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aus Heft 07/2015 Liebe & Partnerschaft

Das Chamäleon

Till Krause  Fotos: Stephanie Füssenich

Ein Franzose gibt sich als ein vermisstes Kind aus, damit eine Familie ihn aufnimmt und liebt. Dafür landet er als Hochstapler im Gefängnis - und findet die Liebe seines Lebens.


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Am 18. Oktober 1997 steht Beverly Dollarhide in der Ankunftshalle des Flughafens in San Antonio, Texas, um ihren vermissten Sohn in die Arme zu schließen. Nicholas war 13, als er im Juni 1994 am Abend nicht vom Spielen nach Hause kam. Die Polizei hatte die Suche längst aufgegeben, als sich im Herbst 1997, mehr als drei Jahre nach seinem Verschwinden, die US-Botschaft in Madrid bei Beverly Dollarhide meldete. Nicholas sei in Spanien aufgetaucht, es gehe ihm gut. Er habe nur einen Wunsch: Er wolle nach Hause. Sie spricht kurz mit ihm am Telefon. Dann steigt er ins Flugzeug.

Beverly Dollarhide kann es kaum glauben. Wie kommt ihr Sohn nach Spanien? Was ist ihm zugestoßen?

Als er in Texas landet, verlässt er das Flugzeug als einer der letzten Passagiere. Er trägt eine blaue Baseballmütze, einen dicken Mantel und verdeckt sein Gesicht mit einem Schal und einer Sonnenbrille. Beverly Dollarhide will ihren Sohn umarmen, doch er zuckt zusammen. Er redet kaum. Irgendwas stimmt hier nicht.

Nicholas erzählt eine unglaubliche Geschichte: Er sei entführt und in ein Kinderbordell nach Europa verschleppt worden, wo er jahrelang missbraucht und in einem dunklen Raum gefangen gehalten worden sei. Nur durch Zufall sei ihm die Flucht gelungen.

Als kleiner Junge war Nicholas temperamentvoll und lustig, jetzt spricht er wenig, und wenn, hat seine Sprache einen seltsamen Akzent. Nicholas kann alles erklären: Seine Peiniger hätten ihn jedes Mal verprügelt, sobald er Englisch sprach – nur Französisch hätten sie geduldet. Deswegen sei er so scheu, ganz anders als der kleine blonde Strahlemann, der Nicholas einmal war.

Das FBI ermittelt wegen Kindesentführung, der Druck ist enorm. Eine Bande, die Kinder in Texas entführt und als Sexsklaven nach Europa bringt? Das hat es noch nie gegeben. Doch Nicholas verstrickt sich in Widersprüche. Die Agentin Nancy Fisher, die ihn damals verhört hat, beschreibt ihn als »sehr verschlossen«. Er gebe sein Wissen über seine Peiniger nicht preis und neige zu Wutausbrüchen. Das FBI beauftragt Psychiater und einen sprachwissenschaftlichen Gutachter, der das seltsame Englisch von Nicholas untersuchen soll. Ihr Ergebnis: Dieser Junge ist kein Amerikaner. Er lügt.

»Wir glauben, dass dieser Junge nicht Ihr Sohn ist«, sagt die FBI-Agentin ein paar Wochen nach Nicholas Rückkehr.

»Ich lasse mir mein Kind nicht noch mal nehmen«, antwortet Nicholas Mutter. Mit den Behörden will sie nichts zu tun haben. Sie war früher heroinsüchtig und lebt in einer Wohnwagensiedlung am Stadtrand von San Antonio, Texas.

Fünf Monate nach Nicholas Rückkehr nimmt Nancy Fisher seine Fingerabdrücke und schickt sie an Interpol. Treffer in der Datenbank. Der Junge ist ein gesuchter Hochstapler namens Frédéric Bourdin, der sich seit Jahren als hilfsbedürftiger Jugendlicher ausgibt, um sich in Kinderheime und Pflegefamilien einzuschleichen. Er ist kein Amerikaner, sondern Franzose. Und er ist nicht 16, sondern 23. Bei seiner Verhaftung lächelt er und zeigt den Kameras ein Victory-Zeichen.

Die Geschichte ist eine Sensation, Reporter aus aller Welt stürzen sich auf den Fall. Ein Fernsehteam von France 2 besucht Bourdin in den USA im Gefängnis, der Bericht läuft in Frankreich zur besten Sendezeit. Wie hat Bourdin es nur geschafft, sich als Amerikaner auszugeben? Er gibt alles zu. Von Spanien aus hat er beim US-Zentrum für vermisste Kinder angerufen und sich als Leiter eines Kinderheims vorgestellt, in dem ein verwirrtes Kind aufgetaucht sei. Er fragte: Gibt es jemanden in Ihrer Datenbank mit folgenden Merkmalen? Dann beschrieb er sich selbst: Lücke zwischen den Schneidezähnen, etwa 1,70 Meter groß, schmächtig. Die Frau bei der Behörde gab die Kennzeichen in ihren Computer ein – und war plötzlich ganz aufgeregt: Ja, so einen Junge gebe es, vermisst in Texas. Sein Name: Nicholas Barclay. Mehr Informationen brauchte Frédéric Bourdin nicht. Er rief die zuständige Polizei in Texas an, gab sich wieder als Heimleiter aus Spanien aus und sagte: Ich habe gute Nachrichten, neben mir steht Nicholas Barclay. Wenig später saß Bourdin im Flugzeug nach Texas.

