Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München
Anzeige
Anzeige

aus Heft 07/2015 Kino/Film/Theater

»Der Mensch will belogen werden«

Wolfgang Luef und Max Fellmann (Interview)  Fotos: Peter Rigaud

Mal im Ernst: Was soll das eigentlich mit der Liebe? Frustriert uns die ewige Suche nach ihr nicht zwangsläufig? Bringt sie uns sogar in Gefahr? Ein Gespräch mit dem österreichischen Regisseur Ulrich Seidl, der in seinen Filmen die Abgründe des Menschlichen ausleuchtet.


Anzeige
Ulrich Seidl:
Also, hab ich das richtig verstanden, Sie wollen mit mir über die Liebe reden?

SZ-Magazin: Ja.

Glauben Sie, dass ich der richtige Mann dafür bin?

Absolut. In Ihren Filmen kommen Sie den Menschen so nah wie kaum ein anderer Regisseur. Alle Ihre Figuren scheinen nach der Liebe zu suchen, in fernen Ländern, in der Kirche, in ihren Kellern oder bei ihren Haustieren. Das gilt für Ihre Spielfilme und für Ihre Dokumentarfilme. Wer wäre besser geeignet, um über die Liebe zu reden?

Also bitte, versuch ma’s.

Sie haben einmal gesagt, in Ihren Filmen gehe es letztlich immer um die Frage nach der Liebe und dem Tod.
Man könnte auch sagen, es geht um das Nichterlangen der Liebe, um die Sehnsucht danach. Das ist es, was mich interessiert.

Sehnen sich alle Menschen, die Sie getroffen haben, nach Liebe?
Ja, zumindest in meiner Interpretation. Aber ich glaube nicht, dass jeder darüber reflektiert. Die Menschen sprechen einfach mit mir, sie öffnen sich mir und erzählen mir Dinge aus ihrem Leben, die für sie ganz normal sind. Sonst wären sie ja nicht bereit, das vor der Kamera zu machen.

In Ihrem neuen dokumentarischen Film Im Keller gibt es zwar auch fiktionale Elemente, aber Sie zeigen darin ein Sadomaso-Paar, das es wirklich gibt. Die Frau hängt dem Mann zum Beispiel schwere Gewichte an die Hoden, er muss auf allen vieren durch die gemeinsame Wohnung kriechen und die Toilette mit seiner Zunge putzen. Die Frau erklärt dem Zuschauer, wie glücklich und liebevoll diese Beziehung ist. Ist das auch klassische Liebe? Greift dieses Wort?
Es war für mich auch etwas fremd, dieses Pärchen kennenzulernen. Bevor ich drehe, habe ich die Menschen ja schon wirklich oft besucht, da ist ein Vertrauen entstanden. Aber ja, das ist natürlich auch eine Liebesgeschichte. Die zwei sind mit diesem Leben, mit diesem Programm, das sie da haben, zufrieden. Wir sind geneigt, die beiden aus dem Blickwinkel unserer Normalität heraus zu betrachten, deshalb finden wir sie abstrus oder pervers. Aber das ist wirklich nur eine Frage des Standpunktes.

In Ihrem Spielfilm Paradies: Liebe geht eine 50-jährige österreichische Frau als Sextouristin nach Kenia. Sie will von den jungen Beach Boys dort aber nicht nur Sex, sondern auch etwas, was sie von österreichischen Männern nicht bekommt: Respekt, Zärtlichkeit, Liebe.
Viele Zuschauer hatten da sofort den Eindruck: Das ist ja Ausbeutung. Und zwar in beide Richtungen: Die einen meinten, die Afrikaner beuten die verzweifelten Europäerinnen aus, bringen sie um ihr Geld, die anderen meinten, die Frauen beuten die Beach Boys aus, weil die sich prostituieren. Aber am Ende ist das eine Beziehung, die für beide funktioniert. Die Frau bekommt etwas, was sie sich ersehnt. Der Mann auch. Es ist ein Geschäft. Und ganz ehrlich, auch bei uns ist eine Partnerschaft oft ein Geschäft. Da wird vielleicht nicht in Geld bezahlt, aber es heißt: Wenn du dieses oder jenes nicht machst, dann geht es nicht weiter mit uns. Das sind ja auch Deals.

