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aus Heft 12/2015 Familie

Papa, warum hast du Mama umgebracht?

Von Malte Herwig  Foto: Heide Prange

Im Streit erwürgt ein Familienvater seine Ehefrau. Den Kindern erzählt er, die Mutter habe ihn verlassen. Jahrelang entdeckt niemand das Verbrechen - bis der Tochter Zweifel kommen. 

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Das Unglück der Familie Paulus begann vermutlich lange vor dem 14. Februar 2008. Wer weiß das schon? Die Nachbarn jedenfalls ahnten nichts. Die Ehe galt als vorbildlich. Oft sah man das Paar Händchen haltend durch das Dorf spazieren.

Sicher, es gab ab und zu Streit. Der Mann, sagte die Frau, arbeite zu viel und kümmere sich nicht genug um die Kinder. Die Frau, sagte der Mann, habe Ansprüche, und irgendwoher müsse das Geld für teure Kleider und Möbel schließlich kommen.

Doch zu Handgreiflichkeiten kam es nie im Haus der Familie Paulus. Brauste die Mutter auf, gab der Vater schnell klein bei. »Er war immer ruhig, nett, freundlich«, wird sein Sohn später vor Gericht aussagen.

Nach zwanzig Jahren Ehe, nach einem Streit am Morgen eines Februartages vor sieben Jahren, erwürgt der Mann seine Frau. Er betoniert die Leiche im Keller ein, in den Sockel eines Weinregals, dessen Bau sie noch zusammen geplant haben. Den gemeinsamen Kindern, 15 und 18 Jahre alt, erzählt er, die Mutter habe ihn verlassen. Bei der Polizei erstattet er Vermisstenanzeige, zwei Mal.

Dann passiert fünf Jahre nichts.

Die Nachbarn glauben ihm. Die Polizei glaubt ihm. Die Kinder glauben ihm – was bleibt ihnen auch übrig?

Das Leben geht weiter. Die Kinder werden erwachsen. Der Mann heiratet wieder. Er hat eine Leiche im Keller.

Er kümmert sich jetzt mehr um die Kinder. Vor allem zur Tochter entwickelt sich ein enges Vertrauensverhältnis. Der Vater sei fünf Jahre lang »ohne Wenn und Aber« für sie da gewesen, sagt die Tochter. Ganz anders als früher. Da habe der Vater so viel gearbeitet, dass er kaum Zeit für die Familie hatte.

Kann man das, will man das glauben? Ist es zu fassen, dass ein Mann zum guten Vater wird, nachdem er die Mutter ermordet hat? Dass er es schafft, den Mord zu vertuschen und ein Lügengebäude zu errichten, in dem er fortan mit seinen Kindern lebt, als wäre nichts geschehen?

3500 Einwohner hat Ittenbach bei Königswinter. Einfamilienhäuser, hingewürfelt zwischen grüne Hügel am Rhein. Spießige Vorstadtidylle, heile Welt. Hier kennt jeder jeden – glauben die Leute wenigstens.

Bei der Kinderkirmes hängen die Dorfbewohner jedes Jahr eine Stoffpuppe an den Maibaum. »Um die bösen Geister zu vertreiben«, erklärt Christina Junghans, die Tochter von Gerd und Sigrid Paulus. Junghans sitzt im Garten ihrer kleinen WG in einem Nachbarort von Ittenbach und raucht. Sie war 15, als der Vater ihr und ihrem Bruder erklärte, die Mutter sei verschwunden. Die Kinder sind damals schon auf der Heimfahrt im Schulbus, als sie der Vater anruft: Sie sollen vorher aussteigen und in einem Restaurant zu Mittag essen. An der Haltestelle wartet der Vater allein auf sie.

»Papa, wo ist Mama?«, fragt die Tochter.

»Mama ist abgehauen.«

Gerd Paulus wirkt weder außergewöhnlich traurig noch aufgebracht. Er spielt seine Rolle perfekt, wie immer in den nächsten Jahren.

»Ich dachte, sie hat vielleicht einen Kerl kennengelernt, der Kohle hat«, sagt Christina Junghans.

Heute ist sie 22, und sie hat einiges gelernt in der sehr kurzen Zeit, die sie zum Erwachsenwerden hatte. Zum Beispiel, dass manchmal alles von einem selbst abhängt und man nie aufgeben darf, nach der Wahrheit zu suchen. Selbst wenn einem der eigene Vater und die Polizei erklären: Gib’s auf, es ist sinnlos.

Es stimmt: Die Mutter hatte Ansprüche. Den Kindern sollte es gut gehen. Deswegen stritten sich die Eltern oft über Geld. Vielleicht kann ein Kind von 15 Jahren sogar schon verstehen, dass die Mutter den Vater wegen solcher Dinge verlässt. Aber dass die Mutter auch das Kind verlässt, das kann und will ein Kind nicht verstehen.

