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aus Heft 45/2014 Familie

Die Dame in Schwarz

Erwin Koch (Protokoll)  Illustration: Paula Bulling

Ihr Leben lang suchte Ursula von Arx die Liebe ihrer Mutter - und den Namen ihres Vaters. Die Geschichte einer Unwillkommenen.


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Wie anfangen?
Mit dem Mann, der mich zeugte, Myran Meyer, und nie erfuhr, dass ich bin?
Mit der Frau, die mich gebar, Marianne von Arx?
Oder, gleichsam zum Trost, mit einer Phrase? – Das Leben ist kein Wunsch-konzert.

Sie liebten sich, Myran und Marianne, er Lehrer, sie Schneiderin, Anfang 1945.
Ja, ich denke, sie liebten sich.
Denn als ich, zehn Jahre nach Vaters Tod, im August 2012, seinen besten Freund fragte, ob er, Myran, der nie geheiratet hatte, ihm je von einer großen Liebe erzählt habe, gestand der Freund, einmal nur habe mein Vater, längst greis, von einer Frau gesprochen, einer Schneiderin aus Zug, begehrt und verloren, schön wie keine.
Und sonst?
Nichts.
Ich hoffe, sie liebten sich, Myran Meyer und Marianne von Arx, als sie mich machten.
Hier mein Geburtsschein –
Am zweiten November tausend neun hundert fünfundvierzig um elf Uhr fünfzehn Minuten ist geboren worden zu Zürich, In der Hub 34: von Arx, Ursula Verena, Tochter der von Arx, Maria Anna, geboren 7. Oktober 1922, von Kerns, Kanton Obwalden, wohnhaft in Zürich. Auszug aus dem Geburtsregister des Zivilstandskreises Zürich. Aus Band VI, Seite 11, Nr. 6477 des Jahres 1945.

Meine Mutter war dreiundzwanzig.
Ich bin, glaube ich, mit ihr versöhnt.
Als ich Mama, auf den Tod krank, zum letzten Mal sah, am 29. April 1986, fragte sie: Kannst du mir verzeihen?
Ja, Mama, das kann ich.
Ich nannte sie Mama.
Ob ich sie beim Abschied berührte?
Ich weiß es nicht.

Kann sein, dass ich es nicht wagte.
Sieben Jahre lang hatte ich sie nicht mehr gesehen.
Am nächsten Tag war sie tot, 30. April 1986.

Mariannes Vater, mein Großvater, war Schreiner in Zug gewesen, römisch-katholisch, rechtschaffen. Marianne hatte fünf Brüder und zwei Schwestern. Die älteste, so weiß ich heute, brachte sie, die außerehelich Schwangere, nach Zürich in ein katholisches Heim für ledige Mütter und für solche, die es noch würden, In der Hub 34, das Monikaheim. Die Leute waren sehr nett, als ich anrief und bat, das Haus besuchen zu dürfen, achtundsechzig Jahre nach meiner Geburt. Im Zug reiste ich nach Zürich, nahm die Tram zum Irchel, Haltestelle Milchbuck, 27. März 2014, ich wagte nicht zu fragen, in welchem Raum ich zur Welt kam.

Aber es tat gut, den Ort zu sehen, wo alles begann –
Mein offener Schädel, das Kleinhirn im Licht.
Die Gaumenspalte.
Mein Buckel, die verkrümmte Wirbelsäule, Kyphoskoliose.
Die rechte Lungenhälfte, die kaum etwas leistet.

Sofort riefen sie einen Pfarrer, der mich taufte, 2. November 1945. Im Kinderspital Zürich schlossen sie meinen Kopf, legten mich, so weiß ich heute, auf den Bauch und kamen, als es darum ging, die Zeit meines Lebens zu schätzen, auf sieben Wochen.
Bald, so hoffe ich, erreicht mich die Kopie meiner Krankengeschichte von einst.