Ist Liebe, befreit von aller Romantik, immer ein Geschäft?
Ja. Selbstlose Liebe, diese romantische, religiöse Vorstellung, die klingt zwar gut, aber ich glaube nicht, dass es viele Leute gibt, die dazu in der Lage sind. Jeder wünscht sich das natürlich. Jeder möchte genau so geliebt werden, wie er ist – ohne Forderungen. Aber man selbst stellt gleichzei-tig immer Forderungen an den Partner.

Vielleicht, weil man einem häufig propagierten Ideal hinterherläuft. Wie verändern Medien und Populärkultur unsere Vorstellung von Liebe?
Sie meinen, ständig nur Happy End? So funktioniert das Kino nun einmal. Das war schon immer so. Am Ende soll der Zuschauer in dem beruhigenden Gefühl rausgehen, dass die Menschen in Wahrheit gut sind. Was natürlich nicht stimmt.

Schafft das beim Zuschauer nicht Frustration?
Nein. Der Mensch will belogen werden. Er lebt mit der Sehnsucht, dass eh alles irgendwie gut ausgehen wird.

Und dann sitzt er an Heiligabend allein zu Hause und denkt: Oh weh.
Aber man will halt an das Schöne glauben. Die Wahrheit wollen doch die wenigsten wissen. Filme, die den Zuschauer nüchtern mit seiner Realität konfrontieren, erschrecken ihn. Das sehe ich auch bei den Reaktionen auf meine Filme. Die Leute sind nicht immer bereit, sich einen Spiegel vorhalten zu lassen. Deshalb ist unsere Medienwirklichkeit auch eine völlig verstellte Wirklichkeit. Die Bilder dienen einem Verkaufszweck. Einem Beruhigungszweck. Wenn ich mir Fernsehen und Werbung so ansehe, finde ich es eigenartig, dass die Leute nicht dagegen rebellieren.

Gibt es Liebesfilme, denen Sie etwas abgewinnen können?
Als Liebesfilm bezeichnen wir ja meistens die Filme, in denen die Menschen einander so lieben, wie wir uns das wünschen. Da kann man dann mitträumen. Viel interessanter sind doch Filme darüber, wie die Menschen tatsächlich lieben. In dem Sinne sind, wenn Sie so wollen, alle meine Filme Liebesfilme.

Aber in nur einem einzigen Ihrer Filme haben wir die Worte »Ich liebe dich« entdeckt: In Models, einem Ihrer Spielfilme, sagt die junge Vivian den Satz immer wieder zu ihrem eigenen Spiegelbild.
Auch hier wieder: lieben und leiden. Niemand interessiert sich dafür, wie es dem Model geht – darunter leidet sie.

Sind die Worte »Ich liebe dich« zu einer Phrase geworden?
Absolut. Der Satz wird viel zu häufig verwendet, er ist zu leicht und zu schnell gesagt. Gedankenlos.

Was müsste man tun, um ihm wieder mehr Gewicht zu verleihen?
Ihn verbieten.

Ja?
Eine ganze Generation lang verbieten. Dreißig Jahre lang »Ich liebe dich« unter Strafe stellen. Danach ist der Satz wieder wie neu.

Ihr Kollege Michael Haneke hat einmal gesagt: »Die Liebe ist etwas, was einen selber weit übersteigt. Man kann sich verlieren.«
Nun ja, wenn man liebt, ist man ja stets vollständig darin gefangen. In einer Liebesbeziehung stellen sich ständig Fragen, die mit einem selbst zu tun haben: Habe ich eigentlich selber recht, habe ich unrecht? Sehe ich die Dinge richtig? Also dient die Liebe im Idealfall auch immer dem Überprüfen der eigenen Identität.

Sind Ihnen bei der Arbeit Menschen begegnet, die überhaupt nicht lieben?
Das ist eine Definitionssache. Es gibt auf jeden Fall genügend Menschen, die emotional mit allem abgeschlossen haben. Die nichts mehr an sich heranlassen. Meine Erfahrung ist, dass das oft aus einer großen Enttäuschung heraus passiert ist. Dass die Liebe durch die Enttäuschung verloren geht.

