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aus Heft 27/2015 Fotografie

»Saufen ist Arbeit. Saufen ist ein Beruf«

Interview: Sven Michaelsen   Fotos: Juergen Teller

Der Fotograf Juergen Teller ist ein Star in der Modeindustrie - und hat dort immer um seine Freiheit gekämpft. Nach etlichen exzessiven Jahren will er nun endlich auch die Kontrolle über sein Leben zurück.



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SZ-Magazin: Herr Teller, Sie haben sich vor Kurzem im österreichischen Maria Wörth elf Tage lang einer F.-X.-Mayr-Kur unterzogen. Aus welchem Grund?

Juergen Teller: Freunde haben total geschwärmt von dieser Kur. Ich dachte, wie kann man so schwärmen von so einem Scheiß? Jetzt bin ich auch voll begeistert. Die Kur hat mir super gut getan.

Zu einer Mayr-Kur gehört, dass einem eine Maschine literweise Wasser in den Darm pumpt.
Es tut unheimlich weh, aber es soll gesund sein.

Hatten Sie gesundheitliche Probleme?
Ja. Ich bin beim Fotografieren wie ein Tier, das sich anrobbt. Wegen dieser Verrenkungen habe ich Probleme mit meinem Rücken. Um die Schmerzen loszuwerden, habe ich während der Kur Yoga und Wassergymnastik gemacht. Abends war ich fix und fertig und bin um halb acht ins Bett gegangen, aber happy und unheimlich ausgeglichen. Dass ich heute zwölf Kilo weniger wiege, habe ich auch der Klinik zu verdanken.

Ein Foto aus der Kurklinik zeigt Sie in kurzer Hose und mit Pudelmütze beim Nordic Walking. Hipster senken bei dieser Disziplin den Daumen.

Deswegen ist das Foto ja so gut. Natürlich habe ich überlegt, ob ich jetzt der totale Depp bin, da mit so Stöcken langzulatschen. Das sieht ja total bescheuert aus. Es ist mir aber fucking wurscht, wie das ausschaut. Nordic Walking ist großartig, ich bin ein Riesenfan geworden.

Haben Sie Vorsätze gefasst?
Ich versuche, nicht mehr zu rauchen. Deshalb habe ich Akupunkturnadeln in den Ohren.

Wie viel haben Sie geraucht?
Dreißig am Tag, seit 35 Jahren.

Zum Thema Trinken sagen Sie: »Ich brauche Alkohol wie ein Auto Benzin.«
Mit dem Trinken habe ich jetzt auch aufgehört. Das war hardcore am Anfang, aber die Trinkerei fing an mich zu langweilen. Ich mag es extrem: entweder ganz viel trinken oder gar nicht. Zwei Glas Wein am Abend, das kann ich überhaupt nicht. Bei mir werden es zwei Flaschen, und dann kommt der Wodka auf den Tisch. Wenn meine Mutter dieses Interview nicht lesen würde, würde ich sagen, dass ich möglicherweise Alkoholiker bin. Statt der Sklave von Alkohol und Nikotin zu sein, will ich die Kontrolle über mein Leben zurückhaben. Ich habe erst in der Klinik gemerkt, wie fertig ich war. Saufen ist Arbeit. Saufen ist ein Beruf.

Sie haben eine 17-jährige Tochter und einen zehnjährigen Sohn. Gehört zum Kleingedruckten auf der Geburtsurkunde eines Kindes, dass die Eltern das Recht auf Selbstzerstörung verwirkt haben?
Früher habe ich alles ausprobiert, was neu und verrückt war, von Bungee-Jumping in der Ukraine bis sonst was. Als ich Vater wurde, habe ich mir gesagt, jetzt musst du vernünftig werden. Ich habe dann aber noch mehr getrunken, weil ich ständig zu Hause war und mich langweilte. Ich war auch ein bisschen schwanger. Man geht nicht mehr zum Friseur, zieht bequeme Joggingsachen an, sitzt essend vorm Fernseher und wird dick.

Ihr Vater war ein depressiver Alkoholiker.
Er hat Fröhlich-Bier getrunken, sehr viel. Als Kind konnte ich nicht begreifen, dass jemand solche Mengen in sich reinkriegt. Wenn es richtig losging bei ihm, kam natürlich Schnaps dazu. Wenn meine Mutter ihm zum Regenerieren Tee gab, ging er in sein Versteck und schüttete Stroh-Rum rein, die Mischung war halbe-halbe. Die Heimlichtuerei war total bescheuert, denn man roch den Rum ja. Aber wenn meine Mutter irgendwas sagte, hat er sie geschlagen.

