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aus Heft 19/2015 Politik

Reihe 7 Platz 88

Von Tobias Haberl  Fotos: Daniel Delang

Udo Voigt hat sein Leben in der NPD verbracht. Er verachtet die EU. Doch seit einem Jahr sitzt er im Europaparlament. Wie hält die Demokratie so einen aus? Und hat ihn dieses Amt verändert? Wir haben ihn vom ersten Tag an begleitet.



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Udo Voigt ist seit 47 Jahren in der NPD, ein Rechter, ein Staatsfeind, wegen Volksverhetzung und Verherrlichung der Waffen-SS vorbestraft, aber wenn er einen leeren Raum mit weißen Wänden sieht, geht es ihm wie den meisten: Er will ihn bunt, er will ihn gemütlich machen. Bei der Europawahl 2014 haben ihm 301 139 Menschen ihre Stimme gegeben, das hat für einen Sitz im Europaparlament gereicht. Jetzt hat er zwei Büros in Straßburg und Brüssel einzurichten. Was also könnte er aufhängen oder aufstellen? Er braucht Bilder, eine Zimmerpflanze, ein Stück Heimat in der Fremde. Am Ende entscheidet er sich für eine Büste von Bismarck, eine Landkarte des Deutschen Reichs von 1876 und einen Kunstdruck, Der letzte Mann, ein Gemälde des Marinemalers Hans Bohrdt, das einen deutschen Matrosen zeigt, wie er in der Seeschlacht um die Falklandinseln 1914 die Reichskriegsflagge schwingend untergeht. Der letzte Mann, Treue bis in den Tod, das gefällt Voigt. »Wissen Sie, was das Tolle an der deutschen Mentalität ist?«, hat er mal gesagt. »Pflichterfüllung. Wir sind bereit, für eine Idee unterzugehen.«

Aber noch ist es nicht so weit. In zwölf Stunden wird ein Streichquartett die achte Legislaturperiode des Europaparlaments in Straßburg eröffnen. Dann wird Udo Voigt der erste und einzige Europaabgeordnete der NPD sein. Es ist der Abend des 30. Juni 2014, Voigt sitzt beim Griechen in Ohlsbach an der deutsch-französischen Grenze, im Fernsehen läuft Fußball-WM, Deutschland gegen Algerien. Er hat seine Mitarbeiter um sich geschart, er nennt sie »Kameradinnen und Kameraden«: seinen persönlichen Referenten Karl Richter, Musikwissenschaftler und Historiker, der mit seiner Nickelbrille ein bisschen wie Himmler aussieht, eine Biografie über Richard Wagner geschrieben hat und bei seiner Vereidigung im Münchner Stadtrat seine Hand zum Hitlergruß erhoben haben soll; seinen Berliner Referenten Uwe Meenen, 2011 von fünf vermummten Gestalten mit Schlagstöcken ins Krankenhaus geprügelt, 2012 wegen Volksverhetzung verurteilt; seinen parlamentarischen Assistenten, den Verwaltungswissenschaftler Florian Stein; und seine langjährige Sekretärin Bettina Bieder, Typ Fanmeile, Knöchel-Tattoo, heiteres Wesen. Eigentlich ist es nur ein Montagabend, aber für die Anwesenden ist es ein Moment, der sich historisch anfühlt. Wochen später wird Richter sich erinnern und Goethe zitieren: »Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.« Das Fußballspiel kann er nicht gemeint haben, nach neunzig Minuten steht es 0:0, Verlängerung.

Die neue Epoche, das ist ein Einzelabgeordneter ohne Fraktion und Einfluss, der im Parlament gelegentlich sechzig Sekunden am Stück sprechen darf. Der Vertreter einer Partei, die ausgegrenzt wird und gerade mal wieder als verfassungswidrig verboten werden soll. Voigt trägt einen akkuraten Schnauzbart. Wenn er geht, wackelt er leicht hin und her, in Blouson und bequemen Schuhen; wenn er lächelt, sieht er verschmitzt aus. Trotzdem ist er einer der meistgehassten Menschen Deutschlands. In der U-Bahn hat er grundsätzlich eine Zeitung dabei. »Damit ich mein Gesicht verbergen kann«, sagt er, »man weiß nie, wer einsteigt.« Er geht davon aus, dass es Menschen gibt, die ihn töten würden, wenn er ihnen in die Hände fiele. »Allerdings«, und dann lacht er höhnisch, »würde ich ein paar mitnehmen.« Seit Jahrzehnten bekommt er Morddrohungen, einmal haben sie sein Reihenhaus in Moosburg an der Isar mit Hakenkreuzen vollgesprüht. Im Vorgarten steht eine alte Munitionskiste der Bundeswehr, in die hat seine Frau ein paar Blumen gepflanzt.

