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aus Heft 45/2014 Gesellschaft/Leben

Das Tollhaus

Christian Heinrich   Fotos: Daniel Delang

Die Gesellschaft hatte sie aufgegeben, also zogen Bedürftige, psychisch Kranke und Ex-Kriminelle in ein Südtiroler Haus. Kaum beaufsichtigt, finden viele zurück ins Leben. Wie kann das sein?



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Gleich am Eingang sitzt auf einer Bank ein Verbrecher. Ervin, 67. Jahrelang war er im Gefängnis, weil er auch mal ausrastet und zuschlägt und weil er seinen Bruder, einen Ausbrecherkönig, vor der Polizei versteckte. Ervin blinzelt in der Sonne und blickt hinab ins Tal, wo sich der Ort Brixen erstreckt. »Mein Stammplatz«, sagt er und steckt sich eine Zigarette an. Der Stumpf seines linken Beins liegt wie immer ausgestreckt auf einem Kissen auf der Bank. Der Fuß musste als Spätfolge eines Motorradunfalls vor einem Jahr amputiert werden, da war Ervin noch im Gefängnis. Als er kurze Zeit später entlassen wurde, kam er hierher, ins »Haus der Solidarität« in Südtirol – woanders wollte ihn niemand mehr haben. Mit Gewalt hat er nichts mehr zu tun, aber ein anderes Problem ist geblieben: der Alkohol. Sitzt Ervin auf der Bank vor dem Haus, ist er für die Bewohner des Hauses ein beruhigender Anblick. Schließt er sich aber in seinem Zimmer ein, machen sie sich Sorgen. Dann fängt er wieder an zu trinken, aus dem ersten Schluck werden schnell fünf, sechs Bier. Um nichts anzurichten, zieht er sich zurück, legt sich ins Bett.

Vierzig, fünfzig Menschen leben in dem Haus. Diebe und Mörder, Obdachlose und Arbeitslose, Suchtkranke und Flüchtlinge. Unbeaufsichtigt, nur am Tag betreut von drei Mitarbeitern, einer Sozialarbeiterin und zwei Quereinsteigern ohne soziale Ausbildung. Das kann nicht gut gehen, sagten viele Anwohner, als die ersten Menschen einzogen, und waren froh, dass das Haus außerhalb liegt. Sie irrten. In Brixen ist ein erstaunliches soziales Experiment gelungen.

Einige Entwicklungshelfer haben das Haus vor 13 Jahren gegründet. Das Haus stellte ihnen ein Missionarsorden zur Verfügung, früher war es ein Internat. Anfangs siedelten sich soziale Initiativen an: Projekte für Entwicklungshilfe, Fair-Trade-Gesellschaften, Altenpfleger, ein Straßenmagazin, viele haben ihre Büros bis heute im Haus. Weil noch Platz war, beschlossen sie, Menschen unterzubringen, die nirgendwo hinkonnten, Bedürftige und frühere Kriminelle. Luzi Lintner, die Hauptgründerin, gestand diesen mehr Verantwortung zu, als jede Behörde es gewagt hätte. Ihre Tür war nie abgeschlossen. Wenn Geld fehlte, war das für sie kein Diebstahl, sondern ein Zeichen, dass die Bewohner etwas brauchten. 2008 ertrank sie, als sie in Bolivien einem Jungen half, über eine Seilbrücke das andere Ufer zu erreichen. Ihr Projekt lebte fort, in Form einer Stiftung.

Es ist ein kühnes Projekt. Für viele Bewohner würden Psychologen eine Einzelbetreuung und Polizisten eine Sicherungsverwahrung empfehlen. Und doch ist es nie zur Katastrophe gekommen. Die Ausgestoßenen leben friedlich zusammen.

Die Bewohner derzeit: zwei Libyer, die nach Monaten im Krieg halb verdurstet in Lampedusa gestrandet sind. Eine Syrerin, die nach den Erfahrungen in ihrer Heimat in Panik ausbricht, sobald sie allein mit einem Mann im Zimmer ist. Eine Italienerin, deren Drogensucht sie ruiniert hat. Ein Schäfer aus der Gegend, der wegen seiner Panikstörung nicht mehr allein leben kann. Und knapp drei Dutzend weiterer schwerer Fälle. Manche bleiben Tage, andere Jahre – je nachdem, wie lange sie brauchen.

Im Inneren des vierstöckigen Hauses, direkt hinter dem Eingang, empfängt den Besucher zuerst der schwarze, nächtliche Sternenhimmel über der afrikanischen Wüste. Ein riesiges Wandgemälde von mehreren Metern Durchmesser, das ein paar afrikanische Flüchtlinge gemalt haben. In den sich schnell verzweigenden Gängen und Treppen dahinter ist alles behängt und tapeziert, Putzpläne neben Graffitikunst, ein Poster von Aretha Franklin neben einem von den Kastelruther Spatzen. Aus der »Oase« im ersten Stock, dem größten Wohnzimmer des Hauses, tönen Gesprächsfetzen, eine Südtirolerin und zwei Syrerinnen versuchen, sich zu verständigen. Sofas und Sessel in allen Farben stehen da, alte, oft beschädigte Möbel, die man geschenkt bekommen hat. Zwischen alledem die 33 Zimmer der Bewohner.