Hat Ihr Vater Sie auch geschlagen?
Ganz wenig. Es hätte mir aber weniger wehgetan, von ihm geschlagen zu werden, als mit anzusehen, wie er meine Mutter schlägt. Das war grauenhaft. Als ich körperlich stärker wurde, habe ich mir vorgenommen, du haust dem eine aufs Maul, wenn er noch mal deine Mutter schlägt. Ich bin aber jedes Mal in meinem Zimmer geblieben. Ich war wie gelähmt. Ich fand mich fucking beschissen, weil ich ihr nicht geholfen habe. Wenn er wegen der Trinkerei am nächsten Morgen fix und fertig war, musstest du schleichend durchs Haus gehen, um ihn ja nicht aufzuwecken. Auch beim Mittagessen hat keiner ein Wort gesagt, weil er immer noch schlief. Wenn meine Mutter ein blaues Auge hatte, herrschte fürchterliche Stimmung, niemand kriegte den Mund auf. Wir wussten, dass er sich total schämt.

Sie sind in Bubenreuth in Mittelfranken aufgewachsen. Wie haben Sie mit 15, 16 ausgesehen?
Ich hatte lange Haare und trug Malerlatzhosen mit einem Atomkraft?-Nein-danke-Sticker. Den Spiegel habe ich von vorne bis hinten gelesen. Das gehörte zum Aufbäumen gegen die Eltern. Da wir auf dem Land wohnten, musste mit vierzehneinhalb ein Moped her. Das war das beste Gefühl überhaupt, mit dem Moped rumzueiern. Die Schule war nichts für mich. Statt in den Unterricht zu gehen, habe ich den ganzen Tag Fußball gespielt.

Ihr Vater arbeitete im elterlichen Betrieb, in dem Stege für Gitarren und Geigen hergestellt wurden.
Wir lebten mit der Verwandtschaft unter einem Dach, zur Werkstatt lief man nur zehn Minuten. Für meinen Vater war das eine klaustrophobe Situation. Er fühlte sich unterdrückt und war zu sensibel, um sich gegenüber der Verwandtschaft zu behaupten.

Sie sind ein Einzelkind. Hat sich Ihr Vater für Sie interessiert?

Wenn ja, hat er es nicht gezeigt. Außer Luftgewehrschießen hat er auch nie etwas mit mir unternommen. Fußball habe ich immer zusammen mit meiner Mutter geschaut. Zu Hause lief ich immer geduckt rum, denn jeden Moment konnten die Dinge explodieren. Diese Atmosphäre hat mich zu einem extrem guten Beobachter gemacht. Ein Blick genügte, und ich wusste, was los war. Heute kommt mir das beim Fotografieren zugute. Ich wittere die Aura eines Menschen, deshalb mache ich ziemlich gute Porträtfotos.

Wie hat sich Ihre Familie Ihre Zukunft vorgestellt?

Meine Mutter meinte, Mensch, so eine Zahntechnikerlehre, das wäre doch was. Ich habe dann aber in einer Werkstatt in der Nachbarschaft eine Bogenmacherlehre angefangen. Damals fand ich das exotisch. Wer ist denn schon Bogenmacher? Nach einem Jahr musste ich die Lehre wegen einer Holzstauballergie abbrechen. In null komma nichts schwoll alles an, und ich kriegte keine Luft mehr. Die Allergie war hundertprozentig psychosomatisch. In der Werkstatt war alles so richtig old-school-mäßig: Befehl und Gehorsam, und Arbeitsbeginn sieben Uhr hieß, dass man um sieben schon voll bei der Arbeit sein musste.

Sie haben sich dann an der Bayerischen Staatslehranstalt für Photographie in München zum Fotografen umschulen lassen.
Als ich meinem Vater gesagt habe, ich werde Fotograf, hat er mir fast eine runtergehauen. Diese Wahl hat er nicht verstanden. Fotograf war für ihn Passbilder und Hochzeitsfotos. Man muss sagen, dass ich aus einer extrem unkultivierten Familie komme. Auf meine Ideen und auf meine visuelle Sprache bin ich durchs Fernsehen gekommen und durch den Wald, der neben unserem Haus begann.

Nach Ihrer Umschulung zogen Sie 1986 nach London.

Ich hatte den Kriegsdienst verweigert und die Einberufung zum Zivildienst bekommen. Mein Drive zu fotografieren war aber so stark, dass ich aus Deutschland weg bin.

Sie hatten keine Ersparnisse und sprachen kein Englisch.
Ich verkaufte meine Fotoausrüstung und behielt nur eine Kleinbildkamera. Mit der fotografierte ich Bands. Für ein Einzelseitenfoto in Magazinen wie ID bekam man 45 Pfund. Wenn ich kein Geld für Miete hatte, schlief ich in meinem alten Mercedes 200 Diesel.

