bedeckt München 32°
Anzeige
Anzeige

aus Heft 50/2014 Wirtschaft/Finanzen

Gib Stoff

Lorenz Wagner  Fotos: Erik Torstensson

Natalie Massenet ist die mächtigste Frau der Modewelt. Um das zu schaffen, hat sie die Branche erst einmal aus der Fassung gebracht - mit ihrem Internethandel Net-A-Porter.

Anzeige
Eigentlich wollte Natalie Massenet ihren Internethandel »Whats New, Pussycat?« nennen. Als der Anwalt ihr davon abriet, wurde daraus eben Net-A-Porter.


Lenny Kravitz? Natalie schaute zum Fernseher. Hm, ist er es? Er trägt so wilde Haare, eine abgerockte Lederhose. Ihren Lenny hatte sie anders in Erinnerung: schluffig-schräg, meistens in Safari-Klamotten, er trug sogar einen Safari-Helm. Vier, fünf Jahre waren vergangen seit ihrem gemeinsamen Sommer. Sie waren 18, 19 Jahre alt, arbeiteten Anfang der Achtziger zusammen in einem Klamottenladen im Beverly Center, Los Angeles. Der erste Job nach der Schule. Er hatte keinen Führerschein. Sie nahm ihn in ihrem alten gelben Honda mit. Er wohnte um die Ecke, im selben Block. Tag für Tag fuhren sie zusammen zur Arbeit, und er legte Musikkassetten ein. Seine Musik. Sein Künstlername: Romeo Blue.

»Ich werde ein Star«, sagte Romeo Blue immer wieder zu ihr. »Du wirst sehen, ich werde ein Star.« Und sie sagte: »Yes, great«, und schwieg und lauschte. Sie mochte seine Musik. Noch mehr aber mochte sie diesen Satz: »Ich werde ein Star.«

Was würde sie mal werden? Was war ihr Traum? Ihr Vater war Journalist, ihre Mutter Model – Coco Chanel schneiderte Kleider auf ihren Leib. Und irgendwie liebte Natalie nichts mehr als diese zwei Dinge: Zeitschriften und Mode. Ja, sie würde Modejournalistin werden. Natürlich nicht irgendeine: Natalie Massenet, Chefin der American Vogue.

Aber wie weit weg war sie davon, damals, 1987, als sie auf den Fernseher schaute, MTV, die Hochzeit der Schauspielerin Lisa Bonet mit – einem gewissen …

Kann es zwei Lenny Kravitz geben? Sie schaute und schaute: Nein, er war es. Nur nicht mehr versteckt hinter Safari-Hut und Künstlernamen. Er hatte es geschafft.

Aus dem Modemädchen von damals ist eine 49 Jahre alte Frau geworden. Sie sieht müde aus. Die Augen klein, die Nase blass, keine Schminke, raue Lippen, feines dunkles Haar. Dünn ist sie. Jeans, schwarzes Top, ein schlichter Armreif, was man eben trägt, wenn man zur Arbeit geht. Sie sitzt in einem kleinen Kasten mit Glasfront, im Blick ein Großraumbüro in den Maßen einer Lagerhalle, alles schwarz und weiß, an der Decke kristallene Kronleuchter, am Boden Schreibtische in enger Reihung: das Herz ihres Firmenreiches, heute umwabert vom Londoner Nebel.

Natalie Massenet will etwas sagen, da ertönt hinter ihrem Rücken, hinter einer dünnen weißen Wand, ein Hämmern, Bohren und Sägen. Sie winkt ab. »Noch mal 20 000 Quadratmeter dazu«, sagt sie. Im vergangenen Jahr haben sie allein in England 542 neue Leute eingestellt. Die kleinen Kabinen für die Vorstellungsgespräche sind ständig belegt.

Sie ist Unternehmerin geworden, Gründerin von Net-A-Porter, einem Internetgeschäft für Mode. Nicht so saucool wie Lenny, der Rockstar, nicht so glamourös wie Anna Wintour, der »Teufel in Prada«, scheint es. Zumindest nicht auf den ersten Blick.

Im Großraum erscheinen auf einem Bildschirm ständig Röcke, Schuhe, Hemden – Kleidung, die Net-A-Porter gerade verkauft. Alle paar Sekunden leuchtet eine rote Zahl auf: der Tagesumsatz. Um 13.30 Uhr: 1 495 575 Pfund. Alle fünf Minuten kommen ein paar Zehntausend hinzu. 70 000 Kunden shoppen immer zugleich, in jeder Minute des Tages.

»So, how extraordinary. You do e-commerce«, sagte die Queen zu Massenet, als sie ihr im Jahr 2009 dafür den Orden »Member of the Order of the British Empire« ans Kleid heftete, die Auszeichnung für verdiente Briten.
»Yes, Your Majesty. And I am sure we can even deliver to the palace.«
»Oh, how extraordinary«, antwortete die Queen, mit sehr spitzer Stimme. Kleider aus dem Internet?

Ja, gerade die alte Welt hatte lange ihre Schwierigkeiten mit Natalie Massenet. Doch die Außenseiterin, die irgendwas mit E-Commerce machte, ist in den vergangenen Jahren zur neuen Macht in der Modewelt aufgestiegen. »Viele waren skeptisch«, sagt Diane von Fürstenberg. »Aber sie hat gewonnen. Im großen Stil.«

Barack Obama lädt Massenet nun zum Dinner ein. Und das Time Magazine hat sie dieses Jahr in seine Liste der hundert einflussreichsten Menschen aufgenommen – neben Wladimir Putin, Jeff Bezos und Edward Snowden. Lenny Kravitz und Anna Wintour stehen nicht drauf. Das Magazin nennt Massenet eine Pionierin. »Sie gehört zu den wenigen Menschen, die Dinge sehen, bevor sie da sind«, sagt Jenna Lyons, Creative Director der Modemarke J. Crew.