Anklopfen im vierten Stock. Ein Mann im Trainingsanzug öffnet die Tür. Hans, 56, lebt hier mit seiner Frau. Auf der Couch liegt eine Wohndecke, Schrank, Bett, Regale, alles da. Als die beiden vor ein paar Monaten einzogen, war Hans am Ende. Er litt unter Panikstörungen. Im Haus betraute man ihn mit einer einfachen Aufgabe: der Überwachung der Mülltrennung. Um die scherten sich die meisten Flüchtlinge wenig. Immer wieder erklärte Hans es ihnen, sie nickten und warfen weiter alles in einen Sack. Als Hans sich mal wieder aufregte, brach er zusammen, Herzinfarkt. Einer der Afrikaner fand ihn. Sofort begann er mit einem Südtiroler aus dem Haus die Wiederbelebung, 100-mal drücken, zehnmal beatmen. Sie hörten erst auf, als der Krankenwagen eintraf. Ohne ihre Hilfe wäre Hans wohl tot.

Alle kamen Hans im Krankenhaus besuchen: seine Frau, die Flüchtlinge, die sich immer wieder bei ihm entschuldigten, die anderen Bewohner. Als Hans nach Hause kam, wartete Ervin vor der Tür mit seinem Akkordeon und spielte ein Ständchen.

Hans sitzt mit seiner Frau auf dem Sofa, als er die Geschichte erzählt, er hält sie in seinem Arm. Seine Panikattacken sind seltener geworden. »Mir ist klar, dass ich Teil einer Gemeinschaft geworden bin, die es mir manchmal zwar arg schwer macht, aber mich eben auch auffängt.« Und die Mülltrennung? Er grinst. »Die funktioniert jetzt viel besser.«

Karl Pizzinini, 74, schlank, wache Augen, graue Haare, kam Hans besonders oft besuchen. Der ehemalige Pastor arbeitet als Seelsorger in der Klinik. Sein Raum im ersten Stock ist kleiner als der von Hans, an der Wand hängen ein großes Jesuskreuz und Bilder seiner Frau. Seit 13 Jahren ist das Zimmerchen sein Zuhause. Pizzinini lebt am längsten hier, seit dem ersten Tag. Seine Frau hatte das Haus mitgegründet, aber sie starb, noch bevor es eröffnet wurde, an Krebs. Erst wollte Karl Pizzinini in Gedenken an sie nur für ein paar Monate einziehen, dann blieb er und blieb. Gegen die Einsamkeit gibt es für ihn keinen besseren Ort. Er hat alle der mittlerweile 1500 Mitbewohner miterlebt. »Die meisten Menschen sind bei ihrer Ankunft ganz unten.«

Die Soziologin Julia Hahmann von der Universität Vechta hat sich mit dem Projekt befasst und meint, Länder, Kulturen, Sprachen, Alter, Probleme, all das könne unterschiedlicher kaum sein. »Aber sie sind alle in einer Notsituation, sie haben eine gemeinsame Erfahrung der Andersartigkeit«, sagt sie. Ihnen fehle es an Anerkennung und Geborgenheit. »Diese Wertschätzung braucht der Mensch aber, um seine Identität zu bewahren.« Das »Haus der Solidarität« gibt ihnen zurück, was sie verloren haben, es ist ein geschützter Raum, in der sie Anerkennung erfahren.

Das fängt mit dem Einzug an: Die Bewohner werden aufgenommen, nicht obwohl, sondern weil sie Probleme haben. »Die Bedürftigkeit ist das wichtigste Auswahlkriterium. Nur wenn es niemanden gibt, der dem Menschen auf die Beine helfen kann, nehmen wir ihn auf«, sagt Alexander Nitz, einer der drei Mitarbeiter im Haus, ein Quereinsteiger, vorher war er in der PR-Branche. Außerdem, sagt er, müsse die Mischung stimmen. Wenn bereits vier, fünf Alkoholkranke da seien, weise man weitere zugunsten anderer Bedürftiger ab. Das Haus kann nicht alle aufnehmen: Zwei von drei Menschen werden abgelehnt.

Wer es hinein schafft, muss sich zwei Regeln unterwerfen. Nummer eins: Jeder muss etwas tun. Man hat eine Währung eingeführt, die »Solidarios«. Eine Stunde Arbeit wie putzen, kochen oder einkaufen bringt einen Solidario. Hier zu wohnen kostet normalerweise zehn Solidarios plus rund 200 Euro Miete pro Monat, auf die man nur in Härtefällen verzichtet.

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Christian Heinrich bekam im Haus erst mal ein unerwartetes Lob. Die Ausländer im Haus sprechen in der Regel nach ein paar Wochen Italienisch, Deutsch geben die meisten schnell auf: Unmöglich zu lernen, heißt es. Als Heinrich sich vorstellte, sahen ihn die Afrikaner an: Er schreibt wirklich auf Deutsch? Einer ballte die Faust und schlug sie auf die Brust: Respekt!