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aus Heft 45/2014 Wissen

»Man denkt an mich, also bin ich«

Sven Michaelsen (Interview)  Fotos: Christian Schnur

Der Philosoph Peter Sloterdijk spricht über seine Selbsterfahrungstrips bei Bhagwan in Poona, seine langjährige Fehde mit Jürgen Habermas und seinen Plan, einen erotischen Roman zu schreiben.


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SZ-Magazin: Herr Sloterdijk, vor zwanzig Jahren sagten Sie: »Mir ist zumute, als wäre ich als Neugeborener gestorben. Seither führe ich ein zweites Leben, postmortal. Der Tiefenpsychologe Stanislav Grof hat mit Hilfe von LSD die subjektiven Geburtserfahrungen des Kindes aufgearbeitet: Da kommen Höllenstürze und apokalyptische Verzweiflungen vor, und dies nur auf den zwanzig Zentimetern, die das Kind zurücklegt, wenn es den Mutterschoß verlässt. Ich weiß, dass er in allem recht hat. Man kann zur Welt kommen, wie man in einem brennenden Flugzeug abstürzt. Mein Trauma war eine brennende Welt, in die ich langsam hineinfalle.« Gilt das noch?

Peter Sloterdijk: Letztlich ja, nur dass die Fallgeschwindigkeit sich verschärft hat – und die Hoffnung auf ein letztes Aufgefangenwerden hinzugekommen ist. Ich gehöre zu den wenig beneidenswerten Menschen, bei denen das Geburtsdrama im Körpergedächtnis nicht unauffindbar versiegelt ist. Es kommt gelegentlich herauf. In bösen Träumen oder in Augenblicken nervöser Überlastung sehe ich erdbebenartige Eruptionen, Tsunamis, die wehrlose Küsten überrollen, jäh explodierende, aus der Erde kilometerhoch emporschießende Atomfontänen oder Flugobjekte mit beängstigender Anmutung. Ihre Manöver am Himmel würde man eher mit fliegenden Untertassen und Angriffen von Außerirdischen in Verbindung bringen. In den Träumen erlebe ich diese Schrecken als unbezweifelbare Realität.

Franz Kafka kam bei der Abiturprüfung im Fach Deutsch über ein »befriedigend« nicht hinaus. Wie sah Ihre Schulkarriere aus?

Das Wort »Karriere« passt bei mir allenfalls zu dem Jahr vor der Abschlussprüfung. Damals bekam ich das Gefühl, Ernst machen zu sollen. Mit der erwachenden Ambition verstand ich in letzter Minute, dass ich ein viel einfacheres Leben gehabt hätte, wäre ich ein guter Schüler gewesen. Sobald ich per Autohypnose den Habitus des guten Schülers angenommen hatte, wurde ich im Modus sich selbst wahrmachender Prophezeiung wirklich einer und machte das bestmögliche Abitur. In den Jahren zuvor war ich schulisch mäßig, weil meine Haltung hochmütig und nachlässig war.

Wie waren Ihre Noten im Fach Deutsch?

Darin war ich gut. Ich konnte in relativ jungen Jahren skrupellos effektvolle Aufsätze schreiben, die schon so etwas wie einen eigenen Ton hatten. Besonders gern mochte ich den dialektischen Besinnungsaufsatz, wo man zwei widerstreitende Meinungen verteidigen durfte, um dann eine Schülersynthese zu produzieren. Da fühlte man sich schon wie der Juniorpartner des lieben Gottes: erst einmal die Aspekte objektiv darstellen und sie dann von einem höheren Standpunkt aus vereinen.

Bereits als 14-Jähriger benutzten Sie in Ihren Selbstgesprächen das Vokabular der Kantischen Philosophie, lasen Nietzsches Zarathustra und schrieben eine zusammenfassende Darstellung der philosophischen Gottesbeweise. Waren Sie Ihrer alleinerziehenden Mutter unheimlich?