»Ich habe mich immer gefragt«, sagt Junghans, »ob ich daran schuld gewesen bin. Warum hat sich die Mutter nicht einmal gemeldet, wenn wir Geburtstag hatten oder Weihnachten war?«

Während der Vater im Keller das Weinregal zubetoniert, baut er darüber sein Lügengebäude, als wäre es ein Eigenheim. Er will sie beschützen vor der Wahrheit, dass ihr Vater die Mutter umgebracht hat. Und er ist zu feige, ein Geständnis abzulegen.

Zwei Wochen nach der Tat erfindet der Vater wieder eine Lüge. Die Mutter, erzählt er den Kindern, sei zurückgekommen, als sie in der Schule waren. Zwei Männer mit einem Lieferwagen hätten ihr geholfen, ihre Sachen fortzubringen.

In Wirklichkeit verkauft der Vater heimlich die Habseligkeiten der Mutter. Der Schmuck geht an den Juwelier zurück, ihr Handy, eine Damenhandtasche und ein Paar Schuhe versteigert er bei Ebay. Er fälscht die Unterschrift seiner Frau und überweist Geld von ihrem Konto, um die Schulden der Familie zu bedienen. Er ist ein guter, ein fürsorglicher Lügner. Auch auf dem Kindergeldantrag für seine Tochter fälscht er die Unterschrift der toten Mutter.

Niemand außer den Kindern scheint die Mutter zu vermissen. »Wir haben Weihnachten so gefeiert, als wäre sie nie da gewesen«, erzählt Christina Junghans.

Nur eine Schwester der Mutter habe den Vater einmal angeschrien: Du hast sie umgebracht und im Garten vergraben! Aber das war auf einer Feier, die Tante war betrunken, und keiner nahm sie ernst.

Der Vater baut sein Lügengebäude aus. Er zimmert, malt und mauert, wann immer eine Ecke darin einzustürzen droht. Die Polizei fahndet nicht nach der Frau. »Erwachsene, die im Vollbesitz ihrer geistigen und körperlichen Kräfte sind, haben das Recht, ihren Aufenthaltsort frei zu wählen, auch ohne diesen den Angehörigen oder Freunden mit-zuteilen«, heißt es lapidar auf der Internetseite des Bundeskriminalamts. Es sei nicht Aufgabe der Polizei, Aufenthaltsermittlungen durchführen, wenn keine Gefahr für Leib oder Leben vorliege.

Immer am 14. Februar backt die Tochter Apfelstrudel. Der Tag, an dem die Mutter verschwand, wird ihr Muttertag.

2009 dann ein Hoffnungsschimmer. Auf der Polizeiwache teilt man der Familie Paulus mit, die Personalien einer Frau namens Sigrid Paulus seien bei einer Verkehrskontrolle in Düsseldorf aufgenommen worden. Doch die Spur läuft ins Leere. Weitere Informationen über die Person gibt es nicht. Der Vater hält es für einen Wink des Schicksals. Nun steht sein neues Haus auf festem Fundament.

Wenig später lernt er eine neue Frau kennen, die Ende 2010 zu ihm zieht. Christina zieht aus, bald darauf heiratet sie. Dass sie selbst zu ihrer Hochzeit kein Lebenszeichen von der Mutter erhält, kann sie nicht verstehen. Sie kann es sich nicht mehr anders erklären: Der Mutter muss etwas zugestoßen sein.
Sie wendet sich an RTL und bittet den Sender, dem Verschwinden ihrer Mutter nachzugehen. Der Vater widersetzt sich nicht. Falls die Wahrheit herauskommt, soll es so sein. Ende 2012 leitet die Polizei endlich Ermittlungen ein – weil die Tochter hartnäckig bleibt und sich nun auch das Fernsehen für den Fall interessiert.

Die Familie tritt in mehreren Sendungen auf, und der Vater erklärt unter Tränen, wie seine Frau verschwand. Einer Boulevardzeitung sagt er, die Polizei habe ihn darüber informiert, dass der Ehemann meistens der Verdächtige sei: »Aber wenn ich ein reines Gewissen hätte, meinten sie, müsse ich mir ja keine Sorgen machen.«

Wenn die Tochter und ihr neuer Ehemann zu Besuch sind, geht Gerd Paulus mit dem Schwiegersohn in den Keller, um Wein zu holen. Er lässt sich dabei nichts anmerken.

Der Verdacht ist ein Puzzle mit tausend Teilen. Es dauert lange, bis sich alles zu einem Bild zusammenfügt. Man braucht Geduld und Ausdauer. Christina Junghans ist zwanzig Jahre alt, als sich ihr Vater im Frühjahr 2013 vor dem Amtsgericht Königswinter von seiner seit fünf Jahren verschwundenen Ehefrau scheiden lässt, um seine neue Partnerin heiraten zu können.

