bedeckt München 28°
Anzeige
Anzeige

aus Heft 45/2014 Sport

Der Angstgegner

Ronald Reng  Foto: Christian Burkert

Vor fünf Jahren nahm sich der Fußball-Nationaltorwart Robert Enke das Leben. Er litt unter Depressionen. Was hat sich im Leistungssport seitdem geändert? Viel zu wenig, sagt Enkes damaliger Psychiater Valentin Markser.

Anzeige
Als Robert Enke 2003 eine sportlich schwierige Zeit erlebte, begab er sich in die Behandlung des Psychologen Valentin Markser. Von Suizidgedanken hat sich Enke laut Markser stets distanziert. Doch am 10. November 2009 nahm Enke sich das Leben.


Es ist sein Beruf zuzuhören, deshalb fällt es ihm so schwer, von sich selbst zu erzählen. Doktor Markser, der mit seinem Blick andere beruhigen kann, wendet bei der Frage nach den eigenen Gefühlen die Augen abrupt zur Seite und läuft sanft rot an. Er sitzt beim Nachmittagskaffee im »Grubers« in Köln, Clever Straße. Das Restaurant ist sein persönlicher Entspannungsraum zwischen den Sitzungen, seine psychiatrische Praxis liegt auf der anderen Seite der Restaurantwand. Sein dunkles Cordhemd hängt leger aus der Hose, er hat, mit 62, etwas Junges an sich. Als er schließlich beginnt, über sich zu sprechen, verwendet er nicht das Wort »ich«, sondern sagt »du«.

»Als Arzt und Psychiater bist du unausweichlich mit dem Tod konfrontiert. Und trotzdem ist es jedes Mal eine Erschütterung, wenn du einen Patienten nach langem gemeinsamen Kampf durch Suizid verlierst.« In der zweiten Person lässt es sich leichter darüber reden. Mit dem »du« bleibt ein Puffer zu den eigenen Gefühlen.

Vor fünf Jahren, am Abend des 10. November 2009, hatte Valentin Markser, Psychiater, Psychotherapeut und Psychoanalytiker in Köln, keine Chance, Distanz aufzubauen. Teresa Enke überbrachte ihm am Telefon die Nachricht, ihr Mann und Marksers Patient, der von Depressionen heimgesuchte Fußball-Nationaltorwart Robert Enke, habe sich selbst getötet. Valentin Markser, mit dem weichen kroatischen Akzent seiner Mutter und der gewählten Sprache, hielt das Handy ans Ohr und konnte nur ein Wort sagen. »Scheiße.«

Am nächsten Morgen saß er im Zug zu Teresa Enke nach Hannover. Sie sagte ihm, sie wolle öffentlich von Roberts Krankheit berichten, das Verschweigen müsse ein Ende haben, und sie wolle ihn dabei haben. Valentin Markser, schwarzer Rollkragenpullover, der Blick gesenkt, saß plötzlich vor den Massenmedien auf einem Podium, nichts hatte ihn darauf vorbereitet, er hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, ob er das eigentlich machen wollte, machen sollte – in einem Augenblick extremer persönlicher Trauer, er hatte den Patienten Robert Enke wirklich gemocht.

Sein Auftritt neben Teresa Enke bei der Pressekonferenz am Tag nach dem Tod des Nationaltorwarts war der wichtigste Moment im öffentlichen Kampf gegen Depressionen in Deutschland. Mit seinen fachlichen Ausführungen half Markser mit, dass Robert Enkes Tod vom ersten Tag an nicht nur als menschliche Tragödie verstanden wurde, sondern auch als Anlass, seriös über die Krankheit aufzuklären – und sie vor allem nicht mehr zu verstecken. »Roberts Tod war in gewisser Weise auch ein Anfang«, sagt Markser. Seitdem kann offener über seelische Ängste gesprochen werden, sogar von Leistungssportlern, die doch immer stark, unverwundbar scheinen sollen.

Markser jedoch fragte sich nun: Er sollte für seine Patienten und die Gesellschaft der souveräne Aufklärer und Helfer sein – doch wer hilft eigentlich dem Psychiater? Leute wollten von ihm behandelt werden, weil er Robert Enke behandelt hatte – wie sollte er mit dieser, welch schreckliches Wort, neuen Nachfrage umgehen? Durfte, konnte, musste er unterteilen in echte Patienten und solche, die nur einen Prominentenarzt suchten? Die Gedanken, die nach dem Tod eines nahen Menschen im Kopf kreisen, mündeten stets in der einen großen Frage: Wie arbeitest, wie lebst du jetzt weiter?