Inwiefern?
Nun, die Menschen haben so viel investiert – in eine Liebe, in einen Menschen, in einen Traum. Und dann sind sie bitter enttäuscht worden. Also sagen sie sich: Beim nächsten Mal stecke ich da nicht mehr so viel rein. Und dann geben sie nur noch die Hälfte. So baut man Mauern auf und man vereinsamt. Was bleibt, ist die Sehnsucht: Ich bin so allein, ich habe niemanden, der da ist, wenn ich nach Hause komme, niemanden, an den ich mich anschmiegen kann, dem ich etwas anschaffen kann, dem ich etwas befehlen kann.

Befehlen?
Natürlich, das spielt ja immer eine Rolle. Liebe hat auch mit Macht zu tun – und mit Unterwerfung.

Das erinnert an eine der Frauen aus Ihrem Spielfilm Hundstage: Die Frau wird von zwei Männern erniedrigt, geschlagen, misshandelt. Man erträgt es kaum, sich das als Zuschauer anzusehen. Und sie läuft trotzdem nicht weg.
Auch das ist auch eine Form von Liebe. Weil sie als Beziehung funktioniert. Aus unserem Blickwinkel wahrscheinlich nicht. Wir würden sagen: Um Gottes willen, was lässt sich diese Frau gefallen? Aber sie hat die Wahl, sie könnte es beenden, doch sie muss einsehen: Ich empfinde etwas für den Mann. Ich würde nie behaupten, dass Liebe in einer Partnerschaft nur ein Muster kennt. Gleichstellung ist oft ein Wunschdenken.

Wie meinen Sie das?
Wie soll denn eine völlige Gleichstellung aussehen? Dass jeder in einer Beziehung genau das Gleiche tun muss wie der andere? Das funktioniert doch nicht. Natürlich ist das in Hundstage ein sehr drastisches Machtverhältnis. Da ist Gewalt im Spiel, der Frau wird wehgetan. Für die männlichen Rollen haben wir damals Haftentlassene als Laiendarsteller gecastet, solche, die ähnliche Geschichten von Gewalt hinter sich hatten. Viele Zuschauer hatten große Probleme mit diesen Szenen – vor allem Frauen im Alter der Schauspielerin.

Warum gerade die?
Die wollten nicht, dass man das zeigt, weil sie nicht wollten, dass es das gibt. Ich glaube: Gerade weil es das gibt, muss man es zeigen. Im Übrigen sind es nicht immer nur die Männer, auch Frauen sind gewalttätig. Da ist es vielleicht häufiger psychische Gewalt.

Was hat der Unterworfene davon?
Na, auch Liebe! Nehmen Sie noch mal das Sadomaso-Pärchen aus Im Keller: Die Herrin ist glücklich, sie muss nichts tun außer herumsitzen, fernsehen, rauchen, ihren Mann ein bisschen quälen. Und was kriegt er zurück? Sexuelle Befriedigung. Auch das ist eine funktionierende Beziehung.
Anzeige

Seite 1 2

Max Fellmann und Wolfgang Luef mochten die Art, wie Seidl seine vielen Filmpreise aufbewahrt: Sie lagern unauffällig in der Büroküche, in einem staubigen halbhohen Regal hinter dem Esstisch. Manche der Pokale und Statuetten sind zu hoch für die Regalfächer, deshalb liegen sie einfach quer darin.

  • Kino/Film/Theater

    Das Klassentreffen

    Rainer Werner Fassbinder hat sie gelobt, gequält und geprägt: Die Schauspielerinnen Hanna Schygulla, Irm Hermann, Eva Mattes und Margit Carstensen sprechen zum ersten Mal miteinander über ihre Zeit mit dem großen Regisseur.

    Von Gabriela Herpell und Carla Woter
  • Anzeige
    Kino/Film/Theater

    »Im Grunde war es ein Wunder«

    Nicht Model oder Schauspielerin zu werde, war der Plan von Brigitte Nielsen, als sie in Kopenhagen aufwuchs. Sondern Bäckereiverkäuferin. Aber dann geschah etwas völlig Unerwartetes.

    Von Susanne Schneider
  • Kino/Film/Theater

    »Der Fernseher hat mir den besten Freund ersetzt«

    Hollywood-Legende Steven Spielberg spricht im großen Interview über sein Leben als Film-Fan, seine Misserfolge und was ihn beim Drehbuchschreiben in den Wahnsinn treibt. 

    Von Marc Schürmann