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Nummer Eins der Woche 20. März 2015

Frühlingsverbot

Von Nataly Bleuel  Foto: DPA

Die Sonne scheint, die Krokusse sprießen und unsere Autorin würde gerne die Natur genießen. Aber darf man das noch, wo doch der Mensch die Umwelt rücksichtslos zerstört?


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Es wird Frühling. Die Vögel zwitschern, die Sonne wärmt, die Krokusse sprießen. Und die Leute lächeln, als würden sie sich gleich in die Nächstbeste verschießen. Es ist so schön!

Und ich würde es gern genießen. Aber jetzt geht mir seit Tagen dieser Satz im Kopf rum. Mein Nachbar hat ihn mir zugeschickt. Naomi Klein schreibt da, in ihrem neuen Buch Kapitalismus vs Klima, dass sie keine Freude mehr an der Natur empfinden könne. Denn: „Je schöner und erstaunlicher das Naturerlebnis, um so mehr trauerte ich über dessen unvermeidlichen Verlust – wie eine Frau, die sich nicht rückhaltlos verlieben kann, weil sie immerzu an den unausweichlichen Liebeskummer denkt.“

Zuerst dachte ich: Ohweh. Der arme Nachbar. Es hat ihn echt erwischt.

Aber dann hab ich versucht, mich einzufühlen. Naomi Klein hat ja so recht: Wir machen die wunderbare Natur kaputt mit unserem blöden Gewinnstreben, wir Penner! - Aber das Schlimme ist: Ich schaffe es nicht. Ich laufe so durch den Park und denke die ganze Zeit nur: Die Sonne, die Vögel, die Krokusse, das Lächeln der Leute – wie geil, ich verlieb mich jetzt gleich!

Der Psychiater würde sagen: Sie unterliegen einer seltsamen kognitiven Dissonanz. Das ist, wenn Fühlen, Denken und Handeln nicht deckungsgleich sind. Eigentlich denke ich, das alles machen wir kaputt. Will aber nicht weiterdenken, so wie Naomi Klein, die den Moment jetzt in die Vergangenheit und in die Zukunft projiziert. Ich hingegen bin grad im Hier und Jetzt und da will ich unbedingt bleiben! Naomi Klein würde vermutlich sagen: Das ist kriminell. Miesepeterin, die!

Meine Freundin versucht, die Dissonanzen mit Ironie aufzulösen. Sie sagt, diabolisch grinsend, sie sei dem Klimawandel dankbar. Der Frühling komme jetzt immer früher, sechs Tage sind es jetzt schon im Mittel. Es werde, auch hier oben im Norden, immer wärmer und bald könnten wir Orangen und Zitronen anpflanzen. Dann müsste sie nicht mehr in den Süden fliegen, was gut wäre für ihren ökologischen Fußabdruck.

Mein Nachbar und meine Freundin hatten mal eine Liaison. Klar konnte das nicht gut gehen. An allem ist die Liebe schuld, denke ich, und dann gehe ich beruhigt in den Park, weil ich eine Erklärung gefunden habe für das dissonante Geräusch in meinem Hinterohr und lege mich auf die viel zu warme Wiese.

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Nataly Bleuel

ist freie Autorin und hat mit 11 beschlossen, nie mehr irgendwo Nummer 1 sein zu wollen – nachdem ihr als Klassenbeste der 900-Seiten-Wälzer "Soll und Haben" von Gustav Freytag überreicht worden war. Diese Kolumne schreibt sie im Wechsel mit Moritz Baumstieger.

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