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aus Heft 18/2015 Kino/Film/Theater

»Stellte ich Jack zur Rede, hieß es: Das war doch nur ein Mitleidsfick«

Interview: Sven Michaelsen  Foto: Patrick Swirc

Die Schauspielerin Anjelica Huston über ihre stürmische Beziehung mit Jack Nicholson und die Frage, ob John Huston ihr einen schweren Vaterkomplex eingebracht hat.

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Schokolade, Sonntage im Bett und Reality-TV - größeren Sünden geht Anjelica Huston nach eigenen Angaben heute nicht mehr nach.


SZ-Magazin: Ihr Vater John Huston war Regisseur, Schauspieler, Drehbuchautor, Reporter, Maler, Kunstsammler, Großwildjäger, Boxer, Glücksspieler, dazu ein großer Trinker und Frauenheld, der es auf fünf Ehen brachte. Wie hat dieser Hemingway des Kinos auf Ihre Geburt reagiert?

Anjelica Huston: Die Nachricht erreichte ihn mit zwei Tagen Verspätung, weil er in Uganda mit Katharine Hepburn und Humphrey Bogart African Queen drehte. Als ihm ein Bote das Telegramm gab, soll er nur gesagt haben: »Es ist ein Mädchen.« Dann arbeitete er weiter.

Als Kind haben Sie Ihren Vater angehimmelt.
Wir lebten auf einem großen Gut im Westen Irlands. Wenn er uns wegen Dreharbeiten für Monate verlassen wollte, umklammerte ich seine Beine, um ihn am Fortgehen zu hindern. Wenn er weg war, hielt ich meine Nase in den Humidor, in dem er seine Zigarren verwahrte. Auf diese Weise fühlte ich mich ihm nah. Es war eine Liebe, die durch Abwesenheit verklärt wurde.

Als Sie 14 waren, warf Ihr Vater Ihnen vor, allzu verführerisch zu tanzen. Darüber kam es zu einem Streit, der Ihre Beziehung für immer veränderte.
Er ließ mir ausrichten, ich solle in sein Arbeitszimmer im Herrenhaus kommen. Ich sah, dass er aufgebracht war, begriff aber nicht, was an meiner harmlosen Tanzerei provokant gewesen sein sollte. Plötzlich holte er aus und schlug mir zweimal ins Gesicht, mit voller Wucht. Seit diesem Tag hatte ich immer ein bisschen Angst vor ihm und vermied es, ihm zu nahe zu kommen. Es hat dreißig Jahre gedauert, bis ich mich traute, mit ihm darüber zu sprechen. Er lag mit einem Emphysem im Krankenhaus und brauchte Schläuche mit Sauerstoff in der Nase, um nicht zu ersticken. Er hatte die Geschichte vollkommen anders in Erinnerung und leugnete, mich geohrfeigt zu haben. Es war, als hätte er ein Drehbuch umgeschrieben. Ich hätte insistieren können, aber welchen Wert hätte es gehabt, einen alten, schwer kranken Menschen, der durch die Hölle geht, mit einer Episode aus meiner Kindheit zu quälen?

Was ist Ihre lebendigste Erinnerung an Ihre Kindheit?
Mein Vater auf der Fuchsjagd. Ich sehe dieses Bild in Technicolor, Rot auf Grün. Das Rot ist das Jackett meines Vaters, das Grün ist die herrliche irische Landschaft. Mein Vater galoppiert an der Spitze, ich bin zwölf Jahre alt und reite ein paar Meter hinter ihm. Und dann gibt es natürlich die Erinnerungen an die Hausgäste meines Vaters: Carson McCullers, Marlon Brando, Peter O’Toole, Montgomery Clift, Gregory Peck. John Steinbeck spielte für uns den Weihnachtsmann.

Wenn Sie etwas ändern könnten an der Art, wie Sie erzogen wurden: Was wäre das?
Ich hätte gerne mitgeredet, als es um die Auswahl von Gouvernanten und Hauslehrern ging. Zu meinen frühesten Erinnerungen gehören Erzieher, die ich nicht mochte. Als ich mit sieben in die Klosterschule der Barmherzigen Schwestern kam, wurde es nicht besser. Ich war eine einsame Tagträumerin, die in Büchern lebte und bis zum zehnten Lebensjahr am Daumen lutschte.

Ihre Mutter, die Balletttänzerin Enrica Soma, war die vierte Ehefrau Ihres Vaters. Als sie 1969 mit 39 bei einem Autounfall starb, waren Sie 17.
Meine Mutter wollte die Muse meines Vaters sein, aber sie merkte sehr schnell, dass er sie fortwährend mit anderen Frauen betrog. Später tat sie es ihm gleich und hatte ebenfalls viele Affären. 1962 bekam mein Vater einen unehelichen Sohn, zwei Jahre später bekam meine Mutter eine uneheliche Tochter. Als sie starb, war sie angeblich auf dem Weg zu ihrem Liebhaber. Unbewusst gab ich meinem Vater die Schuld an ihrem Tod, weil er sie verlassen hatte.

Ihre erste Beziehung hatten Sie mit 18, mit dem 24 Jahre älteren Modefotografen Bob Richardson, dem Vater des heute berühmten Fotografen Terry Richardson. Ihr Freund litt unter Halluzinationen und war in einer Zwangsjacke in eine Gummizelle gebracht worden, weil er sein Studio zertrümmert hatte. Warum sind Sie vier Jahre mit ihm zusammengeblieben?

