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Deutschland 18. August 2015

»Die Vorurteile gehen über Bord«

Der Sommer geht zu Ende, und mitten unter uns leben jetzt Flüchtlinge. Wir haben die bewegendsten Begegnungen unserer Leser mit jenen Menschen gesammelt, die #neuindeutschland sind.

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Unterricht

24 und 57: So alt sind Halil und seine Mutter Fatima. Sie kommen aus Syrien, jetzt gebe ich ihnen ehrenamtlich Deutschunterricht. Er war Student, sollte gegen seinen Willen als Soldat in den Krieg ziehen. Da blieb nur die Flucht. Seine Mutter begleitete ihn: Über die Türkei, mit einem Boot nach Griechenland, von dort zu Fuß über den Balkan. Und das mit 57! Trotz der Strapazen lacht Fatima viel. Sie ist gläubige Muslimin, trägt Kopftuch. Mir gegenüber ist sie immer gut gelaunt, redet viel, gibt sich Mühe mit der deutschen Aussprache. "Während ich mit den beiden Vokabeln pauke, überschütten sie mich nicht nur mit Fragen, sondern auch mit Essen und Getränken." Bringen mir sogar etwas Arabisch bei. So sitzen wir Woche für Woche in dem 8m²-Zimmer, dass sich Halil und Fatima zu zweit teilen. Daneben ein Badezimmer – für insgesamt 13 Personen. Doch mehr Privatsphäre ist für sie im Augenblick nicht das wichtigste. Auf meine Frage, was sie am meisten vermisst, antwortet mir Fatima: „Meine anderen Kinder. Und einen Aerobic-Kurs!“
Marc Guschal, Ortenaukreis


Neue Nachbarn
In das Haus neben uns sind sechs muslimische Flüchtlingsmädchen eingezogen. Das Haus gehörte einem katholischen Pfarrer, der dieses, nach seinem Tod, der Flüchtlingshilfe vermacht hat. Wir leben lange Tür an Tür, mehr als Hallo und ein Lächeln teilen wir nicht - bis ich mein Baby bekomme, und im Briefkasten eine bemalte Karte und ein selbstgemachtes, handgeknüpftes Babyspielzeug liegen...
Anna Burchard, Prien


Platzverweis
Mit dem Zug war ich auf dem Weg von München nach Berlin, es war der Tag des Champions League Finales. Ich saß in der 1. Klasse, leisten konnte ich mir das eigentlich nicht, habe als Bahncard-Kunde aber ein Upgrade erhalten, wegen der vielen Streiks und Verspätungen der Wochen zuvor. Der Waggon war geteilt, hinter einer gläsernen Schiebetür saß in der 2. Klasse eine Gruppe junger Männer. Ich schaute auf dem Laptop die Übertragung Fußballspiels, und sank mit einer Tüte Nüsse zufrieden in den Ledersessel. Die Jungs nebenan bemerkten, dass ich das Spiel verfolgte. Einer fasste Mut, kam auf mich zu und fragte in gebrochenem Englisch nach dem Spielstand. Ich bot ihm an, mitzuschauen, in Sekunden saßen die anderen strahlend um ihn herum. Schnell wurde mir klar: Diese Gruppe fuhr nicht einfach so in die Hauptstadt. Es war die vorerst letzte Etappe ihrer Flucht – aus Somalia, Syrien, Libyen und Usbekistan. Ein Behördenpapier, einsprachig auf Deutsch in einem Schriftbild, das sie nicht lesen konnten, wies das Ziel ihrer Reise aus: Berlin, Turmstraße 21. Wir verständigten uns mit Händen und Füßen, mit Zeichnungen und dem Google-Translator. Sie erklärten mir, woher sie kommen, erzählten von den Torturen ihrer Flucht, das Haus in Homs ist auf Google Maps noch unversehrt. Unser Englisch war mindestens so halsbrecherisch wie die Spielzüge des spanischen Mittelfelds. Als die Schaffnerin kam, schwiegen wir alle. Vielleicht war es die Uniform, vielleicht der Gesichtsausdruck der Dame. Wortgewandt ging ich in die Offensive, denn natürlich hätten die Jungs mit ihren Fahrkarten nicht in der 1. Klasse sitzen dürfen. Aber die Tickets waren gar nicht das Problem. Fahrgäste hätten sich beschwert. Mein Blick schweifte durch das Abteil - wir waren nicht sonderlich laut und der gesamte Bereich der 1. Klasse war leer. »Nein, Fahrgäste der 2. Klasse haben sich beschwert.« Zuerst verstand ich nicht, dann war ich für einige Sekunden sprachlos. Ich packte den Laptop und meine Sachen und wir zogen um. Ich habe ihnen nicht erklärt, warum.
Julian Oppmann, Düsseldorf


