Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München 17°
Anzeige
Anzeige

aus Heft 47/2014 Politik

Unter falscher Flagge

Von Till Krause  Fotos: Remco Torenbosch

Europäische Behörden sollen dazu neigen, alles bis ins kleinste Detail zu regeln. Umso erstaunlicher, dass der Kontinent an einer simplen Aufgabe scheitert: der einheitlichen Farbe der Fahne.


Anzeige
Die EU-Kommission regelt so einiges. Etwa die Länge von Schnullerketten
(22 Zentimeter), die maximale Wattzahl von Staubsaugern (1600) oder den Verkauf von Glühlampen (bis 2016, dann sind sie verboten). Einheit durch Vereinheitlichung.

Demnach dürften die blauen Stoffe auf den vorherigen Seiten für Europas Bürokraten ein Albtraum sein. Denn da gleicht kein Blau dem anderen – dabei sollten die Blautöne eigentlich nicht zu unterscheiden sein.

Zusammengetragen hat die Stoffe der niederländische Künstler Remco Torenbosch. Er hat in jedem EU-Land einen Stoffhersteller gebeten, ihm eine Warenprobe in genau dem Farbton zu schicken, den die Europäische
Union für ihre Fahne festgelegt hat: Pantone Reflex Blue, Farbwert RGB 0/51/153.

Doch statt des Einheitsblaus bekam er ein Potpourri der Farbtöne: Das EU-Blau aus Dänemark und Ungarn ist fast schwarz, der Stoff aus Lettland spielt ins Hellblaue. Zwischen Deutschland und Österreich mag es kulturell wenige Unterschiede geben – in der Farbe ihrer Fahnen unterscheiden sie sich gewaltig.

Dabei hat sich Europa so viel Mühe mit der Flagge gegeben. Hunderte Briefe waren zwischen Beamten hin- und hergeschickt worden, bis sich 1955 nach fünf Jahren der Suche (und ungezählten, teils grotesk grünlich-gepunkteten Vorschlägen) das Design der blauen Fahne mit zwölf gelben Sternen durchsetzte. Eigentlich war diese Flagge nur für den Europa-rat gedacht. 1985 einigten sich die verschiedenen europäischen Institutionen darauf, die Fahne für die gesamte Europäische Union zu verwenden. Jeder, der mal eine Wandfarbe im Vierpersonenhaushalt bestimmen wollte, kennt das Problem: Bevor nicht alle ausgiebig über den Entwurf beraten haben, kommt keine Entscheidung zustande.

Dumm nur, dass der Rest der Welt sich nicht immer auf das Tempo der Europäischen Bürokratie einlässt. Während in Europa noch über eine passende Fahne diskutiert wurde, wanderten die Firmen ab, die so eine Fahne einheitlich herstellen könnten. Europa war mal treibende Kraft der Textilindustrie, heute stehen die großen Fabriken in China. »Die wenigen Firmen, die noch in Europa produzieren, sind oft so heruntergewirtschaftet, dass ihre Maschinen sich nicht mehr auf den passenden Farbton kalibrieren lassen«, sagt Torenbosch. In seiner Heimat Niederlande fand er nur noch einen Hersteller, der den Stoff in der nötigen Qualität einer Fahne überhaupt produzieren konnte dies dann aber in einer Farbe, die ein paar Helligkeitsstufen unter der EU-Vorgabe liegt.

Hängen an niederländischen Fahnenstangen nun wirklich dunklere EU-Fahnen als in Kroatien oder Irland? Schwer zu sagen: Jede Institution kann selbst entscheiden, wo sie ihre Flaggen kauft. Die Vertretungen der EU-Kommission in Berlin, Bonn und München haben die Europafahnen an ihren Amtsgebäuden bei deutschen Herstellern bestellt, in den Innenräumen jedoch hängen günstigere Modelle aus dem Ausland. Und die Pressestelle der Europäischen Kommission erklärt, dass die meisten Fahnen im jeweiligen Land gekauft werden, doch wo sie hergestellt wurden, lasse sich kaum herausfinden. Vermutlich ist es also egal, ob die Firmen in Europa ein einheitliches Blau hinbekommen – die meisten EU-Fahnen stammen offenbar ohnehin aus Asien.

(Fotos aus dem Buch: Remco Torenbosch: European contextualising in analytical and ethnographical representation on history and the present, Black Dog Publishing London, 2013)

Anzeige

Remco Torenbosch hat vor zwei Jahren für eine Ausstellung in Italien einen Vorhang im offiziellen Farbton der Europafahne bestellt und sein blaues Wunder erlebt: Der Stoff war türkis. Seitdem sammelt er Stoffmuster der Farbe Pantone Reflex Blue - oder eben das, was Hersteller unter diesem Namen verkaufen.

  • Politik

    »Eigentlich sind die friedlichen Zeiten vorbei«

    Wir haben Politiker der sechs größten Parteien Fragen stellen und Erstwähler darauf antworten lassen. Heraus kam ein Stimmungsbild der jungen Generation in Deutschland, die so vielfältig wie engagiert ist.

    Von Xifan Yang
  • Anzeige
    Politik

    Noch mehr erste Stimmen zur Wahl

    Wir haben die Spitzenkandidaten der wichtigsten Parteien gebeten, aufzuschreiben, was sie von Erstwählern wissen wollen – und junge Menschen antworten lassen. Hier können Sie die Antworten der Erstwähler lesen, die im Heft leider keinen Platz mehr fanden – darunter Popsänger Lukas Rieger und Schauspielerin Mercedes Müller.

    Protokolle: Xifan Yang, Marcel Laskus, Daniela Gassmann, Marlene Halser, Manuel Stark, Eva Hoffmann,
  • Politik

    Der Mann, der weiß, wie man Wahlen gewinnt

    Der Meinungsforscher Manfred Güllner durchschaut das Politikgeschäft wie kaum ein zweiter – und weiß genau, welcher Kandidat Kanzlerformat hat und welcher nicht.