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aus Heft 09/2015 Gesundheit

Warten, bis der Arzt kommt

Chris Tomas  Fotos: Gianni Occhipinti; Illustrationen: Moonassi

Wer in Deutschland psychisch krank wird, muss besonders stark sein: Bis zur Therapie vergehen oft Monate, Patienten werden sich selbst überlassen. Warum ändert sich nichts?

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Das Gesundheitssystem lässt Menschen allein, die sich ohnehin oft einsam fühlen.


Die Sprechzeit ist täglich zwischen 8 und 8.05 Uhr. Nur dann. Tanja Salkowski, 36 Jahre alt, hat sich für den Anruf an den Esstisch gesetzt. Es ist ein runder Tisch mit vier Stühlen, durch das Fenster scheint die Sonne darauf. Sie hält das Handy in der Hand, starrt es an. Minutenlang. Sie weiß nicht, ihr wievielter Versuch bei einem Psychotherapeuten es sein wird – ihr vierzigster? Fünfzigster? Was sie weiß, ist, was sie hören wird: die Stimme eines Anrufbeantworters. Wie immer. Sie wird eine Nachricht hinterlassen, wird sagen, dass sie Depressionen hat und einen Therapieplatz braucht. Beim ersten Mal hat sie noch gestottert und geweint. Inzwischen spricht sie diese Sätze so routiniert aus, als würde sie ein Brot kaufen. Es wird sie dennoch alle Kraft kosten. Und Tanja Salkowski weiß: Einen freien Platz gibt es sowieso nicht.

Manchmal bleibt sie dann so sitzen. Stundenlang, mit dem Handy in der Hand. Vor dem Fenster beginnt ein neuer Tag. Doch Tanja Salkowski wird die Rollos herunterlassen, sich auf ihre Couch legen und die Wohnung nicht verlassen, wird niemanden sehen, mit niemandem sprechen. Nur fernsehen, Telenovelas und Nachrichtensendungen in immer gleicher Reihenfolge. Sie kann nicht anders. Antriebslosigkeit, Traurigkeit – ihre ständigen Begleiter. Körperliche Beschwerden kommen hinzu, Schlaflosigkeit, Magenkrämpfe. An einem schlechten Tag nimmt sie nicht einmal Farben wahr.

»Es gibt einfach keine Hilfe. Das ist so ungerecht! Wenn einer sich ein Bein gebrochen hat, wird er doch auch behandelt. Warum der und nicht ich? Ich habe auch ein Recht darauf. Dieses Warten, nicht Tage, nicht Wochen, sondern Monate – das ist Körperverletzung. Ein Spiel mit dem Leben des Patienten. Ich habe so eine Wut auf dieses System.«

Eigentlich zählt die medizinische Versorgung in Deutschland zu den besten der Welt. Es gibt etwa 2000 Krankenhäuser mit insgesamt mehr als 500 000 Betten und mehr niedergelassene Ärzte als jemals zuvor. Wer medizinische Hilfe braucht, bekommt sie fast immer – wenn es sich um ein körperliches Leiden handelt. Für seelische Erkrankungen gilt das nicht. Auf ein Erstgespräch bei einem Psychotherapeuten warten Patienten durchschnittlich drei Monate, hat die Bundes-psychotherapeutenkammer errechnet. In ländlichen Regionen sind es vier Monate, in Brandenburg sogar fünf. Und bei diesem Termin handelt es sich nur um eine Bestandsaufnahme – nicht um den Therapiebeginn. Bis es dazu kommt, vergehen im Durchschnitt weitere drei Monate. Diese Zahlen wurden im Frühjahr 2014 durch eine Umfrage der Zeit bestätigt. Und der Faktencheck Gesundheit der Bertelsmann-Stiftung, für den Daten von sechs Millionen Krankenversicherten ausgewertet wurden, zeigt sogar, dass rund die Hälfte aller Patienten mit einer depressiven Erkrankung überhaupt nicht ausreichend behandelt wird.

