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aus Heft 09/2015 Theater

Der Mann aus Reihe drei

Gabriela Herpell  Fotos: Armin Smailovic

Im Herbst tritt Matthias Lilienthal als neuer Intendant der Münchner Kammerspiele an. Viele glauben, er werde das ehrwürdige Theater gehörig aufwirbeln. Dabei tut er das längst.

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Matthias Lilienthal ist ein konfliktfreudiger Mensch. Aber auch ein sehr höflicher. Ist er vom Verhalten anderer Menschen befremdet, sagt er zum Beispiel oft: »In deren Logik kann ich das verstehen.«
Das gelbe T-Shirt wird man noch ein paar Mal sehen im Lauf der nächsten Monate. Es ist eine Ansage. So wie die Baggy Jeans, die graue Kapuzenjacke, die Frisur.

Fünf Minuten vor der verabredeten Zeit: Matthias Lilienthal sitzt schon auf einem Barhocker in einer kleinen Pizzeria in München. Ein großer, schwerer Mann im schlabberigen sonnengelben T-Shirt, das nicht den Verdacht erweckt, je in Mode zu kommen. Und weil er weiß, dass das Thema auf den Tisch muss, packt er es gleich selbst darauf. »Ich hab ja einen Hang dazu, den Kleidungsvorschriften nicht zu genügen, die angesagt sind«, sagt er. »In München kollidiert das zum ersten Mal mit dem Job.«

Ein warmer Abend im vergangenen September. Lilienthal ist seit zwei Monaten in München, um seine Intendanz an den Kammerspielen vorzubereiten, die im Herbst 2015 beginnt. Mit einem »richtigen Feuerwerk«, so sagt er es selbst. Der Leiter des Münchner Kulturreferats, Hans-Georg Küppers, hat ihn zum Nachfolger von Johan Simons auserkoren, weil er ihn für den »zukunftsweisendsten und wandlungsfähigsten Theatermacher unserer Zeit« hält. Okwui Enwezor nennt Lilienthal einen »Glücksfall für München«. Enwezor ist, als Direktor des Hauses der Kunst, selbst ein Glücksfall für München.

Lob hört Matthias Lilienthal nicht so gern, sagt er selbst, es macht ihm sogar Angst. »Mir geht es besser, wenn ich unterschätzt werde.« Dass er schon oft für den Hausmeister gehalten wurde und nicht für den Intendanten, findet er gut. Aber auch komisch. Sein Lachen klingt leicht wie das eines Kindes, es ist ungefähr eine Oktave höher als die Stimme, mit der er spricht.

Matthias Lilienthal, Jahrgang 1959, war zunächst Dramaturg am Theater Basel bei Frank Baumbauer, dann Chefdramaturg unter Frank Castorf an der Volksbühne, an deren Verwandlung in »ein Wundertheater«, wie viele sagen, er stark beteiligt war: Er öffnete die Bühne für Diskussionen, Popmusik, Lesungen, Themenabende, Performance, was in den Neunzigerjahren für ein Stadttheater unüblich war. Auch die Idee, aus dem Trashfilmemacher Christoph Schlingensief einen Theaterregisseur zu machen, kam von ihm.

1999 verließ Lilienthal im Streit mit Castorf die Volksbühne (»Die Geschichte erzähle ich gern, aber später«, sagt er), arbeitete 2002 als Leiter des Festivals »Theater der Welt« im Rheinland und wurde 2003 erster Intendant des Hebbel am Ufer in Berlin, genannt HAU, das 2004 und 2012 unter seiner Leitung zum »Theater des Jahres« im deutschsprachigen Raum wurde. Am HAU verwirklichte Lilienthal Projekte mit Architekten, Künstlern, auch mit Migranten. Er arbeitete mit freien Gruppen wie Rimini Protokoll, She She Pop und Gob Squad. Mit seinem unkonventionellen Programm holte er wieder junge Leute ins Theater und machte das HAU weltweit zur Avantgarde-Adresse.

Trotz dieser Verdienste titelten die Feuilletons in München mit dem »Edelpenner aus Neukölln« und schrieben vom »Berliner Straßenköter«. Das Münchner Theaterpublikum sorgt sich, die Kammerspiele könnten vom ehrwürdigen Ensemble-Theater zum Jugendzentrum mit Graffiti werden.

Matthias Lilienthal weiß, dass die ersten zwei Jahre in München hart werden. Und es ist ihm ganz recht. Einer seiner Lieblingssätze über sich selbst lautet: Mir ist lieber, ich komme aus der dritten Reihe und nicht aus der ersten.

