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aus Heft 05/2015 Gesellschaft/Leben

Nachtschatten

Christoph Cadenbach   Illustrationen: Florian Bayer

Seit September 2014 trägt die Kunststudentin Emma Sulkowicz eine Matratze mit sich, sobald sie auf dem Campus der Columbia University in New York unterwegs ist. Sie sagt, auf so einer Matratze sei sie von ihrem deutschen Kommilitonen Paul Nungeßer vergewaltigt worden. Der Fall macht seitdem weltweit Schlagzeilen. Dem SZ-Magazin haben nun beide ihre Geschichte erzählt.



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Zu Beginn ein Selbstversuch: Geben Sie den Namen »Paul Nungeßer« bei Google ein und bilden Sie sich eine Meinung über den jungen Mann.

Dass er im Dezember 2014 einem Journalisten vom SZ-Magazin gegenübersitzt, hat mit den Suchergebnissen zu tun. Im Internet ist Paul ein »mutmaßlicher Vergewaltiger« oder ein »Vergewaltiger«.

Die Geschichte hat im September 2014 weltweit Schlagzeilen gemacht. Eine Kunststudentin der Columbia Universität in New York, Emma Sulkowicz, trägt seitdem eine Matratze mit sich herum, wann immer sie auf dem Campus unterwegs ist. Ein schweres blaues Ding, 22 Kilogramm, 90 mal 200 Zentimeter groß. Carry That Weight – Trage diese Last, nennt sie ihre Performance, denn auf einer ähnlichen Matratze wie dieser sei sie von ihrem Kommilitonen Paul im August 2012 vergewaltigt worden. Sagt sie.

Paul sagt, das stimme nicht. Für ihn ist es keine Kunstperformance, sondern eine Mobbingkampagne.

In einem ruhigen und menschenleeren Seminarraum der Columbia-Architekturfakultät schildert er dann seine Perspektive auf die vergangenen zweieinhalb Jahre. Es ist eine detaillierte, konzentrierte Selbstentblößung. Gleich zwei Aufnahmegeräte laufen mit, denn auch Paul hat eins eingeschaltet. Er ist vorsichtig, misstrauisch. »Ich habe viele Vertrauensbrüche erlebt«, sagt er. Nur mit der New York Times hat er bisher gesprochen und gleichzeitig den Kontakt zu einem deutschen Magazin gesucht. Paul, 23 Jahre alt, kommt aus Deutschland, aus welcher Stadt soll auf seinen Wunsch hin nicht erwähnt werden.

Ein paar Tage zuvor, eine andere Selbstentblößung: diesmal im Auditorium des Brooklyn Museums. Der Saal ist in warmes Licht getaucht, die 400 Plätze sind fast alle besetzt. In den Stuhlreihen: New Yorker Kunstpublikum und Studenten. Auf der Bühne: Emma Sulkowicz und Roberta Smith, Kunstkritikerin der New York Times. Sie hat eine der ersten Rezensionen über Emmas Performance geschrieben, darin vergleicht sie das Projekt mit Werken berühmter Aktionskünstler wie Marina Abramović und Tehching Hsieh. Auch führt sie die Analogie der Performance zum Kreuzweg von Jesus an. Roberta Smith ist ein Fan, wie die meisten anderen hier im Saal. Emma, 22 Jahre alt, wird es schon zu viel, wie sie sagt: »Fremde Leute halten mich auf der Straße auf, fassen mich an, als wäre ich eine Heilige, und merken dabei nicht, dass ich genau das nicht will, weil sie in meinen privatesten Raum eindringen.«

Seit Emma mit ihrer Performance begonnen hat, ist sie das Gesicht einer nationalen Bewegung geworden, einer neuen »sexuellen Revolution an den Universitäten«, wie das New York Magazine in einer Titelgeschichte über Emma schrieb. Hintergrund dieser Debatte ist die Annahme, dass sexuelle Übergriffe an den amerikanischen Universitäten beinahe alltäglich sind. In manchen Artikeln sprechen die Autoren von einer »Vergewaltigungsepidemie«, die vor allem an den Elitehochschulen grassiere. Tagsüber würden sich die Studenten in der Bibliothek und beim Sport messen, abends beim Trinken und Frauenabschleppen, bevorzugt in den Häusern der zahlreichen Studentenverbindungen.

