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aus Heft 06/2015 Gesellschaft/Leben

Zoch im Kopf

Bernd Dörries  Fotos: Theo Barth

Am Rosenmontag schunkelt wieder gut eine Million Menschen durch Köln. Hinter dem Massenauflauf steht eine Industrie, in der man Millionär werden kann - und Burn-out-Patient.


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Marc Metzger streckt den Ellbogen hin, als solle man sich bei ihm einhaken. Eine etwas seltsame Begrüßung, aber klar, er muss ja immer lustig sein. In wenigen Minuten wird er in der Kölner Altstadt, im Festsaal Gürzenich* vor etwa 3000 ziemlich aufgeregten Frauen stehen, und wenn die nicht lachen, wird er wohl wieder an jene Zeit denken, in der er gar nicht mehr lustig sein konnte. Metzger, 41, lebt vom Karneval, und finanziell ist das ohne Frage eine gute Sache bei bis zu acht Auftritten am Tag, so wie diesem hier Mitte Januar bei der Mädchensitzung der Karnevalsgesellschaft der Altstädter. Metzger steht hinter einem kleinen Stand mit Kölsch, ohne eines zu trinken, und hat einen Parka mit Pelzkragen tief ins Gesicht gezogen. Wann immer jemand vorbeikommt, streckt er ihm den Ellbogen entgegen und macht ein ernstes Gesicht. Aber dann wird klar: Es ist gar kein Witz, es ist Selbstschutz. »Ich habe panische Angst, krank zu werden«, sagt Metzger. Karneval bedeutet für ihn: drei Monate keinen Alkohol, drei Monate witzig sein, egal wie es ihm geht, also bloß keine Erkältung. »Das ist wie Hochleistungssport«, sagt er – in einer Zeit, in der alle in Köln durchdrehen. Vom 11.11. bis zur Nubbelverbrennung nach Rosenmontag. Es ist ein riesiger, irrer Kreisel – und man versteht ihn am besten, wenn man sich in seine Mitte stellt. Dort ist die Bütt, dort ist Marc Metzger, dem schon mal sehr schlecht geworden ist in diesem Kreisel. Trotzdem wünschen sich viele andere Menschen dorthin, wo Metzger steht. Wegen des Geldes, klar – und wegen des Ruhms, der in Köln nur im Strafraum des Fußballstadions größer werden kann als in der Bütt.

Alles, was verboten war, durfte man an Karneval. Das sind die Ursprünge aus dem Mittelalter. Man verhöhnte die Mächtigen, kopierte ihre Uniformen und ritt mit dem Esel in den Dom, um dort die Eselsmesse zu lesen. Nirgends in Europa wird der Karneval so gefeiert wie in Köln, löst sich eine Stadt auf, wird alles eins. Singen und trinken, dazwischen bützen, wie das Abküssen Fremder hier heißt. Sollen die Schwaben fleißig sein und die Berliner arm, aber sexy. Was die Kölner so gut können wie sonst niemand: sich selbst feiern. »Alles, was der Kölner zur Karnevalszeit tut, macht auch das Kind im Mutterleib. Es trinkt und schunkelt den ganzen Tag, umgeben von Wärme und pulsierenden Herzschlag-Rhythmen« – so hübsch hat es der Kölner Psychologe Hermann Josef Berk formuliert.

Jedes Jahr erscheinen etwa 400 neue kölsche Titel auf CD oder im Internet, die Liedtexte der besten zwanzig werden verteilt und in Kneipen mitgesungen. Ganz und gar freiwillig. Und wenn gerade mal kein Karneval ist, geht man eben zum FC ins Stadion, dort singt man vor dem Anpfiff dieselben Lieder, und die Männer haben nasse Augen. Amerika hat Sinatra, Köln hat die Höhner. In Köln zahlen die Zuschauer für die Stunde vor dem Spiel, hat Rudi Völler einmal gesagt. Das ist alles kein Marketing, das ist die Kultur genau dieser Stadt; egal wo, im Stadion, in der U-Bahn, in der Kneipe, am Büdchen, man wird in Köln ganzjährig angequatscht. Es ist ein einziger Klumpen Mensch.

Wo Menschen sich verklumpen, erst recht wo dabei Bier fließt, dort fließt Geld, und damit sind wir wieder bei Marc Metzger: Die großen Büttenredner bekommen für einen Auftritt wohl bis zu 1000 Euro. Und wir sind bei der ganzen Industrie, die hinter dem Kölner Karneval steht: Die Unternehmensberatung Boston Consulting Group hat für Köln 460 Millionen Euro Umsatz pro Jahr errechnet und 5000 Arbeitsplätze. Köln hat eine Million Einwohner – allein für den kommenden Rosenmontag am 16. Februar rechnet das Kölner Festkomitee mit mindestens ebenso vielen Besuchern. Trotz all der Profite, die dieser Massenauflauf bietet, ist der Karneval immer noch eine ziemlich unkapitalistische Angelegenheit, es gibt keine Kaste von Wirten, die wie auf dem Oktoberfest Millionen scheffelt. Die meisten Menschen, die den Karneval organisieren, tun das ehrenamtlich. Und ganzjährig: Auch im Sommer oder Herbst steht irgendjemand immer im Maschinenraum des Karnevals und hält die Motoren am Laufen.

Die kleinsten Organisationseinheiten des Kölner Karnevals sind die Karnevalsgesellschaften. Sie sind das Fußvolk im Karnevalsstaat. Die Vereine organisieren Sitzungen, sammeln Geld, nähen Kostüme, sie üben tanzen und musizieren – um dann bei den Umzügen mitzulaufen. Über ihnen steht das Festkomitee, quasi die Gewerkschaft der mehr als hundert Kölner Vereine. Das Komitee plant auch den Zoch, den Rosenmontagszug, der von Jahr zu Jahr wächst und mit acht Kilometern mittlerweile länger ist als der dann gelaufene Weg von 7,5 Kilometern.

(*Anmerkung: In der gedruckten Version dieses Artikels wird der Gürzenich fälschlicherweise als Stadtteil bezeichnet. Dieser Fehler ist nicht dem ortskundigen Autor geschuldet, sondern ist in der redaktionellen Bearbeitung des Textes entstanden. Wir bedauern den Irrtum.) 

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Bernd Dörries gehörte als Zugezogener in Köln anfangs zu denen, die erst ein paar Kölsch brauchen, um mit dem Karneval warm zu werden. Mittlerweile ist es für den SZ-Korrespondenten kein Problem mehr, bereits im September die großen Hits zumindest mitzubrummen.