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aus Heft 23/2015 Gesellschaft/Leben

Volles Rohr

Seite 2: Der Amerikaner knüllt, bevor er wischt.

Von Roland Schulz  Foto: Markus Burke


Für Papierchemiker ist feuchtes Toilettenpapier eine besondere Gattung: Viele Feuchttücher sind kein Papier, sondern Vlies. Jedes Vlies besteht aus winzigen Fasern. Sehen unter dem Mikroskop aus wie Mikadostäbchen, kreuz und quer. Wenn man Wasser darüber gießt, lösen sich die Fasern voneinander: Die Struktur schwindet. Ist bei gewöhnlichem Toilettenpapier genauso: Trocken ist es fest, nass zersetzt es sich.

Der Trick der Feuchttücher ist, die Stellen, an denen die Fasern verbunden sind, wasserfest zu machen. Fachleute sagen gern: Nassfestausrüstung. Macht man mit Chemikalien wie Melaminformaldehydharzen. Sagen Fachleute nicht so gern. Die Stoffe sind ein Grund, warum Verbraucherzeitschriften wie Öko-Test von feuchtem Toilettenpapier abraten: Formaldehyd ist krebsverdächtig und kann Allergien auslösen.

Der Trick der Nassfestigkeit erlaubt es, ein Tuch mit Essenzen zu tränken, die nach Mandelmilch und Kamille duften – und es trotzdem auf dem Klo taugt: Obwohl es feucht ist, bleibt es stabil und reißfest. In Deutschland ist das wichtig, weil der Deutsche großen Wert auf die Durchstoßfestigkeit seines Klopapiers legt. Deswegen kauft er gern mehrlagiges Papier und legt es mehrmals zusammen. Der Amerikaner dagegen knüllt, bevor er wischt.

Am Ende ist die Technik egal: Was benutzt wurde, wandert in die Schüssel. Und wird runtergespült – auch diese Tücher, die noch im Nassen reißfest bleiben.

Höne versuchte, den Fall wie ein Detektiv aufzurollen: Wenn seine Pumpen wegen der Tücher ausfielen – wer warf die in die Toilette? Er schweißte ein Suchgerät: ein Stück Rohr, kleiner als seine Kanäle, darin eine Staustufe, um Feuchttücher zu fangen. Solche Teile setzte Höne in die Kanalisation, wochenlang. Er hoffte, der Spur der Tücher stromaufwärts folgen zu können, bis zum Ursprung. Keine Chance. Waren zu viele.

Höne sagt, da habe er Alarm geschlagen.

Werk 6 fraß seit Monaten wertvolle Zeit, die dann auf der Anlage fehlte: Auch die Bakterien im Belebungsbecken mussten gepflegt, die Klärbecken gereinigt werden – Höne schob so viele Überstunden, dass die Zentrale unruhig wurde. Aber Werk 6 allein zu lassen, wagte Höne nicht. Dort laufen Kanäle aus sechs vorgelagerten Werken zusammen. Einmal, Jahre her, legte ein Defekt die Pumpen eines Werks in der Nähe eines Schlachthofs lahm. Abwasser stieg die Abflüsse empor, rot vor Blut – die Menschen dachten, die biblischen Plagen brächen über Cappeln herein. Nicht auszumalen, was geschähe, wenn Feuchttücher Werk 6 ausschalteten.

2013 erfuhr Höne: Seine Anlage war nicht allein. In der kleinstaatlichen Welt der Kläranlagen dauerte es, bis die Kunde von Klärwerker zu Klärwerker ging, aber dann war klar: Am Bodensee, in Unterfranken, im Pfälzerwald zogen Klärwerker Zöpfe aus ihren Anlagen, zusammengezwirbelt aus Feuchttüchern. Manche klaubten Vlies kiloweise aus Wirbelwaschpressen. Andere fanden ihre feinen Rechen, die Feststoffe aus dem Abwasser harken, wie mit Vorhängen verhängt.

Im August 2013 zeigten Aufnahmen aus London, wie ein Trupp Arbeiter auf eine Störung in den Kanälen unter Kingston stößt – gespenstische Bilder einer Tropfsteinhöhle aus Feuchttüchern und Fett. Als der Pfropfen abgetragen war, ging die Nachricht um die Welt: Der Fettberg wog 15 Tonnen.

Nun traten mehr und mehr Klärwerker an die Öffentlichkeit. Auch in Honolulu auf Hawaii lösten Feuchttücher Alarm aus. In Kanada, der Schweiz, Kalifornien. In der Oberpfalz, im Jerichower Land, der Lüneburger Heide. In Bayreuth und Sydney. Im Isartal und in New York. Verbraucherverbände und Umweltbehörden empfahlen, feuchtes Toilettenpapier nicht in Toiletten zu spülen.

In der Nähe von Pirmasens, in Nachbarschaft 612, erforschte ein Abwassermeister, wie die Tücher auf Pumpen wirkten: In Kanal- und Schneidradpumpen fraß sich Vlies fest, bis sie blockierten. In Freistrompumpen sog der Saugstutzen die Tücher ein und verdrillte sie, bis sie betonharte Wulste waren. Was tun? Der Rat des Abwassermeisters: Aufrüstung.

Betroffene Klärwerker attackierten das Phänomen, wo sie konnten. Pumpen wurden umprogrammiert, aufgeständert, hochgerüstet. Pumpensümpfe luftgespült. Schneidblätter armiert. Rührwerke. Doppelwellenzerkleinerer. In ihrer verborgenen Welt traten die Klärwerker zum Kampf an, und sie führten ihn auf ihre Art – als Materialschlacht. Aber wer genau war der Feind?

