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aus Heft 18/2015 Geschichte

Für immer gefangen

Von Patrick Bauer  Fotos: Daniel Delang

Dreizehn Millionen Zwangsarbeiter wurden von den Nazis nach Deutschland verschleppt. Als der Zweite Weltkrieg vor siebzig Jahren zu Ende ging, konnten viele trotzdem nicht nach Hause.

Lydia Tkaczenko in ihrer Küche in Nürnberg. Die Zweizimmerwohnung, in der sie früher mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern lebte, war ihre erste außerhalb eines Vertriebenen-Lagers.
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Stanislaw, den alle nur Stani nannten, züchtete Hasen und hatte eine Hasenscharte. So nannte man das noch, als ich ein Kind war. Er sprach nur schlecht Deutsch, und das, was er sprach, verstand man kaum. Stani ging jeden Sonntag zum Frühschoppen, er saß immer als Erster am Stammtisch. Er war lange vor meiner Großmutter in das Dorf im Nordosten Baden-Württembergs gekommen, nur die Ältesten erinnerten sich noch. Aus Polen hatte man Stani auf den Schweikerthof gebracht, ein junger Kerl, 1942 war das gewesen, der Krieg war noch dort, wo Stani herkam und wo all die deutschen Väter und Söhne nun waren; weit weg. Weil die Männer an der Front waren, brauchte es in der Heimat belastbare Helfer.

Stani war ein Zwangsarbeiter.

Er war einer von 13 Millionen, die das NS-System allein in Deutschland versklavte, in der Industrie, in Rüstungswerken, auf Baustellen, bei der Reichsbahn, in Privathaushalten, in der Landwirtschaft. Die meisten Zwangsarbeiter kamen aus Polen und der damaligen Sowjetunion, Männer, Soldaten und Zivilisten, Frauen, Kinder. Sie mussten schuften, damit der großdeutsche Wahnsinn weitergehen konnte. Und so gehörten Zwangsarbeiter während des Krieges zum deutschen Alltag, nicht nur in den Fabriken und Arbeitslagern, nein, jeder Deutsche konnte Bedarf anmelden, Bedarf nach einem Erntehelfer, Bedarf nach einem Kindermädchen, mancherorts konnte man sich die »Ostarbeiter« auf regelrechten Sklavenmärkten aussuchen. Dieses Unrecht hat niemand übersehen können, die Deutschen lebten Tür an Tür mit den Arbeitssklaven. Die Polen, die Russen, die Weißrussen, die Ukrainer galten als »slawische Untermenschen«, unter ihnen kamen in der Rassenlogik nur noch die Juden, die separiert zu erbarmungslosen Arbeitseinsätzen gezwungen wurden. Aber auch Millionen »Ostarbeiter« starben an Unterernährung, Erschöpfung und durch Mordlust, sie litten unter Restriktionen und brutalen Strafen. Auf Liebesbeziehungen zu Deutschen etwa stand der Tod. Zwangsarbeiterinnen, die Kinder zur Welt brachten, mussten diese abgeben, die Kinder kamen in eigens eingerichtete Heime, wo sie oftmals verhungerten.

Und Stani? Der fütterte die verbliebenen Kühe und half bei der Ernte. Er schlief in einem Schober neben dem Hof, er bekam etwas Milch und Brot. Und als der Krieg zu Ende war, da machte er einfach so weiter; er fütterte die Kühe, die anders als er wieder fett wurden, und er half bei der Ernte. Die Schweikerts bauten ihm den Schober aus. Er hatte seine Hasen. Seine Sonntage. Die Leute im Ort fragten nicht, woher genau er gekommen und warum er nie dorthin zurückgekehrt war. Sie verstanden ihn doch kaum, sie mochten sein zahnloses Lachen. Wenn ich in den Ferien bei meiner Oma war, ging ich zu Stani, die Hasen füttern. Mit den Jahren kam ich seltener. Ich vergaß Stani. Und als ich wieder an ihn dachte und ihm – auch aus journalistischer Neugier – Fragen stellen wollte, da verstarb er Ende vergangenen Jahres, bevor wir uns treffen konnten. Schade, sagten die Leute im Ort nun, genau genommen wussten wir nichts über den Stani.

