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Deutschland 03. September 2015

Digitale Heimat

Von Dellair Youssef  Foto: dpa

Über 80 000 Follower hat die Facebookseite »Das syrische Haus in Deutschland«. Dort stellen Flüchtlinge Fragen zu ihrem neuen Leben in einem fremden Land. Ein Auszug.

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Wo finde ich in Berlin einen Arzt, der meine Sprache spricht? Wie beantrage ich einen Wohnberechtigungsschein? Was ist das überhaupt? Und muss ich einen Helm tragen, wenn ich auf deutschen Straßen Fahrrad fahre?

Menschen, die neu in unserem Land sind, haben viele Fragen. Verständlicherweise. Die deutschen Verkehrsregeln sind kompliziert, die Wohnungssuche ist eine Qual, zumindest in den Großstädten. Und die Sprache - nun ja: Wie schnell würde ein Deutscher wohl Arabisch lernen, um sich mit einem Arzt in Damaskus unterhalten zu können?

Mehr als 120 000 Syrer sind in den vergangenen vier Jahren nach Deutschland gekommen. In ihrer Heimat herrscht Bürgerkrieg, hier gewährt ihnen der Staat Asyl. Nur die Rätsel des deutschen Alltags beantwortet er ihnen nicht - deshalb helfen sie sich selbst. Übers Internet.

Die Facebook-Gruppe, in der sie sich dafür zusammengeschlossen haben, heißt »Das syrische Haus in Deutschland«. Sie hat zurzeit über 82 000 Mitglieder, Tendenz steigend.

Auf der Pinnwand dieser Gruppe werden Listen gepostet mit den besten Second-Hand-Möbelläden in Berlin oder den besten Android-Apps für Deutsch-Arabisch-Übersetzungen. Es gibt Listen von syrischen Restaurants in Hannover, Moscheen in München und syrischen Ärzten in Hamburg. Nutzer erklären anderen Mitgliedern, wie sie einen tabellarischen Lebenslauf schreiben oder ihre Steuererklärung machen. Viele Fragen und Beiträge drehen sich um die Wohnungssuche und die Kommunikation mit den deutschen Behörden.

Trotz vieler Schwierigkeiten mit dem Leben in Deutschland erkennt man eine insgesamt doch große Dankbarkeit gegenüber Deutschland - und Unverständnis für Länder wie Ungarn, Mazedonien, Griechenland, die Syrer nicht aufnehmen oder ihre Weiterreise behindern. 

Gegründet wurde die Gruppe im April 2014 von Monis Bukhari. Der Syrer ist 36 und lebt seit 2013 in Deutschland. »Ich kannte ähnliche Facebook-Gruppen in Ägypten und Jordanien«, sagt er, »so kam ich auf die Idee für das Syrische Haus in Deutschland«.

Die Gruppe ist öffentlich, jeder kann beitreten, jeder kann Fragen posten, jeder kann über die Kommentarfunktion antworten. Geschrieben wird fast ausschließlich auf Arabisch. Verboten sind politische oder religiöse Diskussionen. Die Gruppe soll bleiben, was sie ist: eine Plattform zur Alltagsbewältigung in Deutschland.

Die Pinnwand der Gruppe kann man stundenlang runterscrollen. Wer sich durch die Beiträge, Link-Listen und Untergruppen klickt, bekommt einen guten Eindruck davon, was syrische Flüchtlinge in Deutschland beschäftigt: Wie kann ich meine Familie nach Deutschland holen? Wird mein syrischer Führerschein in Deutschland anerkannt? Darf ich mein Studium fortsetzen? Gibt es die Chance auf ein Stipendium? Die Antworten sind manchmal hilfreich, manchmal lustig, manchmal auch seltsam.

Ein Auszug: 

  • Frage: Ich bin über das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen nach Frankreich gekommen und habe dort nun eine Aufenthaltserlaubnis für zehn Jahre. In der Gegend, in der ich lebe, sind keine Syrer, noch nicht mal andere Araber, die meiste Zeit verbringe ich allein zu Hause. Das macht mich psychisch fertig. Ich würde gern nach Deutschland, dort wohnt mein Onkel seit 22 Jahren. Kann ich meine Aufenthaltsgenehmigung nach Deutschland übertragen?
    Kommentar: Wenn Frankreich deine Fingerabdrücke hat, komme nicht nach Deutschland, sie werden dich zurückschicken. 
    Kommentar: Du hast eine Aufenthaltsgenehmigung für zehn Jahre - was willst du mehr? 
    Kommentar: Der Bruder fühlt sich allein, und allein in Europa zu sein ist scheiße. Versuche ihn zu verstehen, bevor du dich über ihn lustig machst. Hey Bruder: Sag dem Flüchtlingshilfswerk, dass du Verwandte in Deutschland hast, vielleicht können sie dir helfen.
  • Frage: Warum gründet eigentlich niemand ein Projekt, damit es endlich gutes syrisches Essen in Deutschland gibt? Shanklish (Anmerkung: würziger Kuh- oder Schafskäse), Makdos (gefüllte Auberginen), Zatar (Gewürzmischung) kann man fast nirgendwo in Deutschland kaufen. Es ist billig in der Herstellung, einfach zu verpacken und zu lagern. Tausende Syrer sitzen zurzeit in Deutschland herum und machen nichts. Warum kochen wir nicht einfach und verkaufen unser Essen?
    Kommentar: Sehr gute Idee. 
    Kommentar: Die Deutschen starten Industrieprojekte und wir Hummus- und Ölprojekte. 
    Kommentar: Bald macht auf Berlins "Araberstraße", der Sonnenallee, ein syrisches Restaurant auf. 
    Kommentar: Ich würde mitmachen, aber nur von Berlin aus.
  • Frage: Wir kennen alle die deutschen Gesetze, die uns verbieten, Filme aus dem Internet herunterzuladen, sie nennen es »illegales downloaden«. Ich habe jetzt eine legale Alternative gefunden. »Watchever«, da bezahlt man neun Euro im Monat und kann sich amerikanische und europäische Filme und Serien angucken.
    Kommentar: Das ist ein großer Beschiss! Ich habe neun Euro bezahlt, aber es gibt keine guten Filme.

  • Frage: Hallo Leute, weiß jemand, ob ich einen Kredit vom Job-Center bekomme?
    Kommentar: Ich glaube schon, sie werden dich aber nach einem Grund fragen. 
    Kommentar: Klar bekommst du den. Sie nennen es »Darling«.
    Kommentar des Fragesteller: Hahaha.
  • Fragen zu den brennenden Flüchtlingsunterkünften in Deutschland haben wir nicht gefunden und deshalb selber eine auf der Pinnwand der Gruppe gepostet:
    Frage: Hat irgendwer was von rassistischen Angriffen auf Flüchtlinge in Deutschland gehört?
    Kommentar: Ein Freund hat mir von einem Nazi erzählt, der in der U-Bahn eine syrische Familie angepinkelt hat. 
    Kommentar: Die Familie kam nicht aus Syrien, sondern aus Osteuropa.
  • Frage: Wo kann man mit wenig Geld einkaufen?
    Kommentar: Netto ist billig.
    Kommentar: Gehe auf "Flohmärkte". Dort kriegt man sehr billig gebrauchte Anziehsachen, die  die Deutschen nicht mehr tragen wollen. Es gibt auch Spielsachen und DVDs. Man kann mit den Verkäufern gut handeln.
     
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