bedeckt München 26°
Anzeige
Anzeige

aus Heft 01/2015 Politik

Der Prozess. Teil zwei

Annette Ramelsberger, Tanjev Schultz und Rainer Stadler  Illustration: George Butler

Im zweiten Jahr des Prozesses gegen den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) ging es vor allem um die Anfänge und die Unterstützer der rechten Terrorgruppe. Wie schon im ersten Jahr dokumentiert das SZ-Magazin die Verhandlung mit Originaltönen, die gekürzt, aber sonst unverändert wiedergegeben werden.



Anzeige
Anmerkung: Vor einem Jahr, im Januar 2014, haben wir im SZ-Magazin die ersten Monate des NSU-Prozesses dokumentiert. Diesen Artikel finden Sie hier.

Tag 73, 14. Januar


MANFRED GÖTZL, 60, Richter. B
ERNHARD VOUTTA, 43, Polizist aus Zwickau.
ERWIN KOOPs, 73, Rechtsmediziner aus Hamburg.

VOUTTA Am 8.11.2011 wurde Frau Zschäpe in der Polizeiinspektion Jena festgenommen. Ich hatte die Aufgabe, Kleidung und Gegenstände zu fotografieren, die bei ihr sichergestellt wurden.
GÖTZL Dann wird es am sinnvollsten sein, die Lichtbilder anzusehen. Ich wäre dankbar, wenn Sie einfach nach vorne kommen.
VOUTTA (Geht ans Richterpult. Das erste Foto wird auf zwei Wänden im Gerichtssaal gezeigt.) Die sind ja schwarz-weiß!
GÖTZL So ist es.
VOUTTA Bild 15 ist eine Socke, da ist mir aufgefallen, die hat sehr unangenehm gerochen, das kann man hier nicht wahrnehmen. Bild 16 ist die andere Socke. Bild 30 ist die Geldbörse, da hab ich das Münzgeld rausgenommen und fotografiert.
GÖTZL Haben Sie den Betrag noch in Erinnerung?
VOUTTA Es waren keine 15 Euro.
GÖTZL Im Aktenvermerk, den Sie gefertigt haben, heißt es: 12,23 Euro.
VOUTTA Ich hoffe, ich hab mich nicht verzählt. (Pause.) Bild 32 zeigt die Handtasche, sieht aus wie Leopardenfell. Bild 61 – eine befüllte Zigarettenschachtel »Power-Gold«. Bild 64 ist eine Ansicht der vier Feuerzeuge, die in der Handtasche waren, die sind alle gegangen, ich hab da mal gedrückt, da kam eine Flamme. Bild 69 ist ein Pfefferspray, das auch in der Handtasche war. Bild 85 zeigt einen Servicepass von einem Fahrradgeschäft, mit den Personalien von Susann E. drauf, Dortmunder Straße, Zwickau. Bild 89 – eine Fahrkarte, Schönes-Wochenend-Ticket, gültig am 6.11.2011, dreimal gestempelt. (Voutta ab. Koops tritt in den Zeugenstand.)
KOOPS Wir haben am 27.6.01 die Obduktion von Süleyman Taşköprü durchgeführt. Uns wurde mitgeteilt, dass Herr Taşköprü vormittags von seinem Vater in dem gemeinsamen Obst- und Gemüsegeschäft leblos in einer Blutlache gefunden wurde. Die ersten Sanitäter konnten noch leichte Herzbewegungen erkennen, der Notarzt aber nicht mehr. Die Sektion fand am selben Tag statt. Als wesentliche Verletzung haben wir drei Kopfsteckschussverletzungen gefunden: einen Gesichtsdurchschuss mit Einschuss vor dem rechten Ohr an der Wange. Unter der Haut fandsich ein kupferfarbenes Vollmantelgeschoss. Als zweite Verletzung ist zu nennen: ein Hinterhauptsteckschuss mit einer trichterförmigen Kopfhautverletzung. Drittens ein weiterer Hinterhauptsteckschuss, ein sogenannter aufgesetzter Schuss mit dem klassischen Zeichen: einer kleinen Schussplatzwunde. Als Folge dieser drei Verletzungen ist es zu einer Hirnlähmung gekommen.