Finderlohn
Vor kurzem sind in Schrobenhausen nun auch Flüchtlinge eingezogen. Anfangs in der Stadthalle, gegenüber vom Busbahnhof und einem Spielplatz, auf den ich gern mit meiner Tochter gehe. Eines Nachmittags spielen wir wieder einmal dort, planschen am vorbeilaufendem Wasser, machen Fotos mit dem neuen Smartphone und fahren heim. Erst am Abend merke ich: Mein Smartphone ist nicht da! Liegen gelassen am Spielplatz. Das ist bestimmt schon weg, bei den ganzen Jugendlichen und – ja leider der Gedanke: Flüchtlingen in der Gegend. Kurz entschlossen rufe ich meine Nummer an und prompt geht eine junge Frau ans Telefon: Ja, das Telefon wurde gefunden, von den Flüchtlingen! In der Stadthalle könne ich es abholen. Ich kann mein Glück kaum fassen und springe ins Auto. Leicht nervös betrete ich die Stadthalle. Da sind sie, die Flüchtlinge, die schon so lange und weit weg in den Medien vorkamen. Direkt vor mir. Eine junge Schrobenhausenerin von der Bürgerhilfe winkt mir mit meinem Handy und stellt mir ein hübsches, schüchternes Mädchen vor, die das Telefon gefunden hatte. 13 Jahre alt und aus Afghanistan. So wie die anderen acht bis zehn Personen am Tisch. Ich bedanke mich und händige ihr einen Schein als Finderlohn aus. Sie winkt ab und weicht zurück, schüttelt den Kopf, ängstlich. Erst ein Übersetzer versichert ihr, dass das in Deutschland als Finderlohn gilt, absolut in Ordnung ist und sie es doch annehmen soll. Auf der Heimfahrt merke ich, wie groß meine Vorurteile waren. Angst vor den Flüchtlingen habe ich jetzt jedenfalls keine mehr.
Julia Munkert, Aresing
Traiskirchen
Samstagmorgen, ich surfe durchs Internet und bleibe bei Meldungen über Traiskirchen hängen.  4000 Menschen in einem Lager, das für 480 Personen gedacht war. Mangel an praktisch allem. Menschen fangen an, private Hilfsaktionen durchzuführen. Geschichten, die man nur aus Drittweltländern kennt, jetzt also direkt vor unserer Haustür. Eine Meldung fällt mir besonders auf: Hilfsorganisationen nähmen keine kleinen Zelte als Spende an, weil die Zelte nicht aufs Gelände gebracht werden dürften – man argumentiere damit, dass die Zelte als Waffe benutzt werden könnten. Das finde ich so unglaublich, so abstrus, dass der Teil meines Gehirns, der für zivilen Ungehorsam zuständig ist, das Kommando übernimmt. Ein Stunde später ist mein Zelt am Motorrad festgeschnallt, und ich bin auf dem Weg nach Traiskirchen. Als ich dort auf die sogenannte Erstaufnahmestelle Ost stoße, bin ich erst mal überrascht. Auf der Straße und hinter dem Zaun sind viel weniger Menschen als erwartet. Es bleiben immer wieder Autos am Straßenrand stehen von denen aus Spenden verteilt werden. Alles läuft sehr ruhig ab, es gibt kein Gedränge, keine Hektik. Ich stelle das Motorrad ab, und schaue mich etwas ratlos um. Hinter dem Zaun stehen zwei Frauen mit kleinen Kindern, die gerade Wasserflaschen gereicht bekommen. Ich gebe einer davon die Decke durch den Zaun. Einem ca. 14 jährigem Jungen gebe ich mein Zelt und die Isomatte. Zumindest hat heute Abend, wenn der Regen kommt, jemand ein Dach über dem Kopf. Die Frau bedankt sich mit einem Nicken und einem Lächeln. Ich lächle zurück, aber die Situation ist mir auch irgendwie unangenehm. Die Decke ist mindestens 10 Jahre alt, und allein die Motorradjacke die ich anhabe, kostet mehr als das Zelt und die Isomatte zusammen. Wir haben so viel. Und die so wenig. Etwas abseits steht auch ein älterer Mann der beständig zu mir herüber schaut. Als ich zu ihm gehe und ihn grüße, fragt er mich als Erstes, wie es mir geht. Das bringt mich für eine Sekunde aus dem Konzept; ich müsste doch ihn fragen, er ist ja in der schwierigen Situation, nicht ich. Es ist komisch, aber irgendwie geniere ich mich dafür, dass er da drinnen steht und ich draußen bin. In gebrochenem Englisch erzählt er mir, dass es momentan ein bisschen entspannter sei als in den letzten Tagen, weil heute und gestern viele Menschen verlegt worden seien. Nur die Sicherheitslage sei ein großes Problem. Es gäbe immer wieder Streits wegen Zelten, Schlafplätzen, Essen. Die Lager-Security hält sich heraus und schaut weg. Als ich dem Mann zum Abschied durch die Gitterstäbe hindurch die Hand schüttle, fühle ich wieder diese Mischung aus Scham und Hilflosigkeit. Während der Heimfahrt frage ich mich, wie es mit ihm wohl weitergehen wird. Ich denke an die immer extremer werdenden Standpunkte in den Medien und Internetforen. Und daran, dass die Zahl an Menschen, die in Europa Schutz suchen, in den nächsten Jahren sicher noch steigen wird. Nach einer halben Stunde Fahrt komme ich wieder in meiner verträumten Vorstadtidylle an, wo ich mich dann abends, nach der vierten Mahlzeit des Tages, mit einem Bierchen auf die Terrasse setze und versuche, eine Antwort auf die Frage zu finden: »Soll ich mir ein Standgerät oder ein Notebook kaufen?« Und eines geht mir immer wieder durch den Kopf: Wir haben so viel. Und die so wenig.
Matthias Honies-Karasek, Wien