Nein, die Mutter hat davon nicht viel mitbekommen und sich damit begnügt, Sohnemann jeden Morgen einen Teller Haferflocken mit Rosinen hinzustellen. Sie glaubte blind an die klug machende Wirkung von Haferflocken. Und da Natur durch Chemie ergänzt noch kräftiger wirkt, hat sie mir jeden Morgen Glutamin-Tabletten verabreicht, aus der festen Überzeugung, man werde davon superintelligent. Diese Art Apothekengläubigkeit habe ich von ihr übernommen. Man sollte unter seinen besten Freunden einen Apotheker haben.

Wie hat Ihre Mutter auf Ihre Selbstgespräche im Jargon von Kant reagiert?
Die waren stumm und innerlich. Das philosophische Selbstgespräch hat den Vorteil, dass man für die jugendübliche innere Zerrissenheit eine Form findet. Man gewöhnt sich daran, dass die Seele mehrstimmig ist, wie ein Parlament, in dem dauernd Misstrauensanträge verhandelt werden, gegen Wörter, Floskeln und Personen. Seit jungen Jahren produziere ich intern ein fortgehendes Konversationsstück. Wenn man früh entdeckt, dass es selbstreflexives Denken gibt, baut man Naivität ab – das hat für junge Menschen etwas Berauschendes. Du bekommst das Gefühl, da, wo andere Leute nur einen Gedanken haben, hast du zwei, drei und mehr. Das führt zu einer herablassenden Dis-tanz vom Gerede der Mitwelt und zu dem Stolz, nicht mehr zu den Naiven zu rechnen. Diesen Stolz habe ich bei meinen späteren philosophischen Lehrern wiederentdeckt. Drückt nicht jede Seite von Adorno genau diese Schwingung von Selbstzufriedenheit aus, die entsteht, wenn man innerlich einen Mehrwert an hochfliegender Reflexion erzeugen kann, während das Bodenpersonal sich mit Gedanken erster Ordnung beschäftigt?

Was waren Sie in den Augen Ihrer Mitschüler: ein Eierkopf und verhänselter Eckensteher oder ein bestauntes Wunderkind, das man bei den Hausaufgaben um Rat bat?

Mein Eindruck ist, dass ich als ganz normaler Schulkamerad wahrgenommen wurde. In der Klasse wurde jedem ein gewisses Maß an Kauzigkeit zugestanden. Ich war aufgrund der Ängstlichkeit meiner Frau Mama früh vom Schulsport befreit. Mit zwölf waren bei mir Herzrhythmusstörungen beobachtet worden. Von da an meinte sie, der Junge sei für so etwas Grobes wie Leibesübungen viel zu empfindsam. Schon damals gehörte das ärztliche Attest zur Waffe der Sensiblen. Einige Jahre lang war ich einer der überbehüteten Jungen, die von den Müttern nicht ohne Schal aus dem Haus gelassen werden. Ich entwickelte mich dennoch nebenbei im Selbststudium zu einem Weltklasse-Torwart, indem ich bei uns zu Hause stundenlang einen großen weißen Radiergummi gegen die Wand warf und hinter ihm her sprang. Ich hielt auch schwierige und scharf geschossene Bälle. Manchmal habe ich zu Hause Hochspringen geübt. Ich nahm eine Latte und versuchte, drüber weg zu kommen und auf meinem Bett zu landen. An Bewegung hat es also nicht gefehlt.

Ihren Nachnamen verdanken Sie Ihrem holländischen Vater, einem Matrosen und Fernfahrer, der sich ein paar Jahre nach Ihrer Geburt davonmachte. Haben Sie Namensspott erlebt?
Einige nannten mich Sloti, was ähnlich klang wie die Währung in Polen. Das hat mich nicht aus den Pantinen gehoben. Wenn ich Schlotter genannt wurde, war das schon eher korrosiv, weil man damit etwas Amorphes, Ehrenrühriges assoziieren konnte.