Die Industrie erklärte sich für unschuldig. In den USA verteidigten große Hersteller wie Kimberly-Clark oder Procter & Gamble ihr Produkt verbissen: Ihr feuchtes Toilettenpapier sei durchaus spülbar und überdies in der Lage, sich zu zersetzen.

Klärwerker lachen, wenn sie das Wort hören. Spülbar ist vieles. Gebisse. Boxershorts. Golfbälle. Büstenhalter. Tampons, Kondome, Strumpfhosen, Putzlappen, Goldfische, Handschuhe, Gurken, Slipeinlagen, Inkontinenzwindeln – sehen sie ja, was alles ankommt. Und was nicht ins Klo gehört.

Die Industrie verschanzte sich hinter den Hinweisen, die auf den Packungen von feuchten Toilettentüchern stehen, manchmal hinter Falzen versteckt, manchmal als Fußnote angefügt: Spülbar, aber bitte maximal drei Tücher auf einen Streich, bitte nur ein oder zwei, bitte nicht mehr als eines.

Die Hinweise klingen, als hätte sie kein Abwassermeister verfasst, sondern ein Anwalt. Klärwerker in Übersee fingen an, Fragen zu stellen: Woher glaubten die Hersteller eigentlich zu wissen, was spülbar war?

So erfuhren sie von den Sieben Stufen der Spülbarkeit.

Höne sagt, so einen Pumpensumpf, das könne man nicht erklären. Müsse man sehen, sagt Höne. Er steigt in seinen Kastenwagen. Auf zu Werk 8, da sind die Pumpen nass aufgestellt. Das bedeutet: direkt im Abwasser.

Die Sieben Stufen der Spülbarkeit. Ist eine Testreihe, von Verbänden der Vlies-industrie. Die erste Stufe simuliert den Start der Reise eines Feuchttuchs: eine landestypische Kloschüssel im Labor, in die Ingenieure drei Zyklen zu 35 Tüchern einspülen, in akkurat aufeinanderfolgenden Chargen – einzeln, dann mit Klopapier, dann in Einheit mit künstlichen Fäkalien.

Höne klappt eine Luke auf, ein tiefer Schacht, unten eine schrundige Kruste. Das ist Fett. Gerinnt gern an Feuchttüchern. Wo sind denn die Pumpen? Na, da drunter, sagt Höne, auf die Kruste deutend.

Die siebte Stufe der Spülbarkeit simuliert das Ende der Reise eines Tuchs: eine tauchbare Pumpe im Testlauf, in die Ingenieure fünf Zyklen zu exakt sechzig Tüchern einspülen – alle zehn Sekunden ein einzelnes Tuch, zehn Minuten lang, bei optimaler Durchflussgeschwindigkeit.

Höne sagt, so eine Kruste, die kriege nur der Wasserwerfer weg. Er bezweifelt, dass sich Spülbarkeit simulieren lässt. Er bezweifelt grundsätzlich, dass solche Worte seine Welt fassen können.

Doch genau darum geht der Streit um Feuchttücher inzwischen. In den USA wurde 2014 Klage gegen Hersteller von Feuchttüchern eingereicht. Der Vorwurf: Sie führten Konsumenten in die Irre – ihre Tücher seien weder spülbar noch zersetzten sie sich. Die Industrie konterte, als spülbar kennzeichne sie nur, was die Sieben Stufen der Spülbarkeit erfolgreich durchlaufe. Seitdem verliert man sich in Details von Simulationen. Verbraucherschützer stecken Feuchttücher in Küchenmixer, um herauszufinden, wann sie sich auflösen. Pumpenhersteller wetteifern darum, die erste tuchsichere Pumpe auf den Markt zu bringen. Vliesfabriken versprechen eine Generation von Feuchttüchern, die sich nach Gebrauch selbst zersetzen sollen. Und die Klärwerker fragen sich, wer ihre Welt wirklich begreifen will.

All die Wochen und Monate voller Alarme hat Höne auch das Gespräch mit denen gesucht, die auf den Toiletten sitzen. In der Zentrale des Wasserverbandes, zu dem seine Anlage zählt, spricht man vom Verbraucher. Aber Höne sagt: der Bürger. Höne hat ein Händchen für den Bürger, er kann gut erklären, was er macht, welche Sachen nicht ins Klo sollen. Also erklärte er, im Dienst und auch privat. Er hatte erwartet, das helfe was. Half nichts.

Auch Höne hat nun mit der Aufrüstung begonnen, wie viele Klärwerker: stärkere, mehr Strom ziehende Pumpen. Wenn er Glück hat, schlucken sie die Feuchttücher; dann verstopfen die ihm nur die Reinigungsrechen. Wenn er Pech hat, laufen auch sie eines Tages heiß.

Jedes Jahr lädt Höne – eine alte Sitte auf Kläranlagen – einige Klassen der Grundschule ein. Er zeigt seine Geräte, seine Klärbecken, seinen Schönungsteich. Dann erklärt er, dass daraus ein Bächlein Wasser entspringt, das in den Calhorner Mühlenbach fließt, der in die Hase fließt, die in die Ems fließt, die in die Nordsee fließt, und dass darum viele Dinge auf keinen Fall ins Klo gehören. Kinder, sagt Höne, kapieren das sofort.
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Roland Schulz dachte vor seiner Recherche, alte Suppenreste gehörten ins Klo gespült. Oh nein, riefen Klärwerker: Suppe, wie andere Speisereste auch, lockt Ratten an.

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