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aus Heft 08/2015 Tiere/Pflanzen

Hühnchen der Äste

Johannes Waechter  Illustration: Zeloot

Ernst gemeinte Frage: Sollen wir wieder mehr Eichhörnchen essen?


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Eines Morgens liegt ein totes Eichhörnchen bei uns im Garten. Mit spitzen Fingern hebe ich es vom Rasen auf. Das graue Fell ist ganz weich – als wäre das kleine Tier gerade erst vom Walnussbaum gefallen. Mein erster Gedanke ist, es so schnell wie möglich zu begraben. Da fällt mir eine Empfehlung ein, die ich vor Kurzem auf einer US-Webseite gelesen habe. Soll ich dem Eichhörnchen vielleicht lieber das Fell abziehen und es am Sonntag zum Mittagessen servieren?

In anderen Ländern ist es gar nicht so ungewöhnlich, Eichhörnchenfleisch zu essen. In England zum Beispiel wird das graue, vor Jahrzehnten aus den USA eingeführte Eichhörnchen rigide bejagt, um das einheimische rothaarige Eichhörnchen zu schützen. So sterben jedes Jahr Tausende Tiere – und einige davon werden in Metzgereien zu Eichhörnchenwurst verarbeitet. In den USA trainieren Jäger ihre Treffsicherheit seit jeher bei der Eichhörnchenjagd, »Hühnchen der Äste« – Chicken of the trees – nennen sie das Tier. In Bentonville, Arkansas, findet jedes Jahr ein Kochwettbewerb statt, bei dem man Eichhörnchen-Pizza und Eichhörnchen-Eis probieren kann. Der US-Autor Steven Rinella tritt dafür ein, auch in den Städten essbare Wildtiere zu jagen: In seinem Garten in Brooklyn fängt er Eichhörnchen und kocht sie dann mit Zitrone, Knoblauch und Thymian.

Im alten Wiener Kochbuch meiner Schwiegermutter finde ich ein Rezept für Eichhörnchensuppe. Vor zwei, drei Generationen war es auch bei uns noch normal, Eichhörnchen zu essen; so ähnlich wie Lammfleisch soll es schmecken, manche erinnert es auch an Ente. Doch als nach dem Krieg die bäuerliche Landwirtschaft zur Agrar-industrie wurde, als man begann, in großen Ställen riesige Mengen von Rindern, Schweinen und Hühnern zu züchten, deren Fleisch für jedermann erschwinglich war, verschwand das Eichhörnchen von unseren Tellern – und niemand weinte ihm eine Träne nach.

Doch das zunehmende Unbehagen an der Massentierhaltung macht inzwischen viele zu Vegetariern – und einigen wieder Appetit auf Eichhörnchen. Anders als im Fall gequälter Puten und gefolterter Schweine ist Eichhörnchenfleisch nämlich zu hundert Prozent bio. Und wenn man mal versucht, die Sache nicht emotional, sondern logisch anzugehen, kommt man zu dem Ergebnis, dass die beste Art des Fleischkonsums tatsächlich darin bestünde, nur noch Wildtiere zu essen, die ihr Leben in Freiheit verbracht haben. Also auch Eichhörnchen.

Nun ist es in Deutschland gar nicht so leicht, an ein Eichhörnchen zu kommen. Das Tier ist durch die Bundesartenschutzverordnung geschützt. Es darf nicht gejagt werden, und im Garten Fallen aufstellen, so wie Steven Rinella, darf man sowieso nicht. Wer also ein Eichhörnchen essen und darüber nicht zum Wilderer werden möchte, hat momentan keine andere Wahl, als zu warten, bis ihm ein totes Eichhörnchen vor die Füße fällt. Und so stehe ich bei uns im Garten und betrachte das tote Tier. Wollte ich es essen, müsste ich nun unterhalb des Schwanzes einen vier Zentimeter langen Schnitt machen, auf den Schwanz treten, die Hinterbeine packen und dem Tier kraftvoll das Fell abziehen. Ich hole die Schaufel und begrabe das Eichhörnchen hinten beim Komposthaufen.
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Johannes Waechter überlegt nun, seiner Familie andere Gerichte aus dem alten Wiener Kochbuch zu servieren. Wie wäre es mit »Gebackenen Hirnröllchen«? Oder einem »Kalbskopf auf Schildkrötenart«? Zu trinken gibt’s dazu eine Kanne »Fleischtee«.

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