Er zeigt den Reportern eine Tätowierung auf seinem rechten Unterarm. Caméléon nantais steht dort, das Chamäleon aus Nantes. Es ist der Spitzname, den er sich selbst gab, als er ein Teenager war, später haben die Medien den Namen aufgegriffen. Denn er passt: Bourdin beherrscht, ähnlich wie das Reptil, zwei Dinge meisterhaft – die Verwandlung und das Anpassen an seine Umgebung.

Die getäuschte Mutter Beverly Dollarhide sagt: »Vermutlich hatte die Hoffnung mich ausgetrickst. Ich wollte Nicholas so sehr zurück, dass ich blind war.«

Im Februar 1999, ein Jahr nach Bourdins Verhaftung, sitzt ein Mädchen namens Isabelle Clerc in Cannes wie gebannt vor dem Fernseher und verfolgt jedes Wort von Bourdins Geschichte. Sie ist 17 Jahre alt und von einer tiefen Traurigkeit befallen. Ihr Vater hat Isabelles Mutter im Suff oft verprügelt, auch sie hat Schläge abbekommen, aber immer geschwiegen. Isabelle ist gut in der Schule, brav und nett, aber in ihr brodeln Fragen: Was bin ich wert, wenn nicht mal mein Vater mich liebt? Wofür soll ich weiterleben?

Der Hochstapler im Fernsehen wirkt anders als sie. Selbstbewusst. Obwohl er zwischen drei Aufpassern im Gefängnis sitzt, verurteilt zu sechs Jahren Haft wegen Meineides und illegaler Einreise in die USA, grinst er wie ein Schuljunge nach einem gelungenen Streich. Er erzählt den Reportern von seiner Kindheit in einer kaputten Familie. Seine Mutter Ghislaine hat ihn demnach als 18-Jährige bekommen, den Vater, einen Gastarbeiter aus Algerien, hatte sie in der Margarinefabrik kennengelernt, in der beide am Fließband standen. Sie verlässt ihn noch vor Frédérics Geburt. Weil seine Mutter überfordert ist, wächst Frédéric bei seinen Großeltern auf, in einem katholischen Dorf in der Nähe von Nantes. Als unehelicher Sohn eines Arabers ist er ein Außenseiter. Sein Großvater schimpft über Schwarze und Ausländer, seinen Enkel nennt er »Abschaum« und »Schande für die Familie«. Ein Onkel schlägt ihn immer wieder, mit 14 landet Frédéric Bourdin im Kinderheim.

Warum gibt sich ein Mensch als jemand anders aus, fragt sich Isabelle. Will er Geld, Ruhm, etwas Besseres sein? Spektakuläre Fälle von Hochstapelei landen immer wieder in den Medien, oft geht es um Menschen, die als Ärzte, Anwälte oder Lehrer auftreten, ohne je eine Universität besucht zu haben. Ihre Motive sind fast immer gleich: Anerkennung, manchmal Geld.

Frédéric Bourdin zögert, als die Reporter ihn fragen, warum er sich als Nicholas Barclay ausgegeben hat. Dann sagt er etwas, was Isabelle nie mehr vergessen wird: »Alles, was ich will, ist ein normales Leben. Mutter, Vater, Geschwister, ein Zuhause, zur Schule gehen. Ich bin Tausende Kilometer gereist, nur weil ich wollte, dass mich jemand liebt.« Ohne Liebe könne niemand leben. »Zur Not muss man sie eben stehlen.« Isabelle Clerc denkt: Ich kann ihm die Liebe geben, die er braucht.

Für Bourdin gibt es zweierlei Menschen. Solche, die Glück haben und geliebt werden, ohne dass sie etwas dafür tun müssen. Und dann gibt es Menschen wie ihn, die sich die Liebe verdienen müssen, egal wie. Seit er 16 war, ist Bourdin in Rollen geschlüpft wie in Jogginghosen. Er nannte sich Benjamin Kent, Arnaud Orions, Giovanni Petrullo, Sladjan Rascovic, aber seine Masche ist immer gleich: Er gibt sich als misshandeltes Kind aus, das von zu Hause weggelaufen ist. Sein Ziel: in ein Kinderheim aufgenommen zu werden, wo die Leute sich um ihn kümmern. Seine größte Hoffnung ist eine Gastfamilie, die ihn adoptiert. Mehr als 300 Identitäten will er angenommen haben, bei zehn Jahren wäre das im Schnitt eine alle zwei Wochen. Er lebt in Italien, Spanien, England, in Deutschland nennt er sich Jimmy Sale und wird in ein Heim in der Nähe von Kaiserslautern gebracht. Oft bleibt er wochenlang in einem Kinderheim, bevor sein Schwindel auffliegt. Manchmal gibt er sich selbst zu erkennen, weil ihm das Heim nicht gefällt. Dann kommt die Polizei. Die Begriffe »Richter« und »Kriminalpolizei« kann er auf Deutsch akzentfrei aussprechen, so oft hat er sie gehört. Meistens lassen die Polizisten ihn laufen. Warum sollen sie sich abmühen mit einem Straßenkind, das ständig lügt? Oft nehmen sie nur seine Fingerabdrücke und bringen ihn aus der Stadt. Dann zieht er weiter, erfindet eine neue Geschichte, und alles beginnt von vorn.
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Till Krause hat sich bei der Recherche oft gefragt, wie sehr er einem verurteilten Hochstapler trauen kann. Könnte die Geschichte der glücklichen Familie eine weitere Erfindung sein? Doch nachdem Krause zwei Nachmittage mit den Bourdins verbracht hat, ist er sicher: Es sind Bourdins Kinder. Sie sehen ihm einfach zu ähnlich.