Seit etwa drei Jahren ist das Thema in den USA mehr und mehr in der Öffentlichkeit präsent, weil sich im ganzen Land Initiativen gegründet haben, um gegen diese beschriebene »Vergewaltigungskultur« anzukämpfen. Mittlerweile hat sich selbst Barack Obama eingeschaltet und eine »Task Force« im Weißen Haus installiert, die daran arbeitet, Studenten besser vor sexuellen Übergriffen zu schützen. In Kalifornien wurde im September ein Gesetz verabschiedet, das umgangssprachlich als »Yes Means Yes« bekannt geworden ist. Demnach sollen Universitäten ihre Studenten dazu verpflichten, vor einem möglichen Geschlechtsverkehr aktiv das beiderseitige Einverständnis abzuklären. Und Obamas Parteikollegin Hillary Clinton hat bei einem Auftritt neulich noch einmal die besondere Rolle von Emma in diesem Diskurs betont: »Ihr Anblick sollte uns alle verfolgen«, sagte Clinton.

Paul sagt, er vergesse manchmal für einen Moment, dass er dieser Typ sein soll, der neben Emma im Zentrum der Aufregung steht. Hillary Clinton, Barack Obama, das ist die Dimension des Wirbels, in dem er steckt. Und so wie Emma zum Symbol für Vergewaltigungsopfer geworden ist, die den Mut gefunden haben, über ihre Verletzungen zu sprechen, ist Paul zum Symbol geworden für die mutmaßlichen Vergewaltiger, die ihre Schuld nicht anerkennen wollen. Wenn ihm dieser Umstand dann wieder bewusst wird, spüre er ein Ziehen im Magen, das ihn schwindelig werden lässt, sagt er.

Emmas Matratzen-Performance wird vom Großteil der Medien und der Öffentlichkeit als starker Akt der Selbstermächtigung verstanden. Oder ist es die Verleumdung eines Unschuldigen?

August 2011 Welcome to the greatest University of the World! Paul ist begeistert von diesem Gefühl, das ihm in den ersten Wochen an der Columbia vermittelt wird. Spätere Staatspräsidenten und Nobelpreisträger haben hier studiert. Das Selbstverständnis der Privatuniversität im Nordwesten Manhattans ist entsprechend selbstbewusst. Auf seinem Gymnasium in Deutschland hat Paul dieses positive Lernklima immer vermisst. Er war Klassensprecher, Schulsprecher, hat im Chor gesungen und fährt, seitdem er 14 ist, im Verein Rennrad. Eine alte Freundin beschreibt ihn als hochbegabt, ehrgeizig und sehr neugierig auf die Welt. Sein Abitur hat er auf einem internationalen Internat in Swasiland gemacht, weil dort neben dem klassischen Unterricht auch kreative und gemeinnützige Arbeit im Curriculum standen. Es war seine Idee, nicht die seiner Eltern. Seine Mutter ist freiberufliche Lektorin, sein Vater Grundschullehrer.

An der Columbia fängt Paul im ersten Semester gleich mit dem Rudern an und belegt Seminare in den unterschiedlichsten Fachrichtungen: Mathe, Literatur, Bühnenbild. Sein Bachelor-Studiengang Liberal Arts kostet rund eine Viertelmillion Dollar, doch Paul hat ein Stipendium, das fast die gesamte Summe deckt.

