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aus Heft 22/2015 Außenpolitik

Die letzte Nachricht

Von Thorsten Schmitz  Fotos: Jonas Opperskalski

Varda Pomeranz hat sich in Israel jahrzehntelang um die Hinterbliebenen gefallener Soldaten gekümmert. Nun ist sie es, die Trost braucht.



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Gleich fährt Daniel Pomeranz mit sechs anderen Infanteristen im Transportpanzer in den Gazastreifen. Vorher aber muss er noch etwas erledigen. Der Kommandeur hat die Soldaten gebeten, Briefe zu schreiben. Letzte Worte, für den Fall der Fälle.

Daniel zieht sich in eine Ecke zurück, entsperrt sein Smartphone, öffnet die Pinnwand-App. Alle Soldaten besitzen diese App. Fünf Zettel schreibt Daniel, einen an Mutter Varda, einen an Vater Avi, drei an die Brüder Nimrod, Lior und Elad.

21 Jahre alt ist Daniel, als er in der Nacht zum 20. Juli 2014 den Zettel für seine Mutter schreibt: »Ich bin glücklich, dass ich in dieser Familie aufgewachsen bin. Ihr habt mir Kraft gegeben. Wenn Ihr das hier lest, ist das ein Zeichen dafür, dass ich meine Karriere beendet habe. Es ist wichtig, dass Ihr wisst: Ich bin glücklich.«

Daniel Pomeranz schaltet das Handy aus und gibt es einem Offizier. Soldaten, die in den Gazastreifen ziehen, müssen ihre Handys in Israel lassen.

4.30 Uhr, Sonntag, 20. Juli. Hubschrauber fliegen in der Morgendämmerung über das Haus von Varda und Avi Pomeranz in Kfar Asar, einem Dorf nahe Tel Aviv, 400 Einwohner. Die Hubschrauber sind auf dem Weg zum Krankenhaus Tel Haschomer. Das Geknatter der Rotoren weckt Varda Pomeranz. Sie dreht sich zu ihrem Mann und sagt: »Avi, ich fühle mich unwohl. Das wird kein guter Tag.«

Es ist ungewöhnlich, dass sie solche Gedanken hat. Varda Pomeranz ist 63 Jahre alt, rosa Strähnen im grauen Haar, ihr Lebensmotto ist das halb volle Glas. »Unseren Söhnen sage ich immer: Wenn euch jemand fragt, wie geht’s, sagt immer: Gut. Denn Freunde werden traurig, wenn sie hören, dass es euch nicht gut geht. Und ein Feind freut sich, wenn es dir schlecht geht.« Sie ist überzeugt: »Wenn du lange genug sagst, mir geht’s gut, obwohl du dich schlecht fühlst, dann geht es dir irgendwann auch gut.« Seit dem 20. Juli funktioniert dieses Mantra nicht mehr. Sie sagt: »Wir hatten 21 tolle Jahre mit Daniel.« Dann kommen ihr die Tränen.

Für Varda Pomeranz gibt es kein Alltagsgerüst mehr, es ist ihr entglitten. 25 Jahre lang hat sie die Hinterbliebenen-Abteilung der Armee geleitet. Sie hat sich um Familien gekümmert, deren Söhne getötet, schwer verletzt, entführt oder verkrüppelt worden waren. 25 Jahre lang bestand ihr Alltag aus Trauer, Tränen, Wut, Verzweiflung, Depressionen. In Uniform hat sie an die Türen von Familien geklopft. Wer ihr die Tür öffnete, wusste: Mein Kind ist tot. Schwer verletzt. Entführt. Verkrüppelt. 25 Jahre lang war sie die Botin schlechter Nachrichten. Am 20. Juli hat sie ihre schlechte Nachricht empfangen.

25 Jahre lang war Varda Pomeranz auch die Trösterin der Nation. Hat Familien ins gerichtsmedizinische Institut begleitet, Beerdigungen organisiert, die Schreibweise der Namen der Toten geprüft, Opfern geholfen, Armee-Renten zu beantragen. Und sie hat die Familien an den jüdischen Feiertagen besucht und kein fröhliches Fest gewünscht, sondern ein leichtes. »Für Eltern, die ihren Sohn verloren haben, kann es kein fröhliches Fest mehr geben«, sagt sie.

Ihr Gesicht ist eine Landkarte der Trauer. Wie ausgetrocknet, als hätte sie alle Tränen geweint, die ein Mensch in einem Leben weinen kann. Wenn man sie fragt, ob sie ihren Job weiterempfiehlt, fragt sie zurück: »Einem Freund? Niemals!« Kein Mensch hat Varda Pomeranz je tränenüberströmt in der Öffentlichkeit gesehen. Sie musste das Weinen lernen. »Ich habe nie mit den Familien geheult. Es ist aber vorgekommen, dass ich in meinem Büro stand, mit dem Rücken zur Tür, damit man mich nicht erwischt, wie mir die Tränen in die Augen schießen.«

Es ist 14.01 Uhr am 20. Juli, als es an ihrer Haustür klopft. Drei Soldaten der Hinterbliebenen-Abteilung stehen vor ihrer Haustür, einer beginnt, von einem Zettel in der Hand abzulesen. Varda Pomeranz schüttelt den Kopf und sagt: »Spart euch den Text. Ich weiß Bescheid.« Das ungute Gefühl am Morgen im Bett hat sich bestätigt. Ihr jüngster Sohn Daniel, 21 Jahre alt, Soldat der Golani-Elitetruppe, starb in der Nacht zum 20. Juli zusammen mit sechs anderen Soldaten in einem Nagmasch-Transportpanzer im Gazastreifen. Der Panzer war stecken geblieben, ein leichtes Ziel für die Raketen der Hamas. Daniel hatte keine Chance zu überleben.

