Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München
Anzeige
Anzeige

aus Heft 35/2015 Gesellschaft/Leben

Fingerspitzengefühl

Von Christoph Gurk und Lea Hampel  Foto: Leta Sobierajski

Vietnamesen dominieren weltweit den Markt der Nagelstudios. Das liegt nicht an asiatischen Traditionen – sondern an zwanzig Flüchtlingen und einem Filmstar.



Anzeige
Bevor Thuan Le anfängt, ihr Geld mit Nägeln zu verdienen, führt Tippi Hedren sie zum Essen aus. Es ist 1975, Hedren ist eine Hollywood-Berühmtheit, blond, schön, glamourös. Hitchcock hat sie zur Nachfolgerin von Grace Kelly auserkoren, für die Rolle in seinem Film Die Vögel hat Hedren einen Golden Globe bekommen.

Thuan Le ist kurz zuvor in die USA geflohen. Eine junge Frau, dünn, schwarzhaarig, drei kleine Kinder. Ihre Heimat Vietnam ist zerstört und ihr Volk traumatisiert von einem jahrzehntelangen Krieg. Nun lebt Thuan Le in »Hope Village«, einem Flüchtlingslager in Nordkalifornien. Hedren arbeitet dort als ehrenamtliche Helferin, die beiden begegneten sich, und irgendwann sagte Hedren, der Filmstar, zu Thuan Le, der Flüchtlingsfrau, sie solle sich melden, wenn sie einmal Probleme hat.

Als beide an einem späten Sommervormittag in einem Nobelrestaurant in Santa Monica sitzen, ist es das erste Mal, dass Thuan Le in den USA ein Restaurant besucht, sie ist sehr aufgeregt. Nach dem Essen geht Hedren mit Thuan Le in einen Schönheitssalon mit Nagelstudio, Thuan Le soll sich als Maniküristin bewerben. »Ich glaube, dass der Besitzer des Geschäfts mich nur eingestellt hat, weil er so viel Respekt vor Tippi hatte. Ich war die einzige Vietnamesin in dem ganzen Laden. Und ich konnte kaum Englisch.«

Ginge Thuan Le heute in einen Nagelsalon in Kalifornien, sähe sie sehr wahrscheinlich vor allem vietnamesische Frauen an den Nägeln feilen. Achtzig Prozent der Maniküristen in Kalifornien sind Vietnamesen. Im gesamten Land kommt etwa die Hälfte der Maniküristen aus Vietnam oder hat vietnamesische Vorfahren. Die Dominanz in der Branche ist in den USA so groß, dass Fachzeitschriften nicht nur auf Englisch, sondern auch auf Vietnamesisch erscheinen. Auch in Deutschland ist ein großer Teil der Salons, die nur Maniküre und Pediküre anbieten, in vietnamesischer Hand, und die weltweit größte Firma für Nagelscheren gehört einem Vietnamesen.

Nun ist es nichts Ungewöhnliches, dass bestimmte Gruppen einen Markt dominieren: Filipinos sind weltweit gefragte Seeleute, Deutsche berühmt für ihre Maschinenbaukunst, es gibt sehr viele italienische Pizzabäcker und polnische Bauarbeiter. Doch meistens ergibt sich das aus Traditionen, der geografischen Lage oder durch den Bedarf an billigen Arbeitskräften. Nicht in der Nagelbranche: Maniküre ist kein essenzieller Teil der vietnamesischen Kultur, kein Erbe, das weitergegeben worden wäre von Generation zu Generation. Erst vor ein paar Jahrzehnten kamen die Vietnamesen in die Nagelbranche – und haben sie in ein gewaltiges Geschäft verwandelt.

Allein in den USA lag der Umsatz der gut 17 000 Nagelstudios 2014 bei mehr als acht Milliarden Dollar. Das ist eine Milliarde mehr als zwei Jahre zuvor. Legt man einen Durchschnittspreis von 25 Dollar zugrunde, werden in den USA pro Tag 8,8 Millionen Fingernägel gepflegt. Auch in Deutschland gibt es seit Jahren immer mehr Kosmetik-Institute und Nagelstudios, 2013 waren es etwa 49 000. Viele Nagelstudios tragen amerikanisch anmutende Namen wie »US Nails«, »Happy Nails« oder »Hollywood Nails«, oft sind deren Besitzer Vietnamesen.

»Als ich das erste Mal das Wort Maniküre hörte, wusste ich gar nicht, was das ist«, sagt Thuan Le. Wie alt sie heute ist, will Thuan Le nicht sagen. Über sechzig, das müsse reichen. Zweifellos ist sie nach wie vor eine schöne Frau, mit langen schwarzen Haaren, dunklen Augen und gepflegten Zähnen. Sie stammt aus der gehobenen Mittelschicht Vietnams, hat dort studiert und als Englischlehrerin gearbeitet und noch auf der Universität ihren Mann kennengelernt, einen Piloten der südvietnamesischen Armee.

Vietnam ist zu jener Zeit seit mehr als einem Jahrzehnt im Krieg. Kommunisten gegen Antikommunisten, der Süden gegen den Norden – und West gegen Ost, also die USA gegen China und die UdSSR. 1965 gehen die U.S. Marines in Da Nang an Land, in den folgenden Jahren sterben mehr als 50 000 US-Soldaten und drei Millionen Vietnamesen. Mit Bildern von Napalmbomben und entlaubten Wäldern verlieren die USA ihre Unschuld, und dann verlieren sie auch den Krieg. 1969 beginnt Präsident Nixon, US-Truppen abzuziehen, 1973 schließen die USA einen Waffenstillstand mit Nordvietnam. Im Land wird weitergekämpft, bis die nordvietnamesischen Truppen 1975 vor Saigon stehen.

Thuan Le lebt damals mit ihrem Mann auf einer Militärbasis, er ist Oberstleutnant der Luftwaffe. Als abzusehen ist, dass der Süden den Krieg verlieren wird, beginnt die südvietnamesische Regierung mit Hilfe der USA, Politiker, Unterstützer und Militärangehörige außer Landes zu bringen. »Die Luftwaffe hatte für die Frauen der Soldaten auch so ein Programm, die Männer aber sollten bleiben.« Doch Thuan Le will nicht von ihrem Mann weichen. »Wir haben das Land im letzten Moment verlassen.«


Anzeige

Seite 1 2 3
Lea Hampel und Christoph Gurk

bekamen von Tippi Hedren noch zu hören, wie sehr sie sich darüber ärgere, keine Beteiligung an der Nagelindustrie zu haben. Das Geld wolle sie nicht für sich, sondern für ihre »Roar Foundation« für Wildkatzen. In den Siebzigerjahren hielt sich Hedren zu Hause einen Löwen namens Neil.

  • Gesellschaft/Leben

    Wie geht das, richtig leben?

    Was kann der Einzelne gegen globale Missstände wie den Klimawandel unternehmen? Die Soziologen Stephan Lessenich und Harald Welzer haben darauf ganz unterschiedliche Antworten.

  • Anzeige
    Gesellschaft/Leben

    Guter alter Ringo

    Der Hund unserer Autorin wird immer schwächer – und scheint sich damit so gut abzufinden, dass man ihn nur bewundern kann.

    Von Gabriela Herpell
  • Gesellschaft/Leben

    Wer bin ich ohne meine Ängste?

    Kann man es schaffen, sein Leben zu ändern? Unser Autor hat es versucht – bei einem Tantra-Seminar.