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aus Heft 48/2014 Essen & Trinken

»Karotten können die Welt verändern«

Lars Reichardt (Interview)  Illustrationen: Rutu Modan

Deswegen drängt die Köchin Alice Waters seit Langem darauf, dass sich jeder einen Gemüsegarten anlegt - besonders die Familie Obama.


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SZ-Magazin: Frau Waters, wie lautet Ihr berühmtes Schuh-Rezept?

Alice Waters: Wenn Sie Werner Herzogs Schuh meinen: Ich habe versucht, ihn wie ein Confit in viel Entenfett zuzubereiten, weil ich hoffte, stundenlanges Einkochen könnte das Leder aufweichen. Aber es hat nicht hingehauen. Der Schuh war zu hart. Werner konnte ihn kaum schneiden. Kein Wunder, es war eine Art Schnürstiefel, nichts Elegantes. Ich habe eine Menge Zeit und Knoblauch auf einen Scherz verschwendet.

Hat Werner Herzog den Schuh wirklich gegessen, den Sie 1980 für ihn gekocht haben, nachdem der Regisseur eine Wette verloren hatte? Oder hat er bloß so getan?
Er hat ihn nicht aufgegessen, aber ein paar Bissen hat er schon hinuntergewürgt. Werner ist ein guter Freund, ich kenne ihn seit mehr als vierzig Jahren. Er liebt gutes Essen und hat mein Restaurant in Berkeley oft besucht. Über »Chez Panisse« weiß er besser Bescheid als viele andere.

Regisseure, Schauspieler, Produzenten, Politiker gehören inzwischen zu Ihren Gästen bei »Chez Panisse«, das sie 1971 eher als legeres Hippie-Lokal gegründet haben, das aber rasch zu einem der besten Restaurants der USA aufstieg. Für wie viele amerikanische Präsidenten haben Sie schon gekocht?
Für Clinton und Obama, für den allerdings, kurz bevor er Präsident wurde. Für einen der obersten Richter der USA habe ich auch schon gekocht.

Wie vielen Präsidentengattinnen haben Sie Briefe geschrieben, um sie davon zu überzeugen, einen Gemüsegarten im Weißen Haus anzulegen?
Hillary Clinton habe ich einen sehr langen Brief geschrieben, als sie ins Weiße Haus gezogen ist. Bei Laura Bush wäre ein Brief von mir sicherlich nicht gut angekommen. Bei Michelle Obama hatte ich sogar persönlich die Gelegenheit, ihr kurz vor ihrem Umzug ungefragt Rat zu geben.

Ihr Rat lautet stets: Karotten können die Welt verändern, legt alle einen Gemüsegarten an! Richtig?
Ja, in Maßen können Karotten das durchaus, wenn sie aus biologischem Anbau stammen, zur richtigen Jahreszeit und vor allem in der Nähe des Verbrauchsorts geerntet werden. Essen ist Politik, und mit Verstand zu essen, zu kochen und Gemüse anzubauen, gehört zu den wichtigsten Dingen, die man derzeit tun kann. Wir sollten wissen, woher unser Gemüse kommt, und die Leute achten, die es für uns anbauen. Wir müssen uns um die Leute kümmern, die sich um das Land kümmern. Das gehört für mich alles zusammen. Essbare Pflanzen offenbaren uns einige wunderbare Geheimnisse des Lebens.

Hat Hillary Clinton Ihren Brief beantwortet?
Ja, sie ist die gute Freundin einer guten Freundin, sie schrieb, dass sie bereits einen kleinen Garten auf dem Dach des Weißen Hauses angelegt habe, in dem sie Tomaten anbaue, sie war recht begeistert davon. Wir haben uns oft getroffen, sie war mehrmals zu Gast im »Chez Panisse«.

Und Michelle Obama?
Ein Gemüsegarten war schon immer ihr Herzenswunsch. Sie verstand auch den symbolischen Wert, den so ein Garten im Weißen Haus für die vielen Gemüsegärten an Schulen im ganzen Land haben würde. Ich habe ihr gegenüber die Wichtigkeit nur unterstrichen, so wie der Food-Autor Michael Pollan oder ihr Koch Sam Kass, der mit der Idee der Schulgemüsegärten schon aus Chicago vertraut war. Er hat sicher den größten Einfluss auf Michelle Obama, ich habe nur in den Chor eingestimmt. Sie hat den Garten dann auch gleich nach ihrem Einzug angelegt und dazu Kinder eingeladen. Eine ganz bezaubernde Idee. Hätte ich nicht besser machen können. Es gibt auch einen Komposthaufen und einen schönen Bienenstock. Und die Präsidentenfamilie isst tatsächlich aus ihrem Gemüsegarten. Sam erntet das Gemüse täglich. Natürlich reicht es nicht für die großen Dinners, dafür ist er zu klein. Die meisten Schulgärten sind viel größer.

Macht sich Michelle Obama im Garten selbst die Hände schmutzig?
Kann ich nicht sagen. Es gibt viele Fotos, auf denen sie im Garten zu sehen ist. Aber sie glaubt mit Sicherheit an die grundsätzliche Bedeutung von Gartenarbeit.

Hat Barack Obama den Pfirsich gegessen, den Sie ihm zur Amtseinführung geschenkt haben?
Ich hatte mir fest vorgenommen, ihm einen Pfirsich zu geben, ich habe sogar davon geträumt, wie ich ihm einen überreiche. Ich dachte, wenn Barack Obama in einen perfekten Pfirsich beißt, würden seine Sinne erwachen und er würde zwangsläufig anders über Essen denken. Aber er kam leider ganz spontan in meinem Lokal vorbei, lange bevor die Pfirsiche reif genug waren. Ich gab ihm deswegen einen Apfel. Eine Theaterautorin hat allerdings meinen Traum in einem ihrer Stücke zitiert, so wurde die Pfirsichübergabe eine Legende, und viele glauben bis heute, sie hätte tatsächlich stattgefunden. Hat sie aber nicht. Obama war mir aber gleich sympathisch, er bestellte sofort das Brombeereis, als er es auf der Karte entdeckt hatte.

1995 haben Sie den ersten Gemüsegarten für eine öffentliche Schule in Berkeley angelegt, um die Ernährung vieler armer Einwandererkinder zu verbessern. Inzwischen haben viele Schulenin den USA Ihre Idee aufgegriffen. Auch Maria Shriver, die Ex-Frau von Arnold Schwarzenegger, zählt zu Ihren Unterstützern. Schätzen Republikaner Ihre Idee genauso wie Demokraten?
Ich weiß nicht, ob sich viele Republikaner für Schulgärten engagieren, aber viele von ihnen haben selbst einen Gemüsegarten zu Hause. Vielleicht ist die Idee parteipolitisch gar nicht so umstritten.
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Lars Reichardt hatte über Alice Waters gehört, sie habe mal für Jimi Hendrix gekocht. Zwar erinnert sie sich an viele berühmte Gäste nicht mehr und ist ansonsten ein sehr diskreter Mensch - doch sie verriet, dass Jimi Hendrix definitiv nicht unter ihren Gästen war. Ihr Buch The Art of Simple Food - Rezepte und Glück aus dem Küchengarten ist kürzlich bei Prestel erschienen.

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