Warum sind Sie mit zehn Jahren aus dem Internat abgehauen?
Die kleine Flucht ging auf eine Gruppeninitiative zurück. Wir waren nicht gerade ein Club der toten Dichter, aber eine eingeschworene Truppe von drei Zehnjährigen. Als im Herbst die Kartoffelfeuer auf den Feldern brannten, haben wir gesagt: »Jetzt einfach los!« Nachdem wir von der Polizei aufgegriffen und wieder zurückgebracht worden waren, galten wir als die Helden des Heims, für zwei Tage.

Begabungsforscher meinen, es gebe einen Humus der Kläglichkeit, der allen großen Köpfen am Beginn ihres Lebens gemein sei. Was war mit 15, 16 Ihr Minderwertigkeitskomplex?

Früher, als man so etwas gern auf Griechisch ausdrückte, hätte man gesagt, ich sei leptosom gewesen, schwachleibig. Bei mir war der Blick in den Spiegel von jüngeren Tagen an eine hochmutsmindernde Maßnahme. Nie war ich sicher, ob ich mochte, was ich sah. Ich habe übrigens lang über Spiegel und ihre ego-technischen Wirkungen nachgedacht. Früher wussten die meisten Menschen nur vage, wie sie aussehen. Für sie galt die Regel, wie ich behandelt werde, so schaue ich aus. Erst in den letzten 200 Jahren sind wir in Europa zu Spiegelwesen abgerichtet worden. Auch deswegen haben sich bei modernen Menschen die moralischen Verhältnisse so von Grund auf verändert. Die Moral diente früher ja vor allem dazu, Menschen bescheiden zu machen, oder, wie es katholisch heißt, demütig. Primär wurde diese Aufgabe von den Religionen wahrgenommen, die der Selbstliebe einen Riegel vorschieben. Seit überall Spiegel angebracht sind, übernehmen sie diese Funktion und machen neun Zehntel der Population per se ziemlich kleinlaut. Die übrigen zehn Prozent sind die Problemgruppe. In der großen Mehrheit brauchen wir keine Moralpriester mehr, um unseren Hochmut zu dämpfen, sondern Kosmetiker, die uns in Sachen verpasster Schönheit Nachbesserung versprechen.

Hatten Sie Schülerlieben?
Die Frage habe ich befürchtet. Nun ja, die Sache mit den Mädchen versprach schon früh, eine größere Komplikation zu werden. Als ich 16 war, hob mein Großvater, damals schon in seinen Achtzigern, zu einer vertraulichen Erzählung an: Nachdem ich ja in reifere Jahre gekommen sei, könne er mir unter Männern mitteilen, dass er eine physische Anomalie darstelle, weil er immer noch potent sei. Der Satz fiel mir wie ein nasser Sandsack auf den Kopf. Mit 16 hat man ja ständig erotischen Überdruck. Ich dachte in Panik: Oh, mein Gott, das hört also nie mehr auf! Der Eros war damals eher eine Unglücksquelle. Wir waren Lichtjahre entfernt von den Verhältnissen, wie man sie heute etwa in Singapur antrifft, wo es an jeder Ecke Health Centers gibt, die nützliche Dienstleistungen anpreisen, unter anderem die, Passanten in überschaubarer Zeit von unpassenden Erektionen zu befreien.

Peter Handke schrieb als Internatsschüler an seine Mutter: »Mach dir keine Sorgen um mich. Ich werde sicher weltberühmt.« Hatten Sie ähnliche Gefühle?
Vermutlich hatte ich Vorgefühle einer nicht ganz alltäglichen Lebenskurve. Zwischen dem 19. und 21. Lebensjahr habe ich meiner Freundin täglich lange Briefe geschrieben, in dieser Korrespondenz müsste die Antwort auf Ihre Frage zu finden sein. Das Dumme ist, dass die Schöne eines Tages beschlossen hatte, unsere Beziehung sei für sie nicht mehr förderlich. Danach ist der Briefschatz im Badezimmerofen einer Kleinbürgerwohnung in der Nähe des Münchner Viktualienmarktes verheizt worden. Als ich mich später mit der großteils verlorenen Bibliothek von Nag Hammadi beschäftigt habe – die Mutter des Finders hatte die Bündel zum Teekochen benutzt –, dachte ich manchmal: Verdammt, dieses Papyri- und Briefeverbrennen ist doch wirklich eine typische Frauenunart!

