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aus Heft 30/2015 Kino/Film/Theater

Mutterseelenallein

von Nataly Bleuel  Illustration: Zohar Lazar

Erschreckend viele Kinderfilme haben eine Gemeinsamkeit: Die Mütter müssen sterben. Warum nur?

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Eine Mutter kenne ich, die wollte ihr Kind Bambi nicht sehen lassen. Weil sie selbst als Mädchen im Kino so gelitten hatte, immerhin stirbt da Bambis Mutter. Meine Söhne ließ der Tod der Mutter relativ kalt. Viel schlimmer fanden sie die Langsamkeit des Films. Der erste Kameraschwenk durch den Wald – man sieht, in all ihrer Herrlichkeit, Bäume, Gräser und Blümelein – dauert eine Minute und zehn Sekunden. Bis zum ersten Mal was passiert, die Tiere wachen auf, dauert es noch mal eine Minute. Da waren wir schon fast eingeschlafen. So ändern sich die Zeiten.

Aber manches bleibt gleich. Das Schicksal der Mütter zum Beispiel. Das dämmerte mir, als ich mit meinen Kindern den 3-D-Animationsfilm Ich – Einfach unverbesserlich sah. Erst fühlte ich mich ein bisschen wie der Schauspieler Christoph Waltz. Der sagt, 3-D diene nur dazu, »dem Zuschauer Dinge entgegenzuschmeißen«. Das stimmt, tausend Tricks flogen mir entgegen, aber nichts zog mich in den Film hinein. Nach einer Minute und zehn Sekunden wäre ich gern wieder rausgegangen. Doch dann merkte ich: Es ging da ebenfalls um Waisenkinder. Und eine tote Mutter. Das machte mich stutzig. Und mir wurde klar: Wir Mütter müssen in Kinderfilmen alle sterben!

Ob Bambis oder Nemos Mutter, Lilos Mutter in Lilo & Stitch oder Kodas Mutter in Bärenbrüder, Pos Mutter in Kung Fu Panda 2 oder die Mutter der Kleinen Meerjungfrau Arielle – für keine dieser Mamis gibt es ein Happyend. Simbas Mutter geht im Laufe des Königs der Löwen stillschweigend hops. In Ice Age wird eine Mama von einem Säbelzahntiger über eine Klippe gejagt.

Ich bin, wie mir scheint, eine der wenigen, der der Massenexitus auffiel. Aber immerhin nicht die Erste. Die Amerikanerin Sarah Boxer hat sich mit ihrem Sohn alle möglichen Trickfilme angeschaut, die in den vergangenen Jahrzehnten in Hollywood produziert wurden, und bei ihrer Zusammenfassung wird einem ganz schummrig. Himmel und Huhn, Cap und Capper, Pocahontas: tote Mütter. Die Schöne und das Biest, Ein Königreich für ein Lama, Basil, der große Mäusedetektiv: tote Mütter. Ratatouille, Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen, Die Abenteuer von Mr. Peabody & Sherman: tote Mütter.

Sarah Boxer animiert selbst Filme und schätzt das Genre sehr. Weil es ja eigentlich eine Kunstform sei, die es ermöglichen würde, sich eine Welt zu erschaffen, so schön, frei und anders, wie man sich nur vorstellen kann. »Mit Animation kann man die Gesetze der Physik, der Gesellschaft, der Biologie und der Familie aushebeln«, schreibt Boxer in der US-Zeitschrift The Atlantic. Was aber passiert stattdessen im real existierenden Kinder-Animationsfilm?

Was ganz Ähnliches wie im Erwachsenenfilm: Auch dort spielen Frauen sehr oft eine untergeordnete Rolle. Sie werden über den Mann definiert. Oder ganz geopfert. Für den Erwachsenenfilm hat die US-Zeichnerin Alison Bechdel Mitte der Achtzigerjahre in einem ihrer Comics einen Test ersonnen, leicht augenzwinkernd. Seither kann ein Film als zumindest potenziell frauenfreundlich gelten, wenn er Bechdels drei Kriterien erfüllt: Er muss mindestens zwei weibliche Charaktere mit Namen haben; die Frauen müssen miteinander sprechen; und zwar über etwas anderes als einen Mann. Gerade mal die Hälfte der modernen Hollywoodfilme besteht den Bechdel-Test. Das heißt noch lange nicht, dass alle diese Filme starke weibliche Charaktere zeigen würden. Beispielsweise reicht es, sich über Nagellack zu unterhalten – und schon ist ein Macker-Film wie American Hustle plötzlich auf der Liste frauenfreundlicher Filme. Trotzdem liefert der Bechdel-Test schon mal ein hilfreiches Raster.

