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aus Heft 47/2014 Politik

Fahrt zur Hölle

Christoph Grabitz  Fotos: Yannick Tylle

Damit sie zu frommen Muslimen bekehrt werden, werden jedes Jahr Hunderte Jugendliche nach Somalia entführt - von ihren eigenen Familien. Dies ist die erschütternde Geschichte von Amina.



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Amina versteckt unter ihrem Kopftuch Musik. In den Saum des blickdichten Stoffs hat sie eine kleine Tasche eingenäht, dort sitzt der Mp3-Player, quietschgrün, klein wie eine Streichholzschachtel, von außen nicht zu erahnen. Popmusik von Rihanna ist darauf, Reggae aus Jamaika und Hip-Hop der Skandalrapper Krept and Konan aus Süd-London. Es ist der Soundtrack ihres Lebens vor der Entführung.

Am 21. Juli 2013, einem Sonntag, landet eine altersschwache Maschine vom Typ Antonow auf der staubigen Piste des internationalen Flughafens von Berbera, Somaliland. An Bord sitzen Amina und ihre Mutter. Das Flugzeug gehört der einzigen Fluglinie, die es in Somalia noch gibt, Jubba Airways, es kommt aus Abu Dhabi. Amina sieht das Land vor dem Fenster zum ersten Mal. Das türkisfarbene Wasser des Golfs von Aden. Die Dächer der Wellblechhütten, wie zufällig in das Gestrüpp der Steppe und die rotbraune Erde geworfen. Der Flug-hafen Berbera hat die längste Landebahn Afrikas, ein Überbleibsel der Interessenpolitik der USA, ein Trumm Beton von vier Kilometern Länge, von 1980 bis 1991 hielten die Amerikaner es als Notlandebahn für ihr Spaceshuttle in Bereitschaft. Ein Raumschiff ist hier aber noch nie gelandet, von Urlaubsfliegern mit lustigen Touristen an Bord ganz zu schweigen.

Amina freut sich auf die Sommerferien. Zu Anfang der Reise, in Birmingham, verpassten Mutter und Tochter das Flugzeug. Ohne zu zögern kaufte die Mutter neue Tickets zum vollen Preis. Das hätte sie stutzig machen müssen, sagt Amina später. Aber sie sei nicht auf die Idee gekommen, dass die Mutter sie allein lassen würde. »Mum und ich«, sagt sie, als hätte es die Entführung nicht gegeben, »können über alles sprechen, wir sind wie Schwestern.«

In jener Maschine nach Abu Dhabi legen Mutter und Tochter ihre Kopftücher an. In England hat Amina das Kopftuch nur getragen, wenn sie es wollte. In den Vereinigten Arabischen Emiraten ist es Pflicht. »Oh Prophet!«, heißt es in Sure 33,59 des Korans, »sprich zu deinen Gattinnen und zu deinen Töchtern und den Weibern der Gläubigen, dass sie sich in ihren Überwurf verhüllen. So werden sie eher erkannt als ehrbare Frauen und werden nicht belästigt.«

Amina ist 16 Jahre alt, aufgewachsen ist sie in England, und sie ist, als wir sie zum ersten Mal treffen, seit Monaten in einem der gefährlichsten Länder der Welt auf der Flucht. Ihre Mutter hat sie aus ihrer Heimat England in die Staatenruine Somalia gebracht und dort ihrem Schicksal überlassen. In Wirklichkeit heißt sie nicht Amina.

Jedes Jahr zur Ferienzeit werden Hunderte Jugendliche aus Europa und Nordamerika nach Somalia deportiert, damit aus ihnen fromme Moslems werden. »Dhaqan Celis« heißt das drakonische Erziehungsmodell auf Somalisch: »Zurück zur Kultur«. Es ist ein Millionengeschäft – in einem völlig verarmten Land.

Nach mehr als 25 Jahren Bürgerkrieg gibt es in Somalia keine stabile Regierung mehr, keinen Rechtsstaat, kaum westliche Botschaften. Endlose Clan-Fehden haben das Land tief gespalten, es gilt als Brut-stätte für Terrorismus und Piraterie. Und ausgerechnet hier sollen verwirrte Teenager auf den Pfad der Tugend zurückgeführt werden.

