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aus Heft 27/2015 Gesellschaft/Leben

Teile und herrsche

Seite 2: Wir teilen und schenken so viel wie nie zuvor, das lässt sich statistisch belegen, aber halt meistens Dinge, die wir nicht mehr brauchen, gerade nicht benötigen oder um im Gegenzug etwas anderes geschenkt zu bekommen.

Von Tobias Haberl  Fotos: Fritz Beck
Auch die globalen Konzerne wollen an der neuen »Sharing«-Ökonomie mitverdienen: Goldman Sachs und Google haben mehr als eine Milliarde Dollar in den kalifornischen Taxi-Konkurrenten Uber investiert.
Ein Teenager bekommt 3417 SMS im Monat, das sind sieben pro Stunde. Was vor wenigen Jahren als Zwangsneurose therapiert worden wäre, ist Normalität geworden. »Handys«, sagt der amerikanische Psychologieprofessor Daniel Willingham, »stillen unseren Appetit auf Endlosunterhaltung.« Eine menschliche Beziehung ist das Gegenteil von Endlosunterhaltung. Dadurch, dass wir wegklicken, ignorieren und jederzeit entscheiden können, welcher sozialen Situation wir uns aussetzen und welcher nicht, gehen wir einer echten Auseinandersetzung aus dem Weg. »Das Internet verbindet die Menschen nicht«, schimpft der britische Netz-Kritiker Andrew Keen, »es ist zum Resonanzraum Vereinzelter geworden.«

Wir sind miteinander verbunden, damit wir uns spiegeln und das Echo auf das, was wir sagen, denken, schreiben, darstellen, noch besser hören können. Dazu verbinden wir uns mit Leuten, denen wir gefallen wollen und von denen wir uns einen Vorteil erhoffen, fast niemand verbindet sich mit Flüchtlingen oder Hartz-IV-Empfängern. Schon möglich, dass wir einem hübsch gemachten Lichterkettenaufruf ein spontanes Like gewähren, aber haben wir einen Syrer im Freundeskreis? Eine Frau mit Kopftuch? Einen Schwarzafrikaner?

Neulich haben mich meine Eltern, die auf dem Land leben, in München besucht. Als wir von einem Spaziergang durchs Glocken-bachviertel zurückkamen, stand auf dem Gehweg vor meiner Haustür eine Kiste mit einem alten Radio, daneben ein Stoffsessel und ein Schild: »Zu verschenken!« »Du hast aber nette Nachbarn«, meinten sie. Was soll ich sagen? Sie sind eben gutgläubig. Das Radio war alt, die Antenne abgebrochen, der Sessel zerrissen und eklig. Meine Nachbarn sind wirklich ziemlich nett, aber halt auch zu faul, zum Wertstoffhof zu fahren. Teilen kann eine schöne Sache sein – wenn es uneigennützig geschieht. Ein wahrer Experte des Teilens lebte im vierten Jahrhundert nach Christus: Martin von Tours, besser bekannt als Sankt Martin. Er schnitt seinen Offiziersmantel in der Mitte auseinander, um eine Hälfte einem halbnackten Bettler zu schenken. Nur noch mal zum Verständnis: Er hat seinen Mantel, obwohl er ihn bei der Kälte gut selbst hätte gebrauchen können, auseinandergerissen, also kaputt gemacht, anschließend hatte er nur noch die Hälfte. Was er nicht hatte, sind Likes, Follower, positive Bewertungen oder mehr Geld auf dem Konto.

Wir teilen und schenken so viel wie nie zuvor, das lässt sich statistisch belegen, aber halt meistens Dinge, die wir nicht mehr brauchen, gerade nicht benötigen oder um im Gegenzug etwas anderes geschenkt zu bekommen. Das ist nicht verkehrt und schon gar nicht verboten, aber was uns wirklich wichtig ist und wovon wir immer weniger haben, das verschenken wir eben nicht, nämlich Zeit. Dabei wäre das der viel bessere Gradmesser für unsere Selbstlosigkeit und Solidarität. Stattdessen hocken wir auf unserer Zeit wie auf einem Schatz, jederzeit bereit, die Zähne zu fletschen und unangenehm zu werden, sollte jemand vorbeikommen, der uns ein halbes Stündchen davon wegnehmen möchte. Lieber rein mit dem 20-Euro-Schein ins Misereor-Tütchen und rüber mit den alten Ski-Anoraks ins Flüchtlingsheim als persönlich in einem vorbeischauen und reden und staunen, erschrecken oder kennenlernen. Wir teilen, um uns unsere Mitmenschen vom Leib und unser Gewissen rein zu halten. Und unsere Toleranz, die wir dieser Tage so stolz herzeigen, ist oft nur getarnte Gleichgültigkeit.