Sie ist doch keine Bekloppte, denkt Tanja Salkowski 2008, als sie erstmals die Diagnose »mittelschwere Depression« erhält. Sicher ist alles nur eine Phase, in ihrem Job fühlt sie sich als Mobbing-Opfer, vielleicht muss sie einfach kündigen, mal raus. Zu der Therapeutin, die die Diagnose stellt, aber nur Privatpatienten aufnimmt, geht sie nie wieder. Psychisch krank? Sie, die Moderatorin und Journalistin, mit ihrem blonden Haar und den strahlenden Augen? Davon erzählt sie niemandem. Mehrfach wechselt sie den Wohnort, arbeitet sogar einige Monate auf einem Kreuzfahrtschiff. Aber die Depressionen gehen nicht weg. Tanja Salkowski weint jetzt viel, oft ganz plötzlich. Sie klammert sich an eine neue Beziehung, zieht zu ihrem Freund nach Stralsund. Und wird schwanger. Ihr Freund reagiert zurückhaltend. Vier Wochen später erwacht Tanja Salkowski inmitten von Blut. Ein Frühabort. Ihr Freund scheint erleichtert, sie weint nächtelang. Um schlafen zu können, trinkt sie. Immer den gleichen Wein, einen Pinot Grigio für vier Euro fünfzig. Sprechen können Tanja Salkowski und ihr Freund nicht. Am Valentinstag sagt er ihr, dass er keine Kraft mehr für die Beziehung hat. Tanja Salkowski ist starr vor Schreck, unfähig, sich zu bewegen. Jetzt bin ich ganz allein auf dieser Welt, denkt sie. Dann schleppt sie sich auf allen vieren ins Bad und breitet Schlaftabletten vor sich aus. Als sie die ersten geschluckt hat, piepst ihr Handy. Eine SMS von einem Freund. Es ist der rettende Moment. Am Ende legt Tanja Salkowski die Tabletten beiseite und beschließt, sich nun doch therapeutische Hilfe zu holen. Und zwar schnell.

»Das Wartezimmer war voll. Die Leute standen bis auf die Straße hinaus. Die Patienten wurden im Akkord abgefertigt, jeder hatte höchstens zwei Minuten Zeit. Als ich dran war, hat der Psychologe mir eine Liste mit dreißig Therapeuten auf den Tisch geknallt. Die sollte ich abtelefonieren. Aber ich konnte mich ja kaum bewegen, wie sollte ich da jemanden anrufen, noch dazu jemand Fremden? Ich habe mich dann dazu gezwungen, mit aller Kraft. Wenn es ging, habe ich auch Mails geschrieben. Wie sollte ich sonst aus dem Strudel rauskommen? Nach jedem Anruf musste ich mich einen ganzen Tag ausruhen. Gebracht hat es nichts. Ein einziger hat mich zurückgerufen. Ein Jahr Wartezeit, hat er gesagt.«

Nur die Hälfte aller Psychotherapeuten führt überhaupt noch eine Warteliste. Als die Psychotherapeutenkammer Nordrhein-Westfalen herausfinden will, warum es nicht mehr sind, erhält sie Antworten wie: »Eine Warteliste habe ich vor Jahren aufgegeben, da ich den Patienten hätte sagen müssen: Rufen Sie mich in zwei, drei Jahren wieder an.« Wird in einer solchen Praxis ein Therapieplatz frei, vergeben ihn die Therapeuten jetzt nach dem Glücksshow-Prinzip: Der nächste Anrufer bekommt ihn – egal wie lange er gewartet hat. Eine Sprechstundenhilfe haben die wenigsten.