»Den Edelpenner verkrafte ich«, sagt Lilienthal jetzt, »das ist ja eine Selbstbeschreibung von mir. Aber beim Straßenköter musste ich schon schlucken.« Er krempelt die kurzen Ärmel des T-Shirts hoch, verschränkt die Arme vor der Brust und steckt die Hände unter seine Achseln. Auch diese Geste wird man öfter sehen. Meist behagt ihm dann eine Situation nicht so sehr.

Nachdem er zwei Apfelschorlen getrunken hat, fragt er, was man am besten isst, und bestellt, was ihm empfohlen wird: Pizza mit Kapern und Sardellen. Am HAU, erzählt er, »hatte ich als Edelpenner«, er grinst, »den Vorteil, zu allen einen Zugang zu haben: zur linken Szene, den Ostberliner Outcasts und Herrn Wowereit.« In München stehen ihm nun die Antrittsbesuche bei den Stadträten bevor. Er hat viel vor mit den Kammerspielen und weiß, dass er die Unterstützung der Politiker braucht. Seine Strategie: Transparenz. »Ich werde sie gut informieren. Es macht mir ja auch Spaß, Politiker zu verführen. Entweder sie lieben mich – oder ich nerve sie.«

Seine Penetranz hält er für eine Stärke. »Ivan Nagel hat mal gesagt, der große Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg sei Penetranz.« Er lächelt und hebt die Schultern, als wolle er sagen: Besser als der ungarische Thea-terintendant kann man das nicht formulieren.

Ein grauer Oktobertag in München. Die Aktivisten von Goldgrund haben zum Protest aufgerufen, gegen den Abriss eines leer stehenden Hauses im Glockenbachviertel, für eine vernünftigere Mietpreispolitik in München und für ein Flüchtlingshaus. Lokale Prominente wie die Kabarettisten Luise Kinseher und Frank-Markus Barwasser, der Regisseur Marcus Rosenmüller, die Autoren Axel Hacke und Friedrich Ani warten neben der Bühne, die sie nacheinander betreten, um kurze Biografien junger oder jugendlicher Flüchtlinge vorzulesen.

Matthias Lilienthal wartet unter den Zuschauern. Als er dran ist, geht er langsam nach vorn, gesenkter Kopf, hochgezogene Schultern, die graue Kapuze im Nacken, bleibt vor der Bühne auf der Straße stehen und liest das Schicksal eines jungen Syrers vor, der der einzige Überlebende seiner Familie ist und sich nichts mehr wünscht, als in Deutschland arbeiten zu dürfen. Als Lilienthal fertig ist, geht er nicht hinüber zu dem Häufchen der Prominenten, sondern mischt sich wieder in die Menge.

Zwei Tage später verkündet Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter, dass das Haus in der Pestalozzistraße abgerissen wird. Gleichzeitig bietet er an, über die Häuser 2 bis 6 in der Müllerstraße nachzudenken, für die Goldgrund schon lange kämpft. Das erzählt Lilienthal am Telefon. Er redet schnell, wenn er aufgeregt ist. Es soll ein Flüchtlingshaus entstehen. Wenn das was wird, sagt er, wird er was mit den Flüchtlingen im Theater machen.

Theater ist für ihn schon seit der Volksbühne immer zumindest auch postdramatisch. Ein Reflexionsort. Eine Begegnungsstätte. »Mir ist für den Anfang total wichtig, dass etwas den elitären Raum von Theater auskontert.« Er wünscht sich, dass das Theater »in die Stadt reingeht«, die Themen der Stadt aufnimmt, den Diskurs auf den Straßen anregt. Ein Münchner Thema für ihn: das Wohnen. »In München gibt es so eine Leichtigkeit. Wenn hier jemand Probleme hat, dann sind es Wohnprobleme. Mich interessiert, was hinter dieser Leichtigkeit ist. Und mich interessiert es, wenn eine Gesellschaft sich mehr über einen dreißig Jahre alten Mietvertrag definiert als über Erwerbsarbeit.«

Wie politisch muss Theater für ihn sein, wie aufklärerisch? »Vielleicht hab ick ja ein verschissenes Aufklärungsbedürfnis.« Er schlägt einen besonders lockeren berlinerischen Tonfall an. »Theoretisch glaube ich daran aber nicht.« Was er damit sagen möchte? Er möchte sagen, dass er sich widerspricht, dass er Theater natürlich als politisch empfindet – sich damit aber nicht so wichtig nehmen möchte wie zum Beispiel Claus Peymann, der bei der Übernahme des Berliner Ensembles ankündigte, »ein Reißzahn im Arsch der Mächtigen« zu sein. Diese Art von Sendungsbewusstsein ist Lilienthal fremd. Aber natürlich kämpft er für das Flüchtlingshaus, weil er glaubt, dass es etwas ändern kann.