Ich machte mich auf die Suche nach ähnlichen Fällen, nach ehemaligen Zwangsarbeitern, die im Land der Verbrecher geblieben waren. Ich stieß auf weitere Geschichten von Männern und Frauen, die wie Stani sogar auf dem Hof geblieben waren, zu dem sie verschleppt worden waren. Fast alle lebten nicht mehr. Im Schwarzwald stand ich vor dem Familiengrab einer Bauernfamilie, in dem vor einem Jahr auch Olga beerdigt wurde. Olga war mit 16 aus Russland gekommen, erzählte man mir. Die Olga war eine von uns, hieß es wieder. Fast jedes Dorf in Deutschland kennt einen Stani und eine Olga. Und ohne viel über sie zu wissen, erzählt man in fast jedem Dorf gern von ihnen, vom gemeinsamen Arbeiten und Feiern – vielleicht, weil ihre Biografien zu beweisen scheinen, dass es so schlimm nicht gewesen sein kann für die Zwangs- arbeiter. Und weil man dann nicht von den Zwangsarbeitern erzählen muss, die weniger Glück hatten, die nach der Befreiung Hass und Rachlust spürten oder schnell abreisten – oder nicht überlebten.

Die Wahrheit ist: Stani und Olga waren Ausnahmen. Bis Ende 1945 waren bereits 6,2 Millionen Zwangsarbeiter in ihre Herkunftsländer zurückgekehrt – oder zurückgeschickt worden. Erst als bekannt wurde, dass viele Zwangsarbeiter in Stalins Sowjetunion als Verräter verfolgt wurden und Hunderttausende von ihnen in Gulags verschwanden, stoppten die Alliierten den schnellen Repatriierungsprozess, der auf der Konferenz von Jalta beschlossen worden war. Vielen Zwangsarbeitern wurde dann angeboten, in die USA, nach Kanada oder Australien auszuwandern.

1951 übernahm die Bundesrepublik Deutschland die Betreuung der Gestrandeten. Sie wurden nun »heimatlose Ausländer« getauft, so als hätte das Schicksal und nicht die deutsche Schuld sie zu Verirrten gemacht. Zuvor waren Zwangsarbeiter als DPs bezeichnet worden, von der englischen Bezeichnung »Displaced Persons« – zu denen neben Zwangsarbeitern auch Kriegsgefangene zählten. 150 000 Heimatlose lebten 1951 noch in den zahlreichen DP-Lagern in Westdeutschland, dazu zählten aber auch Menschen, die erst nach dem Krieg in solchen Lagern geboren worden waren. Laut dem Internationalen Suchdienst in Bad Arolsen, einem Zentrum zur Erforschung von NS-Verbrechen, gab es Anfang der 2000er-Jahre noch etwa 15 000 DPs in Deutschland. Wie viele davon Zwangsarbeiter waren, wissen auch Experten nicht, wie viele Zwangsarbeiter heute noch in Deutschland leben, lässt sich nur vermuten, höchstens Hunderte?

Es ist siebzig Jahre nach dem Ende des Krieges nicht einfach, noch detaillierte Überlieferungen und Zeitzeugen zu finden. Die Lebensgeschichten von Stani und Olga können nicht mehr rekonstruiert werden.

Umso wichtiger ist es, die von Alexander Mostasov und Lydia Tkaczenko zu erzählen.