Tag 74, 15. Januar

MANFRED GÖTZL, Richter.
CHRISTIAN SETZENSACK, 61, Sachverständiger des LKA Bayern.
ANETTE GREGER, 47, Vertreterin der Bundesanwaltschaft.

GÖTZL Es geht uns um die Explosion in der Frühlingsstraße 26 in Zwickau am 4.11.2011. Dazu würde ich Sie bitten, Ihr Gutachten zu erstatten.
SETZENSACK Dieser Brand war gekennzeichnet durch zwei Merkmale: eine heftige Explosion und eine sehr rasche Brandausbreitung. Wir haben uns gefragt: Könnte es ein normaler Brand gewesen sein, verursacht durch einen Kurzschluss, oder weil man vergisst, die Pfanne mit Öl vom Herd zu nehmen? Nein. Bei normalen Bränden gibt es keine Explosionen. Da fallen keine Außenwände heraus. Könnte es eine Gasexplosion gewesen sein? Von der Druckwirkung her ja, aber nicht von der Brandausweitung. Was dann? Die einzige Möglichkeit ist: Ein leicht flüchtiges Brandlegungsmittel wurde entzündet. Die Explosion gibt es, weil sich explosive Wolken bilden. Die rasche Brandausweitung bekommt man, weil man Lachen hat, innerhalb von Sekunden können da große Teile der Wohnung in Brand stehen. Heizöl kann man ausschließen, da gäbe es auch keine Explosion. Man hat Hunde suchen lassen, die haben an 22 Stellen angezeigt, und in 19 Proben wurde Benzin festgestellt.

Im Treppenhaus wurde ein Zehn-Liter-Benzinkanister aufgefunden, geöffnet und fast leer. Indizien sprechen dafür, dass der Brand vermutlich von der Wohnungstür aus gezündet worden ist. Streichhölzer hat man nicht gefunden, also war es vermutlich ein Feuerzeug oder so etwas. Sind andere Personen in Gefahr gebracht worden? Diese Frage kann man mit einem klaren Ja beantworten. Es hätte jemand die herausfallende Außenwand auf den Kopf bekommen können. Die Trennwand zur Wohnung von Frau Erber wies Risse auf. Wenn die Explosion etwas anders verlaufen wäre, dann hätte die Wand genauso gut fallen können. Eine große Gefahr stellen auch die Rauchgase dar: Sie sind hochgradig toxisch. Wenn Sie da den Kopf reinstecken, dann sind Sie bewusstlos, und dann nach ein, zwei Minuten sind Sie tot.

GREGER Können Sie Angaben zur Menge des ausgebrachten Brandmittels
machen?
SETZENSACK Die Menge ist schwer zu schätzen. Man kommt auf eine absolute Untergrenze von fünf Litern. Ansonsten könnte man diese Druckschäden nicht erklären. Als Obergrenze würde ich zwanzig Liter schätzen, aber das ist wirklich äußerst ungenau.


Tag 75, 16. Januar

MANFRED GÖTZL, Richter.
JOACHIM THOMAS, 44, Polizeihauptkommissar aus Heilbronn.
MARTIN A., 31, Polizeibeamter aus Heilbronn.

