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aus Heft 44/2014 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Darf man die Formel 1 im Fernsehen verfolgen, nur um möglichste spektakuläre Unfälle zu sehen?

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»Ich sehe mir gerne Formel 1 im Fernsehen an, nur aus einem Grund: Ich möchte möglichst spektakuläre Unfälle sehen. Da die Fahrzeuge mittlerweile sehr sicher konstruiert sind, den Fahrern das Risiko bekannt sein dürfte und Rennunfälle wohl insgesamt einfach zu dem ›Spektakel‹ gehören, hält sich mein schlechtes Gewissen in Grenzen. Was meinen Sie?« Artur N., Hannover



Ihre Frage erreichte mich vor dem schweren Unfall des Franzosen Jules
Bianchi Anfang Oktober 2014 im japanischen Suzuka. Ist sie dadurch umso aktueller geworden oder hat sie sich erledigt? Schließlich hat dieses Unglück, ziemlich genau zwanzig Jahre nach dem letzten tödlichen Unfall, dem des Brasilianers Ayrton Senna in Imola, eine Diskussion um die Sicherheitsvorkehrungen in der Formel 1 ausgelöst, und Ihre Annahme, dass die Fahrzeuge ausreichend sicher konstruiert seien, dürfte widerlegt sein.

Ich sehe das Problem tiefer liegend und prinzipiell, weshalb es sich meines Erachtens auch nie erledigen wird. Zum Wesen eines Unfalls gehört neben dem Schaden für Personen oder Sachen auch, dass er ungewollt und unvorhersehbar ist. Das ist es, was ihn vom sons-tigen Verlauf des Lebens oder hier einer Veranstaltung abhebt. Was man positiv und negativ sehen kann. Positiv, so wie Sie offenbar, weil der Unfall sich im Sinne von »Das Leben schreibt die besten Geschichten« einer Regie entzieht, authentisch ist und es nicht langweilig wird. Negativ, weil dadurch der Verlauf nicht absehbar und beherrschbar ist und deshalb trotz aller Sicherheitsvorkehrungen immer ein Risiko für die Beteiligten enthält. Das mag auch zur Spannung beitragen und den Reiz steigern. Nur basiert diese Reizsteigerung dann eben denknotwendig auf der Gefährdung und dem potenziellen Unglück anderer. Und ich bezweifle, dass sich diese beiden Aspekte je trennen lassen, wenn sie nicht sogar nur zwei Seiten derselben Medaille sind.

Bei Sachschäden finde ich das schon ein wenig eigenartig: auf einen Schaden zu hoffen und sich daran zu erfreuen; selbst wenn er einkalkuliert ist im wörtlichen Sinne. Wenn aber, wie hier, Gefahr für Menschen niemals ganz ausgeschlossen werden kann, halte ich es für falsch, sich an Unfällen zu erbauen.

Literatur:

Hier spielt die Ethik des Risikos mit hinein, lesenswert dazu:

Julian Nida-Rümelin, Benjamin Rath, Johann Schulenberg, Risikoethik, De Gruyter Verlag, Berlin 2012

Julian Nida-Rümelin, Ethik des Risikos, in: Julian Nida-Rümelin (Hrsg.) Angewandte Ethik. Die Bereichsethiken und ihre theoretische Fundierung. Ein Handbuch, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1996, S. 806-830

Hansson, Sven Ove, "Risk", The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Spring 2014 Edition), Edward N. Zalta (ed.)
Online abrufbar unter: Link 

Niels Gottschalk-Mazouz, Risiko, in: Marcus Düwell, Christoph Hübenthal, Micha H. Werner (Hrsg.), Handbuch Ethik, Verlag J.B. Metzler, Stuttgart 2002, S. 486-491


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