An der Kasse
An diesem Tag erreichen fünfzig neue Flüchtlinge unsere Stadt. Junge Männer aus 
Schwarzafrika sowie einige Syrer, die in die neu errichtete Containersiedlung 
einziehen. Nicht weit davon entfernt, liegt eine Filiale eines großen deutschen 
Discounters, bei dem ich nach der Arbeit meine Einkäufe erledige. An der Kasse
lausche ich dem Gespräch einer gestressten Kassiererin mit einer
 deutschen Kundin: »Den ganzen Tag muss ich schon Englisch schwätzen«, beklagt
 sich die Verkäuferin in breitem Dialekt genervt. Vor mir in der Reihe steht
 einer der besagten Neuankömmlinge. Er hat seine Einkäufe fein säuberlich
 auf das Band gelegt, so recht scheint er aber noch nicht zufrieden zu sein.
Seine ganze Aufmerksamkeit ist auf das durch ein Gitter abgeriegelte 
Zigarettenfach gerichtet. Als er endlich an der Reihe ist und zunächst einen
 unfreundlichen Blick der Verkäuferin kassiert, nimmt er seinen ganzen Mut
 zusammen und fragt höflich, auf Englisch, wie er denn an die Zigaretten komme.
 Ein harscher Knopfdruck, und das Gitter fährt geräuschlos nach oben. Auf dem
zuvor noch schüchternen Gesicht des Afrikaners breitet sich ein glückliches
 Strahlen aus. Ich bin froh, dass er noch kein Deutsch versteht. Seine spontane und
 überschwängliche Dankbarkeit hat vielleicht auch das Herz der Kassiererin
erweichen können. 

Sabine Weisel, Bad Wurzach


Glück auf
Ich arbeite bei »Climb«, wir führen Ferienangebote für Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrung durch. Es ist Ausflugstag: Wir fahren mit 25 Jugendlichen zwischen 16 und 22, kaum einer länger als ein halbes Jahr in Deutschland, in das Bochumer Zechenmuseum. Die Kids wohnen in Dortmund, kennen außer Schule und Aufnahmestelle kaum etwas, nun erkunden sie begeistert Förderturm, Schächte und Förderbänder. Der Museumspädagoge führt die Gruppe durch die Ausstellung, und obwohl selbst uns BetreuerInnen vor lauter Fachbegriffen der Kopf schwirrt, hängen ihm die Kids an den Lippen – trotz Sprachschwierigkeiten: Wetterschacht, Kokerei, »Glück auf!« und Bergmannslieder, alles wird erklärt und erkundet. Auf dem Förderturm genießen wir die Aussicht über den Pott, »Da ist Dortmund!« sagt einer begeistert, »ich erkenn das U! Da wohnen wir!« Als zwei BetreuerInnen zur Gruppe dazukommen, werden sie fröhlich im Chor begrüßt: »Glück auf!« Gänsehaut. Die Kids sind im Ruhrgebiet angekommen.
Charlotte Frey, Ruhrgebiet
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