Sie haben sich als Sohn eines Sitzenlassers bezeichnet und hinzugefügt: »Ich gehöre nicht zu der Generation, die ihren Vater gern umgebracht hätte, sondern zu der, die froh gewesen wäre, wenn sie vom Vater ein bisschen mehr gesehen hätte.«
In der Beziehung meiner Eltern lag ein starker Zug von Mesalliance. Meine Groß-eltern hatten zu ihrer Tochter gesagt: »Du hast den Kerl nach Hause gebracht, jetzt nimmst du ihn auch!« Was soll ein gescheites altes Mädchen von dreißig Jahren darauf schon Vernünftiges antworten, wenn man das Jahr 1945 schreibt? Mein Vater blieb in der Familie stets der Underdog. In seiner Abwesenheit wurde nicht respektvoll über ihn geredet, das tat mir nicht gut und machte mich illoyal ihm gegenüber. Er sprach ein raues proletarisches Holländerdeutsch mit vielen Kraftausdrücken und Godverdomme. Andererseits war es ein Glück, von der Vaterseite her fast ungeprägt aufzuwachsen. Ich habe keine Zeit mit antiautoritärer Dialektik verloren. Niemandssöhne genießen das Privileg der Selbstbevaterung. Mir blieb es erspart, wie Sartre es ausdrückte, gleich den unzähligen europäischen Aeneas-Imitaten mit einem Alten auf den Schultern durch das Leben zu humpeln.

Nachdem Sie 1974 Ihr Studium abgeschlossen hatten, haben Sie sechs Jahre lang mit Selbsterfahrungsangeboten experimentiert.
Die Luft in München war angefüllt mit Encounter-Kultur, Esoterik-Diskotheken, Meditationszentren und Psychogruppen, das Ganze mit kalifornischen Akzenten à la Urschrei and Company. An dem Karneval nahm die wohngemeinschaftsartige Gruppe, in der ich mich bewegte, sehr neugierig Anteil. In unsere Kreise war die Idee eingesickert, man müsse seinen perinatalen Schatten aufhellen, um als Mensch vollständig zu werden. Heute halte ich das, gebranntes Kind, das ich bin, für ein Spiel mit dem Feuer, und würde auf der ganzen Linie abraten. Man darf nicht ohne Not an das archaische innere Material rühren, denn psychotische Eruptionen kommen früher, als man glaubt. Wir aber hielten die Psychose für unsere beste Freundin, weil in ihr die größere Wahrheit wäre. Wir waren eine vom Wahrheitswahn getriebene Kohorte, die versuchte, ihre psychischen Schrauben zu verstellen.

Mit welchen Methoden?
Man schluckte LSD und schrieb Protokoll. Man machte etwas absolut Verrücktes, das sich Enlightenment Intensive nannte: Drei Tage lang hält man je eine halbe Stunde Kontakt mit einem von über einhundert Gruppenteilnehmern und sagt ihm fünf Minuten lang alles, was einem durch den Kopf geht. Dann wird gewechselt, reihum, und so quält man sich 16 Stunden lang voran, endlose Tage hindurch. Am Ende war man innen so blank wie eine neue Glattrohrkanone. Eine andere Technik bestand darin zu hyperventilieren, bis man in diese Art von Kampf-Atem gerät, der die Extremitäten steif werden lässt. Die Hoffnung war immer, dass das wahre Selbst dann doch gefälligst an die Oberfläche kommen müsse.