Aminas Mutter flüchtete 1995 vor dem Bürgerkrieg in Somalia in die Niederlande. Am 30. Juni 1997 kam Amina in Almelo in der Provinz Overijssel auf die Welt. Kurze Zeit später trennten sich Aminas Eltern, die Mutter zog mit Amina und ihrer älteren Schwester nach Birmingham, England, heute arbeitet sie dort in einem Krankenhaus als Kinderkrankenschwester.

Amina spricht kaum Somalisch. Zu Hause sprach die Familie Englisch, das ist Aminas Muttersprache. Sie hat im Sommer 2013 das GCSE-Examen am Joseph Chamberlain College in Birmingham gemacht, einen ersten berufsqualifizierenden Schulabschluss. »Sie war eine gute Schülerin. Etwas verschlossen, aber das ist wohl normal in dem Alter«, sagt eine ihrer Lehrerinnen, die im Gespräch mit dem SZ-Magazin anonym bleiben will.

Nach ihrer Ankuft holen Verwandte Amina und ihre Mutter in Somaliland ab und bringen sie in die Stadt Burao, in die Region Togdheer, der Subclan der Mutter stammt von hier. Wie fast alle der etwa 1,1 Millionen Somalis, die vor dem Bürgerkrieg ins Ausland geflüchtet sind, hat die Mutter monatlich Geld zurückgeschickt, ansonsten hat sie seit zwanzig Jahren nur wenig Kontakt.

Was ein Mensch im Leben erreichen kann, wer Freund und wer Feind ist – all das definiert sich in Somalia über den Clan. Aminas Mutter gehört zu den Isaaq, dem dominanten Clan in Somaliland. Aminas Vater hingegen – und auf den kommt es für eine Frau an – gehört dem Clan der Hawiye an, die haben die Region um die Hauptstadt Mogadischu in der Hand. Egal, wo auf der Welt Somalis sich treffen, beten sie zunächst lautstark ihre Ahnenkette herunter, wenn nötig bis hinunter zu Mohammed, dem großen Propheten. Das kann sehr lange dauern, ist aber von elementarer Bedeutung: Es ist der Clan, der darüber entscheidet, ob die Chemie zwischen Somalis stimmt.

Amina trägt bei ihrer Ankunft in Burao ein schlichtes Band aus Leder um den Hals, daran ein Amulett aus Holz. Es ist ein Geschenk von ihrem ersten Freund, einem Jamaikaner muslimischen Glaubens, älter als sie, nennen wir ihn Malik, er hat es ihr zum Abschied gegeben, pass auf dich auf, bis nach den Sommerferien. Ja, bis bald.

Mit Malik hat Amina Reggae gehört, sie hat auch zum ersten Mal mit ihm gekifft. Mit glasigen Augen und weit nach der vereinbarten Zeit kam sie nach Hause. Sie fläzte sich auf das Sofa, sie lachte, lachte, lachte.

Der neue Mann der Mutter, ein Araber, den Amina nicht mag, verprügelte sie dafür. Die Mutter weinte und sagte, er solle aufhören. Irgendwann, sagt Amina, sei die Mutter vor die Tür gegangen, um eine Zigarette zu rauchen. Eigentlich hätte sie mit dem Rauchen längst aufgehört.

Sure 4,34 des Korans regelt die Bestrafungen, die Frauen im Islam zuteilwerden können: »Die rechtschaffenen Frauen sind Allah demütig ergeben und achten mit Allahs Hilfe auf das, was verborgen ist. Und wenn ihr fürchtet, dass sie sich auflehnen, dann vermahnt sie, meidet sie im Ehebett, schlagt sie!«

Mit Malik, sagt Amina, habe sie auch geschlafen, ihr erstes Mal. Sie zerrt den schwarzen Stoff ihres Kopftuchs vor ihren Mund und beißt mit den Zähnen darauf, wenn sie davon spricht, ihre Hände verknoten sich, es ist ihr peinlich. »Malik hat mir gesagt, er nehme die Pille für den Mann.« Kurze Zeit später war Amina schwanger.
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Christoph Grabitz war für diese Reportage drei Wochen unterwegs, unterstützt durch das Seminyak-Recherchestipendium. Kurz vor der Abreise aus Somalia bekam Grabitz eine Morddrohung auf sein Handy: »Wir beobachten dich.« Grabitz verzichtete aus Furcht vor Scharfschützen darauf, seine Wäsche auf dem Dach des Hotels zum Trocknen aufzuhängen.

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