Das Münchner Wohnthema wird auch langsam zu einem in Matthias Lilienthals Leben. Ständig besichtigt er Wohnungen, die er als so viel zu teuer empfindet, dass er sie nicht nimmt. Am 11. November 2014 um kurz vor 19 Uhr steigt Lilienthal in den 5. Stock eines Nachkriegshauses in der Schyrenstraße gleich an der Isar, Fahrradkuriertasche über der Schulter, die graue Kapuze im Nacken. Er keucht, hält aber das Tempo, da packt ihn der sportliche Ehrgeiz. In der Wohnung angekommen, öffnet er als Erstes die Terrassentür, läuft raus, kommt wieder rein, schaltet den Kompass auf dem Handy ein, fragt: »Südbalkon?« Und: »Hat die Wohnung irgendwelche Nachteile?« Das Bad interessiert ihn kaum, aber die Küche. Und die hohen Decken. Es würde ihn schon Überwindung kosten, sagt er beim Hinuntergehen, »in so ein Fünfzigerjahremief-Haus zu ziehen«. Lilienthal wuchs in der Sonnenallee auf, im Westberliner Stadtteil Neukölln. Sein Vater war Ingenieur und Leiter eines Gaswerks, die Familie – Matthias Lilienthal hat zwei Geschwister – lebte in einer Werkswohnung. »Die Leute gingen nach der Arbeit in die Kneipe und besoffen sich. Das war das Gegenteil von Kultur«, sagt er.

Seine Eltern, die in dieser geschlossenen proletarischen Welt etwas Besseres waren, schickten den Sohn auf das Evangelische Gymnasium zum Grauen Kloster in Wilmersdorf. An der Schule waren die anderen Kinder etwas Besseres, zum Beispiel der Sohn des regierenden Bürgermeisters.

Als Matthias Lilienthal 14 war, kauften die Eltern ein Reihenhaus in der Gropiusstadt. Und erzählten eines Abends so begeistert von einem Theaterbesuch, dass ihr Sohn sich gleich auf die Socken machte, bald schon zum Inventar der Schaubühne gehörte und sich begeistert Inszenierungen von Peter Stein anschaute, auf der Bühne Jutta Lampe und Bruno Ganz.

Das Theater war die ideale Gegenwelt zur Gropiusstadt und zu Neukölln, sagt Lilienthal, es versprach Freiheit und Abenteuer. Er sah Peymann, er sah Zadek, ging auf Hausbesetzerdemos, wurde verhaftet und wieder entlassen – und fand Westberlin bald nicht mehr aufregend genug.

Er fuhr nach Ostberlin und ging dort ins Theater, Gosch inszenierte Leonce und Lena, und Lilienthal sah, wie das Publikum reagierte: »In einer Intensität, wie ich sie noch nie erlebt hatte. Theater in Ostberlin spielte eine extrem oppositionelle Rolle. Es war das pure Aufbegehren.«

Unter Pseudonym schrieb er Theaterkritiken für die taz, hing auf Partys rum, auf denen es unendlich viel Alkohol gab und unendlich viel gequatscht wurde, weil alle unendlich viel Zeit hatten, ein ganz anderer Takt als in Westberlin. Aber um Mitternacht musste er zurück. Noch heute, sagen seine Mitarbeiter, kann man sicher sein, dass es gerade Mitternacht schlägt, wenn Matthias Lilienthal eine Party verlässt.

Lilienthal studierte dann Theaterwissenschaften, Geschichte und Germanistik. Nach zehn Jahren brach er das Studium ab, hospitierte am Burgtheater in Wien, machte Regieassistenz, und während das Burgtheater noch überlegte, ob es ihn übernehmen sollte, holte Frank Baumbauer ihn als Dramaturg nach Basel. Dort arbeitete er mit dem damals unbekannten Christoph Marthaler und versuchte, Baumbauer davon zu überzeugen, Frank Castorf zu engagieren. Dann machte Castorf ihm ein Angebot, und er ging nach Berlin, zur Volksbühne.

Jetzt würde die Geschichte passen, wie er und Frank Castorf Freunde wurden. Aber Lilienthal guckt gehetzt, muss los, ins Theater. Er schaut sich gerade alles an, was in München läuft.
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Gabriela Herpell ist froh, dass Matthias Lilienthal sich München über Goldgrund genähert hat. So wurde ihr mal wieder klar, wie viel man eben doch tun kann, wenn man nur will - zum Beispiel als Gorillas verkleidet ein Haus zu sanieren, damit die Stadt es nicht abreißt.

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