Wir trafen uns das erste Mal Wochen nach Robert Enkes Tod. Es war ein ungewöhnliches Gespräch. Es schien unmöglich, über Robert zu sprechen, also stellte ich allgemeine Fragen zur Depression, und Markser antwortete allgemein, so redeten wir über Robert, ohne über ihn zu reden. Manchmal atmete Markser gewaltsam aus, als wolle er etwas herausstoßen, aber es ging ja nicht. Er konnte über die Psyche des Menschen kluge Analysen verfassen, aber das schützte ihn nicht davor, dass ihn wie jeden aus Enkes Umfeld die menschliche Frage quälte: Hast du alles Mögliche getan?

Der Psychiater ging zu einer Psychiaterin. »Eine ältere Kollegin, eine Psychoanalytikerin, mit der ich in belastenden Situationen regelmäßig Gespräche führe, hat mir geholfen, den Bezug zur Realität wiederzufinden, zu erkennen, welche Selbstkritik nimmst du an, welche Selbstgeißelung kannst du abschütteln.« Vor der Öffentlichkeit zog sich Markser trotz unzähliger Interviewanfragen zurück. Von Zeit zu Zeit sprachen wir privat, weil wir beide Robert Enke nahegestanden hatten, und in diesen Gesprächen ließ sich erkennen, wie er langsam eine Antwort fand: Wie lebst du weiter? Fünf Jahre später hat Valentin Markser den Kampf für die Enttabuisierung von psychischen Krankheiten und speziell für die Etablierung von Sportpsychiatern als Aufgabe angenommen, die ihm Robert Enke hinterließ.

»Ich habe, wie alle anderen Psychiater, im Geheimen gearbeitet, ich habe mit dem Sportler eine Allianz gebildet, um im Verborgenen zu bleiben«, sagt er, und für den einzelnen Patienten müsse es diese Abgeschiedenheit auch weiter geben, das erfordere die Behandlung psychischer Störungen. »Aber wir dürfen uns deswegen nicht weiter verstecken: Wir müssen öffentlich über Depressionen oder Magersucht diskutieren, damit seelische Krankheiten endlich genauso selbstverständlich behandelt werden wie körperliche Verletzungen.«

Am Zeitschriftenkiosk entsteht der Eindruck, dies sei längst das Zeitalter der Psyche. Prominente reden auf Titelblättern über »mein Burn-out und den Weg zurück«. Psychologen geben genauso Tipps für den Berufsaufstieg wie für besseren Sex in der Ehe. »Wir erleben die Psychologisierung der Gesellschaft«, sagt Markser, das schon – doch beim tatsächlichen Kampf gegen psychische Krankheiten stößt er unverändert auf viele Widerstände. »Die Psyche wird oft nur als Lifestyle-Thema wahrgenommen«, sagt er, »Psychologie ist schick, ist cool.« Es geht bei der Beschäftigung mit der Psyche in Deutschland heute meist nur darum, die Leistung oder gleich das Lebensglück zu optimieren. »An einer Krankheitsbekämpfung, ernsthaften Aufklärung und Prävention sehe ich wenig Interesse. Das ist wohl nicht erotisch genug.«

Valentin Markser nimmt den Leistungssport als Beispiel, dort ist er nach Robert Enkes Tod nach wie vor aktiv: Es arbeiten dort nun viele Mentaltrainer, Coaches und Sportpsychologen. Die Sportler haben das Gefühl, sie würden gut betreut, weil sie sich dank der Coaches mental stärker fühlen; mehr leisten. Aber Sportpsychologen sind keine Psychiater, wie Markser einer ist; sein Ziel ist nicht zuvorderst die starke Leistung eines Sportlers, sondern dessen Seelenheil. »Mentale Stärke bedeutet nicht automatisch seelische Gesundheit«, sagt Markser. »Ich kenne eine Menge Athleten, die mit erlernten Verdrängungstechniken problemlos durch die Wettkampfsaison kom-men und gleichzeitig längst wegen Magersucht, Übertrainingssyndrom oder Depressionen behandlungsbedürftig sind.«

Die großen Sportverbände, etwa der Deutsche Olympische Sportbund, hören Markser interessiert zu, wenn er auf Workshops erklärt: »Die Belastungen sind zu groß geworden, wir brauchen neben den Sportpsychologen dringend auch eine sportpsychiatrische Betreuung.« Wenn es dann darum geht, tatsächlich einen Psychiater einzubinden, wehren sich die Sportverbände und Vereine allerdings noch immer. »Möglicherweise weil sie einen Imageschaden fürchten: Da herrscht diese alte Angst, mit Krankheit, mit etwas vermeintlich Schlimmem in Verbindung gebracht zu werden.« Fünf Jahre nach Robert Enkes Tod? »Absolut, der Reflex bei den Vereinen ist immer noch: Wenn wir es nicht ansprechen, existiert das Problem nicht.«
Anzeige

Seite 1 2

Ronald Reng kannte Robert Enke sieben Jahre, aber dass Enke bei Valentin Markser in Therapie war, erfuhr auch Reng erst nach Enkes Tod. Es zeigt, wie schwer es vielen Depressiven fällt, selbst mit engen Vertrauten über ihre Krankheit zu reden.