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aus Heft 51/2014 Gesellschaft/Leben

Letzte Hilfe

Susanne Donner (Protokoll)  Fotos: Tanja Kernweiss

Die Polin Sophia M. pflegt alte Menschen in Deutschland und wohnt bei ihnen, bis sie sterben. Dann zieht sie weiter. Ein Erfahrungsbericht über Nähe und Einsamkeit, über Liebe und Abschied.

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Sophia M. heißt anders und möchte nicht erkannt werden - vor allem aus Diskretion den Familien gegenüber, für die sie arbeitet oder gearbeitet hat.


Ich möchte nach Polen in den Urlaub aufbrechen, als sich eine Familie auf meine Zeitungsannonce meldet. Es ist Juni. Wir verabreden uns zum Kaffee. Die Tochter und der Schwiegersohn wollen eine nette Frau, die sich um die Oma kümmert. Sie soll gut kochen und das Haus in Ordnung halten. Die Oma ist skeptisch, sie will hören, wie gut ich Deutsch verstehe. Ich sitze nur da und denke: Die Möbel glänzen schön. Überall steht feines Porzellan mit Gold und Blumen darauf. Ein Edelhaus. Ich befürchte Probleme, wenn ich die Sachen nicht an ihren ursprünglichen Platz stelle. Aber die Dame will sich selbst ums Aufräumen kümmern. Ich habe also eine neue Arbeitsstelle. Nach Polen werde ich später reisen.

Die Oma ist mein dritter Arbeitsplatz. Sie ist neunzig und hat heftige Schmerzen in der Hüfte. Von den starken Medikamenten wird ihr schlecht, die schwachen Tabletten helfen nicht. Sie kann nicht laufen, nur morgens zwei Runden im Wohnzimmer und dann ins Bad. Wenn sie einen schlechten Tag hat, gebe ich ihr den Arm. Sonst geht sie lieber am Stock. Aber im Kopf ist sie klar, und deshalb denke ich, dass sie noch ein paar Jahre zu leben hat.

Drei Monate später. Ich mache mir Sorgen. Seit Freitag ist die Haut der Oma am Po wund und blutet. Sie kann kaum sitzen und liegen, auch nicht laufen. Wenn sie zur Toilette geht, ist ihr Körper ganz krumm vor Schmerzen. »Ich werde sterben«, sagt sie. Ich fürchte, dass die Wunde wächst. Wenn jemand jeden Tag Schmerzen hat, leidet meine Psyche. Ich bin unruhig. Offene Haut kann bei den alten Leuten vom einen Tag auf den anderen zum Tod führen. Bei meiner Arbeit weiß man nie, was kommt. Vielleicht habe ich morgen keine Arbeitsstelle mehr. Auch keinen Wohnort. Ich lebe dort, wo ich arbeite.

Die Ärztin hat ein Desinfektionsmittel, ein Pflaster und einen Ring zum Sitzen verschrieben. Vielleicht bekommen wir auch noch eine spezielle Matratze. Es ist der Dame unangenehm, dass ich ihren Hintern mit Melkfett einkreme. »Ich bin doch eine Frau. Und du bist selbst Krankenschwester gewesen«, sage ich. »Deine Tochter kann nicht dreimal pro Woche kommen, um nach dem Pflaster zu schauen.« Aber es fällt der Dame schwer, fremde Hilfe anzunehmen. Es ist ihr schon peinlich, wenn ich morgens ihren Rücken und ihre Beine wasche und dafür auf die Knie gehe. »Ich bin eine Last«, sagt sie. »Du bist doch keine Last«, sage ich.

Sonntags habe ich frei. Die Oma besteht darauf, dass ich zu meiner Tochter in der Nähe fahre. Der Blutdruck ist in Ordnung, also bin ich einverstanden. Ich koche am Tag vorher ein bisschen mehr, damit sie sich etwas warm machen kann. Doch beim Mittagessen mit meiner Tochter erfasst mich eine solche Unruhe. Vielleicht ist die Oma hingefallen. Aber wenn ich anrufe und sie schnell zum Telefon läuft, stürzt sie vielleicht. Ich bitte meine Tochter, mich nach Hause zu fahren. Die Oma sitzt zufrieden im Sessel und sagt: »Schön, Sophia, dass du wieder da bist.« Und ich freue mich. Ich gebe den Leuten meine Liebe und bekomme sie zurück.

Es ist 17 Jahre her, dass ich zum ersten Mal nach Deutschland zum Arbeiten gefahren bin. In meinem Dorf in Polen hatte ich Schweine, Hühner, Kühe und ein paar Hektar Land. Wenn die ganze Familie mitarbeitete, reichte es zum Leben. Doch dann fing mein Mann an, immer mehr zu trinken und immer weniger zu arbeiten. Das Geld verschwand für Alkohol und Zigaretten. Am Ende des Monats reichte es nicht mehr für meine beiden Töchter. Nachts kam mein Mann betrunken und polternd die Treppen herauf. Immer, wenn wir uns sahen, stritten wir. Ich rief die Polizei, damit wenigstens die Kinder schlafen können. Eines Morgens war mein Auge blau. Einmal ist genug, dachte ich.

Ich verkaufte alle Tiere und stieg in den Bus nach Deutschland. Meine Schwester hatte mir eine Stelle in der Landwirtschaft besorgt: Um sieben Uhr mussten wir auf der Erntemaschine liegen wie auf den Flügeln eines Flugzeugs. Zehn Leute links, zehn rechts, alle auf dem Bauch. Meine Arme hingen herunter auf die Erde, und ich zupfte kleine Gurken mit den Händen, schnell, schnell. Es waren so viele, weil sie vorher gespritzt hatten, damit alle auf einmal reif werden. Wir arbeiteten 14 Stunden am Tag. Tags darauf konnte ich kaum aufstehen, so tat mir der Rücken weh. Ich bekam sieben D-Mark pro Stunde. Abends im Campingwagen erzählten die anderen Polen, dass man in der Pflege mehr Geld verdient. Aber ich konnte kein Deutsch, nur »Gurke«, »schneller«, »langsamer« und »Arbeit«.

Trotzdem fand ich eine Dame. Gleich am ersten Tag sagt sie zu mir: »Sophia, du musst für mich lesen, ich kann nicht mehr richtig sehen.« Sie zeigt auf die »10« in der Zeitung und sagt »zehn«. Sie ist Weinhändlerin gewesen und sehr beliebt im Ort. Wenn jemand gestorben ist, schreibt sie einen Beileidsbrief. Also lese ich jeden Tag Namen und Wohnort in den Todesanzeigen Buchstabe für Buchstabe vor. So lerne ich Deutsch.

Aber ich vergesse nie, wie es sich anfühlt, wenn man kein Wort versteht. Im Laden schauen einen die Leute sofort an, weil sie merken: Die kapiert nichts. Einmal sollte ich der Dame etwas aus dem Schrank holen. Ich wusste nicht, was sie meint, habe alle Schränke durchsucht und es nicht gefunden. Es hat ewig gedauert. Die Dame hat immer wieder auf mich eingeredet, und ich habe nur verstanden, dass sie möchte, dass dieser Gegenstand auf dem Tisch steht. Bis heute weiß ich nicht, was es war, keine Vase jedenfalls.
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Susanne Donner traf sich mit Sophia M. meistens an der Lotto-Toto-Annahmestelle eines Supermarktes, nicht weit entfernt von dem Haus, in dem Sophia M. arbeitet. Nach den Gesprächen gab Sophia M. immer ihren Tipp ab.