THOMAS Ich bin um 14.18 Uhr informiert worden: Zwei Kollegen liegen erschossen am Streifenwagen. Bei der Anfahrt auf die Theresienwiese sahen wir ein Taxi am Stromhäuschen, der Fahrer zeigte auf den Streifenwagen. Man sah schon die offenen Türen. Ich bin auf die Fahrerseite, wo die Kollegin Kiesewetter kopfüber heraushing. Ich sah, dass sie vermutlich einen Kopfschuss hatte, und habe die Schutzweste und ihr Hemd aufgerissen, um ihr das Atmen zu erleichtern. Sie hat die Augen aufgeschlagen. Ein Rettungssanitäter versuchte kurz, sie zu beatmen. Aber schon nach ein paar Sekunden war klar, dass er nichts mehr für sie tun konnte.
GÖTZL Haben Sie festgestellt, dass irgendwas fehlt?
THOMAS Ja, die Schusswaffe der Kollegin fehlte, auch die Schließen und das Magazin.(Thomas ab. Martin A. tritt in den Zeugenstand.)
A. Wir waren schon am Morgen auf der Theresienwiese gewesen, für eine Rauchpause. Mittags haben wir uns etwas vom Bäcker geholt und fuhren wieder dort hin.
GÖTZL Was haben Sie noch in Erinnerung?
A. Eigentlich nur noch, dass wir auf den Schotterplatz raufgefahren sind.
GÖTZL Wann setzt Ihre Erinnerung wieder ein?
A. Eigentlich gar nicht.
GÖTZL Was wissen Sie von Ihrem Krankenhausaufenthalt?
A. Ich dachte, ich lag sieben Wochen im Koma. Es waren aber nur viereinhalb Wochen. Als ich aufwachte, wusste ich nicht, was ich da soll. Zuerst dachte ich, das ist ein Scherz meiner Polizei. Die trainiert sehr praxisnah. Ich wollte gehen, bin aber sofort umgefallen. Ich war halbseitig gelähmt, wie nach einem Schlaganfall. Meine Mutter und meine Schwestern haben mir dann erzählt, dass ich einen Unfall hatte. Irgendwann kamen Angehörige der Soko Parkplatz und sagten, dass Michèle nicht mehr da ist. Ich habe dem Kollegen in den Bauch geboxt, weil ich dachte, ich werde auf den Arm genommen, und bin dann in Tränen ausgebrochen.
GÖTZL Wie unterscheidet sich Ihr Leben von früher?
A. Ich habe einen hohen Grad an Schädigungsfolgen. Dass die Kollegin einfach so aus dem Leben gerissen wurde, bereitet mir schlaflose Nächte. Ich habe die Bilder andauernd im Kopf. Mein Kindertraum, ein normaler Polizist zu sein, ist komplett zerstört. Mein Innenohr wurde zerstört, ich höre nicht mehr gut. Mein Gleichgewichtssinn ist gestört, ich habe große Probleme, vor allem nachts. Ohne Licht falle ich um. Aber ein gesundes Ohr habe ich noch, das muss reichen. Ein Teil der Kugel steckt noch in meinem Kopf. Zwei Teile wurden herausoperiert. Ich bin schon gottfroh darüber, dass ich lebe, dass ich wieder laufen kann.
GÖTZL Wie ging es weiter?
A. Ich wurde intensivmedizinisch behandelt. Dann habe ich studiert, um vom mittleren in den gehobenen Dienst zu gelangen. Danach hatte ich eine posttraumatische Belastungsstörung, irgendwie ist alles über mich hereingebrochen. Wenn ich Polizeifahrzeuge gesehen habe, dachte ich: Hoffentlich geht es denen gut, hoffentlich machen die nirgendwo Pause.


Tag 76, 21. Januar

MANFRED GÖTZL, Richter.
WOLFGANG HERMANN, 67, Rentner aus Heilbronn.
RONALD KÖLLNER, 49, Kriminalkommissar aus Gotha.
MARTIN GIEDKE, 30, Mitarbeiter des Bundeskriminalamts.