Luzern, 28. März 2014
Kinderspital Zürich
Steinwiesstraße 75
Sehr geehrte Damen und Herren
Ich nehme Bezug auf meinen Anruf von heute Vormittag und möchte Sie hiermit bitten, mir, falls noch irgendwo vorhanden, Kopien meiner Krankengeschichte zukommen zu lassen. Wie bereits mündlich mitgeteilt, wurde ich unmittelbar nach meiner Geburt im Monikaheim (2. November 1945) im Kinderspital Zürich behandelt. Gemäß Ihrer Auskunft lagern die Akten, die vor dem Jahr 1965 entstanden, mittlerweile im Staatsarchiv des Kantons Zürich. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie veranlassen könnten, dass mir eine Kopie davon zugestellt wird. Ich bin nun 68 Jahre alt und möchte Antworten finden auf das, was in meinem Leben geschah. Gern bin ich bereit, bei Ihnen vorzusprechen, falls dies nötig ist.

Mit herzlichen Grüßen.

Ich weiß nicht, weshalb ich glaube, ich sei ein halbes Jahr im Kinderspital Zürich gelegen, auf dem Bauch, ich weiß nicht mehr, wer mir sagte, man habe mich danach in die Universitätsklinik Balgrist gebracht, ein zweites halbes Jahr lang, im Gipsbett. Irgendwann, 1946 oder später, lebte ich im Haus meines Onkels Sepp und seiner Frau, Sarnen, Obwalden, er war Lehrer, Maler, Künstler.

Und eines Tages, ich muss etwa drei gewesen sein, setzt er mich in sein Auto, und wir fahren hinauf nach Kerns, er hält vor einem Haus mitten im Dorf, mein Onkel Sepp, Mariannes Bruder, nimmt mich an der Hand und führt mich in eine Stube, nicht groß, eine Frau steht dort, drei Mädchen stehen dort, sie starren mich an, Spielzeuge auf dem Tisch, Dinge, die ich noch nie gesehen habe, und der Onkel sagt: Das ist Frau F., sie ist jetzt deine Mutter, sei lieb zu ihr.

Das ist jetzt deine Mutter.
Und ich stehe in dieser Stube, und sie starren mich an, ich möchte weinen.
Ich wollte weinen.
Nun bin ich bald siebzig, ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal geweint habe.

Ich war, bevor ich in Pension ging, Arztchefsekretärin im Kantonsspital
Luzern, siebenunddreißig Jahre lang bin ich dort Sekretärin gewesen, Pathologie, Ophthalmologie, Onkologie, Hämatologie, Gastroenterologie, Urologie, Neurorehabilitation.

Arbeiten konnte ich gut.
Ich weine nicht, ich will es lernen.
Und ich weiß noch, wie froh ich war, als es Abend wurde, man zeigte mir ein Bett, Urseli, das ist jetzt dein Bett, ich stieg in dieses hohe hölzerne Bett an der hölzernen Wand und deckte mich zu, endlich allein, eine weiße dicke schwere Decke auf mir.

Meine älteste Erinnerung.
Vielleicht meine schlimmste.
Frau F. war Hutmacherin, Herr F. Schreiner, sie hatten bereits fünf Kinder, ich war ihr sechstes, jüngstes, finanziert von der Invalidenversicherung der schweizerischen Eidgenossenschaft.
Wie ich sie nannte?
Mutter.
Vater.
Obwohl ich wusste, dass sie nicht meine Eltern waren.
Ich hatte, aus welchen Gründen auch immer, nie Eltern. Das war so.

Urseli von Arx hat keine richtigen Eltern.
Ich fragte mich nie, weshalb das so war, ich wagte es nicht. Ich dachte, es müsste so sein.
Du hast es nicht anders verdient.
Noch heute überfällt mich ab und zu dieser Gedanke.
Du hast es so verdient, so muss es sein.
Ich weiß nicht, ob jemand versteht, wie schwierig es ist, etwas, von dem man weiß, dass man es nicht denken soll, nicht zu denken.
Nun bin ich bald siebzig und am Anfang.

Die mich lieben – eine Hand voll Menschen –, nennen mich Ursulina.
Weil ich klein bin, 137 Zentimeter.
Achtunddreißig Kilo.
Ein Vögelchen.
Das irgendwann erfuhr, dass es doch eine richtige Mutter hat, Marianne.

Meine Pflegemutter schimpfte, sofort nach meiner Geburt sei Marianne mit einem Schweizer nach Kanada ausgewandert und habe dort eine zweite Tochter geboren.

Mehr wusste ich nicht.

