tage, an denen ich morgens aus dem Haus ging, und sie hat noch geschlafen, und abends heimkam, und sie hat schon geschlafen. Und diese Tage haben mich - obwohl es nicht so viele waren - schon lange vorher traurig gemacht.

Wer hat Ihre Tochter tagsüber betreut? Ihr Mann Ole Schröder ist parlamentarischer Staatssekretär im Bundesinnenministerium und auch voll berufstätig.
Vor allem meine Eltern. Die sind eigentlich Wiesbadener, leben aber in jeder Sitzungswoche des Bundestages - also etwa jeder zweiten Woche - hier bei uns in Berlin. Seit Lottes Geburt 2011, im Grunde bis heute.

Haben Sie die vor der Zeugung gefragt, ob Sie sie so einspannen können?
Ich wusste immer, dass meine Eltern das machen würden, wenn sie im Ruhestand sind und Zeit haben. Inzwischen sind beide Anfang siebzig. Aber sie gehören zu diesen fitten Älteren, die noch alles tun und machen, was sie wollen.

Haben Sie ihnen beigebracht, wie sie mit dem Handy Fotos von der Enkelin machen und Ihnen ins Büro senden?

Ja, ganz wichtig. Ich wollte permanent Bilder von der Kleinen haben.

Hatten Sie Angst, dass Ihr Kind zuerst »Oma« oder »Opa« sagt statt »Mama«?
Nein. Mein Mann und ich waren immer die ersten Bezugspersonen.

Ihre Tochter wurde ab der zehnten Woche fremdbetreut, und das hat super geklappt. Hat diese Erfahrung Ihre Vorstellung von der Mutterschaft verändert? Bei einem Dreigenerationenhaushalt würde ich nicht von Fremdbetreuung sprechen. Auf jeden Fall hat es meiner Tochter nicht geschadet. Sie ist ein sehr aufgeschlossenes Kind, was sicher gerade daran liegt, dass sie von Beginn an sechs Bezugspersonen hatte, Eltern und alle Großeltern. Bei dem Verzicht auf das Ministeramt ging es im Grunde viel mehr um mich als um meine Tochter. Die Frage ist doch, ob ich als Mutter so dauerhaft leben will. Und die Antwort darauf ist im Grunde gleich geblieben: Ich habe vorher geahnt, dass es verdammt hart wird, und jetzt weiß ich, dass es verdammt hart ist.

Dann kriegen Ihre Eltern ja Betreuungsgeld.
Für Lotte nicht, die ist vor dem Stichtag geboren, aber sollte sich für Mathilde der Umstand ergeben, werde ich es mit Freude beantragen.

Mathilde ist Ihre zweite Tochter. Sie ist jetzt viereinhalb Monate alt, und Sie sind seit Anfang September schon wieder im Büro - wenn auch nur als Abgeordnete. Ist das jetzt die Familienzeit, die Sie wollten?
Es ist, wie es ist. Abgeordnete können keine Elternzeit nehmen. Abgeordnete zu sein ist aber deutlich weniger beanspruchend als die absolute Führungsverantwortung als Ministerin. Ich kann viele Termine selber sortieren, kann Büroarbeit von zu Hause erledigen, stehe medial nicht mehr so im Fokus. Aber ganz ehrlich: Klar hätte ich gerne wie die allermeisten ein Jahr richtige Elternzeit. Ein Jahr fände ich perfekt für mich.

Ändert sich was im politischen Berlin, wenn man nicht mehr so wichtig ist?
Ja klar, es machen nicht mehr alle so einen Bohei um einen. Ich persönlich finde es aber so, wie es jetzt ist, sehr viel angenehmer und entspannter.
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