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aus Heft 51/2014 Kunst

Denkmalerei

Roland Schulz 

Jahrelang entzweite ein altes Monument der Sowjetarmee die bulgarische Hauptstadt Sofia. Dann griff eine Gruppe Superhelden ein.


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Superman griff Sofia am Morgen des 18. Juni 2011 an. Der Stoßtrupp des Superhelden schockte die alten Kader der Stadt, die gerade den Gedenktag des Großen Vaterländischen Krieges vorbereiteten: Sie wollten in vier Tagen am Denkmal der Sowjetarmee aufmarschieren, um dort, im Herzen der bulgarischen Hauptstadt, an den 70. Jahrestag des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion zu erinnern. Aber jetzt stürmten auf dem Denkmal keine Rotarmisten mehr in den Kampf, sondern Superman und Santa Claus. Die Statuen waren über Nacht bemalt worden. Die alten Kader waren außer sich.

Es war Samstag, rasch scharten sich Schaulustige um das Denkmal. Sie fanden Spaß daran, seine neue Symbolik zu entschlüsseln. Da schwang ein Clown das Sternenbanner: Ronald McDonald, das Maskottchen der Fastfood-Kette. Dort drang ein Grünschopf ins Gefecht, der diabolisch grinste: der Joker, Erzfeind von Batman. Darunter ein Slogan: B Kpak C Bpemeto – mit der Zeit gehen. Als die Polizei eintraf, fand sie ein Spektakel vor. Menschen zwängten sich zwischen die Statuen, um Selbstporträts zu schießen, an einem Ende umarmte man den Superhelden Wolverine und küsste am anderen Wonder Woman. Es dauerte nicht lang, bis erste Anzeigen erstattet wurden, wegen Vandalismus. Das stellte die Polizei vor ein Dilemma. In der Tat, es handelte sich hier um eine Entweihung. Aber von was genau?

Das Denkmal der Sowjetarmee steht in einem Park; ein fast vierzig Meter hoher Pfeiler am Ende einer Promenade aus Pflastersteinen, die für Aufmärsche ausgelegt ist. An der Spitze des Pfeilers reckt ein Rotarmist seine Waffe über die Häupter einer Bäuerin und eines Arbeiters, am Sockel zeigen drei Reliefs die Geschichte der Roten Armee. Es ist ein außerordentlich pompöser Versuch, Geschichte in Stein zu hauen.

Das Denkmal erinnert an den 9. September 1944, an dem die Rote Armee Bulgarien befreite. Oder besetzte, je nach Sicht. Das Land hatte im Zweiten Weltkrieg lange versucht, neutral zu bleiben. Als es unter Druck den Achsenmächten beitrat, erklärte es nur den USA und Großbritannien den Krieg, nicht aber der Sowjetunion. Im Sommer 1944 kündigte Bulgarien seine Bündnisse auf, und für einen kostbaren Augenblick schien die Zukunft des Landes frei. Dann putschte ein kommunistisches Bündnis, die Rote Armee rückte ein, Bulgarien wurde Volksrepublik. Der Widerstand dagegen dauerte lange; Partisanen, die Gorjani, kämpften bis Mitte der Fünfzigerjahre. In Sofia wurde 1954 der Grundstein jenes gewaltigen Denkmals gelegt – ein steinerner Schlussstrich. Seitdem war es beiden Seiten ein Symbol gewesen. Für Befreiung. Für Unterjochung. 1993 beschloss der Stadtrat, das Denkmal einzuebnen. Nichts geschah. Niemand setzte den Entschluss um. Das Symbol war zu stark.

Dann kam Superman, und es war, als hätte Sofia auf ihn gewartet. Kinder kraxelten auf die Schultern von Captain America, Erwachsene ahmten mit ausgestreckter Faust die Pose des fliegenden Supermans nach. Weil der Weihnachtsmann nach Werbung von Coca-Cola aussah, glaubten manche an Guerilla-Marketing. Andere regten an, wenn ein sowjetisches Denkmal mit Comic-Helden übermalt werde, dann bitte auch mit sowjetischen Figuren wie dem Krokodil Gena und Tscheburaschka, dem kleinen Kullerchen. Die Mehrzahl staunte, wie ein Denkmal, das so viel Streit ausgelöst hatte, Menschen von einem Tag auf den anderen zum Lachen brachte. Sollte man es so belassen? Ringsum eine Galerie für Graffiti gestalten? Für einen kostbaren Augenblick war die Zukunft des Denkmals frei.

Im Trubel dieser Tage achtete niemand auf die Grüppchen von Künstlern, die das Denkmal fotografierten. Der 18. Juni 2011 war der letzte Tag der Sofia Design Week gewesen, einem Kunstfestival, das sich in jenem Jahr das Motto »Design is all around« gegeben hatte, Design ist überall. Kein Künstler bekannte sich zu dem Werk. Die russische Botschaft hatte Protest eingelegt. Die Staatsanwaltschaft ermittelte, Verdacht auf grobe Verletzung der öffentlichen Ordnung, zu bestrafen mit bis zu zwei Jahren Haft. Der Verband der Veteranen und 17 andere Organisationen, denen alte Kader vorstanden, verdammten die Tat als Verunglimpfung des Kampfs gegen die faschistische Pest. In Nacht und Nebel reinigten Freiwillige des Bulgarisch-Russischen Forums das Denkmal für den bevorstehenden Gedenktag und forderten, die Staatsmacht müsse jedes weitere Sakrileg verhindern. Der Spaß war vorbei. Erst mal.

Am 10. Februar 2012 unterliefen Unbekannte die Video-überwachung des Denkmals, danach trugen die Sowjetsoldaten die Masken der Hacker-Organisation Anonymous. Am 17. August 2012 stülpte jemand gehäkelte Sturmhauben über die Köpfe der Statuen: Symbol der Aktivistinnen von Pussy Riot, die in Russland an jenem Tag wegen Rowdytums verurteilt wurden. Den 1. Februar 2013 erlebte das Denkmal in den bulgarischen Nationalfarben Weiß, Rot und Grün: Es war der Gedenktag der Opfer des kommunistischen Regimes. Am 21. August glänzte die Rote Armee in Pink, an jenem Tag war der Prager Frühling niedergeschlagen worden. Am 23. Februar 2014 – Tag der Verteidiger des Vaterlands – schwang der Soldat, der einst Superman gewesen war, die Fahne der Ukraine, am 2. März verlangte das Denkmal den russischen Rückzug von der Krim, am 5. März trugen Statuen die Farben Polens und der Ukraine, darunter ein Wort – Katyn. Das russische Außenministerium schickte eine Protestnote nach der anderen nach Sofia, aber das Denkmal wurde nun so oft zu bemalen versucht, dass es nur noch eine Nachricht war, wenn die Polizei jemanden auf frischer Tat beim Malen ertappte – so wie im September eine Politikerin des Reformblocks, die gerade dabei war, das Wort »Besatzer« auf das Denkmal zu sprühen.

Die Künstler, die Superman malten, haben sich nur anonym zu Wort gemeldet, in einem Film und in einem Interview. Sie wichen jeder Deutung ihres Werkes aus. Sie hätten, sagten sie, Menschen nur provozieren wollen, neu zu denken.
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Roland Schulz erfuhr von einem Pinsel-Protest, der noch waghalsiger ist als der in Sofia: Im Sommer malte ein Extremkletterer in Moskau den goldenen Stern auf der Spitze eines der sieben Stalin-Hochhäuser zur Hälfte blau an und gab ihm damit die ukrainischen Nationalfarben - in fast 180 Metern Höhe.

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