Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München 16°
Anzeige
Anzeige

aus Heft 46/2014 Kunst

Falsches Erbe

Seite 3: Die Tänzerin

Marianne Moesle 


DIE TÄNZERIN

Sebastian Neubauer, 28, Politikwissenschaftler, Berlin:
»Ich habe die ›Spanische Tänzerin‹, La gitane espagnole, von Gustave Doré 2009 bei Lost Art registriert, der offiziellen Datenbank zur Dokumentation von Raub- und Beutekunst. Ich habe auch bei Lost Art angerufen, weil ich dachte, dass die alles tun würden, um den rechtmäßigen Besitzer zu finden. Aber eine nette Mitarbeiterin meinte, wenn sich jetzt ein paar Jahre lang niemand meldet, na, dann könne ich ja froh sein und das Bild behalten. Da denkt man sich: Was wollt ihr eigentlich?

Ich möchte dieses Bild nicht. Ich möchte es endlich loswerden. Aber Lost Art, Kultusministerium, Pariser Museen, jüdische Museen, Kunsthistoriker: Überall werde ich nur weiterverwiesen. Es gibt in diesem Land offensichtlich keinen Ansprechpartner und keine institutionelle Unterstützung für die private Restitution von Raubkunst. Was, wenn ich das Gemälde bei einer Auktion zum Verkauf angeboten hätte? Ich hätte mit diesem unrechtmäßigen Besitz viel Geld machen können. Aber ich kann mich als Politikwissenschaftler ja nicht ernst nehmen und die Gesellschaft kritisieren, wenn ich mich nicht mit meiner eigenen Geschichte kritisch beschäftige. Dass ich dabei nach so vielen Jahren noch genauso dastehe wie am Anfang, finde ich ziemlich frustrierend.

Als ich klein war, vier oder fünf, hat die Großmutter mich und meine Schwester oft vor dieses Bild in ihrem Wohnzimmer gestellt. Es war der Besitz, den meine Großmutter am allermeisten schätzte.

Im Dezember 1943 wurde die Familie in Leipzig ausgebombt. Aber es gab da so einen kleinen Alukoffer, in den hat die Familie die wichtigsten Papiere, Bargeld und ein bisschen Silberbesteck getan. Und angeblich war auch dieses Bild in dem Koffer, das Wertvollste, was man aus dem brennenden Haus hatte retten können und mit dem man bei Verwandten am Tegernsee untergekommen ist. Das ›älteste Familienerbstück‹ überhaupt, die Tänzerin.

Im Hintergrund sieht man die Musiker, die Figuren sehen nicht gerade freundlich aus, irgendwie gefährlich. Das Gemälde hat mir immer Angst gemacht. Die Großmutter stand oft trotzig daneben und hat uns diese Geschichte erzählt, die sie immer erzählt hat, auch ihren Töchtern und ihrem Mann, den ich nie kennengelernt habe: Sie behauptete, dieses Bild sei das Einzige, was sie an die gute Zeit vor dem Krieg erinnere. Man war großbürgerlich gewesen, mit Mietshäusern in Leipzig, einer Möbelfabrik. Alles verbrannt und enteignet. Das muss einem aber nicht leid tun, denn die Familie war tief in den Nationalsozialismus verstrickt und hat auch nach dem Krieg verhältnismäßig schnell wieder Fuß gefasst.