GÖTZL Was haben Sie am 25.4.2007 beobachtet?
HERMANN Nach 13 Uhr sind wir am Tatort vorbeigelaufen. Schräg gegenüber auf dem Fahrradweg haben sich zwei junge Männer aufgehalten mit Mountainbikes, mit voller Montur und Helm, und haben sich angeregt unterhalten.
GÖTZL Haben Sie irgendwelche Geräusche wahrgenommen?
HERMANN Das war später, da gab es einen Schlag. Zwei waren es sogar. Wir haben gedacht, dass es einem Auto einen Reifen rausgehauen hat.
GÖTZL Wann war das?
HERMANN Es war etwa halb zwei, als wir die Radfahrer sahen, und eine halbe Stunde später waren die Schüsse.
(Hermann ab. Köllner tritt in den Zeugenstand.)
GÖTZL Es geht uns um den 4.11.2011. Sie und Ihre Kollegen in Eisenach haben dazu ja ermittelt. Was können Sie uns denn sagen?
KÖLLNER Ich hatte an dem Tag Dienst. Es war zur Mittagszeit, als bekannt wurde, dass in Eisenach eine Bank überfallen worden war und ein Wohnmobil brennt. Vor Ort sahen wir schnell, dass da einige Schusswaffen drinliegen. Über die erste Waffe, die wir fanden, war ich sehr erstaunt, weil es eine topaktuelle Pistole war, wie sie bei der Polizei verwendet wird. Sie war auch geladen. Es wurden auch zwei Pumpflinten aufgefunden. Eine war verformt wegen der Hitze des Brandes. Sie konnte nicht mehr geöffnet werden, aber man konnte sehen, dass eine Patrone in dem Lauf steckte.
GÖTZL Sie haben eine Heckler & Koch gefunden.
KÖLLNER Richtig. Das war die Dienstwaffe von Frau Kiesewetter.
(Köllner ab. Giedke tritt in den Zeugenstand.)
GÖTZL Es geht mir um den Ku-Klux-Klan, im Zusammenhang mit den Ermittlungen in Heilbronn. Was können Sie hierzu berichten?
GIEDKE Zwei Kollegen der Bereitschaftspolizei räumten ein, bis 2002 oder 2003 Mitglied im Ku-Klux-Klan gewesen zu sein. Timo H. war einer der beiden. Sie haben aber gesagt, dass sie die einzigen Beamten im Ku-Klux-Klan gewesen seien, und beide haben sich auch so geäußert, dass es zwischen dem NSU und dem Ku-Klux-Klan keinerlei Verbindung gab.
GÖTZL Welche Konsequenzen hatte das für die beiden Beamten?
GIEDKE Meines Wissens ist ein Disziplinarverfahren eingeleitet worden. Allerdings sind sie nicht aus dem Dienst ausgeschieden.
GÖTZL Konnte festgestellt werden, ob Timo H. in die Planungen des Einsatzes am 25.4.2007 eingebunden war?
GIEDKE Er war an dem Tag verantwortlicher Gruppenführer und damit auch für Martin A. und Michèle Kiesewetter zuständig. Aber die Planungen des Einsatzes oblagen nicht ihm, er hatte keine direkte Einflussnahme.
GÖTZL Wenn es um die rechte Szene geht – gab es da irgendwelche problematischen Einsätze oder Drohungen gegen Frau Kiesewetter?
GIEDKE Man hat versucht, die kompletten Einsätze nachzuvollziehen. Frau Kiesewetter war an 199 Einsätzen beteiligt. Es ist nicht verzeichnet, wie viele dem rechten Spektrum galten. Aber Vernehmungen im beruflichen Umfeld ergaben, dass es in dieser Hinsicht keine Probleme gab.

Anzeige

Seite 1 2 3 4 5 6 7 8
  • Politik

    Justin Trudeau – das Quiz

    Justin Trudeau, kanadischer Premierminister, entzückt die Welt mit Charme, Humor und einem Werdegang wie aus einem Hollywoodfilm. Wie viel wissen Sie wirklich über diesen Mann und seinen ungewöhnlichen Politik-Stil?

    Von Till Krause
  • Anzeige
    Politik

    Wozu besteht Hoffnung in Europa?

    In welchem Europa wollen wir leben? Wir haben dazu 89 Fragen für Sie, die Sie jetzt ehrlich beantworten sollten.

    Redaktion: Florian Zinnecker
  • Politik

    Edathy: Im Netz herrsche »viel Kreativität, was Foltermethoden anbelangt«

    Sein Versuch, Distanz zwischen sich und Deutschland zu bringen, gelang nur bedingt: Auch in seinem arabischen Exil erreichen Sebastian Edathy laufend Hass-Mails und Morddrohungen.

    Von Heribert Prantl