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aus Heft 45/2014 Gesellschaft/Leben

Das Tollhaus

Seite 2: Regel Nummer zwei: keine Gewalt.

Christian Heinrich   Fotos: Daniel Delang


Die Bewohner lernen durch die Verpflichtungen, ihren Alltag zu strukturieren. Sie müssen beim Zusammenarbeiten auf andere eingehen. Gerade Kriminelle, sagen Sozialarbeiter, erlangen so verlorenes Mitgefühl zurück. Dazu bekommen sie Werte vermittelt, Solidarität, Altruismus. Das Leben im Haus ist ein Crashkurs für das in der Gesellschaft.

Regel Nummer zwei: keine Gewalt. Vergangenes Jahr gab es eine Auseinandersetzung, zwei Bewohner warfen sich gegenseitig vor, zu wenig zu arbeiten. Der eine biss dem anderen in den Finger und landete nach dessen Rache im Krankenhaus. Beide mussten ausziehen. Nur vier solcher Vorfälle gab es seit Bestehen des Hauses, nie war es lebensbedrohlich.

Das Büro der Hausleitung liegt im ersten Stock. Am Schreibtisch sitzt Petra Erlacher, sie ist Ärztin und hat mit ihrem Mann einige Jahre im Haus gelebt, um den Menschen zu helfen. Heute ist sie ehrenamtliche Vorsitzende der Sozialgenossenschaft, unterstützt die drei Angestellten Alexander Nitz, Karl Leiter und Miriam Zenorini, die einzige Sozialarbeiterin. An der Wand hinter Petra Erlacher hängt eine Weltkarte mit Hunderten Nadeln, die Herkunftsorte aller, die im Haus gelebt haben. »Die Probleme der Welt sind bei uns zu Gast«, sagt sie.

Natürlich gibt es in anderen Städten auch Projekte, bei denen Menschen mit Problemen zusammenleben, aber dort geht es immer um bestimmte Gruppen, kriminelle Jugendliche etwa. Im »Haus der Solidarität« dagegen ist das Spektrum breit. Das macht es komplizierter.

Nachts und am Wochenende sind die Bewohner sich selbst überlassen. »Für manche, die sich ihr halbes Leben lang nicht an Regeln gehalten haben, wäre das die Chance, rückfällig zu werden«, sagt Erlacher. Doch das passiere selten.

Wenn die Polizei ins Haus der Solidarität kommt, dann nicht, um jemanden abzuholen, sondern um jemanden loszuwerden: »Es klingt absurd, aber dieses Haus mit all den Menschen am Abgrund hat offenbar eine positive Wirkung auf diejenigen, die kriminell waren oder kurz davor stehen, es zu werden«, sagt Egon Bernabè von der Gemeindepolizei.

Woran das liegt? Petra Erlacher denkt einige Sekunden nach. »Wichtig ist,
dass wir versuchen, unseren Bewohnern Arbeitsplätze zu vermitteln. Am Anfang war das schwierig, inzwischen wissen Firmen in der Region, dass sie hier zu-verlässige und engagierte Menschen bekommen können. Viele, die ausziehen, haben eine Perspektive auf einen Platz in der Gesellschaft.«

Die Mitarbeiter kennen viele Unternehmer persönlich, wer jeman-den sucht, meldet sich. Überhaupt ist man im Haus ziemlich unbürokratisch, was sich schon daran zeigt, dass jeder so lange bleiben kann, wie es seine Situation verlangt. Möglich ist das, weil das Haus, um unabhängig zu bleiben, von privaten Spenden lebt und keine Fördergelder von der Stadt, dem Staat oder der EU angenommen hat. »Wir haben keinen Erfolgsdruck, den wir an unsere Bewohner weiterreichen müssten«, sagt Alexander Nitz.

Das stärkt die Eigenverantwortung. »Solche Menschen bekommen das Gefühl, nicht auf Almosen angewiesen zu sein, sondern selbst etwas zu leisten«, sagt Stefan Selke, Soziologe an der Hochschule für Angewandte Gesundheitswissenschaften in Furtwangen. Auch das lässt sich kaum kopieren: »Selbst eine Hilfsorganisation hat Eigeninteresse, es würde Bürokratie und Standardisierung geben, was die zum Erfolg notwendige Autonomie der Bewohner einschränkt.« In Brixen sucht sich jeder seinen eigenen Weg.

Samuel, der neben Hans im Dachgeschoss wohnt, ist sich sicher, nächstes Jahr einen Job zu bekommen. Der 29-jährige Ghanaer hat vor anderthalb Jahren seine Heimat verlassen und ist über Burkina Faso, Niger, Tschad, Libyen und Lampedusa ins »Haus der Solidarität« gekommen. Er kümmert sich um den Garten, erntet Tomaten, Kohl und Salat, eine Referenz, um einmal bei einem Bauern in der Region auf Probe arbeiten zu dürfen. Samuel lebt in einem Raum mit Ibrahim von der Elfenbeinküste, der bei einer Waldarbeiterfirma angestellt ist. »Ich sehe an Ibrahim, ich kann eine Arbeit finden«, sagt Samuel. Wer schon länger im Haus ist, lebt den Neuen vor, dass man auf die Beine kommen kann. Vermeintliche Versager begreifen, dass sie nicht endgültig versagt haben.