Das Lernen fiel mir leicht, in der Schule war ich gut, und brachte ich manchmal ein besseres Zeugnis nach Hause als Helen, die jüngste Tochter der Familie F., die mit mir in der gleichen Klasse saß, sagte die Frau, die ich Mutter nannte: So ein Buckel macht bestimmt eine ganze Note aus.

Am liebsten lag ich im Bett.

Dann, ich war vielleicht achtjährig, kam ein Aufgebot der Invalidenversicherung, ich musste nach Zürich, Klinik Balgrist, um dort ein Korsett anzupassen, damit mein Rücken nicht noch mehr verkomme, Stangen aus Stahl, mit Wildleder bezogen. Jedes halbe Jahr, wohl zehn Jahre lang, reiste ich nun nach Zürich zur Kontrolle, trug tagsüber diesen Zwinger, der größer und länger wurde, stellte ihn nachts neben mein Bett in Kerns.

Tut dein Buckel weh?, fragten die Mädchen in der Schule.
Der tut nicht weh.
Darf ich ihn streicheln?
Streichle ihn nur.
Ist der aber hart.

Einmal, was sonst nie geschah, befahl mich der Lehrer an die Kletterstange.
Aber, Herr Lehrer, das kann die Ursula nicht!, schrie die Klasse auf.
Im Bett war ich gern – und in der Schule.

An einem Sonntagnachmittag, alle in Sonntagskleidern, wanderte die Familie F., ich mit ihr, hinauf nach Sankt Niklausen, da verlor ich einen Schuh, ich verlor meinen Schuh und ging weiter, ohne diesen teuren Sonntagsschuh, ich wagte nicht zu sagen, mein Schuh ist weg, mir fehlt ein Schuh.

Zu Hause erst fragte meine Pflegemutter: Wo ist dein zweiter Schuh?
Verloren.
Dann schwieg sie eine Woche lang.
Ich kann mich nicht erinnern, dass sie mich gestreichelt hätte.
Oder auf den Schoß genommen.
Dass mich überhaupt je jemand gestreichelt hätte.

Klingt das weinerlich?

Das Leben ist kein Wunschkonzert.
Einen Schulschatz habe ich mir nie erlaubt, nicht einmal im Geheimen, ein Schulschatz, dachte ich, steht mir nicht zu. Jahre später, am Spital in Luzern, verliebte ich mich trotzdem in einen Arzt.
Du bist verheiratet, sagte ich.
Ja und?, sagte er.
Und im Grunde war ich froh, dass mir die Moral zur Seite stand.

Ich war vielleicht zehn oder elf, als ich wieder einmal nach Zürich musste. Mein Stahlkorsett. Im Keller der Klinik Balgrist waren die Werkstätten, Männer mit feinen Sägen und kleinen Hämmern. Plötzlich drückte mich einer an sich, umfing mich mit beiden Armen, hielt mich fest, schob seine Hand zwischen meine Beine und stöhnte, ich begriff nicht, stand da, begriff nicht und begriff dann doch und schlug um mich und schrie und rannte durch einen langen, langen Flur, Türen links, Türen rechts, immer in der Angst, der Mann sei hinter mir, drei Meter noch, zwei, niemandem habe ich je davon erzählt, keinem Vater, keiner Mutter, keiner Mama.

Dir glaubt sowieso niemand. Sei froh, dass du überhaupt bist.
Ich fürchte, das versteht niemand.
Ich verstehe es selber nicht.
Die Frau, die nun meine Mutter war, befahl ihre fünf Kinder und mich jeden Sonntag zur Messe. Und schimpfte, wenn wir uns umschauten in der Kirche oder lachten. Lag im Beinhaus ein Toter, schickte sie mich, wie es Brauch war, mit einer Karte dorthin, herzliches Beileid von Familie F., damit ich die Karte neben der Leiche in einen Korb legte. Noch heute träume ich davon – ich allein im Beinhaus mit einem Toten, den ich nicht kenne.

Oder ich träume, ich sei allein im Wald.
Der Wald macht mir Angst, ich weiß nicht, weshalb.
Als ich, dem Dorf Kerns entkommen, in Luzern wohnte, die Stube zum See, aber das Schlafzimmer zum Wald, ertrug ich die Nähe der Tannen nicht, verließ die Wohnung nach einem Jahr.
Eines Tages redete Frau F., meine Mutter, Marianne, die mich geboren hatte, sei mit Mann und Tochter aus Kanada zurück und lebe nun in Zürich.

