Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München
Anzeige
Anzeige

aus Heft 33/2015 Außenpolitik

»Der perfekte Aktivist weiß, wann er ein Clown sein muss«

Interview: Lars Reichardt 

Srdja Popovic hat vor Jahren geholfen, den serbischen Präsidenten zu stürzen. Heute bringt er Aktivisten in aller Welt bei, wie man Diktatoren los wird.



Anzeige
SZ-Magazin: Sie haben in Belgrad eine Organisation gegründet, die in den vergangenen zwölf Jahren Aktivisten in mehr als vierzig Ländern beraten hat. Ist Revolution heute eine Frage der PR?

Srdja Popovic: Nein. PR ist wichtig, aber ohne Inhalt wertlos. Ein Werkzeug, um eine Vision zu verkaufen. Aber man kann mit noch so guter PR nicht alles verkaufen. Niemand kann auf Dauer lügen.

Was verkaufen Sie? Demokratie, Umweltschutz, Menschenrechte?
Ich selbst verkaufe gar nichts, ich berate Menschen, die für eine soziale Vision eine Mehrheit in der Gesellschaft suchen. Ich verteile die Werkzeuge des zivilen Ungehorsams, damit Menschen sich gegen Ungerechtigkeit effizient zur Wehr setzen können. Letztlich befördere ich damit natürlich Demokratie und ihre Werte überall auf der Welt. Aber Aktivismus fängt vor der Haustür an, etwa wenn sich in Belgrad die Nachbarn zusammentun, um etwas gegen die Rattenplage zu unternehmen. Schon dafür muss man wissen, wie man Leute hinter einer Vision sammelt und gegen untätige Vermieter in Aktion tritt.

Sie meinen, es gibt gar keinen großen Unterschied, ob man eine Bewegung gegen Vermieter oder gegen Diktatoren gründet?
Vom Prinzip her nicht.

In der Regel sind Ihre Gegner Diktatoren. Hat schon eine Regierung versucht, Ihre Arbeit zu behindern?

Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Ländern, die uns die Einreise verweigern, und einige Regierungen betreiben auch regelrechte Propaganda gegen uns.

Wer denn?
Russland behauptet, wir wären böse Serben, die von der CIA finanziert würden, um amerikanische Interessen durchzusetzen. In Venezuela machte der damalige Präsident Hugo Chavez im Fernsehen Stimmung gegen uns. Ich würde es auf keinen Versuch mehr ankommen lassen, dort einzureisen.

In Venezuela haben Sie einige Studentengruppen beraten. Aber in Russland haben Sie doch bisher nie gearbeitet?
Stimmt. Aber das russische Verteidigungsministerium und der Geheimdienst FSB sind paranoid. Sie machen in sozialen Medien Propaganda und rufen die Jugend dazu auf, sich in Kursen gegen serbische Verführer zu immunisieren. Für den Fall, dass wir wirklich kommen.

Wie groß ist Ihre Organisation?
In Belgrad sind wir sechs Leute plus Praktikanten, und wir haben zwölf Trainer in Serbien, Georgien, Südafrika und auf den Philippinen, die auf der ganzen Welt unsere Workshops für Aktivisten durchführen. Unsere Fixkosten werden von etwa 15 privaten Sponsoren getragen, für die Workshops und Reisekosten suchen wir jeweils projektbezogene Spenden von Nichtregierungsorganisationen und Stiftungen.

Schon mal ausgewiesen worden?
Offiziell nie. Man wies uns im Libanon während der Zedernrevolution 2005 die Tür. Ein Mitarbeiter wurde aus den Malediven ausgewiesen – er wurde nicht offiziell verhaftet, aber die Polizei setzte ihn in den Flieger. Schlimmer ist allerdings, wenn die Leute bestraft werden, die unsere Hilfe angefragt haben, das passierte 2009 im Iran. Der sensibelste Zeitpunkt ist die Zeit nach einem Treffen. In Syrien wurden einige Aktivisten nach einem Workshop bei uns gleich bei der Einreise am Flughafen verhaftet. So etwas darf nicht wieder passieren. Auch deswegen gehen wir jetzt online und entwerfen in Zusammenarbeit mit der Harvard-Universität einen kompletten Online-Kurs über das, was wir vermitteln wollen. Unsere Bücher kann man sich ja längst von unserer Homepage gratis in mehreren Sprachen herunterladen.

