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aus Heft 46/2014 Stil leben

Blaue Magie

Von Susanne Schneider 

Wir könnten nichts anderes tun, als aufs Wasser zu schauen. Warum zieht es uns so an?


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Wie ich mir mein Leben träume? Am Wasser sitzend. Am See, am Fluss, am Meer – irgendwo. Und ich schaue drauf. Und schaue und mache nichts. Vielleicht bringt mir jemand einen Drink vorbei, aber das muss nicht sein. Und irgendwann wird die Sonne untergehen. Und dann geh ich ins Bett. Und freue mich auf morgen, weil ich dann wieder aufs Wasser schauen kann. Und übermorgen auch. Viel mehr will ich nicht. Und wenn mich jemand fragt, was hast du am Wochenende gemacht, möchte ich sagen können: Ich habe aufs Wasser geschaut.

Ich finde, ich habe mir das verdient. Habe zwei Kinder großgezogen, gearbeitet, Geld in die Familie gebuttert, darauf geachtet, dass das Klopapier nicht ausgeht, mich um meine alte Mutter gekümmert, meistens versucht, zum Abendessen was Gesundes zu kochen. Ich bin in einem Alter, wo es Zeit wird, seine Träume wenigstens ein bisschen wahr werden zu lassen. Mein erster Schritt: Ich habe ein Campingmobil gekauft. Weil ich nicht nur wasser-, sondern auch sommersüchtig bin, wollte ich so ein Auto; nichts Großes, nur dass man schlafen kann darin, und an jedem Sommerabend nach dem Büro wollte ich rausfahren an den See, auf das Wasser schauen, schwimmen, in den Biergarten gehen und dann mit Blick auf das Wasser einschlafen. Wasser ist mein kleines Stück vom Glück. Am Morgen wäre
ich früh aufgestanden, geschwommen und wieder in die Stadt ins Büro gefahren. Man wacht ja früh auf in so einem Ding. Und abends alles wieder von vorn. Es wäre ein großer Sommer geworden.

Das Wetter hat nicht mitgespielt. Aber das war es nicht allein. Mein Traum klingt simpel, die Umsetzung ist schwierig: Jeder Firlefanz ist wichtiger als meine Sehnsucht. »Können wir nicht morgen Abend zum Media Markt fahren und heute an den See?« – »Das Sonderangebot gilt nur noch heute, schau doch morgen auf dein Wasser.« Und natürlich war morgen irgendetwas anderes los. Immerhin, ich habe das Campingmobil gekauft, habe die Wochenenden an vielen oberbayerischen Seen verbracht, die Schiebetür des Autos aufgemacht, mich hingesetzt, auf Wasser geschaut. Und auf die wiederkehrende Frage: »Was machst du, wenn dir dabei langweilig wird?«, habe ich geantwortet: »Die Frage ist falsch gestellt. Wenn mich alles andere langweilt, schaue ich aufs Wasser.«

So ging der Sommer vorbei. Und mir wurde beim Schauen auf Wasser eine Menge klar, über mich, mein Leben, meine Wünsche. Nur eines konnte ich mir nicht beantworten: Warum? Was ist so faszinierend daran, Stunde um Stunde den See, die Wellen, die Gischt zu beobachten? Das Hüpfen der Boote, das Spiel der Wasserfarben von Türkis nach Schwarz und Grün und wieder zurück? Lass ein Kind pritscheln, und der Urlaub geht klar. Ich habe fast alle meine Freunde gefragt, und zurück kamen immer zwei Antworten: Es sei die unendliche Weite, die einen beim Anblick des Meeres berühre, und die Ruhe, die das Wasser ausstrahle. Ja, mich macht Wasser auch ruhig. Doch das soll die ganze Antwort darauf gewesen sein? Erklärt das, warum Millionen von Touristen jedes Jahr an die Seen und ans Meer reisen, sich wirklich Reiche Yachten kaufen, andere Segelboote, ich mir ein Tuch am Strand? Warum sind Hotels in der ersten Reihe zum Wasser teurer als die in der dritten, Häuser mit Seeblick teurer als Häuser ohne?

Klar, ein paar Antworten kann man sich selbst schnell geben: weil eine enge Verbindung von Wasser und Mensch herrscht, weil alles Leben im Wasser entstanden ist, weil der Mensch zu etwa drei Viertel, das Gehirn sogar zu achtzig Prozent aus Wasser besteht, weil es Wasser in allen Aggregatszuständen gibt: flüssig, gefroren, als Schnee, als Dampf, weil man ohne Wasser zu trinken schnell stürbe. Aber was genau sagt uns das? Ich beschloss, den Herbst zu nutzen und dieser Frage auf den Grund zu gehen.

Als Erstes habe ich im Archiv der Süddeutschen Zeitung gefragt. Zurück kam eine einzige Seite mit dem handgeschriebenen Hinweis: »Streift am Rande Ihre Fragestellung«. Nicht mal Mare, jene Zeitschrift, die schon im Namen trägt, womit sie sich beschäftigt, ist dieser Frage je nachgegangen. Dann schrieb ich an die Pressestelle von TUI: Sie verkaufen jedes Jahr Hunderttausende von Hotelzimmern mit Meerblick, hat sich bei Ihnen vielleicht jemand Gedanken darüber gemacht, was die Menschen am Blick aufs Wasser so fasziniert? »Leider nein«, lautete die Antwort. Nun mailte ich Christian van Zwamen, 43, der seit zwanzig Jahren zur See fährt und Kapitän des Kreuzfahrtschiffes MS Europa 2 ist. Seine Antwort, die er zwischen Dikili in der Türkei und Myrina in Griechenland schrieb, gab mir zum ersten Mal eine Ahnung: »Mich fasziniert am Wasser, dass es so ambivalent ist. Zum einen macht es die Küste überhaupt erst zur Küste, andererseits ist es für den Seemann das verbindende Element zwischen ihnen. Das Meer schränkt nicht ein, es lässt einem die freie Wahl, welchen Kurs man einschlagen möchte. Es lässt den Seemann aber niemals im Unklaren darüber, wer der Stärkere ist, man kann immer nur mit dem Meer fahren, niemals dagegen. Selbst bei spiegelglatter See zeigt einem die schiere Größe des Ozeans die wahren Verhältnisse, man kann sich selbst nicht mehr so ernst nehmen, wenn man die ungeheuren Ausmaße des Ozeans vor Augen hat.«
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Susanne Schneider

erfuhr, dass in Umfragen die überwiegende Mehrheit der Menschen als Lieblingsfarbe Blau angibt. Trotz ihrer eigenen Liebe zum Wasser muss Schneider gestehen: Ihre Lieblingsfarbe ist Rot.

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