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aus Heft 02/2015 Liebe & Partnerschaft

»Wer sagt, er sei noch nie eifersüchtig gewesen, ist für mich hochauffällig«

Sacha Batthyany  Fotos: Christian Lesemann

Eifersucht kann einen rasend machen. Aber ab wann ist sie krankhaft? Und kann man irgendwas dagegen tun? Ein Gespräch mit Harald Oberbauer, dem Leiter der einzigen Eifersuchtssprechstunde im deutschsprachigen Raum.

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Die Eifersucht nährt sich vor allem von dem, was man nicht sehen kann.

SZ-Magazin: Herr Oberbauer, nehmen wir an, ich wäre ein Durchschnittspatient bei Ihnen. Ich würde erzählen, dass ich meiner Frau nachspioniere, dass ich in der Nacht an ihrem Kleid schnuppere, um zu prüfen, wo sie war – und vor allem mit wem. Würde ich mich für meine Eifersucht schämen?
Harald Oberbauer: Ja. Den meisten ist es unangenehm, dass sie ihre Partner kontrollieren, wobei die Sache mit dem Kleid heute eher ungewöhnlich wäre. Als ich vor 15 Jahren mit der Eifersuchtssprechstunde begann, ging es noch um blonde Haare am schwarzen Jackett oder Lippenstift am Revers. Heute geht es um E-Mails, Nacktselfies und SMS von Arbeitskollegen. Sie würden sich also viel eher dafür schämen, dass Sie sich in den Computer Ihrer Frau eingeloggt haben. Aber viel wichtiger ist: Sie würden unter Ihrer Eifersucht leiden. Wäre Ihr Leidensdruck nicht groß genug, säßen Sie nicht hier. Doch das alles würden Sie mir nicht erzählen, denn Männer wie Sie, also Durchschnittspatienten, sind sehr zugeknöpft.

Wie brechen Sie das Eis?
Bei Frauen geschieht das von allein. Frauen suchen sich Hilfe, tippen bei Google die Wörter »Eifersucht« und »krankhaft« ein und landen früher oder später bei mir. Sie wollen reden. Männer werden in der Regel von ihren Frauen zu mir geschleppt und sitzen dann mit verschränkten Armen vor mir. Im Anamnese-Gespräch ist die Eifersucht vorerst kein Thema. Ich sage: »Erzählen Sie mir von Ihrer Beziehung«, »Haben Sie Kinder?«. Schön langsam nähern wir uns der Eifersucht, aber ich werte nie. Ich beginne vielleicht mit dem Satz: »Eifersucht ist etwas Normales. Aber Eifersucht kann auch krankhaft werden.«

Spielt es eine Rolle, ob ich Beweise habe für die Untreue meiner Frau? Werden Ihnen zum Beispiel ausgedruckte E-Mails unter die Nase gehalten?
Verwackelte Fotos interessieren mich nicht. Ich bin nicht Sherlock Holmes. Wären Sie also mein Patient, ginge es nicht um die Frage, ob Ihre Frau fremdgeht, sondern darum, wie Sie damit umgehen. Wenn Ihre Frau Sie tatsächlich betrügt, Sie aber deshalb nicht depressiv sind, haben Sie zwei Möglichkeiten: Entweder Sie ziehen die Konsequenzen, oder Sie ordnen das für sich ein. Jeder nach seinen moralischen Vorstellungen. Mich brauchen Sie dafür nicht.

Wann brauche ich Sie?
Krankhaft ist die Eifersucht dann, wenn die Lebensqualität des Eifersüchtigen – oder die Lebensqualität des Partners – beeinträchtigt ist. Das heißt, wenn ich mich nicht mehr auf meine Arbeit konzentrieren kann. Wenn ich ständig denke: Wo ist sie? Was macht er gerade? Belügt sie mich? Wenn ich dauernd kontrolliere, wir nennen das Checking. Oder wenn ich Gewalt anwende, wenn ich jemanden einsperre oder züchtige. Man muss sich das wie ein ansteigendes Kontinuum vorstellen: Es fängt mit der liebesfördernden Eifersucht an. 98 Prozent der Menschen kennen diese leichte Form, das haben amerikanische Forscher belegt, und diese Erregung hat ja auch etwas Schönes, dieses Gefühl also, eine Frau neben sich zu haben, nach der sich alle Männer umdrehen.

Und wo hört es auf?
Beim Wahn. Der Eifersüchtige hat die unumstößliche Gewissheit, dass es so ist und nicht anders. Die Wahrnehmung ist dermaßen eingeengt, dass man sonst nichts mehr denken kann.