Filmen, die beim Bechdel-Test durchfallen, das hat mal jemand nachgerechnet, steht in den USA im Schnitt ein Budget von 57 Millionen Dollar zur Verfügung – Filme, die den Test schaffen, müssen mit halb so viel auskommen. Und das, obwohl so gut wie überall auf der Welt etwas mehr Frauen als Männer ins Kino gehen. Allerdings sind die Schlüsselpositionen der US-amerikanischen Kinoproduktionen nur zu etwa 16 Prozent von Frauen besetzt. In Deutschland ist das ähnlich. Deswegen sind manche Frauen im Filmgeschäft auch hier jetzt pro Quote.

Für Kinderfilme schlägt Sarah Boxer nun einen eigenen Test vor: »Zeig mir einen animierten Kinderfilm mit einer Mutter mit Namen, die bis zum Abspann lebt!« Und? Nach einer Antwort hat Boxer selbst lange gesucht: Brave, Coraline, Die Unglaublichen kommen ohne tote Mütter aus. Und natürlich gibt es auch Filme, in denen Mütter überhaupt keine Rolle spielen – etwa Planes, Cars oder Turbo.

Ich denke, auch früher, als die Geschichten noch viel langsamer liefen, war es doch schon so: Schneewittchen, Hänsel und Gretel, die Goldmarie – alles mutterlose Kinder. Der frappierende Unterschied ist, wie Boxer anmerkt, dass die gute tote Mutter heute nicht mehr durch die böse Stiefmutter ersetzt wird. Seit es Disney, Pixar und DreamWorks gibt, tritt an ihre Stelle: der bessere Vater. So läuft es überall, das hat System. In Ich – Einfach unverbesserlich entwickelt sich sogar der Schurke im Fortgang des Films zum Superpapa, zur idealen Bezugsperson für Kinder.

Ist den überwiegend männlichen Autoren nicht klar, dass es in der echten Welt immer noch die Mütter sind, die sich in erster Linie um die Kinder kümmern? Fällt den Autoren einfach nichts zu Frauen ein? Oder sind sie nur fies? »Misogyn«, also frauenfeindlich, wie Sarah Boxer schreibt?

Ich habe mal meine Söhne gefragt. Immerhin sind sie, mit zehn und zwölf Jahren, die Zielgruppe. Ob ihnen aufgefallen sei, dass viele Trickfilme etwas gemein haben? »Ja, da sind keine Menschen, die Figuren werden verfolgt, und das Ende ist gut.«

Ob sie bemerkt hätten, dass Nemo, Lilo, Simba, Po … keine Mama haben? »Aber ist doch klar«, sagte das Hollywood-geschulte Kind, »weil die tote Mutter das Traurigste ist, was man sich vorstellen kann – und dann muss in der Geschichte was passieren, am besten was Gutes!« Für die Dramaturgie ist die tote Mutter das ultimative handlungstreibende Movens. Sie bewegt. Sie zieht. Damit lässt sich Kasse machen. Also macht man immer wieder das Gleiche.

Und dann fehlen, dozierte ich vor meinen Kindern, in den entscheidenden Positionen im Filmbusiness die Fantasie, der Mut, das Einfühlungsvermögen und die Erfahrung: die Geschichte einer coolen Frau und Mutter zu erzählen, die bis zum Ende durchhält.

Da fuchtelte mein Kleiner plötzlich strebermäßig mit dem Finger (ich hatte Eis versprochen, wenn sie mit mir die symbolische Ordnung im Kinderfilm dekonstruierten) und sagte: »Vielleicht sterben die Mütter, damit sich auch mal die Väter kümmern?« Ich streichelte ihm über den Kopf, guter Sohn. Dann rief er: »Ich mag ja Percy Jackson so gern – da steht die Mama wieder von den Toten auf.« Ich denke, er hätte das sogar ohne Eis gesagt.
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Nataly Bleuel

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