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aus Heft 44/2014 Wissen

Die Reisfrage

Rainer Stadler  Illustartion: Alex Robbins

Ein deutscher Biologe hat eine Reissorte entwickelt, die Millionen Menschen das Leben retten könnte. Doch Umweltschützer protestieren gegen den Anbau: Der Reis ist gentechnisch verändert und damit in ihren Augen eine Gefahr. Alles eine Frage der Prinzipien?



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Nicht einmal die Päpste sind sich einig, was sie von Ingo Potrykus und seiner Erfindung halten sollen: Johannes Paul II. war sofort auf seiner Seite, Benedikt XVI. blieb skeptisch, Franziskus gab ihm seinen Segen. Potrykus, pensionierter Biologe, 81 Jahre alt, sagt, der kleine Plastikbeutel Reis, den er Franziskus voriges Jahr bei seinem Besuch in Rom in die Hand drückte, könne ein weltweites Problem lösen. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO leiden 250 Millionen Kleinkinder in Asien und Afrika an Vitamin-A-Mangel, Hunderttausende von ihnen erblinden oder sterben sogar daran. Potrykus hat mit einigen Forschern einen Reis gezüchtet, der Provitamin A enthält, das der menschliche Körper in das lebenswichtige Vitamin A umwandeln kann. Eine Handvoll davon soll genug sein, um den Tagesbedarf zu decken. Der Reis trägt wegen seiner Färbung den schönen Namen »Goldener Reis«. Aber er hat auch einen Makel – er ist gentechnisch hergestellt.

Für die Mehrheit der Deutschen heißt das: Ende der Diskussion. Eine große Koalition aus Bauern und großstädtischen Umweltschützern, aus CSU und Grünen, lehnt gentechnisch veränderte Lebensmittel kategorisch ab, so wie offenbar auch der frühere deutsche Papst Benedikt, der im Vatikan organische Tomaten und Kartoffeln anbauen ließ. Ob Frankreich, Italien, Österreich oder Griechenland – quer durch Europa haben sich ganze Landstriche zur gentechnikfreien Zone erklärt. Auf diesem Nährboden tut sich eine Umweltorganisation wie Greenpeace leicht, Potrykus daran zu hindern, seinen Reis an arme Länder zu verteilen. Doch je länger der Öko-Protest dauert – inzwischen sind es 15 Jahre –, desto mehr müssen sich die Umweltschützer fragen lassen: Ist es moralisch gerechtfertigt, Krankheit und Tod von Hunderttausenden Menschen in Kauf zu nehmen, um einen wie auch immer begründeten ideologischen Standpunkt zu verteidigen?

Ingo Potrykus hat Hunger erlebt. Sein Vater fiel kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, der Rest der Familie floh aus Schlesien. Als die Mutter mit ihren vier Kindern in Staffelstein bei Bamberg ankam, war ihr außer drei Koffern nichts geblieben, und die Bauern in der neuen Heimat gaben der Familie nichts zu essen. Die Erfahrung sollte Potrykus ein Leben lang prägen.

Er studierte Sport und Biologie, arbeitete zehn Jahre lang als Lehrer in Köln, promovierte am Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung und erhielt 1986 eine Professur an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Ihn faszinierte vor allem eine Eigenschaft von Pflanzen: die Totipotenz. Aus jeder lebenden Pflanzenzelle kann im Prinzip wieder eine neue Pflanze entstehen. Wenn es gelänge, diese Zelle gezielt zu verändern, ließe sich eine Pflanze mit erwünschten Eigenschaften züchten. Ethische Bedenken, das Erbgut der Pflanze zu verändern, quälen Potrykus nicht: Der Mensch betreibe schon seit 6000 Jahren Pflanzenzüchtung, habe verschiedene Arten gekreuzt und neue geschaffen, argumentiert er. Weizen zum Beispiel: »Früher ein hübsches Wildgras. Aber es hatte kleine Körner, und bei der Ernte zerfielen die Ähren in kleine Stücke. Erst durch Züchtung wurden die Ähren fester, die Körner größer.« Nur einen Unterschied sieht er zwischen konventioneller Züchtung und Gentechnik: Der Eingriff in die Pflanze erfolgt nun gezielt, die Forscher überlassen das Ergebnis nicht länger dem Zufall.