Mittagessen im Speisesaal, der mit seinen langen Tischen an eine Kantine erinnert. Fahin aus dem Irak hat gekocht, für mehr als dreißig Leute, es gibt Kaschki, Getreidebrei mit Fleisch. Wer zwei Wochen lang jeden Tag hier isst, macht eine kulinarische Weltreise: Acht bis zehn Bewohner im Haus sind für das Essen verantwortlich. In das Geschirrklappern mischen sich Gesprächsfetzen, es geht um Brixen, das Wetter, den Putzplan, Probleme und Hoffnungen.

Der Alkohol, sagt Ervin, der Mann vom Eingang, habe sein Leben zerstört. Erst seit er hier ist, hat er ein Gefühl wiedergefunden, das ihm Kraft gibt: Er hat etwas zu verlieren. Er ist eine Säule der Gemeinschaft geworden. Wenn Ibrahim morgens zu seinem Job als Waldarbeiter aufbricht, winkt Ervin ihm hinterher, wenn er nachmittags zurückkehrt, begrüßen sich die beiden mit Handschlag. Im Grunde ist das mehr, als einer wie Ervin sich erhoffen konnte. Er will das Haus gar nicht mehr verlassen.

Andere gehen in die Gesellschaft zurück, ein paar Tage nach unserem Besuch sind Hans und seine Frau in ein eigenes Haus gezogen, Panikstörungen hat er fast keine mehr. Und wiederum andere gehen und kommen zurück.

Sarshin, eine 28 Jahre alte irakische Kurdin mit langen schwarzen Haaren sitzt an einem Computer in einem Aufent-haltsraum im zweiten Stock. Sie hat einige Monate hier gewohnt, nun ist sie für ein Praktikum wieder hier, um die Internetseite des Hauses weiterzuentwickeln. Wie Samuel, der Afrikaner, überquerte auch Sarshin das Mittelmeer in einem Seelenverkäufer. Zwei Jahre ist es her, da schaffte sie es mit ihrem Mann im türkischen Izmir an Bord eines Flüchtlingskahns, 1000 Kilometer weiter, in Süditalien, stiegen sie wieder aus. Als die beiden europäischen Boden betraten, hatten sie keine Kraft mehr zum Jubeln. Sie sahen sich nur an und teilten stumme Hoffnung. Als politisch Verfolgte im Irak hatte man Sarshins Mann gefoltert und ihr mit dem Tode gedroht, nun hatten sie es endlich ins Land der Menschenrechte und Gerechtigkeit geschafft.

Man verschob sie von einem Flüchtlingslager ins andere, bald hatten sie genug davon und reisten eigenmächtig nach Paris, wo man sie aufgriff und mehrere Tage ins Gefängnis sperrte. Das »Haus der Solidarität« über Brixen war das Ende ihrer Odyssee.

Im Irak hatte Sarshin für das Radio gearbeitet, in Südtirol fing sie in einer Wurstfabrik an. Nebenher hat sie sich beigebracht, Webseiten zu gestalten. Als sie sich um Praktikumsstellen bewarb, war Alexander Nitz der Einzige, der ihr eine positive Antwort schickte.

Bald aber wird hier alles anders. Der Missionarsorden braucht das Haus wieder, und so ziehen die Bewohner im nächsten Jahr in ein Gebäude am Stadtrand. »Statt sie endlich loszuwerden, holt man die Aussätzigen in den Ort«, schimpft ein Brixener auf der Straße. Aber es scheint, als hätten sich die meisten Menschen in der Region mit dem Projekt angefreundet. 400 000 Euro haben sie für den Umzug gespendet. Für Umzug und Renovierung hat die Stiftung eine Million Euro veranschlagt, das fehlende Geld muss eben durch helfende Hände und Sachspenden ausgeglichen werden. »Alle Bewohner helfen mit, auch zahlreiche Handwerker und Betriebe haben uns ihre kostenlose Unterstützung zugesagt«, sagt Alexander Nitz.

Ervin hat bereits verlautbaren lassen, dass er auch nach dem Umzug in der Gemeinschaft bleiben will. Und Karl Pizzinini, der Witwer vom ersten Stock, wollte eigentlich nach seinem 70. Geburtstag vor vier Jahren ausziehen, neun Jahre war er da schon im Haus. Dann hat ein iranischer Flüchtling bei der Feier eine Rede auf ihn gehalten: »Meinen eigenen Vater werde ich wohl nie wiedersehen. Aber ich habe in Karl einen neuen gefunden.« Da ist Pizzinini geblieben.
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Christian Heinrich bekam im Haus erst mal ein unerwartetes Lob. Die Ausländer im Haus sprechen in der Regel nach ein paar Wochen Italienisch, Deutsch geben die meisten schnell auf: Unmöglich zu lernen, heißt es. Als Heinrich sich vorstellte, sahen ihn die Afrikaner an: Er schreibt wirklich auf Deutsch? Einer ballte die Faust und schlug sie auf die Brust: Respekt!

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