Ich war elf Jahre alt.

Am liebsten im Bett.

Und Wochen später hieß es, Marianne möchte mich sehen.
Meine richtige Mutter.
Die älteste Tochter der Familie F. brachte mich nach Zürich, im Hauptbahnhof kam sie mir entgegen, meine Mama, sie bückte sich zu mir, nahm mich in die Arme, eine schlanke Frau im Deuxpièces, ich glaube, sie nannte meinen Namen, Ursula, Urseli, sie streichelte mein Haar – mehr weiß ich nicht.
Und daran erinnere ich mich, dass ich Bauchweh hatte.
Mein Bauchweh.
Das ich immer habe, wenn ich weinen möchte.
Bauchweh und Atemnot.

Bevor Mama starb, am 30. April 1986, hatte ich sie sieben Jahre lang nicht mehr gesehen. Sie wollte mich nicht mehr sehen, und ich hatte aufgehört, sie darum zu bitten.
Sieben Jahre.

Schließlich, einige Monate vor ihrem Tod, rief mein Onkel an, Sepp von Arx, Marianne liege im Zürcher Waidspital, Pankreaskarzinom, Bauchspeicheldrüsenkrebs. Und also fuhr ich nach Zürich, klopfte an ihre Tür, Mama saß auf dem Bett, stand, als sie mich sah, sofort auf und schob mich hinaus auf den Flur, hinüber in einen kleinen Raum, Mama schloss schnell die Tür.

Noch heute weiß ich nicht, weshalb sie nicht zu mir stand.
Weil ich Schande über sie brachte?
Weil ich bucklig bin und klein?
Einen Sprachfehler habe?
Zwei Jahre Sekundarschule in Kerns, ein drittes in Sarnen, ich wollte Krankenschwester werden oder Dolmetscherin.

An Weihnachten schickte Mama ein Kärtchen.

Ich traf sie einmal im Jahr, in Zürich, in Luzern, sie kam im Deuxpièces, lächelte, nahm mich in die Arme.
Mama sagte, ihr Mann wisse nicht, dass sie mich treffe, ihr Mann wolle nicht, dass sie mich sehe.
Ich fragte nichts.
Fragte nicht, Mama, weshalb bist du nach meiner Geburt, 1945, nach Kanada gegangen? Weil ich ein Krüppel bin?
Was mich heute, im Mai 2014, wohl am meisten umtreibt, ist diese Mail meiner Halbschwester –

17. April 2014

Liebe Ursula

Es freut mich sehr, von Dir zu hören! Ich empfinde es nicht als Belästigung, wenn Du mich fragst, wann Marianne ausgewandert ist. Es muss 1951/1952
gewesen sein. Ich weiß, dass ich zur Welt kam, kurz nachdem meine Eltern British Columbia erreicht hatten, am 25.02.1953.
Liebe Grüße.

Das Leben ist kein Wunschkonzert.
Fast siebzig, erfahre ich jetzt, dass vieles anders war als erzählt.
Dass Marianne, meine Mama, erst ins Ausland ging, als ich schon sechs oder sieben war.
Wo war sie in den Jahren zuvor?
An meinem Gipsbett?
Kurz vor ihrem Tod, Marianne lag nun im Spital von Männedorf, rief ich sie an, März 1986, eine junge Frau nahm ab, meine Halbschwester, seit 33 Jahren auf der Welt, ich nannte ihr meinen Namen, Ursula von Arx, Luzern.
Sie sagte: Tut mir leid, ich kenne Sie nicht.

Das war die Wahrheit.

Sie kannte mich nicht, meine Halbschwester wusste nicht, dass es mich gibt.

Mama hatte mich ihrer Tochter verschwiegen.
Jetzt will ich wissen, was war. Das bin ich mir schuldig.
Nach der Sekundarschule schickte man mich nach Tafers, Kanton Fribourg, zu Vinzentinerinnen. Dort blieb ich ein Jahr und lernte Französisch, war dann in Bulle, drei Jahre, besuchte die Handelsschule der Menzinger Schwestern.
Wir trugen Uniform, blaue Deuxpièces und weiße Handschuhe.

