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aus Heft 46/2014 Kunst

Falsches Erbe

Marianne Moesle 

Der Kunstschatz von Cornelius Gurlitt war außergewöhnlich, aber kein Einzelfall: In vielen deutschen Familien werden bis heute Dinge weitergegeben, die einst Juden gehörten. Wer etwas zurückgeben will, bleibt oft auf sich gestellt.



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Die 11. und 13. Verordnung des Reichsbürgergesetzes von 1941 bzw. 1943 besagten, dass Geld und Gut eines jüdischen Mitbürgers, der seinen Wohnsitz ins Ausland verlegt, stirbt oder deportiert wird, ans Deutsche Reich fällt. Der Historiker Götz Aly spricht von einem »staatlich gelenkten, jedoch gemeinnützigen Massenraubmord«.

Vom Einmachglas bis zu Picasso: Alles aus »nichtarischem Besitz« wurde konfisziert, mit Stempel und Quittung. Die Einnahmen der staatlichen Finanzbehörden aus der »Aktion 3«, der Enteignung der in die Vernichtungslager Deportierten, betrugen rund 778 Millionen RM; Wie viele Deutsche insgesamt jüdisches Eigentum günstig ersteigert haben, ist nicht bekannt, allein in Hamburg waren es zwischen 1941 und 1945 100 000 Bewohner. Und bei Ausplünderungen von jüdischen Bürgern griffen viele Nachbarn gern zu.

Übersehen von den Alliierten und dann vergessen, lagern die »Arisierungsakten«, in denen Verkäufe und Einkünfte akribisch vermerkt sind, bis heute als »normale Steuerakten« in den Finanzämtern. Nach dem Kriegsende bis 1949 wurden in München, Wiesbaden und Offenbach »Central Collecting Points« für Raubkunst eingerichtet; 1998 verpflichtete sich Deutschland in der Washingtoner Erklärung, nach entzogenem Kulturgut zu suchen – doch das gilt nicht für Privatbesitz.

Bis zu seinem Tod schwieg Cornelius Gurlitt über die 1518 Kunstwerke, die man bei ihm fand. Genauso wie viele andere, deren Väter, Mütter, Großväter oder Urgroßväter profitiert haben. Unrechtmäßig oder billig erworbenes jüdisches Eigentum ist ein Familiengeheimnis. Viele wissen gar nicht, was in ihren Wohnzimmern hängt und steht. Oder wollen es nicht wissen.

Und wer es doch wissen will, ob private Kunstsammler oder Erben, braucht Durchsetzungsvermögen und muss sich gegen Misstrauen und Gleichgültigkeit wehren. Eine offizielle Anlaufstelle für private Recherchen, woher Kunstwerke stammen, gibt es nicht. Trotzdem wollen manche zurückgeben, was ihnen nicht gehört. Wir haben mit vier von ihnen gesprochen.


RUTHS BÜCHER

Verena Freyer, 36, Marketing-Leiterin, Hamburg:
»Die Bücher waren immer da, aber sie wirkten doch fremd. Die Gemeinschaft der Frommen, eine Erzählung aus dem Hebräischen, Die Sabbatbrecherin, Heinrich Manns Untertan. Sie standen bei uns im Bücherschrank, seit ich denken kann. Als Kind habe ich darin geblättert. ›Ruth Less‹ steht auf allen Innenseiten, in grau-blauer Tusche, schmale Buchstaben, in Altdeutsch geschrieben. Wenn ich danach gefragt habe, ist meine Mutter ganz offen damit umgegangen: Ja, das war eben eine Familie Less, eine jüdische Familie, die mal im Ort gelebt hat. Wo? Im selben Haus wie die Oma in der Breiten Straße, wo der Less auch ein Schuhgeschäft hatte.

Meine Großmutter ist keine große Erzählerin, aber auf Nachfrage konnte sie sich an Ruth erinnern. Einmal, als sie mit ihr im Hof gespielt hatte, habe sie deshalb zu Hause Ärger bekommen und sei erschrocken.

Im Studium habe ich mich viel mit jüdischen Autoren beschäftigt, aber nie in die Less-Bücher reingelesen. Vielleicht weil sie so eine Aura hatten. Weil klar war, dass sie nicht zu uns gehören. Aber immer wieder habe ich versucht zu recherchieren, was aus der Familie Less geworden ist. Ruths Name ist mir sehr vertraut geworden mit der Zeit. Als ich ihn am 26. März 2013 abends wieder bei Google eingebe, finde ich etwas: The Winter´s Journey of my Youth, Memoiren von Helen Studley, geborene Less, 2009 erschienen im Selbstverlag in New York.