Im Dezember 1979 reisten Sie nach Poona in Indien, weil sie gehört hatten, dass dort ein Super-Guru aufgetaucht sei, »der von den Upanishaden bis zum deutschen Idealismus und Wittgenstein alles auf der Festplatte« habe. Nach vier Monaten im Ashram von Bhagwan Shree Rajneesh kehrten Sie als Sannyasin zurück.
Ich habe mir von diesem Guru die Mala mit seinem Porträt geben lassen. Das ist die Meditationskette mit den 108 Perlen, die angeblich die 108 bekannten Meditationstechniken reflektieren. Nach Poona war ich psychisch nicht mehr unter meiner deutschen Adresse erreichbar. Es begann etwas, was ich einmal die Osterweiterung der Vernunft genannt habe. Mit diesem Impuls kam eine tiefe Aufheiterung in mein Dasein. Ich war plötzlich befreit von dem psychosozialen Tiefdruckgebiet, das über meinem Leben und dem meiner Generation gehangen hatte.

Im Ashram wurde die freie Liebe praktiziert, da Sex als Erkenntniswerkzeug galt. Was haben Sie herausgefunden?

Was dort betrieben wurde, war naturgemäß das pure Ausagieren. Wäre Erkenntnis dabei gewesen, man hätte es ja früher oder später bemerkt. Im alten Indien hingegen gab es effektiv eine spirituelle Sexualpraxis, für die man sich auch im Westen interessierte, obwohl sie in unsere Welt kaum übersetzbar war – diese berüchtigten tantrischen Verfahren, die auf extremer Verlangsamung, hoher Zurückhaltung und respektvoller Ritualisierung beruhen. Davon halte ich übrigens nach wie vor sehr viel. Im Licht von Experimenten neige ich zu der Behauptung, dass neunzig Prozent der Sexualität, die hier als solche aufgefasst wird, nichts anderes als eine öde Rammelei bedeutet. Dass bei uns die meisten Männer, sogar die klügeren wie Arthur Miller, Philip Roth und andere Bett-Matadore, aus dem Stadium des grenzdebilen Rammlers nie herauskommen, ist die reale Tragödie unserer Kultur.

Wie oft haben Sie Bhagwan gesehen?
Wenn er nicht in silence war, wie man das damals ehrfürchtig nannte, konnte man ihn täglich von neun bis elf in der Großen Halle sehen und hören. Er stieg aus seinem lautlosen Auto, setzte sich auf seinen weißen Sessel, schloss eine Minute die Augen, dann kommentierte er mit infernalischem und seraphischem Humor die spirituelle Weltliteratur durch, von den heiligen Schriften der Inder bis zu Nietzsche, ohne Pause, ohne den geringsten Versprecher und ohne irgendwas abzulesen. Uns konnte das gar nie lang genug dauern, weil sein Indo-Englisch so kurios, so melodisch, so tiefsinnig war, und zugleich so narkotisch einfach.

Welche Sorte Humor hatte Bhagwan?
Der lag auf der Skala zwischen verheerend und liebevoll. Da gab es beispielsweise die inzwischen berühmte »Fuck Lecture«. Eine Schülerin, vermutlich aus England, hatte ihm geschrieben: »Dear Bhagwan, I feel shocked when I hear you use words like ›fucking‹. It hurts my religious feelings.« Das war sein Stichwort. Er erklärte ihr, dass religiöse Gefühle dazu da seien, verletzt zu werden, und dass die Engländer stolz darauf sein sollten, ein so vielseitiges Wort wie »fuck« zu haben. »And now listen« – dann führte er ihr fünfzig verschiedene idiomatische Wendungen von »fuck« vor mitsamt linguistischen Anmerkungen. Die Halle hat gebrüllt – und es war umwerfend, wie er ohne die Miene zu verziehen ein Beispiel nach dem anderen vom Stapel ließ. An seiner Genialität war kein Zweifel möglich. Und doch, wenn ich jetzt über ihn rede, ist mir zumute, als referierte ich eine Episode am Hof von Karl dem Kühnen aus dem Herbst des Mittelalters.