Massenet gehört in der Tat zu einer seltenen Gründer-Spezies: Sie hat die Modewelt verändert, sie hat den E-Commerce verändert, und nun greift sie die Medienwelt an. Sie ist eine Zerstörerin. Und sie strebt nach Macht.

»Wir wollen eine ganze Kategorie besitzen«, sagt sie. »Anders als Amazon, dieser Platz, an dem man alles bekommt, wollen wir der Ort für Mode sein.« Amazon, Apple, das sind die Firmen, an denen sie sich misst.

Als Natalie ein Mädchen war, verließ ihre Mutter sie und ihren Vater. Sie versteht das bis heute noch nicht. Ihre Mutter blieb in Paris, ihr Vater nahm sie mit nach Los Angeles. Er hatte als Journalist die Welt bereist, erzählte gern davon, wie er Franco getroffen oder mit Ava Gardner auf dem Tisch getanzt hatte. Sie dürfe vor nichts Angst haben, lehrte sie ihr Vater. Oft hatten sie in ihrem Haus bekannte, ungewöhnliche und schrullige Leute zu Besuch, etwa einen Psychologen, der ab und zu bei der verlassenen Tochter vorbeischaute und ihr Ratschläge gab. Im Leben, sagte er, musst du vorangehen. Du musst ein Leader sein, eine Anführerin.

Sie merkte es sich gut. Als Teenager griff sie sich Vaters Zeitungen und blätterte sie durch, auf der Suche nach Helden, Leuten, die etwas erreicht hatten. Sie schnitt ihre Bilder aus. Wie sehr bewunderte sie Tracy Austin. So alt wie sie und schon ein Tennisstar. Das wollte sie auch. Die Beste sein! Es allen zeigen. Der Mutter, dem Vater, der Welt. »Ich habe immer in großen Maßstäben gedacht.«

Nach dem Sommer mit Lenny studierte sie, ging nach Tokio, um Japanisch zu lernen, und modelte nebenbei – das war besser bezahlt, als Nachhilfe zu geben. Sie kehrte zurück, jobbte bei Universal, lernte Bryan Adams kennen und freundete sich mit J. J. Abrams an. Offenbar konnte Natalie mit ihrer lustigen spitzen Nase, die auf Fotos so oft stumpf geleuchtet wird, Prominenz und Exzellenz riechen, Chance und Gelegenheit.

Für das Magazin Moda, ihr erster Job bei einer Zeitschrift, rückte sie als Assistentin die Stars bei Shootings ins rechte Licht. Aber da blieb sie nicht lange. »Ich wollte ja nicht eine Magazinjournalistin werden, sondern die Magazinjournalistin. Mein Ziel war es das Magazin W oder die amerikanische Vogue zu übernehmen.« Sie wechselte zur, wie ihr Vater sie nannte, Bibel der Magazine: Women’s Wear Daily. Sie schrieb über Hollywood und freundete sich mit Kate Moss an. Es waren die frühen Neunziger.

Massenet liebte ihre Arbeit, aber in ihr drängte diese Unruhe. Lernte sie erfolgreiche Kollegen kennen, schätzte sie deren Alter und setzte sich das Ziel, in dem Alter genauso erfolgreich zu sein. Aber die 30 rückte näher, und sie kam nicht recht voran. Das nagte an ihr. Sie überlegte, nach New York zu gehen. Doch dort gab es keinen Job für sie. Also nach London, als Sprungbrett. Aber auch dort kein Weiterkommen.

Sie wechselte zu Tatler. Aber sie passte nicht zu dem ehrwürdigen englischen Blatt. Die Kollegen sollten sie trotzdem nie vergessen: »Eines Tages kam sie von einem Promi-Shooting aus L.A. zurück. Sie hatte diese alte bestickte Strickjacke aus Kaschmir dabei«, erzählt Lucy Yeomans, damals Massenets Kollegin, später die England-Chefin von Harper’s Bazaar. »Wir wollten alle auch eine solche Strickjacke haben. Also besorgte Natalie welche. Für zehn Dollar. Und wir zahlten dafür Hunderte Pfund.«
Anzeige

Seite 1 2 3
Lorenz Wagner

hatte vor dem Treffen mit der mächtigsten Modefrau der Welt ein Problem, das er bis dahin nicht kannte: Was zieh ich bloß an? Zur Begrüßung sagte sie dann: »Oh, Sie sehen aus wie ein Kunde.« Alles richtig gemacht also. Nur die Antwort war nicht optimal: »Ähem, den Anzug habe ich woanders gekauft.«

  • Wirtschaft/Finanzen

    Elender Haufen

    Deutschland ist Europas zweitgrößter Wassersünder. Schuld ist die Gülle. Weil viele Bauern nicht mehr wissen, wohin damit, hat sich ein regelrechtes Gülle-Business entwickelt - mit bösen Folgen.

    Von Fritz Zimmermann
  • Anzeige
    Wirtschaft/Finanzen

    Paranoia als Erfolgsgarant

    Er leitet einen der größten Medienkonzerne Europas: Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Springer, hält Verfolgungswahn für eine gute Triebfeder. Im Interview spricht er auch über zuletzt gescheiterte Projekte und seine Freundschaft zu Friede Springer.

    Von Lorenz Wagner
  • Wirtschaft/Finanzen

    Was habe ich nur falsch geyacht?

    Habe ich noch eine Chance, reich zu werden, fragt sich unsere Autorin anhand der Enthüllungen zu Briefkastenfirmen und Steueroasen. Doch leider fehlt ihr dafür eine genetische Voraussetzung.

    Von Nataly Bleuel