Ich hielt es für meine Aufgabe, ihn zu retten, weil ich mich dafür verantwortlich fühlte, was mit ihm vorging. Er war manisch-depressiv und schizophren. Ich wollte ihn vor seinen Dämonen schützen und mit ihm durch Licht und Schatten gehen. Aber Sie können sich noch so sehr anstrengen, Schizophrenie ist mit Liebe und Fürsorge nicht zu heilen.

Die Arme von Richardson verrieten, dass er mindestens fünf Suizidversuche hinter sich hatte. Hätte Sie das nicht warnen müssen?
Ich war zu naiv, um die Gefahrenzeichen zu begreifen. Die Wunden an seinen Armen waren verheilt, deshalb glaubte ich, auch er sei geheilt.

Aus Richardson wurde ein zahnloser Penner, der am Strand von Venice lebte. Wusste Ihr Vater, an wen Sie geraten waren?
Er hielt Bob für ein wandelndes Pulverfass, aber Männer dieser Sorte kannte er viele, deshalb hielten sich seine Sorgen in Grenzen. Erst als Ingrid Sischy im New Yorker über Bobs Tragödie schrieb, wurde das ganze Ausmaß klar.

Ab 1973 führten Sie 17 Jahre lang eine On-off-Beziehung mit Jack Nicholson, der wegen seiner zahllosen Frauengeschichten und seines Killerlächelns den Beinamen »Hollywood’s baddest boy« hatte. Was hat Sie nach den ersten Wochen an ihm überrascht?

Dass er auch schlichte Seiten hatte. Samstags saß er mit seinen Kumpeln den ganzen Tag mit Bier und Hotdogs vorm Fernseher und guckte Baseball und Basketball. Und wehe, man störte ihn. Da konnte er cholerisch werden.

In Ihren gerade auf Deutsch erschienenen Memoiren (Anjelica Huston, Das Mädchen im Spiegel, Rowohlt, 24,95 Euro) schreiben Sie, Nicholson habe während Ihrer gemeinsamen Zeit erfahren, dass die Frau, die er bis dahin für seine Schwester gehalten hatte, in Wirklichkeit seine Mutter war. Hat ihn das zum Zyniker gemacht?
Nein. Jack konnte schon vorher ziemlich zynisch sein.

Sie haben Nicholson zwei Mal vorgeschlagen zu heiraten. Er wollte nicht. Wann begriffen Sie, dass er chronisch untreu war?
Ich wollte die Liebe seines Lebens sein, ihn heiraten und Kinder von ihm bekommen, aber meine Mädchenträume waren schnell dahin. Jack gab sich nicht mal besondere Mühe zu verheimlichen, dass er mit anderen Frauen schlief. Auch meine Freundinnen waren nicht tabu für ihn. Wenn ich ihn weinend zur Rede stellte, hieß es: »Ach, das war doch nur ein Mitleidsfick.« Manchmal fand ich bei uns ein Schmuckstück, das eine seiner Affären vergessen hatte. Wenn wir ausgingen, trug ich es, um zu sehen, ob jemand Anspruch darauf erheben würde. Ich wollte aber nie wissen, wie oft er mich betrog, denn wer keine Fragen stellt, bekommt auch keine unliebsamen Antworten.

Hatte Nicholson Ihnen Treue versprochen?

Nein, aber man kann seinem Herzen nicht befehlen, mit dem Hoffen aufzuhören – vor allem, wenn man noch in den Zwanzigern ist.

Als Sie Ihrem Vater von Nicholsons Affären erzählten, sagte er mit entnervtem Blick: »Hör auf zu heulen. Das ist doch völlig unwichtig. Männer machen so was, das bedeutet rein gar nichts. Warum nimmst du dir das so zu Herzen?«
Ich fauchte ihn an, dass ich mich wegen Jacks Betrügereien verachtet fühlte, aber für meinen Vater gehörte Fremdgehen zur Natur des Mannes. Er fand, was in den Genen liege, verlange keine Entschuldigung.

Sie hatten dann auch Affären.

Ich wiederholte das Muster, das ich von meiner Mutter kannte: Wie du mir, so ich dir.

Wie reagierte Nicholson, als Sie ihn wegen Ryan O’Neal für eineinhalb Jahre verließen?
Äußerlich hat er sich nichts anmerken lassen. Er hatte deswegen auch nie Streit mit Ryan. Allerdings hörte ich später von Freunden, es habe ihn ziemlich schockiert, von einer Frau verlassen zu werden. Das war Neuland für ihn.

Haben Sie ihn nach seinen Gefühlen wegen O’Neal gefragt, als Sie zu ihm zurückkehrten?

Sie meinen, ich hätte fragen sollen: »Sag mal, Jack, warst du wenigstens eifersüchtig, als ich mit Ryan auf und davon gegangen bin?« Niemals! Unter keinen Umständen! Bei so etwas verliert man als Frau den Stolz.

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Sven Michaelsen

Sven Michaelsen erklärt folgende Begebenheit zu seiner Lieblingspassage der Huston-Memoiren: Um gegen die Eröffnung eines Luxusgolfplatzes in Mexiko zu demonstrieren, kaufte John Huston 2000 Tischtennisbälle, beschriftete sie mit Beleidigungen wie »Haut ab, ihr Yankee-Arschlöcher!« und warf sie während des Eröffnungsturniers aus einem kleinen Flugzeug über dem Golfplatz ab. Das Spiel musste abgebrochen werden.

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