Zwei Jahre nach Ihrem Umzug nach London brachte Ihr Vater sich um.
Ich war total schockiert, aber aus allen Wolken gefallen bin ich nicht. Er war zuvor in einem psychiatrischen Krankenhaus, aber da hat er es nicht lange ausgehalten. Beim ersten Versuch, sich umzubringen, wollte er sich erhängen, aber der Haken ist aus der Decke gekracht. Am Tag seines Todes hat er sich ins Auto gesetzt und ist die Schnellstraße entlanggefahren, die an der Stegmacherwerkstatt vorbeiführt. Die Straße ist kerzengerade. Er ist dann genau gegenüber der Werkstatt gegen einen Baum gefahren. Ich bin sicher, das war symbolisch gemeint.

Auf Ihrer Toilette hängt eine Arbeit der britischen Künstlerin Sarah Lucas. Das Foto zeigt eine verdreckte Kloschüssel. Auf der Innenseite der Schüssel steht in roter Farbe die Frage: »Is Suicide Genetic?« Zu Deutsch: Ist Selbsttötung erblich?
Ich denke, es gibt ein Gen dafür, dass du eine suchtanfällige Persönlichkeit hast, und dieses Gen kannst du erben. Aber was Selbstmord angeht, komme ich nicht nach meinem Vater. Er musste mit 14 im Betrieb der Eltern anfangen und hat sich unterdrücken lassen, ich bestimme mein Leben selbst und lebe so frei wie irgend möglich.

Auf einem Ihrer Fotos stehen Sie nackt auf dem Grab Ihres Vaters. Sie halten eine brennende Zigarette in der Hand und trinken Fröhlich-Bier aus der Flasche.

Das Foto war mein Versöhnungsangebot an meinen Vater. Ich wollte meinen Frieden mit ihm machen und ihm zeigen, dass ich auch meine Probleme mit Sucht habe. Meine Mutter fand das Bild unmöglich und sagte, veröffentliche das nicht, ich will nicht blöd angeschaut werden, wenn ich zum Metzger gehe. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, als das Foto in einem Buch von mir erschien, aber das Bild hat eine Tür aufgestoßen und uns einander näher gebracht. Seither können wir besser miteinander reden.

Wann hatten Sie das erste Mal das Gefühl, so etwas wie Erfolg zu haben?
1991 fragte mich das US-Magazin Details, ob ich eine amerikanische Nachwuchsband fünf Tage lang auf einer Deutschlandtournee begleiten will. Ich fragte bei Bekannten in London rum, ob jemand schon mal von der Gruppe gehört hätte, aber keiner wusste was. Ich nahm den Job trotzdem an, denn ich hatte mal wieder kein Geld, und außerdem konnte ich umsonst meine Mutter besuchen. Die Band reiste in einem Kleinbus durch Deutschland. Ich war so schüchtern und introvertiert, dass ich erst nach drei Tagen den Mut hatte, ein Foto zu machen. Am Ende hatte ich zehn Rollen fotografiert. Heute würde ich auf 200 bis 400 Rollen kommen. Die Band hieß Nirvana, und als meine Fotos gedruckt wurden, kam Smells Like Teen Spirit raus. Durch diesen Zufall hatte ich plötzlich einen Namen, aber eigentlich war mir das ziemlich egal. Wichtig war, dass es sich richtig angefühlt hatte, die Band zu fotografieren, denn die Konzerte waren fantastisch gewesen.

Anfang der Nullerjahre begannen Sie, sich selbst zu fotografieren. Warum?
Es macht müde, ständig mit komplizierten Egos und bombastischen Eitelkeiten umgehen zu müssen und Wünsche nach Wasser mit Kokosnussgeschmack zu hören. Celebritys bedeuten unheimlichen Stress, und der geht mir auf den Magen. In Interviews erzähle ich immer, ich hätte einen easy Job und alles sei totaler Fun. Die Wahrheit ist, es ist fucking anstrengend. Wie fotografiert man eine neue Handtasche, wenn man wie ich seit 25 Jahren Handtaschen fotografiert? Ich leide, wenn ich solche Probleme lösen muss, und wache morgens um vier mit Panik auf, weil ich mir viel zu viel Druck mache. Ich kann keinen Job einfach so runterrotzen und mit dem Scheck nach Hause gehen. Deshalb habe ich mir gesagt, du fängst jetzt mal an, dich selber zu fotografieren, da kann dir niemand reinreden. Ich wollte auch mal wissen, wie es sich körperlich anfühlt, von mir fotografiert zu werden.
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Sven Michaelsen

erfuhr beim Treffen in London, dass Tellers Nacktfoto von Vivienne Westwood auch als Teppich zu haben ist. Teller erzählte, er wolle mit dem Gratis-Exemplar, das ihm der Hersteller versprochen hat, das Ferienhaus seiner Frau auf der griechischen Insel Hydra verschönern.

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