Großmutters Wohnung lag in einem grauen Wohnblock in München-Schwabing, schräg gegenüber von Gurlitt, aber das war Zufall. 2002 ist sie gestorben und hat meiner Mutter und deren Schwester nicht nur das Gemälde, sondern auch einen Schuhkarton voller Feldpostbriefe hinterlassen, die der Urgroßvater – er war Hauptmann der Wehrmacht – von der Front nach Hause geschickt hatte. Geschrieben in diesem furchtbaren Nazideutsch, mit so grauenhaften Hasstiraden auf Amerikaner und Briten. Und in einem Brief vom 21. Januar 1944 aus Malmaison bei Paris, adressiert an seine damals 18-jährige Tochter, heißt es:

›Der Maler Paul Gustave Louis Doré (1832–1883). Von ihm habe ich ein Bild, eine Tänzerin. Das habe ich ganz billig erhalten, ganz durch Zufall. Das soll nun den Neubau unseres Hauses schmücken.‹

Das muss man erst einmal kapieren, was das bedeutet: ein altes Familienerbstück? Von wegen, alles Lüge! Im Alukoffer gerettet? Nein! Der Urgroßvater hat das Bild aus Paris an den Tegernsee geschickt. ›Ganz durch Zufall erhalten‹: Ich kann mir schon denken, wie dieser Zufall aussah, wie vielleicht einer von Urgroßvaters Adjudanten das Bild aus einem Pariser Depot geholt hat, wahrscheinlich aus jüdischem Privatbesitz.

Oder hat er es selbst einfach von der Wand einer französischen Amtsstube genommen? Er war ein Kunstkenner, und wenn auf dem Bilderrahmen je irgendwelche Hinweise auf die Herkunft vermerkt waren, dann hat er sie abgekratzt.

Aber das war nicht das Schlimmste. Schlimmer für meine Mutter und ihre Schwester war bei dieser Entdeckung die Lüge ihrer Mutter, meiner Großmutter. Die stellt doch retrospektiv ihr ganzes Leben in Frage. Was, wenn es noch andere Unwahrheiten gab? Klar, jetzt sagen alle: Man hätte Verdacht schöpfen können. Man hätte Fragen stellen müssen. Aber wie?

Ich denke, wir brauchen dringend einen offenen Diskurs zur Restitution. Das Doré-Gemälde ist ja kein Einzelfall. 2008, bei der Raubkunstausstellung hier in Berlin, hat es Klick gemacht bei mir, und ich habe verstanden, in wie vielen deutschen Familien noch Kunst und Möbel und Schmuck und Gegenstände vererbt werden, die ganz anderen Familien zustehen. Es gibt da wirklich nichts zu diskutieren. So ein Bild gehört nicht in unser Wohnzimmer.«

(Fotos: Kathrin Spirk, Ramon Haindl, Conny Mirbach, Lucas Kromm)
Anzeige
Seite 1 2 3

Marianne Moesle empfiehlt Menschen, die ein Familienerbstück aus jüdischem Besitz zurückgeben möchten, den Kontakt zur Stiftung »Zurückgeben« (stiftung-zurueckgeben.de). Die unterstützt Projekte von Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen jüdischer Herkunft - war aber auch schon bei solchen Recherchen behilflich.

  • Kunst

    »Das wollen Sie mich wirklich alles fragen?«

    Zuerst schien Sophie Calle schockiert von den Interview-Fragen. Dann erzählte die Künstlerin bereitwillig von ihrem Werk, dem Tod ihrer Eltern, ihrer Leidenschaft für Stierkampf – und der Abschiedsfeier, die sie für ihre Brüste veranstaltet hat.

    Von Tobias Haberl
  • Anzeige
    Kunst

    Warum immer wieder Kunst?

    Seit 20 Jahren gestaltet einmal im Jahr ein Künstler das SZ-Magazin. Die Welt der Kunst hat sich seitdem massiv verändert. Sie gewann an Aufmerksamkeit und Finanzkraft, büßte aber zunehmend ihr Geheimnis und ihr revolutionäres, bewusstseinsförderndes Potenzial ein. Und jetzt? 

    Von Tobias Haberl
  • Kunst

    »Es gibt keine richtige oder falsche Ästhetik«

    Jeff Koons will mit seiner Kunst so viele Menschen wie möglich ansprechen - und verlangt zugleich astronomische Preise dafür. Ein Gespräch über seine pornografische Kunst und die bewusstseinserweiternde Wirkung von Weißbier.