Zu Beginn versuchte Potrykus, wie viele seiner Kollegen, Pflanzen so zu verändern, dass sie Krankheiten und Schädlingen besser widerstehen und bei der Ernte mehr Ertrag abwerfen. Bald erkannte er, dass unser Körper im Kampf gegen den Hunger nicht nur Energie braucht. Der Mangel an Mikronährstoffen wie Mineralien oder Vitaminen kann ebenso zum Hunger führen, einem Hunger, den Menschen zunächst nicht spüren. Experten sprechen vom »versteckten Hunger«.

So entstand die Idee, Nahrungsmittel mit zusätzlichen Mikronährstoffen anzureichern. Potrykus wählte den Reis, weil Reis ein weltweit verbreitetes Nahrungsmittel ist und in vielen armen Ländern das wichtigste. 1992 kamen auf Einladung der Rockefeller-Stiftung dreißig Wissenschaftler aus aller Welt zusammen, um über Potrykus Vorhaben zu diskutieren. Das Fazit: höchst sinnvoll, aber nicht machbar. »Wir wussten: Um unser Ziel zu erreichen, müssen wir acht Gene isolieren und neu in den Reis einbauen, die auch noch entsprechend zusammenarbeiten. Dabei war man Anfang der Neunziger schon froh, wenn es gelang, ein einzelnes Gen einzupflanzen.«

Potrykus schob die Bedenken beiseite und stürzte sich mit einer Handvoll Kollegen in eine schier unendliche Reihe von Versuchen, die kleine Fortschritte brachten und große Rückschläge. An einem Abend im Februar 1999 bekam Potrykus vom Freiburger Zellbiologen Peter Beyer, seinem bis heute wichtigsten Verbündeten bei diesem Projekt, einen Anruf: Er solle den Computer hochfahren, in seiner Mail sei ein Bild, das ihm gefallen werde. In einer Reisprobe hatte Beyer orangefarbene Körner entdeckt – offensichtlich war es gelungen, das Provitamin A einzuschleusen. Die wissenschaftliche Sensation sprach sich schnell herum, Potrykus konnte sich vor Interviewanfragen kaum retten und fand sich auf der Titelseite des US-Magazins Time wieder. Doch bald folgte die Ernüchterung.

Als Ingo Potrykus Mitte der Achtzigerjahre an die Hochschule in Zürich wechselte, ließ er sich eine Autostunde westlich in der kleinen Stadt Magden nieder. Er wohnt dort bis heute in einer Terrassensiedlung. »Ursprünglich waren die Häuser für die Mitarbeiter eines Atomkraftwerks ganz in der Nähe gedacht«, sagt er. Aber Atomkraftgegnern gelang es, das Projekt zu stoppen. »Die strotzten nach ihrem Sieg vor Selbstbewusstsein und fragten sofort: Was nun?« Ein neues Ziel für ihre Angriffe, meint Portykus, war schnell gefunden: die Gentechnik. Die Manipulation von Zellkernen sei nicht minder verwerflich als die von Atomkernen – diese Botschaft verfing sofort bei den Sympathisanten der Umweltbewegung. Ingo Potrykus schlug offener Hass auf seine Forschungen entgegen, die ETH Zürich sah sich sogar gezwungen, sein Gewächshaus mit acht Zentimeter dickem, handgranatensicherem Glas zu schützen. Doch Potrykus hielt am Goldenen Reis fest.
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Rainer Stadler empfiehlt das leider nur auf Englisch erschienene Buch Tomorrow’s Table. Es geht der Frage nach, wie sich eine Welt ernähren ließe, auf der neun oder zehn Milliarden Menschen leben, und welche Rolle die Technik dabei spielen würde.

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