Gleich in der Einleitung schreibt Helen von ihrer Schwester Ruth: ›Ruth had been the last link to my past.‹ Ja, auch für mich ist Ruth eine Verbindung zu meiner Vergangenheit. Die ganze Nacht habe ich in den Memoiren gelesen und all die bekannten Namen und Orte aus meiner Kindheit wiedergefunden. Ruth Less hat ihre kleine Schwester Helen aufgezogen. Ruth war ein Freigeist und hat Helen zu den Nudisten im Fluss zum Schwimmen geschickt, als diese für die Olympischen Spiele trainieren wollte. Dann Versteck, Zwangsarbeit, Auschwitz, Befreiung. 2008 ist Ruth mit 97 Jahren in New York gestorben.

Wenn ich schon bei Ruth zu spät dran war, wollte ich die Bücher jetzt wenigstens Helen zurückgeben. Auch wenn mir bewusst war, dass es schwierig für sie sein würde: Taucht da plötzlich die Vergangenheit in Gestalt einer Nachfahrin auf, von Profiteuren vielleicht.

Liebe Helen‹, schrieb ich, auf Englisch, ich übersetze das jetzt mal, und weiter: ›Ich bin aufgewachsen in O., ich habe seit meiner Jugend nach Ihrer Familie gesucht, meine Eltern haben ein paar Bücher Ihrer Schwester Ruth Less. Meine Frage schon seit langer Zeit ist, wo ist der richtige Platz für die Bücher Ihrer Familie? Meine Großmutter Gerda kannte Ruth, möglicherweise auch Sie.‹

Meine Oma war froh, als ich ihr erzählte, dass es die Familie Less nach Amerika geschafft hat. Sie hat mir dann sogar aufgeschrieben, welche Familien außerdem in der Breiten Straße in O. gelebt haben. Wie es halt immer so ist, es kommt alles scheibchenweise. Ich erfuhr auch: Großmutters Stiefonkel muss Anfang 1939 das Schuhgeschäft von Less, vielleicht sogar das ganze Haus samt der Less-Wohnung gekauft haben. Und kaum dass die Less-Familie nach Berlin geflüchtet war, ist Großmutters Stieffamilie – ihr Vater hatte neu geheiratet – in diese Wohnung eingezogen. Mehr als seltsam.

Allein die Vorstellung: Hinein in das gelebte Leben einer anderen Familie. Vielleicht hat Großmutters Familie auf dem Gasherd gekocht, auf dem Helen in der Pogromnacht ihren ersten Blumenkohl gekocht hatte, wie sie schreibt. Es waren auf ein-mal nicht mehr nur die Bücher. Hatte meine Stieffamilie bekommen, was man der Familie Less genommen hatte? Mensch, dann haben wir ja auch von der Verfolgung, vom Unrecht profitiert, habe ich provozierend zu meiner Mutter gesagt. Obwohl es kein ›wir‹ war: Leicht ist es trotzdem nicht für sie. Und wie sage ich es Helen in New York?

Auf meinen ersten Brief gab es keine Reaktion. Deshalb habe ich es noch mal versucht. Diesmal antwortete sie, übersetzt stand in dem Brief: ›Liebe Verena, es gab eine Zeit, in der ich sehr froh gewesen wäre, diese Bücher zurückzubekommen, als Erinnerung an meine Zeit in O., die so brutal beendet wurde. Aber jetzt bin ich an einem Punkt, an dem ich versuche, mein Leben einfacher zu gestalten und jeden Tag zu genießen. Ich bin mir sicher, Sie werden den richtigen Platz für diese Bücher finden.‹Für Helen ist die Vergangenheit vorbei. Ich respektiere das natürlich, auch wenn ich froh gewesen wäre, wenn sie gesagt hätte: Ja, ein Buch nehme ich gerne als Andenken. Ich denke, ich werde die Bücher von Ruth nun endlich lesen.«
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Marianne Moesle empfiehlt Menschen, die ein Familienerbstück aus jüdischem Besitz zurückgeben möchten, den Kontakt zur Stiftung »Zurückgeben« (stiftung-zurueckgeben.de). Die unterstützt Projekte von Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen jüdischer Herkunft - war aber auch schon bei solchen Recherchen behilflich.

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