Sie warten im Juli 1942 jeden Tag auf die Bomben, aber es fallen keine mehr auf das Dorf außerhalb von Rostow am Don, in dem Lydia Ponomarenko mit ihren Eltern wohnt. Im Winter 1941 war das anders gewesen, sie hatten im Keller um ihr Leben gefürchtet, alles hatte gewackelt, und es hatte nach Angst gerochen. Damals hatten die Deutschen Rostow eingenommen und waren kurz darauf von der Roten Armee wieder vertrieben worden. Nun, ein halbes Jahr später, kommen die Deutschen zurück, wütender denn je. Die Rotarmisten sitzen in Rostow fest, alle Brücken sind zerstört. Es ist ein Massaker. Als Lydia Wochen später mit dem Vater in die Stadt läuft, liegen die Leichen noch immer am Straßenrand. Aber in das Dorf von Lydia kommt der Krieg diesmal nur in Form von neuen Regeln. Lydia ist 15. Jeder über 14, so verkünden die Deutschen nach der Einnahme Rostows, muss sich ab sofort beim Arbeitsamt melden. Lydia ist erst mal froh, nicht mehr zur Schule gehen zu müssen. Jeden Tag läuft sie mit ihrer besten Freundin in die Behörde und lässt sich mit einem Stempel bestätigen, dass sie bereitsteht. Manchmal müssen sie Kohle schaufeln oder Munitionskisten verladen. Es ist langweilig. Als man ihnen nach einigen Wochen sagt, dass sie nach Deutschland reisen werden, für sechs Monate bloß, sagt sie zu ihrer Freundin: Vielleicht ist das ein Abenteuer. Die Mutter fällt in Ohnmacht. Sie spricht nicht mehr vor der Abreise. Lydias Bruder, 15 Jahre älter, ist ein Jahr zuvor gefallen. Der Vater muss Lydia zum Treffpunkt bringen an jenem Montag, und als sie ihn umarmt und »Auf bald« sagt, schiebt er sie ein Stück von sich, hält sie fest an den Schultern und sieht sie lange aus traurigen Augen an, als wolle er sich ihren Anblick einprägen. Der Vater ist ein schweigsamer Mann, der nie ein Zuhause hatte, weil er Ukrainer sein will und es diesen Staat, nach dem er sich sehnt, nicht gibt. Sie sind oft umgezogen, der Vater macht mal dies, mal das, im Winter verkauft er Eisblöcke, im Sommer getrocknete Früchte. Seine Eltern waren Großgrundbesitzer, er ist ein stolzer Mann. »Auf bald«, sagt der Vater.



Nellingen, 24. Februar 1949
An: Miss D. Garson, Area Child Care Officer, Area No 2
Von: Principal Child Search Officer, Area No 2
Betreff: Mostasov, Alexander, geboren 22-10-1930, sowjetischer Staatsbürger


1) In der vom Bürgermeister erstellten Liste mit alliierten Kindern, die sich unbegleitet in der Region aufhalten, fand sich der oben genannte Fall.
2) Eine Untersuchung am 21. Februar im Kreis Schwäbisch Gmünd ergab folgende Details: Alexander Mostasov wurde am 22. Oktober 1930 in Smitki, Witebsk, UdSSR, geboren. Er ist der Sohn von Wanka Mostasov, etwa 46 Jahre alt, und Nadezda Mostasova. Der Junge kam im Juni 1942 mit seiner Mutter Nadezda zu Bauer Banat Wittmann auf den Giengerhof, Kreis Schwäbisch Gmünd. Die Mutter beging im Oktober 1942 Selbstmord durch Erhängen. Anbei der Totenschein. Laut dem Jungen hatte der Vater die Familie verlassen, als sein Sohn etwa sieben Jahre alt war, vermutlich 1937. Seither hat der Junge von seinem Vater nichts mehr gehört. Einige Verwandte kamen ebenfalls als Zwangsarbeiter nach Deutschland, aber der Junge erinnert sich nicht an ihre Namen oder die Orte, an die sie gebracht wurden. Der Giengerhof, auf dem der Junge lebt, liegt recht weit außerhalb des Dorfs Weiler in den Bergen. Der Junge arbeitet für denselben Bauern, für den auch seine Mutter gearbeitet hat. Er gibt an, nicht nach Russland zurückkehren zu wollen, da er dort keine Verwandten mehr hat und die Sprache verlernt hat. Er war zu Hause nur zwei Jahre zur Schule gegangen. Er arbeitet als Kutscher und verdient 25 DM im Monat.
Alexander Mostasov, der als Kind zum Zwangsarbeiter wurde. (Foto: ITS Bad Arolsen)
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Patrick Bauer

Patrick Bauer bereut noch immer, viel zu spät wieder an Stani gedacht zu haben. Und freut sich über jede Zuschrift mit Hinweisen auf vergleichbare Fälle und Zeitzeugen: patrick.bauer@sz-magazin.de

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