Haben Sie ein Beispiel?
Ich hatte einen 92-jährigen Mann bei mir, der mit einer erheblich jüngeren Frau zusammen war. Als Beweis ihrer Untreue brachte er Tonbänder mit, außerdem hat er sie wüst beschimpft. Dass sie eine Schlampe sei, gehörte noch zu den freundlicheren Ausdrücken. Mit der Zeit war er der Meinung, sie habe auch was mit mir. Er war im Wahn – und warum? Weil bei ihm eine altersgemäße erektile Dysfunktion eingesetzt hatte. Er hatte eine fesche, vollbusige Frau neben sich, die er für anbetungswürdig hielt, gleichzeitig hatte er Panik, sie würde ihn verlassen, weil er sie sexuell nicht befriedigen konnte.

Hat sie ihn am Ende verlassen?
Er verstarb eines natürlichen Todes, bevor sie sich trennen konnten.

In Internetforen schreiben junge Frauen, dass sie es nicht aushalten, wenn ihre Freunde die neuen H&M-Models auf den Plakaten sehen. Wird Eifersucht durch die extreme Freizügigkeit, die heute herrscht, befeuert?
Der Druck ist immens, weil wir alle so darauf bedacht sind, schick, sportlich, gesund und schlank zu sein. Bei mir waren Paare, die Schwierigkeiten haben, sich gemeinsam Filme anzusehen, weil die Schauspieler so perfekt sind und man selbst gegen diese Bilder immer verliert. Noch hübschere Frauen, noch potentere Männer sind immer nur einen Klick entfernt.

Eifersucht ist die Angst vor Vergleich, sagte Max Frisch.
Das ist so – wobei wir uns früher mit ein paar Schulkameraden oder Nachbarn verglichen haben. Heute vergleichen wir uns mit der ganzen Welt.

Warum werden manche Menschen krankhaft eifersüchtig, andere nicht?
Wir sprechen von Wegbereitern oder Triggern für paranoide Eifersucht. Chronischer Alkoholismus kann ein solcher Trigger sein. Oder ein vermindertes Selbstwertgefühl. Wenn ich das Gefühl habe, ein kleines Würstchen zu sein, nicht potent genug, kann das ein Sprungbrett sein für Eifersuchtsgedanken. Dann spielt die Qualität der Paarbeziehung eine Rolle, die Art der Kommunikation, das Alter. Die Konstellation älterer Mann und jüngere Frau ist gefährdet, wie das Beispiel des 92-Jährigen zeigt. Und was dazu kommt: Die Eifersucht des Mannes kann Zeichen einer latenten Homosexualität sein.

Klingt nach Sigmund Freud.
Bingo. Der Ehegatte ist eifersüchtig auf seine Frau, weil sie mit anderen Männern herumturtelt, was er sich selbst nicht erlaubt, weil es ja nicht sein darf. Wenn ich das mit der Homosexualität meinen Patienten erkläre, winken viele ab. »Um Gottes willen«, heißt es dann, »Homosexualität ist für mich so weit entfernt wie China.«

Sind eifersüchtige Menschen kranke Menschen?
In meiner Ambulanz sind wir biologisch orientiert. Wir schauen, ob eine Grundstörung vorhanden ist, Alkoholismus, Hirnschädigung, Depression, Libido-Störung. Was auch bekannt ist: Menschen mit einer Hirnschädigung, einem Schädel-Hirn-Trauma, können Eifersuchtssymptome zeigen. Der Psychiater Alois Alzheimer hat bei seiner Patientin Auguste Deter Eifersuchtssymptome festgestellt. Deter war die Patientin, die Alzheimer berühmt machte, weil er bei ihr eine D-menzerkrankung beschrieb, die später nach ihm benannt wurde. Ich kläre die Patienten deshalb zu Beginn medizinisch ab, führe eine Schädelcomputertomografie durch, mache psychologische Tests, das ganze Programm.

Schreckt es Ihre Patienten nicht ab, wenn sie wegen verbotener E-Mails kommen und in der Röhre landen?
Im Gegenteil. Viele empfinden es als wohltuend: Endlich werden sie ernst genommen, sind keine Spinner mehr. Man muss wissen: Bei gesteigerter Eifersucht ist Feuer im Dach.

Was genau spielt sich im Gehirn ab?
Es ist ein Erregungszustand. Ob positiv oder negativ, spielt keine Rolle, es ist ein Rausch. Die Botenstoffe Adrenalin, Noradrenalin, Dopamin, Serotonin spielen Rambazamba, sind also in totaler Dysbalance.

Wie viele Ihrer Patienten mit einer Eifersuchtsstörung gehen geheilt aus Ihrer Praxis?
Das Wort geheilt ist nicht korrekt. Ich sage mal so: Bei achtzig Prozent der Patienten erkenne ich die Grundstörung, eben Alkoholismus, Impotenz und so weiter. Diese Menschen werden von Spezialisten in den einzelnen Gebieten behandelt. In den meisten Fällen löst sich die Eifersucht dann von selbst.
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Sacha Batthyany hat sich vor diesem Interview einen Film angesehen, den er hiermit als den besten Film über Eifersucht überhaupt anpreist: Die Hölle von Claude Chabrol, mit François Cluzet und Emmanuelle Béart.