Aber die Tochter traut sich jetzt, Dinge zu denken, die sie früher nicht ausgehalten hätte: Vielleicht ist die Mutter tot, vielleicht hat sie jemand umgebracht. Aber wer? Im Mai geht sie zum ersten Mal zur Mordkommission. Als ihr die Beamten sagen, dass ihr Vater verdächtig sei, will sie es zuerst nicht glauben. Das Puzzle ist noch nicht fertig. Aber sie arbeitet weiter daran. Die Staatsanwaltschaft Bonn leitet ein Verfahren gegen Unbekannt ein. Im Oktober zieht sie nach der Trennung von ihrem Mann wieder in das Haus des Vaters – in ein Zimmer direkt neben dem Keller, in dem der ihre Mutter einbetoniert hat. »Mein Vater hat gesagt: Warum willst du ausgerechnet in den Keller? Da ist es kalt und feucht. Komm doch nach oben.«

Doch Christina Junghans lässt zum ersten Mal den Gedanken zu, dass ihr Vater die Mutter ermordet haben könnte.

Hat er sie vielleicht im Garten begraben? An der Stelle, wo der Hund immer gescharrt hatte, worauf der Vater dort einen Steingarten anlegte? Die Tochter geht wieder zur Mordkommission.

»Mein Vater hat sich früher nie für den Garten interessiert«, sagt Junghans und zündet sich noch eine Zigarette an. Etwas über ein Jahr ist es her, aber sie wirkt gefasst, während sie von dem Moment berichtet, in dem ihr Leben zusammenbrach.

Sie ist allein zu Hause, als am Morgen des 30. Oktober 2013 Polizeibeamte mit schwerem Gerät und einem Durchsuchungsbefehl anrücken, um den Garten mit Leichenspürhunden abzusuchen. Als der Vater wenig später in Begleitung eines Polizisten erscheint, umarmt er seine Tochter wortlos. Dann führt er die Beamten in den Keller und zeigt auf das Weinregal.

Christina Junghans blinzelt jetzt nachdenklich in die Sonne. An einer Kette um ihren Hals hängt der Ehering, den die Gerichtsmediziner am mumifizierten Leichnam der Mutter fanden. Die Wahrheit, so schrecklich sie ist, kann auch befreiend sein. »Heute weiß ich, dass meine Mama mich nie verlassen hat.«

Das Geld für das Begräbnis der Mutter muss sich Christina Junghans zusammenbetteln. Einige Dorfbewohner spenden. Am Tag der Bestattung wetten die Boulevardreporter, wer als Erster ein Foto von der Tochter schießt.

Sie ist die Tochter des Opfers, aber im Dorf behandeln sie alle als die Tochter des Täters. Wenn sie in den Supermarkt geht, tuscheln die Leute hinter ihrem Rücken. »Alle fragen immer nur: Wie geht’s dem Vater?«, erzählt Junghans. »Am liebsten würde ich einen Gedenkstein auf den Marktplatz stellen, damit die Leute sich erinnern: Da war auch mal eine Frau!«

Ein Drittel aller Gewaltopfer hat mit posttraumatischen Belastungsstörungen zu kämpfen. Doch die Chancen stehen besser, wenn sie innerhalb von 24 Stunden therapeutische Unterstützung bekommen. Christina Junghans hat das Glück, gleich nach Entdeckung der Tat auf den Notfallseelsorger Albrecht Roebke zu treffen, einen 47-jährigen Geistlichen, der Motorrad fährt und Ohrringe trägt.

Als er Junghans besucht, rauchen sie erst mal eine. Der Seelsorger findet einen Draht zu der traumatisierten Tochter – und ist beeindruckt von ihrer Kraft. »Ich habe sie sofort als sehr starke Person erlebt«, sagt Roebke. »Sie wusste, wo sie Hilfe braucht, und hat sie sich gezielt geholt.«

Mitunter können Menschen an persönlichen Katastrophen auch wachsen. Psychologen sprechen dann von posttraumatischer Reife. »Aber das dürfen die Betroffenen nicht zugeben«, sagt Roebke. »Die Leute erwarten ja, dass man daran zerbrechen muss.«

Schon im November macht Christina Junghans wieder beim rheinischen Karneval mit. Sie hat sich vorgenommen, nicht zu zerbrechen. Schließlich hat sie schon immer geahnt, dass die Mutter sie nicht einfach verlassen hat. »Aber sie musste erst erwachsen werden, um den Gedanken zulassen zu können, dass ihr Vater der Mörder der Mutter ist«, sagt Roebke.

Den Kontakt zum Vater hat sie trotz allem nie abgebrochen. Es stimmt ja, sie ist auch sein Kind. »Wenn irgendjemand anders meine Mutter getötet hätte, wäre das leichter.«

Sie hat ihm ins Gefängnis geschrieben: »Ich bin jetzt Vollwaise.« Aber sie hat ja auch noch Fragen an den Vater. Zum Beispiel: »Papa, warum hast du Mama umgebracht?«

Der Vater schreibt zurück: »Das ist das, was ich mich selbst auch immer frage … Aber auch ich weiß es nicht und werde wohl auch für mich nie eine Antwort finden. Und somit auch nicht für Dich. Es tut mir leid!«

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Malte Herwig

verstand während der Recherche, warum Tolstoi schrieb, dass jede unglückliche Familie auf ihre eigene Art unglücklich sei. Von der Stärke, die Christina Junghans ausstrahlte, war er allerdings sehr beeindruckt.

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