Heute Abend muss er sich nicht verstecken. Als er am Nachmittag die Schlüssel für sein Büro abgeholt hat, habe man ihn sofort erkannt, sagt er. »Ah, der Herr Voigt aus Deutschland«, habe der Beamte vom Sicherheitsdienst gesagt, »um Sie kümmere ich mich persönlich.« Er ist jetzt Europaabgeordneter, verdient 8020 Euro im Monat, genießt Immunität, hat Anspruch auf Fahrbereitschaft und persönliches Briefpapier. Sein Hausausweis klemmt am Revers, daneben die goldene Parteinadel, die er für dreißig Jahre NPD-Mitgliedschaft überreicht bekam, das war noch im vergangenen Jahrhundert. Heute Abend gibt er sich staatsmännisch, während die anderen blödeln. Sie trinken auf das »deutsche Elsass-Lothringen«, nennen Miroslav Klose »den Oberschlesier«, die neuen Bundesländer »Mitteldeutschland«. Sie machen das absichtlich. Ein Reporter des SZ-Magazins sitzt am Tisch, dann soll er auch die NPD kriegen, die er sich vorgestellt hat. Richter erzählt, dass er im Kinofilm Der Untergang eine Statistenrolle als Adjutant gespielt habe. »In einer Szene«, sagt er, »durfte ich Hitler sogar die Hand geben. Danach hab ich mich eine Woche lang nicht gewaschen.« Alle lachen, Voigt lächelt nicht mal. Dass ausgerechnet Özil in der 119. Minute das erlösende 2:0 schießt, kriegen sie nur noch am Rande mit. Ein Parlamentsmitarbeiter hat die Sitzordnung für den Plenarsaal vorbeigebracht. Jetzt beugen sich alle drüber, suchen Voigt, zitieren Namen, Marine Le Pen, Alessandra Mussolini, Martin Sonneborn, alle sind da, nur Udo nicht. Wo sitzt er bloß? Und neben wem? »Mensch, Udo«, ruft Meenen, »da bist du ja. Ganz rechts außen, das passt.« Und wirklich, Voigt sitzt in der siebten Reihe, Platz 88. Sie lachen. Sie jubeln. Sie können es nicht fassen. 88 – das Symbol für Heil Hitler. Am nächsten Tag schreibt der Titanic-Herausgeber Sonneborn auf Facebook: »Die 700er Plätze sind für die Fraktionslosen und Verhaltensauffälligen reserviert. Udo Voigt sitzt auf Platz 788 – doch ein Spaßparlament.«

Udo Voigt ist es nicht gewohnt, dass sich Journalisten wirklich für ihn interessieren. Linke Zeitungen berichten gelegentlich mit einem Hang zur Hysterie, meistens wird er ignoriert. Er sieht das als Auszeichnung. Über die Idee, ihn ein Jahr zu begleiten, war er überrascht. Das erste Treffen fand im März 2014 im »Bistro Bonjour« des Einkaufszentrums in Berlin-Köpenick statt, wo er eine 40-Quadratmeter-Wohnung besitzt.

»Der grünste Bezirk Berlins«, sagt er stolz, »Ausländeranteil 3,4 Prozent«, außerdem Sitz der NPD-Zentrale, nur ein paar Kilometer östlich von Berlin-Mitte, aber Lichtjahre entfernt von den merkwürdigen Menschen mit den bunten Turnschuhen und Ayurveda-Suppen. Voigt bestellt eine Tasse Kaffee, hört zu, nach 15 Minuten streckt er die Hand aus: »Ich weiß, dass Sie mich kritisieren werden, ich weiß, dass Sie die NPD ablehnen, aber eine Sache wünsche ich mir: dass Sie fair sind.« Und tatsächlich wird es im Verlauf des folgenden Jahres beides geben: zähes Ringen um Verstehen, wortloses Entsetzen, aber auch interessante Gespräche und ja, heitere Momente.