Dreimal bekam ich einen Verweis, mit Kopie an den Vormund in Kerns.
Weil ich Camus las, La Peste.
Weil ich die Zeitschrift Annabelle las, Hochzeitsannoncen darin und Reklame.
Weil ich den Brief, den ich Mama schickte, zugeklebt hatte.
Heute muss ich lachen.
Wieder und wieder schrieb ich Marianne Briefe, bat sie, mich im Internat zu besuchen. Sie kam selten.
Einmal saßen wir in einem Restaurant, ich war zwanzig und fragte: Mama, wer ist mein Vater?
Hör auf damit.
Warum darf ich das nicht wissen?
Weil du dazu kein Recht hast.
Dazu habe ich sehr wohl ein Recht, Mama.
Diese Frage will ich nie mehr hören.
Dann kam Mama immer seltener.

Einmal, ich weiß nicht mehr wann, schenkte sie mir eine Stickerei, eine Blume. Jahre später, noch vor ihrem Tod, schmiss ich sie weg.

Der beste Freund meines Vaters, als ich ihn im August 2012 besuchte, sagte, so gut immerhin habe er Myran Meyer gekannt, um zu wissen, dass mein Vater mich gesucht hätte, hätte er von mir gewusst.
Mein Bauchweh.
Myran Meyer starb am 15. Juli 2002.
Das Internat beendete ich mit der Note 5.6, 1966, am liebsten wäre ich im Welschen geblieben. Frau F., die ich Mutter nannte, meinte, in Kerns, Obwalden, sei mir am wohlsten, ihr Sohn, ein Elektriker, brauche eine im Büro. Also zog ich wieder in das Haus, das ich vier Jahre zuvor verlassen hatte, war tags Sekretärin im Erdgeschoss, lag nachts im hölzernen Zimmer, die schwere Decke auf mir.

Frau F. klopfte nie an, wenn sie in mein Zimmer kam.
Sie sagte: Wenn es dir bei uns nicht passt, kannst du gehen.
Ich blieb sieben Jahre.

Jeden Samstag fuhr ich nach Zürich, nahm die Tram hinauf nach Fluntern, besuchte die Arztsekretärinnenschule, ein ganzes Jahr lang. Bei der Prüfung zog ich die Frage, die ich nicht ziehen wollte, das Thema Lunge, der Lehrer fragte: Was sagt Ihnen der Begriff Cor pulmonale?
Heute weiß ich es.
Ich bestand trotzdem.
Mutter, ich habe eine Stelle am Kantonsspital Luzern.
So.
Am 1. März fange ich dort an.
Dann brauchst hier nicht mehr zu wohnen, sagte der Sohn.
Ich war nun siebenundzwanzig.
Einmal im Jahr traf ich Mama.
Ich mache dir keine Vorwürfe, Mama, was geschehen ist, ist geschehen, aber bitte sag mir, wer mein Vater ist.
Hör auf damit.
Warum?
Hör auf.

Ein Bild meines Vaters machte ich mir nie, ich dachte mir nie aus, wie er sein könnte, ob groß oder klein, reich oder arm, Pfarrer oder Räuber.
Ich wollte nur wissen.
Um nachts, allein im Wald, allein auf den Friedhof, nicht aufzuschrecken.
Ich zog nach Sarnen, Brünigstraße, wohnte bei einer Freundin und fuhr nach Luzern zur Arbeit, Pathologisches Institut, Anfang März 1973 bis Ende Mai 1975.
Manchmal fragte mich ein Kind, weshalb ich so seltsam spreche.
Weil ich im Gaumen ein Loch habe.
Tut das weh?
Es tat weh – nicht im Gaumen. Von allen Mängeln, die ich habe, innere und äußere, schmerzt mein Sprachfehler am meisten. Manchmal sitze ich im Bus, eine Freundin neben mir, ich beginne zu reden, plötzlich äfft mich einer nach.
Lieber schweige ich.
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Erwin Koch stieß nur aus Zufall auf die Lebensgeschichte von Ursula von Arx. Nach einiger Bedenkzeit war sie bereit, Koch zu insgesamt drei langen Gesprächen zu empfangen. Am Schluss schenkte sie ihm eine Skulptur, die sie selbst geschaffen hatte, ihr Name: Mutter und Kind.

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