Warum ist es in Deutschland so schwierig, einen Therapieplatz zu bekommen? In München-Schwabing etwa gibt es in einem Umkreis von 500 Metern an die vierzig Psychotherapeuten. Man braucht nur die Kaiserstraße (zehn) entlangzu-gehen, in die Wilhelmstraße (drei) abzubiegen, dann erreicht man über die Herzogstraße (sechs) die Clemensstraße (acht). Über die Bismarckstraße (drei), die Viktoriastraße (drei) oder die Römerstraße (sechs) zurück, und man ist wieder am Kaiserplatz (einer). Es gibt klassische Psychoanalyse, Verhaltens- und Tiefenpsychologie, psychiatrische Praxen, psychosomatische Medizin, es gibt Ehe-, Familien- und Gruppentherapien, Körpertherapie, Heil- und Energiearbeit und Burnout-Prävention, alles in 15 Minuten erreichbar. 22 201 kassenzugelassene Psychotherapeuten arbeiten derzeit in Deutschland. Das sei »ausreichend«, sagt der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherungen, und wer durch Schwabing läuft, glaubt das sofort. In München kommen auf 100 000 Einwohner 76,9 Psychotherapeuten, mehr als überall sonst in Deutschland. In Hamburg sind es 51,1, in Berlin 61,6 und in Köln 63,3. Und auch für Nachrücker ist gesorgt: Jedes Jahr absolvieren etwa 2000 neue Psychologen erfolgreich die staatliche Therapeutenausbildung. Reicht das denn nicht?

Will man das Problem verstehen, muss man 15 Jahre zurückgehen. 1999 legt der Gemeinsame Bundesausschuss fest, wie viele Psychotherapeuten in Deutschland eine Kassenzulassung erhalten dürfen. Nur bei diesen zugelassenen Therapeuten übernehmen die Krankenversicherungen ohne Weiteres die Kosten für eine Behandlung. Um für diese »Bedarfsplanung« eine Zahl zu ermitteln, wird aber nicht untersucht, wie oft Menschen psychisch krank werden. Es wird gezählt, wie viele Therapiepraxen es zu diesem Zeitpunkt gibt. Dann werden Durchschnittswerte für Städte und Kreise gebildet und zur Obergrenze erklärt. Aus dem Ist-Zustand wird ein Soll-Zustand.

In den vergangenen Jahren aber ist die Zahl derer in die Höhe geschossen, die einen Therapieplatz suchen. 2011 waren fünfzig Prozent mehr Menschen aus psychischen Gründen krankgeschrieben als noch im Jahr 2000. Ob es die Gesellschaft ist, die sich verändert hat, der wachsende Leistungsdruck, der Stress in der modernen Arbeitswelt – das lässt sich nicht sagen. Dank umfangreicher Aufklärung werden psychische Erkrankungen heute auch ernster genommen, mehr Menschen gestehen sich ihr Leid ein. Aber damit steigt der Bedarf an Psychotherapeuten, und längst reicht die Bedarfsplanung von 1999 nicht mehr. 2013 gab es eine kleine Reform, doch nur magere 1300 weitere Zulassungen wurden bewilligt. Immer noch steht eine wachsende Zahl psychisch behandlungsbedürftiger Menschen einer gleichbleibenden Zahl von kassenzugelassenen Therapeuten gegenüber, jenen 22 201.

Und längst nicht alle kassenzugelassenen Therapeuten arbeiten in Vollzeit. Die Bedarfsplanung geht davon aus, dass ein Therapeut etwa sechs bis sieben Patienten pro Tag schafft, das sind dreißig bis 35 in einer Woche. Behandelt ein Therapeut aber nur zwanzig Patienten pro Woche, zum Beispiel um mehr Zeit für seine Familie zu haben, fehlen den Patienten diese Plätze – mehr Zulassungen werden deshalb aber nicht vergeben. Nicht einmal Privatpatienten profitieren von diesem Sys-tem: Zwar könnten sie sich die Praxis theoretisch aussuchen, doch Psychotherapie ist oft nicht in ihrem Leistungskatalog enthalten. Viele müssen dann für ihre Behandlung selbst aufkommen, Kosten: um die hundert Euro pro Stunde.
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