Um in Deutschland gewählt zu werden, stand neulich im Spiegel, müsse ein Politiker sein wie Angela Merkel: verlässlich, berechenbar, vernünftig. Auch wenn es merkwürdig klingt, all das ist Udo Voigt. Er ist extrem höflich und freundlich, definitiv kein Macho und für einen Politiker erträglich narzisstisch. Er ist eitel, aber er ist es still. Er möchte nicht berühmt oder reich werden, er möchte das deutsche Volk vor dem Untergang bewahren. So sieht er das. Er hört gut zu, ist immer, wirklich immer pünktlich. Sitzt der Reporter wie abgemacht um acht Uhr am Frühstückstisch im Hotel, schaut er auf die Armbanduhr, sagt »Punkt acht Uhr, Respekt!« und balanciert sich eine Scheibe Gouda vom Buffet auf den Teller. Man hat nie den Eindruck, dass er sich verstellt oder gefallen möchte. Von 1996 bis 2011 war er Parteivorsitzender einer rechtsextremen Partei, da kann er nicht auf einmal so tun, als wäre er ein bisschen konservativ. Es würde ihm auch nichts nützen. Er weiß, sein Kapital sind seine eindeutigen Ansichten, seine radikalen Ideen und seine Dreistigkeit, beides offen auszusprechen. Im Gegensatz zu allen anderen Politikern verzichtet er auch darauf, seine Zitate in Texten wie diesem vor dem Abdruck gegenzulesen. »Voigt ist ein Kumpeltyp«, sagt der Publizist Toralf Staud, der seinen Werdegang seit Jahren kritisch beobachtet. »Viele können sich nicht vorstellen, dass ein Rechter gern trockenen Rotwein trinkt und gute Manieren hat, aber Voigt ist eben beides: ein umgänglicher Mensch und ein völkischer Rassist.« Michel Friedman, ehemaliger Vizevorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, sagt: »Als NPD-Funktionär ist er ein gefährlicher und rückwärtsgewandter Menschenfeind und geistiger Brandstifter.«

Voigt lacht selten, ironisch ist er nie. Alles, was er sagt, auch nach Feierabend in der Kneipe, klingt förmlich, als würde er vor Publikum sprechen. Er wirkt unfrei, als werde er von einer Kraft oder Angst zurückgehalten, die nur er spürt und verstehen kann. Er ist ein verlässlicher, kein lässiger Mensch. Ein Journalist hat mal geschrieben, er könnte auch einen Minigolfplatz bewirtschaften. Manchmal rührt er einen fast: Wenn er Englisch redet und »the« wie »sä« ausspricht. Wenn er »Tschüssi« statt »Tschüss« oder »Läppi« statt »Laptop« sagt und sich entschuldigt, weil ihm ein Wort wie »Mainstream« rausgerutscht ist, wo er das doch ablehnt, die deutsche und die englische Sprache zu vermischen. Normal zieht er das durch, sagt Weltnetz statt Internet, E-Post statt E-Mail, Gesichtsbuch statt Facebook. Seine Zweireiher kauft er bei C&A. Seine Urlaube verbringt er an der Ostsee, in Kärnten, auf den Kanaren. Er besitzt ein Motorrad und ein Segelboot an der Ostsee. Er ist kein Weltmann, versucht aber auch nicht, einer zu sein. Und wenn er da so sitzt, im Dreisternehotel, das Handy an den Gürtel geklemmt, den Rollkoffer neben sich, sieht er aus wie ein einsamer, in die Jahre gekommener Handelsvertreter, der ein Produkt zu verkaufen hat, das aus der Mode gekommen ist.
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Tobias Haberl

Tobias Haberl liebt Richard Wagner, die deutsche Romantik und seine Heimat, den Bayerischen Wald. Er liebt aber auch eine Frau aus Südostasien, die erst vor ein paar Jahren den deutschen Pass bekommen hat. Er findet: Das passt wunderbar zusammen.

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