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aus Heft 49/2014 Sex

Hautaufgaben

Seite 2: Die Täter aus der Odenwaldschule hatten in ihrem Leben keinerlei Sexualerziehung gehabt.

Rainer Stadler  Illustrationen: Monica Ramos


Vor acht Jahren stellte Alice Schwarzer in der Zeitschrift Emma die Frage »Zu jung für Sex?«. Eigentlich war es eine Feststellung. Schwarzer echauffierte sich über eine Kollegin in der Redaktion, weil diese zuließ, dass ihre fünfzehn Jahre alte Tochter zusammen mit ihrem 18-jährigen Freund bei ihr zu Hause übernachtete. Sie tun es ja eh, dann doch lieber zu Hause, fanden Schwarzers jüngere Kolleginnen. »Das kann doch nicht alles sein, was verantwortungsvolle Eltern dazu zu sagen haben«, schimpfte Schwarzer. Sex sei viel mehr als eine körperliche Übung, »dazu braucht es nicht nur körperliche, sondern auch seelische Reife.« Auch die Publizistin Barbara Sichtermann äußerte sich in dem Heft: Es sei ja leider so, »dass Sexualisierung funktioniert, das heißt, dass einem Teenie, der eigentlich von Sex noch gar nichts wissen will, die erotische Sicht auf die Dinge des Lebens aufgenötigt werden kann«. Man könne Kinder durch entsprechende Angebote zu einer verfrühten Entpuppung ihrer erotischen Persönlichkeit drängen. »Man kann es aber auch lassen.« Es seien die Erwachsenen, »die ihren Übergriff auf die junge Generation mit der Ideologie der Freiheit verbrämen«. Dieses Freiheitsverlangen habe seine Berechtigung gehabt, als die Sexualität noch von Tabus umstellt war. Doch inzwischen sei das Pendel umgeschlagen: »Sex ist Pflicht. Und so sei die Frage erlaubt, ob das auch für das Kind gelten muss.«

Werde das sexuelle Interesse verfrüht stimuliert, sei auch die Ruhe hin, die die intellektuelle Neugier begleitet und den Kindern Lebensbereiche erschließt, die sie gerade nicht auf die Geschlechterrolle vorbereiten. »Die kommt noch früh genug und ergreift dann ohnehin Besitz von der ganzen Persönlichkeit«, meint Sichtermann. Bereits vor drei Jahrzehnten befand der US-Medienforscher Neil Postman in seinem Buch Das Verschwinden der Kindheit, die Kindheit sei zum Teil dadurch definiert, dass »sie für dieses Lebensalter die Abschirmung vor den Geheimnissen der Erwachsenen und besonders den sexuellen Geheimnissen verlangt«.

Der Unterschied zur heutigen Debatte? Die Emma-Autorinnen und Postman sahen die größte Gefahr in der sexuellen Aufladung der Kindheit durch Werbung, Fernsehen und Konsumartikel wie die Barbie-Puppe, nicht im Schulunterricht. Davon abgesehen geistert die Sorge vor der Frühsexualisierung der Kinder offenbar nicht nur in den Köpfen rückständiger Eltern. Die Sache ist komplizierter – allerdings auch komplizierter, als es sich viele Eltern vorstellen.

Uwe Sielert, Sozialpädagoge in Kiel, beschäftigt sich seit dreißig Jahren mit der Sexualerziehung in Deutschland. Er sagt: »Frühsexualisierung ist heute ein Kampfbegriff gegen eine Sexualerziehung, die die Sexualität von Kindern ernst nimmt.« Das Wort suggeriere, Kinder würden dadurch zu früh mit sexuellen Dingen konfrontiert. Das Gegenteil sei der Fall: Sielert hat gerade eine Studie fertiggestellt, befragt wurden hundert Grundschullehrkräfte in Schleswig-Holstein. Die Hälfte von ihnen gab an, dass im Unterricht viele Kinder in Sachen Sexualität Fragen stellen und Themen ansprechen, die für ihr Alter eigentlich unangemessen seien. Das wundert Sielert nicht, denn nie waren sexuelle Darstellungen und Bilder so leicht zugänglich wie heute. Nur: Wer beantwortet die Fragen dieser Kinder jetzt am besten? Von den Mitschülern hätten sie nur Halbwissen zu erwarten, argumentiert Sielert. Mit den Eltern sprechen anderen Untersuchungen zufolge nur etwa zwei Drittel der Kinder im Alter von sechs oder sieben Jahren über Sexualität, bei den Zehn- bis Zwölfjährigen ist es nur noch ein Drittel. »Kinder wollen ihre Eltern nicht beschämen«, erklärt Sielert. Kurz gesagt: Die Kinder sind längst sexualisiert, folglich sei es an Kindergarten und Schule, sie vor Ängsten und Irrwegen zu schützen, also: umfassend aufzuklären.

Sielert saß am Runden Tisch, der 2010 als Reaktion auf den Missbrauchsskandal der katholischen Kirche und der Odenwaldschule entstand. Eine Lehre aus dieser Zeit: Die Täter hatten in ihrem Leben keinerlei Sexualerziehung gehabt, »sie hatten kein positives Verhältnis zu ihrer eigenen Sexualität und vermischten sie mit Machtgelüsten. Am Ende haben sie sich genommen, was sie glaubten, was ihnen zusteht«, wie Sielert sagt. Allerdings steht auch er selbst bei diesem Thema in der Kritik: Gerade die sexualfreundliche Erziehung, die er propagiert, verwische die Grenzen zwischen Schülern und Lehrern und begünstige damit den Missbrauch – siehe Odenwaldschule. Sielert hält dem entgegen, an der Odenwaldschule habe »ein klebriges, kumpelhaftes Sexualmilieu« vorgeherrscht. Hätte es dort Sexualerziehung gegeben, wäre dieses Klima kaum möglich gewesen,argumentiert er, »weil die Missbrauchsopfer dann eine Stimme bekommen hätten«. Für seine These spricht, dass auch die Missbrauchsopfer in den katholischen Internaten oft schwiegen, weil ihnen buchstäblich die Worte für das fehlten, was ihnen widerfahren war; Worte wie Oralverkehr oder Analverkehr. Natürlich, räumt Sielert ein, führe Sexualerziehung zu Irritationen, bei Eltern wie bei den Kindern, besonders wenn es um Lebensentwürfe geht, die den eigenen Erfahrungen widersprechen, etwa die Partnerschaft von zwei Frauen oder Männern. Gerade diese Irritation ermögliche es aber, Vorurteile abzubauen.