Hans-Jürgen Heinrichs, Autor einer fast 400-seitigen Biografie über Sie, hält Poona für die einschneidendste Zäsur Ihres Lebens.
Da ist etwas Wahres dran, aber noch folgenreicher für meine Entwicklung war eine 1983 begonnene halbglückliche Liebesaffäre. Als sie nach einem Dreivierteljahr plötzlich zu Ende ging, weil die Dame auf andere Gedanken gekommen war, trat bei mir eine einigermaßen dramatische Metamorphose ein. Monatelang konnte ich nicht aufhören zu trauern. Am Ende eines halben Jahres war ich ein anderer Mensch. Meine Erscheinung veränderte sich völlig. Bis dahin konnte ich essen, was ich wollte, ohne mehr als 75 Kilo zu wiegen, wie ein Sträfling aus einem Lager. Mit einem Mal war ein innerer Zaun zur Welt abgerissen. Ich wurde kräftiger, eines Tages wog ich 95 Kilo und später leider noch mehr.

Wie lange liefen Sie nach Ihrer Rückkehr aus Indien in orangefarbener Sannyasin-Tracht durch München?
Ungefähr zwei Jahre. 1984 hielt ich an der Münchner Akademie der Künste einen rhetorisch anspruchsvollen Vortrag. Er bestand in einer Serie von Hinweisen auf den Vortrag, den ich gehalten haben würde, wenn ich ihn ernsthaft hätte halten wollen. Das Ganze nannte sich »Taugenichts kehrt heim – Auch eine Theorie vom Ende der Kunst« – eine grammatische Übung auf dem Hochseil, frühromantisch überzogen und ziemlich frech. Ich trug einen orangenen Maßanzug und die Mala. Es war offen suizidal, doch der Auftritt funktionierte. Ich wollte einfach mal sehen, wie die Münchner Bildungsbürger rücklings auf den Hintern fallen.

Haben Sie je daran gedacht, über Ihre Erlebnisse in Poona zu schreiben?
Natürlich. Ich habe damals Tagebuch geführt. Es liegt ganz unten in einer der verpönten Schubladen. Es zu publizieren würde mir nie in den Sinn kommen. Ich müsste ständig erröten, weil es grauenhaft naiv ist. Mein Stolz als Autor würde rundheraus abstreiten, dass jemand wie ich diese Sachen je geschrieben haben kann. Der Trick wäre vielleicht, alles neu zu verfassen, fiktiv authentisch oder als die Geschichte eines anderen. Eventuell würde das die Wiederannäherung erlauben. Ich denke sowieso seit ein paar Monaten darüber nach, die Gattung zu wechseln und nur noch erotische Romane zu produzieren. Das wäre endlich mal was Konkretes!

Welche Romane taugen als Inspiration für ein solches Vorhaben?
Das Einhorn von Martin Walser finde ich immer noch anregend. Einen anderen Bezugspunkt könnte Harold Brodkey liefern, der in der Erzählung Unschuld Musil-artige Qualitäten erreicht. Hinreißend finde ich Die Fermate von Nicholson Baker. Die Grundidee des Buchs ist wahrhaft genial, wonach der Erzähler die Fähigkeit besitzt, die Zeit anzuhalten, um dann mit den stillgestellten Frauen zu machen, was ihm so einfällt.

Nach Ihrer Rückkehr aus Indien explodierte Ihr Ausdruckstrieb. In Ihrem Apartment in der Münchner Dollmannstraße schrieben Sie in weniger als zwölf Monaten Ihr fast tausendseitiges Debütwerk mit dem leicht größenwahnsinnigen Titel Kritik der zynischen Vernunft.
Bis dahin hatte ich ein Leben im Aufschub geführt, ich habe prokrastiniert, wie die jungen Leute heute so schön sagen. Ein Krebsverdacht im Jahr 1980 ließ mich ernst machen. Ich wurde entsichert, und die Produktion fing an. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie ich mich eines Morgens murmeln hörte, was ich gerade geschrieben hatte: »Seit einem Jahrhundert liegt die Philosophie im Sterben und kann es nicht, weil ihre Aufgabe nicht erfüllt ist.« Das war mein erster philosophischer Satz in der Sprache des Autors, der ich wurde. Da hörte ich meinen eigenen Ton zum ersten Mal. Die Schnelligkeit der Produktion hat mich selber überrascht. Das Buch kam fast fertig hervor. Als ich das Manuskript an Suhrkamp schickte, dachte ich, wer kann so ein Volumen absorbieren? Aber die Leser haben es aufgegriffen.