Gerade ergab eine Umfrage, dass nur noch sieben Prozent der befragten Deutschen regelmäßig Freunde einladen oder von ihnen eingeladen werden. Vor zwanzig Jahren waren es noch vier Mal so viele. Ein Kaffee aus dem Nichts, ohne Termin, ohne vorherige Anmeldung, das gibt es fast nicht mehr. Stattdessen: Stress, keine Zeit, vielleicht nächste Woche, schmaler werdende Zeitfenster. So was Abenteuerliches wie ein Feierabendbier klappt oft erst im dritten Anlauf und nachdem zwanzig SMS mit Planänderungen hin- und hergeschickt worden sind. Als Kind hat man früher keine Nachricht an die WhatsApp-Gruppe verschickt, man hat das Rad genommen, ist zu einem Kumpel gefahren, hat geklingelt und wenn der erste keine Zeit hatte, ist man zum zweiten, irgendwann hatte man seinen Kameraden, mit dem man den Nachmittag totschlagen konnte. Heute wäre das unmöglich, weil alle Kinder irgendwo sind, wo sie auf den Druck vorbereitet werden, der ihnen demnächst ins Haus steht, und stündlich eine SMS an die Eltern schreiben, dass alles in Ordnung ist, wenn sie nicht sowieso durch eine Tracking-App überwacht werden.

»Die neue Kultur des Teilens braucht eine neue Währung, und die heißt Vertrauen«, schreibt die Oxford-Dozentin Rachel Botsman in ihrem Buch What’s mine is yours. Klingt hübsch, stimmt aber nicht. Durch die Art und Weise, wie wir heute teilen, nämlich kontrolliert, kommerzialisiert, lizensiert und juristisch abgesichert, wird Vertrauen ganz einfach überflüssig. »Die Share Economy ist der ökologische Gegenentwurf zum Turbokapitalismus«, sagt der Soziologe Harald Welzer, »die Kommerzialisierung dessen, was einmal ungeregelte soziale Praxis war. Da ist zu einem riesigen Markt verkommen, was früher als privater Tausch stattfand.« Gleichzeitig verändert uns die Option, jede noch so windige Abstellkammer an einen australischen Oktoberfestbesucher zu verhökern, ja im Grunde jeden Tag und jede Stunde unser mittelmäßiges Gehalt aufbessern zu können, wenn wir nur gewieft genug sind. Wenn jeder ein potenzieller Anbieter und jeder ein potenzieller Kunde ist, entsteht – so nennt das Sascha Lobo – »ein Plattform-Kapitalismus«. Am Ende sind wir zu berechnenden Wirtschaftssubjekten geworden, beständig auf der Suche nach Gewinnmaximierung, genau wie die Investmentbanker, die wir so gierig finden.

Wir sind nicht nur Journalisten oder Briefträger oder Architekten, sondern auch Hoteliers, Chauffeure und Möbelverkäufer. Am Ende ist das letzte Eckchen Privatheit, die letzte persönliche Nische, das letzte freie Stündchen marktförmig gemacht. In einem System, das auf Steigerung angelegt ist, wird alles zur Ware: Kunst, Liebe, Freundschaft, Gesundheit, Parkplätze, und jetzt ist eben die Mitmenschlichkeit an der Reihe, bezahlt wird mit Gebühren, persönlichen Daten und dem Verdacht, dass sich unsere Welt immer weiter von den Fundamenten der menschlichen Zivilisation entfernt. Airbnb, diese charmante Plattform zur Vermietung hübscher Gästezimmer, wurde im Jahr 2008 gegründet, heute ist sie 13 Milliarden Dollar wert. Im Moment probiert das Unternehmen übrigens ein paar Neuerungen aus. In den USA wird getestet, den Gastgebern Service-Pakete zur Verfügung zu stellen, Handtücher und Tassen mit Airbnb-Logo, das von den Vermietern individuell gestaltet werden kann. »Ein Standardprodukt«, erklärt der Marketingchef des Unternehmens, »aber mit einer persönlichen Note. Wir wollen kein Massenprodukt sein, sondern die Individualität der Wohnungen, der Gastgeber und der Gäste feiern.« Das englische Wörtchen share hat in der deutschen Übersetzung eben zwei Bedeutungen. Erstens: Teilen. Und zweitens: Aktie.
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Tobias Haberl

Tobias Haberl teilt seine Wohnung alle paar Wochen mit seinem SZ-Magazin-Kollegen Christoph Cadenbach, der in Berlin lebt. Haberl nimmt dafür kein Geld - lässt sich aber jeden Morgen Kaffee kochen.

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