Emma lernt er nach ein paar Wochen über gemeinsame Freunde kennen. Sie ist in Manhattan aufgewachsen und hat dort die Dalton School besucht, eine der angesehensten Privatschulen der USA. Ihre Eltern sind stadtbekannte Psychiater, ihr Vater hat sich auf das Coaching von Spitzenmanagern spezialisiert. Emma überlegte, Physik zu studieren, weil sie in der Schule darin besonders gut gewesen war, entschied sich dann aber schnell für den Schwerpunkt Visuelle Kunst. Nebenbei ficht sie im Uni-Team und engagiert sich bei Alpha Delta Phi, einer Studentenverbindung, die als besonders liberal und locker gilt – eine Verbindung für Studenten, die Verbindungen eigentlich ablehnen. Auch Paul ist dort Mitglied. Es dauert bis zum Frühjahr, bis ihre Freundschaft enger wird.

Zweimal haben sie in diesem Frühjahr Sex, das sagen beide, aber eine feste Beziehung entsteht daraus nicht. »Weil uns die Freundschaft wichtiger war, und wir sie nicht riskieren wollten«, sagt Paul. Als das erste Studienjahr vorbei ist, fliegt er für die Sommerferien nach Deutschland; sie schreiben sich öfter über Facebook in dieser Zeit.
Emma: Paulllll
Paul: emma. que pasa?
Emma: ahhhh, paul i miss you so much
Paul: word

Ende August 2012 kommt Paul nach New York zurück, und die beiden treffen sich nach einer Party wieder. Sie umarmen sich, küssen sich und gehen kurz darauf gemeinsam in Emmas Zimmer. Dies ist der Moment, an dem die Geschichte der beiden verschiedene Richtungen nimmt.

Emma sagt, dass Paul ziemlich betrunken gewesen sei. Sie hätten erst einvernehmlichen Sex gehabt, dann habe er sie plötzlich ins Gesicht geschlagen, gewürgt und anal vergewaltigt. Danach sei er aus dem Zimmer gerannt.

Paul sagt, er habe an diesem Abend höchstens zwei Cocktails getrunken. Der Sex sei ausnahmslos einvernehmlich gewesen, auch der Analverkehr. Er habe sie weder geschlagen noch gewürgt, und nach dem Sex seien sie gemeinsam eingeschlafen. Im Morgengrauen sei er aufgewacht und habe duschen wollen, deshalb sei er gegangen, ohne Emma zu wecken. Ein paar Tage später hätten sie über SMS und Facebook wieder Kontakt gehabt und sich in den Wochen darauf auch einige Male auf Partys gesehen, dann aber zunehmend aus den Augen verloren.

Acht Monate später, im April 2013, zeigt Emma ihn bei der Uni an. Kurz darauf reichen auch zwei andere Studentinnen Beschwerde wegen sexueller Übergriffe gegen Paul ein.

An den US-Universitäten werden neunzig Prozent der sexuellen Übergriffe von Studenten begangen, die dies nicht zum ersten Mal tun oder nicht zum letzten Mal tun werden: So lautet das Ergebnis einer Studie, die von vielen Journalisten und den meisten Aktivisten angeführt wird, die sich mit der Vergewaltigungskultur an den Universitäten beschäftigen. Es ist die These von den Serientätern, der zufolge es besonders wichtig ist, diese Männer ausfindig zu machen und zu isolieren.

Eine andere, noch viel öfter zitierte Studie besagt, dass in den USA jede fünfte Studentin während ihrer Uni-Zeit sexuelle Übergriffe erlebt. Eine von fünf: Das erklärt den Begriff der »Vergewaltigungsepidemie«.

Die Journalistin Emily Yoffe hat sich diese Studien für das US-Magazin Slate einmal genau angeschaut. In ihrem viel beachteten Artikel »The College Rape Overcorrection« zeigt sie die Probleme auf.
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Christoph Cadenbach und Florian Bayer haben für die Geschichte eng zusammengearbeitet, in New York war allerdings nur der Autor Cadenbach. Bei seinem zweiten Besuch hat er sich auch mit der Freundin von Paul getroffen, die an einer anderen New Yorker Universität studiert. Die beiden sind seit einem Jahr ein Paar. Sie sagt, dass sie ihm natürlich glaube, aber sich vor manchen Freunden habe rechtfertigen müssen, warum sie mit so jemandem zusammen ist. Auch Emma hat mittlerweile wieder eine Beziehung.

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