Doch was ist Irritation, was Zumutung? Elisabeth Tuider, Leiterin des Fachgebiets Soziologie der Diversität an der Universität Kassel, hat ein Buch mit 70 praktischen Übungen zur Sexualerziehung für Lehrer und Sozialarbeiter herausgegeben. Der Titel: Sexualpädagogik der Vielfalt. In einer Übung sollen 15-jährige Schüler »galaktische Sex-Praktiken« erfinden, dazu das entsprechende Sex-Spielzeug wie auch »erotische Musikstücke«. Ziel: Es soll »einem zu engen Sexualitätsbegriff entgegengewirkt werden«. In einer anderen Übung gilt es, einen »Puff für alle« zu errichten, der die Bedürfnisse eines »weißen heterosexuellen Mannes« ebenso erfüllt wie die einer »lesbischen Trans-Frau«. Die Schüler sollen sich mit der Innenraumgestaltung des Puffs beschäftigen oder auch mit der Frage, wer dort arbeitet. Damit würden die Schüler sensibilisiert »bezüglich marginalisierter Lebensformen und sexueller Vorlieben«. Der von Tuider vorgeschlagene Lehrplan hat Proteste in der Öffentlichkeit ausgelöst, der türkisch-stämmige Autor Akif Pirinçci schäumte auf Facebook: »Noch vor dreißig Jahren hätte man so eine Alte in den Knast gesteckt und sie solange dort behalten, bis sie verrottet wäre.«

Die Professorin, die zwischenzeitlich unter Personenschutz stand, rechtfertigte sich kürzlich, ihr Buch enthalte lediglich Anregungen für den Unterricht, die Themen würden die Schüler selbst vorgeben. Ebenso würden die Schüler selbst entscheiden, ob sie tatsächlich über Prostitution, Oralverkehr oder Schmetterlinge sprechen wollten. »Grundregel ist: Jeder und jede kann jederzeit aussteigen.« Eine erstaunliche Sicht: Sie verkennt, dass Schüler, die allzu große Scham offenbaren, sich im Klassenzimmer schnell dem Gespött der anderen aussetzen. Auch der Fall der Familie Martens zeigt, dass eben nicht jede jederzeit aussteigen kann.

Sowohl Tuider als auch Sielert sind Vertreter der neo-emanzipativen Sexualaufklärung: Sie sehen es als wichtige Aufgabe, den Kindern und Jugendlichen ein positives Verhältnis zum eigenen Körper und zur Sexualität zu vermitteln. Im Fall von Tuiders Übung »Puff für alle« hat das allerdings dazu geführt, dass es darin allein um die sexuellen Wünsche potenzieller Kunden geht – es fehlt der Hinweis, dass viele Frauen in Bordellen ausgebeutet werden. Immerhin wären die Schüler, an die sich Tuider mit dieser Übung richtet, alt genug, um die Schattenseiten von käuflichem Sex und Sexualität an sich zu reflektieren. Doch wie steht es mit den Fünfjährigen? Die lernen in Sonja Härdins Buch Wo kommst du her? Aufklärung für Kinder ab 5 über das Gefühlsleben der beiden Protagonisten Lars und Lisa: »Wenn es so schön ist, dass es schöner nicht mehr werden kann, haben Lisa und Lars einen Orgasmus. Das ist schön kribbelig und warm in der Scheide und am Penis. Aus Lars’ Penis spritzt eine weiße Flüssigkeit in Lisas Scheide. In der Flüssigkeit, die auch Sperma genannt wird, sind viele kleine Samenzellen.« Das Buch wurde unter anderem in Berliner Grundschulen und Kindergärten eingesetzt. Dann doch lieber die Geschichte vom Storch, der die Babys bringt?

Dazu wird es nicht kommen, nicht einmal im katholisch geprägten Bayern. Wolfgang Ellegast, Referatsleiter für Biologie im bayerischen Kultusministerium, verweist hier auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das die Schulen seit 1977 verpflichtet, die Schüler sexuell aufzuklären. Wie der Unterricht gestaltet wird, mit welchen Büchern, Fotos oder Familien, liegt in der Verantwortung des Bundeslands, der Schule – und letztlich jedes einzelnen Lehrers. Ellegast betont, die Lehrer seien angehalten, auch auf sehr behütete Kinder Rücksicht zu nehmen, die mit dem Thema bisher nicht konfrontiert wurden, »Schule ist schließlich eine Pflichtveranstaltung«. Er fügt aber hinzu: »Wir haben 120 000 Lehrer in Bayern – natürlich wissen wir, dass das nicht jedem gelingt.« Weitere Elternproteste sind also absehbar.
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Rainer Stadler gehört noch zu jener Generation Schüler, die an das Fach Sexualkunde weniger durch den Unterricht als vielmehr durch diesen Sketch von Otto Waalkes herangeführt wurden: bit.ly/waalkes

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