Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München 27°
Anzeige
Anzeige

aus Heft 05/2015 Gesellschaft/Leben

Der Mozart unter den Texten

Seite 2: »Aber warum hat dein Mann dich geschlagen?« Bekannte, Freunde, Familie attackierten mich mit der Frage, als gäbe es das: einen guten Grund.

Illustration: Andy Rementer


Der Woody Allen des Barock (Jean-Philippe Rameau), der Boris Entrup der Kuhpflege (»Kuhfitterin Astrid Ostkämper legt letzte Hand an ein Rind an. Waschen, Bürsten und Schneiden lässt die Kuh-Dame geduldig über sich ergehen«, Focus, Juni 2011), der Newton des Grashalms (Charles Darwin), der Heino der deutschen Literatur, der Lionel Messi der Grill-Modelle, der Brad Pitt des Saarlands, der Günter Grass der Friseure, die Leni Riefenstahl der Volksbefragung, der Homer der Insekten, der Justin Bieber der Kreidezeit, der Helmut Kohl unter den Brotaufstrichen, die bretonische Kuh der Literatur, der Jon Bon Jovi der Schwabenschlichter, die Nana Mouskouri der Inneren Sicherheit, der Mount Everest der Masturbation, die Tuberkulose des Digitalzeitalters, der Porsche Cayenne unter den Schuhen und so weiter. Das sind alles kleine Kunstwerke und nicht erfunden, also leider nicht von mir, das stand alles genau so in der Zeitung oder online (auf umblaetterer.de werden diese kleinen Kunstwerke schon lange gesammelt), und je mehr man von diesem Zeug liest, desto süchtiger wird man danach, aber desto mehr nimmt der Wunsch ab, herauszufinden, wer sich etwa hinter dem Bruce Willis der Quartalsberichte verbirgt, ein umgekehrt reziprokes Phänomen, wie die sich selbst aufessende Neugier. Und der Gipfel wäre erreicht, wenn eine Antonomasie-Möbiusschleife entstünde, der Antonomasiker der Antonomasiker, aber auch das gab es ja schon von Gertrude Stein, die eine Rose mit einer Rose verglich, die einer Rose gleicht und so weiter, sie hat zumindest in der Floristik das letzte Wort gesprochen, das nur noch steigerbar wäre, wenn man die Rose als die Tulpe der Hyazinthen für Geranien bezeichnen würde, in einem Rhododendronfachblatt, und das wagt niemand. Oder doch?

Es gibt die Onomatopoesie (sprachliche Nachahmung von außersprachlichen Schallereignissen), aber meines Wissens gibt es das Genre der Antonomatopoesie noch nicht, wenn ich an einer Schule für Dichtung wäre, würde ich dieses Studienfach installieren, denn Dichter sind, dieses faule Witzchen muss gestattet sein, doch auch nichts anders als Installateure. Jetzt aber zu behaupten, die Installateure seien die Dichter der Rohre, wäre zu einfach, man müsste, hier wären wir schon bei der ersten Unterrichtseinheit meiner Klasse für Antonomatopoesie, es überraschend brechen, dazu müsste man wissen, wer der Paganini der Klempner ist, der Abt des Abwassers (neues Genre: Alliterationsantonomatopoesie), die Koryphäe auf diesem Gebiet.

Und so wie eine japanische Redensart sagt, dass Harmonie die Symmetrie der Dummen ist, könnte man sich jetzt der Dummheit resignativ ergeben, weil ja in der Resignation etwas Tröstliches liegt, und zum Anfang zurückkommen, zum Klempner Adam, der uns in der Wohnung der Picassos die Kacheln zertrümmert und ein frisches Rohr verlegt hat. Man kennt nun nicht so viele Handwerker aus Polen, hat keine Vergleichsmöglichkeiten, war Adam nun der Godzilla der Fliesen oder der Rilke der Rohre? Auch wenn Godzilla und Rilke relativ unpolnisch sind. Adam, der Walesa des stillen Örtchens, der Chopin des Abflusses, aber man verrennt sich leicht, wenn es an Parametern hapert, man überfrisst sich am Vergleich, wird so maßlos wie ein Kind, das nicht genug bekommen kann, und dann muss es kotzen, und wohin kotzt es? In Adams babyblaue Phase des Schreis von Picasso, der eigentlich von Edvard Munch ist, dem Edvard Grieg des gefrorenen Schreis, dessen, was Arthur Schopenhauer über Architektur sagte, Kafka zitierend, der über Literatur meinte, sie sei die Armbrust für die gefrorenen Äpfel auf unseren Köpfen, oder so ähnlich. Vielleicht waren die babyblauen Kacheln auch Adams Schrei nach Neuordnung der Stereotypen, ich weiß es nicht, aber glaube es, weil ich es glauben will, nämlich dass all unser Dasein doch nichts anderes ist als ein nie enden wollendes Assoziationskettensägenmassaker. Oder halt irgendwas mit Mozart.

---
Anmerkung der Redaktion:
Der Verweis auf umblaetterer.de hat in der Printversion leider gefehlt, wir haben das nun ergänzt.


Anzeige
Seite 1 2

Der Gewinner des letztjährigen Ingeborg-Bachmann-Preises Tex Rubinowitz wartet sehnsüchtig darauf, dass man ihn mit irgendwem vergleicht, wird aber online bloß als »Pseudokünstler« oder »Möchtegernschreiber« beschimpft. Immerhin schrieb die FAZ, er sei in Klagenfurt »bekannt wie ein scheckiger Hund«.

  • Gesellschaft/Leben

    Lagerbildung

    Die Kneipe »Alt Carnap« im Essener Norden war früher fest in SPD-Hand. Heute trinken dort auch AfDler ihr Bier. Doch wie weit liegen die beiden Lager eigentlich auseinander?

    Von Gabriela Herpell und Jöran Steinsiek
  • Anzeige
    Gesellschaft/Leben

    Schönheit im Schichtbetrieb

    Hat sich jemand mal überlegt, wie viel Zeit es kostet, sich die Nägel zu lackieren? Eine Würdigung einer völlig unvernünftigen, aber unterschätzten Alltagskunst.

    Von Nataly Bleuel
  • Gesellschaft/Leben

    Der heldenhafte Tod des Hertha-Arztes

    Der frühere Mannschaftsarzt von Hertha BSC starb als Jude in Auschwitz. Nun haben Hertha-Fans versucht, sein Schicksal zu rekonstruieren – und entscheidende Hinweise in einem alten SZ-Magazin-Artikel entdeckt.

    Von Lars Reichardt