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Mode 27. März 2015

»Hommage an die Weiblichkeit«

Interview: Friederike Zoe Grasshoff 

Jahrelang suchte Gabriele Meinl nach BHs für kleine Größen ganz ohne Push-up und Rüschen. Dann gründete sie ihr eigenes Lingerie-Label - und merkte, wie politisch der Umgang mit dem weiblichen Körper immer noch ist. Ein Gespräch über Schönheitsideale, Statik und die Inszenierung des Busens.



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SZ-Magazin: Wieso brauchen Frauen mit kleinen Brüsten überhaupt spezielle BHs? Die Körbchengröße 70A findet man doch in jedem Kaufhaus.

Gabriele Meinl: Stimmt, aber im Kaufhaus gibt es im Durchschnitt ein Modell – und das wird in allen Größen durchdekliniert, von 70A bis 85D. Eine Frau mit großen Brüsten hat aber logischerweise viel mehr Masse zu tragen, und ein A-Cup braucht weder viel Stoff noch Bügel. Das eigentliche Problem ist aber, dass es gar nicht so einfach ist, einen BH ohne Push-up zu finden. Wir entwerfen Lingerie, die kleine Brüste perfekt in Szene setzen – mit bequemen BHs ohne unnatürlich wirkende Einlagen.

Werden Frauen mit kleinen Brüsten vom Mode-Mainstream diskriminiert?
So weit würde ich nicht gehen, meine Geschäftspartnerin und ich sehen uns auch nicht als Missionarinnen. Aber der Markt suggeriert Frauen mit kleinen Brüsten: Du hast da vielleicht ein Problem, und das lösen wir jetzt mal – mit 200 Prozent Push-up. Und das ergibt schon ein vermeintlich allgemeingültiges Bild, wie eine Brust auszusehen hat.

Ist Ihr Lingerie-Label Aikyou also auch als Gesellschaftskritik zu verstehen?
Alles begann mit einer Kritik am herrschenden Angebot. Frauen wie ich und meine Geschäftspartnerin haben einfach nicht das gefunden, wonach wir gesucht haben. Wir waren schon immer gegen Push-ups und haben Softbras gesucht, und die waren noch vor ein paar Jahren gar nicht so einfach zu finden. Freundinnen von uns, auch sie haben keine große Oberweite, sind teilweise in die Kinderabteilung geschickt worden! Daraus entstand eine Art Kampfmotivation: Kleine Brüste sind toll, wie sie sind! 

Hat sich diese Sicht denn nicht längst durchgesetzt?
Klar, es gibt tatsächlich immer mehr Frauen, die sich den gängigen Schönheitsidealen nicht beugen wollen. Man denke nur mal an die Debatte über den Photoshop-Wahnsinn, nachdem ein unbearbeitetes Bild von Cindy Crawford durchs Netz ging. Dennoch scheinen kleine Brüste in weiten Teilen der Gesellschaft immer noch ein negatives Image zu haben. Was ziemlich irrsinnig ist, denn eigentlich leben wir ja in einer pluralistischen Zeit, in der alles geht: Keira Kneightley und Daniela Katzenberger, nicht entweder oder. Andererseits hält sich das Klischee, dass eine Brust rund und groß zu sein hat. Die vollbusige Frau ist irgendwie positiv konnotiert. Viele Frauen nehmen in unserer Push-up-Kultur auch gar nicht wahr, was sie eigentlich für Brüste haben, ganz viele kennen ihre Körbchengröße nicht einmal.

Die Frauen wissen nicht, wie ihre eigenen Brüste aussehen?

Absolut, das ist ein Selbstwahrnehmungsproblem. Viele Frauen sehen gar nicht, was sie da haben, das ist uns sehr oft aufgefallen. Klein ist bei vielen als nicht so toll abgespeichert, deswegen wollen viele das auch gar nicht so wahrnehmen. Es ja total normal, mit gepolsterten BHs rumzulaufen; ich bin da ja auch nicht dagegen, jeder soll das für sich selbst entscheiden. Aber mal ehrlich: Wir schnallen uns da was vor.

Einerseits kritisieren Sie das Diktat der großen Brüste, andererseits haben die Models auf Ihrer Webseite herausstehende Hüften, dünne Beine und hohe Wangenknochen, entsprechen also schon dem gängigen Schönheitsideal.
Naja, wo stehen denn da die Hüftknochen heraus? Unser Model ist eine zierliche Frau mit 75A, und stark retuschiert ist sie auch nicht. Uns war es wichtig, dass unser Model nicht so wahnsinnig jung aussieht, am liebsten hätten wir Christy Turlington gebucht, aber die können wir uns eben nicht leisten.

Aber bestätigen Sie mit Ihrer Philosophie nicht trotzdem das gängige Ideal – indem Sie suggerieren, dass man gerade kleine Brüste besonders in Szene setzen sollte?
Nein, wir finden kleine Brüste schön so wie sie sind. Deswegen muss man etwas finden, was ihre natürliche Schönheit zur Geltung bringt – und sie nicht verdeckt, vergrößert oder verändert.

Wie lässt man eine kleine Oberweite sexy aussehen?

Wir entwerfen Softbras in den Größen von 70AA bis 75B – und setzen auf Minimalismus. Alles, was Frauen mit kleinen Brüsten nicht brauchen, lassen wir weg: Bei uns gibt’s keine Bügel, keine Einlagen, der Verschluss ist nicht hinten, sondern vorne angebracht. Kurzum: Wenig Stoff, viel Haut – das ist sexy.

Braucht man mit richtig kleinen Brüsten überhaupt einen BH?

Das ist eine subjektive Entscheidung – und vor allem eine modische. Sie können ja auch mit einem H-Cup ohne BH rumlaufen, ein großer Busen muss ja nicht per Gesetz eingehüllt werden. Aber der Büstenhalter ist eine Hommage an die Weiblichkeit, deswegen wollen fast alle Frauen beim BH-Spiel dabei sein.


Gabriele Meinl (links), 49, hat Literatur, Theaterwissenschaft und Politik studiert. Nach 13 Jahren in der Werbebranche gründete sie im Jahr 2011 mit ihrer Freundin und Kollegin Bianca Renninger das Lingerie-Label Aikyou

Fotos: Felix Lammers/
AIKYOU GmbH, Portrait: privat

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