Haben Sie je die Zusammenarbeit mit jemandem abgelehnt?
Ja, eine Gruppe im Libanon hatte zu engen Kontakt zur Hisbollah und eine gewaltsame Vergangenheit. Wir fordern unbedingte Gewaltfreiheit, wir dulden nicht einmal Gewalt gegen fremdes Eigentum. Und das nicht unbedingt aus moralischen Gründen, sondern weil gewaltfreie Bewegungen statistisch betrachtet mit 53 Prozent viel höhere Erfolgsaussichten haben als gewaltsame Kampagnen, da sind nur 26 Prozent erfolgreich.

Wie entscheiden Sie, wem Sie helfen?
Wir holen Hintergrundinformationen ein. Das Spektrum sozialer Bewegungen ist in der Regel überschaubar, und Aktivisten kennen sich untereinander. Die einzige rote Linie für uns ist ein gewaltsamer Hintergrund. Ansonsten würde ich mit jedem sprechen. Denn egal ob Bewegungen links oder konservativ sind, alle brauchen eine Vision, mit der sie die Mitte erreichen, um überhaupt etwas verändern zu können. Wenn sich eine radikale Gruppe mittel-fristig nicht auf die Mitte der Gesellschaft zubewegt, wird sie keinen Erfolg haben.

Was trainieren Sie in den Workshops? Rollenspiele mit Polizist und Demonstrant?
Nein, nein. Unsere Workshops dauern in der Regel fünf Tage, jeweils mit verschiedenen Fragen als Schwerpunkt: Was könnte als Vision dienen? Wie eint man die Opposition? Wie bringt man die Säulen der Macht ins Wanken? Wo ist der politische Gegner am schwächsten? Welche Strategien sind geeignet für den gewaltfreien Widerstand? Am dritten Tag etwa überlegen wir, wie man Protest in eine geordnete Bewegung verwandelt, und lassen dafür die Leute beispielsweise eine Geburtstagsparty organisieren. Für eine gelungene Party muss man fünfzig Punkte bis hin zum Abwasch und der Müllentsorgung erledigen – genau wie bei einer Demonstration. Und selbst wenn die Aufgabenliste abgearbeitet ist, kann eine Demonstration oder Party noch ins Wasser fallen, weil das Wetter nicht mitspielt.

Niemand hat Angst, auf eine Party zu gehen. Bei einer Demonstration kann viel passieren.
Ja, wenn 30 000 Leute friedlich zusammenkommen und nur drei einen Stein werfen, berichten die Zeitungen allein über die Steinewerfer, und die Veranstaltung wird zum Misserfolg. Und je höher das Risiko, desto weniger Demonstranten. Deshalb gilt es genau zu überlegen, welche Taktiken die Leute aus der Mitte mittragen, welche nicht. Wie hoch ist das jeweilige Risiko? Ein Restrisiko bleibt immer. Und eine soziale Bewegung hat nur eine Chance, wenn ihre Identität stärker als die Angst ist. Aber man kann der Angst begegnen, man kann die Menschen vorbereiten.

Wie nehmen Sie Aktivisten in einer Diktatur die Angst?
Was ist Angst? Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, warum wir Angst haben und in die Hose pinkeln?

Aus Furcht vor der Ungewissheit?
Ich meine die körperlichen Begleiterscheinungen: Das Herz schlägt schneller, manch-mal scheißt man sogar in die Hose. Das Blut geht in den Kopf und ins Herz, Wunden bluten weniger. Angst ist sehr natürlich, jeder hat Angst. Mutter Natur präpariert uns durch Angst zur Flucht oder zum Kampf. Aber man kann den mentalen und physiologischen Effekten begegnen und Leute für Situationen präparieren, in der sie Angst und Terror ausgesetzt werden.