Ihr Buch wurde mit 150 000 verkauften Exemplaren zum bestverkauften deutschen philosophischen Werk nach dem Krieg. Wie wirklich oder unwirklich war dieser Senkrechtstart für einen damals 36 Jahre alten Niemand, der noch ein Jahr zuvor das Sannyasin-Gewand getragen hatte?
»Als Schriftsteller ist Sloterdijk Schopenhauer ebenbürtig«, hat ein Kritiker damals geschrieben. An dem Abend danach schläft man etwas tiefer als sonst. Je erfolgreicher das Buch wurde, desto mehr nahm zugleich die Feindseligkeit der Kollegen zu. So begann für mich die eigentliche Arbeit des öffentlichen Intellektuellen: sich durch Gegner nicht verzerren zu lassen.

Für Ihre linken Widersacher, so haben Sie es formuliert, sind Sie »ein Hybrid aus Dieter Bohlen, Muammar al-Gaddafi und Carl Schmitt«, der »kaltherzige Champagnerfeste mit den Bösmenschen« feiert. In der taz hieß es, an Ihnen könne man die »Verfallsgeschichte eines Ultrakonservativen« studieren.
Ich würde mit einer Frage antworten: Was haben diese Leute in den letzten dreißig oder vierzig Jahren getrieben? Haben sie von ihrer Lebenszeit klugen Gebrauch gemacht? Ich bezweifle das, da sie offensichtlich sitzen- und stehengeblieben sind. Kann das in turbulenten Zeiten die richtige Bewegungsart sein? Auf den Gymnasien möchte man ja das Sitzenbleiben abschaffen. Die schlechten Schüler des Zeitgeists haben es längst getan, ohne zu merken, dass sie auf den Bänken der Sechziger- und Siebzigerjahre kleben, wobei sie sich immer noch für die Vorhut halten.

Einer Ihrer erbittertsten Gegner ist Jürgen Habermas, der neben Ihnen bekannteste deutsche Gegenwartsphilosoph.

Er konnte es schon beim Erscheinen meines ersten Buchs nicht wirklich gut leiden, dass es auf dem Feld der Philosophie im Land eine nicht leicht einzuordnende neue Stimme gibt. Er machte aber anfangs noch gute Miene zum ungewohnten Spiel. Ihm wäre es lieber gewesen, Hans Magnus Enzensberger hätte die Kritik der zynischen Vernunft unter dem Pseudonym P. Sl. geschrieben, wie einen literarischen Scherz im Überformat. Dann hätte er keinen noch undefinierten Anwärter für das Amt eines öffentlichen Intellektuellen auf seinem Radarschirm positionieren müssen. Dass seine Haltung sich mit den Jahren vom Unbehagen zur Feindseligkeit entwickelte, ist eine Anekdote, die zur jüngeren Ideengeschichte der BRD rechnet.

Habermas ist 85 Jahre alt. Wird er noch seine Hand zur Versöhnung ausstrecken?
Vermutlich nein.

Und Sie?
Wenn Putins Truppen den Rhein erreichen, und es kommt ein Telegramm aus Starnberg, ob wir nicht gemeinsam eine Erklärung der Intellektuellen über die Rückkehr zu nicht-militärischen Lösungen signieren sollten, würde ich meinen Namen neben den seinen setzen.
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Sollte man mit Philosophie eines Tages kein Geld mehr verdienen können, rät Sven Michaelsen seinem Interviewpartner, in die Gastronomie zu wechseln. Der Risotto mit Jakobsmuscheln, den Peter Sloterdijk in seinem Ferienhaus auf Korsika zum Interview bereitete, hatte gehobene Restaurantqualität.

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