Das ist der Trost, den Varda Pomeranz sich spendet: »Dass ich weiß, dass er nicht um Hilfe gerufen hat, dass er nicht geschrien hat vor Schmerzen.« Der Kompanieleiter der Truppe ihres Sohnes stand neben dem Panzer, als die Rakete darauf landete. Er hat Varda Pomeranz gesagt, der Panzer sei sofort explodiert und in Flammen aufgegangen.

Die Fragen all der Mütter und Väter, die Varda Pomeranz 25 Jahre lang beantworten musste, waren immer die gleichen: Hat er gelitten? Wie sehr hat er gelitten? »Ich will mich mit dieser Frage nicht beschäftigen«, sagt Varda Pomeranz. »Ich weiß: Er hat nicht gelitten. Und wenn, nur sehr, sehr kurz.«

Kein Trost ist, dass Daniel Pomeranz und seine sechs Soldatenkumpel in einem vierzig Jahre alten Transportpanzer in den Gazastreifen gefahren sind. Noch während des Krieges gab es eine heftige Debatte in Israel, wie man Soldaten in diesen antiken Transportern in den Gazastreifen schicken konnte. Varda Pomeranz hat sich nicht an dieser Diskussion beteiligt. Sie sagt: »Das bringt mir meinen Sohn nicht zurück.«

Sie zeigt auf ihr Handy. Sie sei »noch ganz im Schock«: Gerade hat sie entdeckt, dass sämtliche Telefongespräche, die sie führt, aufgenommen werden. Sie hat keine Ahnung, warum die Aufnahmen alter Telefongespräche in ihrem Handy gespeichert sind, vielleicht hat einer ihrer Söhne das so eingestellt. Sie setzt sich aufs Sofa, die Kaffeetasse vor sich, und wischt mit dem Zeigefinger über das Telefon, bis sie beim 20. Juli ankommt, beim Gespräch mit ihrem Mann Avi. Seit einer Minute weiß sie da, dass Daniel tot ist. Es ist ein erstaunliches Gespräch.

»Na, wie geht’s?«
»In Ordnung.«
»Wo bist du?«
»Im Büro, wir haben gleich eine Sitzung.«
»Hast du was mit den Tickets für Südamerika erreicht?«
»Nein, ich bin noch nicht dazu gekommen.«
Varda Pomeranz ist in diesem Moment nicht die Mutter, die ihren Sohn verloren hat. Welche Varda hat da geredet?
»Varda eben. Varda Eisenbeton.«
Sie sagt tatsächlich, auf Deutsch: Eisenbeton.
»Meine Eltern haben mich so genannt.«

Warum sie ihrem Mann nicht am Telefon von Daniels Tod berichtet hat? »Sind Sie wahnsinnig! Das kann man nicht am Telefon sagen. Die Menschen brechen zusammen, können einen Herzinfarkt bekommen. Da muss jemand dabei sein.«
Sie schaut auf das Protokoll ihres Smartphones vom 20. Juli und sagt: »Ich habe an diesem Tag so viele dumme, dumme Telefongespräche geführt.«

Sie spielt noch eines vor. Es ist der zweite Anruf nach der Todesnachricht. Beim Dorf-Supermarkt bestellt sie Einwegbecher, Wasser, Cola, Eiswürfel. Sie weiß, es werden Hunderte Menschen in ihr Haus strömen. Sie möchte nicht, dass ihre Gäste durstig bleiben.

Sie ruft auch ihre Söhne Lior und Elad an. Sie fragt Lior, wann der Arzttermin ist, und Elad, wie lange er heute noch arbeitet. Sie lässt sich nichts anmerken. Lior ist ein bisschen misstrauisch. »Alles in Ordnung?« Sie beruhigt ihn: »Alles in Ordnung.«

Dann ruft sie ihren Bruder an. Sie spielt das Gespräch vor. Es klingelt einmal, noch einmal, dann hebt er ab. Es ist ein herzzerreißendes Gespräch. Varda Pomeranz hält das Smartphone in der Hand und beginnt zu weinen, als sie ihren Bruder am 20. Juli selbst weinen und schluchzen hört. Er weiß bereits, dass Daniel tot ist. Immer wieder sagt er: »At gibora, at gibora, du bist eine Heldin, eine Heldin!« Varda Pomeranz seufzt. Ihre Stimme ist tief, das haben die vier Schachteln Zigaretten angerichtet, die sie bis vor zwei Jahren pro Tag inhaliert hat. Heute knabbert sie auf Zahnstochern herum. Sie wirkt rau, wenn man ihr zum ersten Mal gegenübersteht. Aber das ist eine Fassade. Wie kann ein Mensch 25 Jahre lang anderen Menschen schreckliche Nachrichten überbringen?

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Thorsten Schmitz

Thorsten Schmitz wurde bei der Ausreise aus Israel vom Sicherheitspersonal wie üblich recht unhöflich behandelt. Nachdem er aber auf die Frage, was er in Tel Aviv gemacht habe, wahrheitsgemäß geantwortet hatte, lächelte der Mann: »Sie haben Varda Pomeranz kennengelernt? DIE Varda Pomeranz? Da beneide ich Sie, die würde ich auch gerne mal treffen.«

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