Wie geht das denn?
Ich war als Aktivist im Kampf gegen die Diktatur von Slobodan Milosevic beteiligt. Unser Plan B in Serbien war eine Kurzwahl auf dem Handy. Damit schickte ein Aktivist, dem die Verhaftung drohte, zwanzig SMS gleichzeitig los, die Eltern, Freunde und einen Anwalt benachrichtigten. Der Anwalt fuhr dann sofort aufs Revier, und dort machten Zuschauer Krach, sodass der Verhaftete sie drinnen hören konnte. Jeder Aktivist wusste, dass in der Regel erst rechte Schläger kommen, bevor man von Polizeibeamten festgenommen wird. Jeder von uns wusste, dass er von zwei Beamten verhört wird, der eine bietet Kaffee an, der andere schlägt den Verhafteten, sobald der erste den Raum verlässt. Jeder kannte die Liste von Fragen, die ihm gestellt werden, und wusste die Antworten, die er geben sollte. Wenn jemand tatsächlich verhaftet wurde, war er vorbereitet.

Hat die Theorie funktioniert, als Sie selbst verhaftet wurden? Hatten Sie wirklich keine Angst mehr?

Doch, aber ich verhielt mich trotzdem frech, schmiss mein Handy weg, machte Krach. Vier Leute schlugen mich eine halbe Stunde lang, brachen mir zwei Rippen, das war nicht schlimm, aber unangenehm genug, und dann steckten sie mir eine Waffe in den Mund. Ich sagte ihnen: Ihr erschießt mich nicht mit eurer Dienstwaffe auf der Wache am helllichten Tag. Wenn ihr mit mir reden wollt, nehmt die Waffe weg. An diesem 15. Dezember 1998 hatte ich jede Menge Angst, aber ich zeigte sie nicht, und deswegen hörten sie auf. Wäre mir das Gleiche im Wald passiert, hätte ich wahrscheinlich nicht so kühl reagieren können.

Es gibt doch sicherlich Situationen, auf die man sich als Aktivist nicht vorbereiten kann.
Man kann Menschen auch emotional auf Angst vorbereiten: einige durch Gebet, andere durch Gesang oder Gesellschaft oder einen guten Scherz. Vor einer Operation will man auch nicht genau wissen, wann das Herz stehen bleibt, damit der Bypass eingesetzt werden kann, man bekommt lieber einen Klaps auf den Rücken und einen blöden Spruch zu hören.

Anzeige

Seite 1 2
Lars Reichardt

Lars Reichardt ging zuletzt als Teenager gegen Atomkraft auf die Straße. Dafür demonstriert seine große Tochter umso fleißiger für eine bessere Welt.

  • Außenpolitik

    Wie es sich unter Putin lebt

    Wer Russland verstehen will, kann im Städtchen Rosljakowo, wo einst die mächtige Nordmeerflotte stationiert war, viele Antworten finden. 100 Jahre nach der Oktoberrevolution: Ein Besuch bei Menschen, die sich gegen die Freiheit entscheiden.

  • Anzeige
    Außenpolitik

    Saubere Leistung

    Aleppo steht sinnbildlich für den Schrecken des Syrien-Kriegs, doch die berühmte Seife wird dort weiter hergestellt. SZ-Magazin Autorin Xifan Yang hatte über Monate Kontakt mit einem der letzten verbliebenen Händler.

    Von Xifan Yang
  • Außenpolitik

    Die Easy Rider des Irak

    Bei den Babylon Angels, dem einzigen Motorradclub im Irak, kommen verfeindete Volksgruppen wie Sunniten, Schiiten und Kurden gut miteinander aus. Denn alle vereint ein gemeinsamer Traum.

    Von Oliver Beckhoff