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aus Heft 14/2015 Gesellschaft/Leben

Wisch und weg

Von Marc Baumann  Illustration: Jean Jullien

Facebook in der Konferenz, SMS mitten im Gespräch: Was früher als total respektlos galt, hat sich inzwischen doch in den Alltag geschlichen – ein kollektiver Stilbruch. 

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Tote Winkel gibt es auch in Konferenzen, hinter meinem Kollegen Max Fellmann etwa, der zwei Meter groß ist. Lehnt man sich neben ihm sitzend weit genug nach hinten, verschwindet man aus dem Chefredakteursblickfeld. An diesem magischen Ort konnte man früher unbemerkt auf seinem Handy wichtige SMS oder weniger wichtige Tweets oder ganz unwichtige Facebookposts lesen und verschicken. Meine 1,94 Meter Körpergröße wiederum waren kleineren Redakteuren ein beliebtes Versteck zum Tippen. Mit der Zeit wurden die toten Winkel in unseren Besprechungen immer nachlässiger gewählt (hinter Kollege Wagner, 1,80 Meter, ja selbst hinter Kollegin Fritzsche, 1,62 Meter). Zugleich wurde immer unerschrockener getippt. Bis der Erste mit seinem auf dem Konferenztisch liegenden Smartphone surfte. Dann ein Zweiter. Ein Dritter, ein Fünfter. Der Rekord liegt bei sechs gleichzeitig benutzten Handys (von 13 Konferenzteilnehmern).

Das weiß ich so genau, weil ich in diesem Moment ein Thema vorgeschlagen hatte und auf abwesend scrollende und swipende Kollegen blickte. Das belegte zwei Dinge: 1) Meine Wortmeldung war offenbar etwas fad. 2) In unserem Miteinander verändert sich gerade etwas. Ich habe Bekannte aus verschiedenen Berufen befragt, alle haben die Beobachtung bestätigt: Ob beim Magazin Stern, bei Unternehmensberatern, in Wissenschaftsinstituten, bei großen Gastronomiefirmen, im Lehrerzimmer, in der Automobilindustrie, in Gewerkschaften, in Start-ups sowieso – überall beschäftigt man sich in Konferenzen mehr oder weniger hemmungslos mit dem Handy. Ein Freund schreibt: »Ich habe das Gefühl, dass es schon zum guten Ton gehört, das Smartphone in Besprechungen simultan zu benutzen, nach dem Motto: Ich bin super geschäftig, mit wichtigen Leuten in Kontakt, darf keine Sekunde verschwenden.« Was man wirklich auf dem kleinen Bildschirm macht, bekommt niemand mit. Dass auch viel unnötig gesurft wird, meinen alle, die ich frage.

Viele halten es einfach nicht mehr aus, eine ganze Besprechung lang von ihrem Smartphone getrennt zu sein. Nutzerdaten zeigen, dass Deutsche im Schnitt sechzig Mal am Tag zum Handy greifen, zwölf Prozent der Deutschen tun das sogar mehr als hundert Mal. Dieses permanente Verlangen ist stärker als Büro-Etikette oder das einst geltende Gebot der ungeteilten Aufmerksamkeit, wenn jemand anderes spricht. Denn natürlich ist es unhöflich, im WhatsApp-Chat das Abendessen zu besprechen, während ein Kollege einen lange vorbereiteten Vortrag hält. Ein Freund, Dozent an einer Universität, erlebt Studenten, die in großen Vorlesungen eineinhalb Stunden nicht vom Handybildschirm zu ihm aufsehen. Wenn man mit Kollegen oder Freunden redet, selbst unter vier Augen, kommt es immer öfter vor, dass sie reflexartig kurz aufs Handy sehen oder für ein paar Sekunden darauf herumwischen. Dreist, nicht? Mach ich aber genauso. Darum ist dieser Text kein empörter Protest, eher eine verwunderte Feststellung. Und eine offene Frage: Wollen wir das?

Der Knigge-Benimmführer rät: Handy aus in Konferenzen, und regelmäßige Kommunikationspausen einlegen, »spätestens alle 90 Minuten«. Mir erscheint das viel. Ein Bekannter, der in China arbeitet, erzählt, dass man dort ganz selbstverständlich in Besprechungen ans Telefon geht, wenn es klingelt. Hört sich verrückt an? Mal sehen, wie lange noch.

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