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aus Heft 37/2015 Kunst

»Wenn es nach mir ginge, würden sich die Bilder selber malen«

Interview: Sven Michaelsen  Fotos: Andy Kania

Daniel Richter ist einer der erfolgreichsten Maler der Gegenwart - doch seinen Berufszweig hält er auf Abstand.



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SZ-Magazin:
Über die ersten zwanzig Jahre Ihres Lebens ist nur bekannt, dass Sie mit drei Geschwistern in der Kleinstadt Lütjenburg nahe der Ostseeküste aufgewachsen sind. Was haben Ihre Eltern gemacht?
Daniel Richter: Meine Mutter war Hausfrau und Verkäuferin, mein Vater war Lkw-Fahrer und wurde in den Sechzigerjahren im Rahmen der Restrukturierung der Arbeiterklasse zum Versicherungskaufmann umgeschult. Als ich 16 war, hat er die Familie verlassen. Es gab eine Oma, die ich sehr geliebt habe. Ich hatte eine glückliche Kindheit. In meiner Erinnerung ist sie ein halbtraumwandlerischer Zustand zwischen Buch lesen, Wald und sehr vielen Kindern.

In welchem Alter verließen Sie Ihr Elternhaus?
Mit 16. Wenn man nicht aus dem Bürgertum stammte, wurde erwartet, dass man sich dann selber trägt und eine Lehre macht. Für eine alleinerziehende Mutter mit vier Kindern und wenig Geld war jedes Kind Stress.

Wie haben Sie auf den Verlust des Vaters reagiert?
Wenn man psychologisieren will, hat die Enttäuschung über den Vater zu einem verlängerten antiautoritären Habitus geführt, der sich mit politischen Betrachtungen paarte. Die Personwerdung hat bei mir mit 16 eingesetzt. Ich lernte Rocko Schamoni und Schorsch Kamerun kennen, trampte nach Kiel oder Hamburg, um die guten Platten zu bekommen, las wahllos Karl May, Karl Marx und Carl Barks.

Welche Lehre haben Sie gemacht?
Lithograf, also Druckvorlagen herstellen und Fotos retuschieren. Nach einem Dreivierteljahr bin ich rausgeflogen. Reguläre Arbeit und ich, wir konnten uns nie anfreunden. Beim Versuch, doch noch das Abitur zu machen, bin ich in der zwölften Klasse rausgeflogen. Ich habe dann den Kriegsdienst verweigert und bin 1980 nach Hamburg gezogen, um Zivildienst in der Altenpflege zu machen. Horn war damals ein proletarisch geprägter Stadtteil. Als Altenpfleger war man mit Leuten konfrontiert, die halb durchgefault mit fünf anderen in einer Eineinhalbzimmerwohnung saßen und schon morgens betrunken ZDF schauten. Diese Form von Elend, Einsamkeit und Resignation kannte ich nicht.

Wo haben Sie gewohnt?
Anfangs in einer Zivildienstwohnung, dann ging es durch diverse Kellerlöcher, Wohngemeinschaften und halblegale Wohnungen in besetzten Häusern. Einmal wurde ich von den Behörden als Obdachloser deklariert, weil ich keine Arbeit und keine Meldeadresse hatte. In der Nähe vom Obdachlosenasyl Pik As war ein Amt, in dem man montags und donnerstags Bargeld abholen konnte, 72 Mark im Monat. Das klingt entweder sozial dramatisch oder romantisch, aber ich hatte überhaupt kein Problem damit. Ich habe mich für Geld nie interessiert. Ich hatte Freunde und eine Freundin, in die ich verliebt war, ich habe Musik gehört, mich mit Politik beschäftigt und gelesen, von Hegel und Adorno bis Stefan George und Hubert Fichte.

Wovon haben Sie in den Jahren nach dem Zivildienst gelebt?
Ich habe das Übliche gemacht, um ohne großen Aufwand gut durch den Tag zu kommen, von selbst bemalte T-Shirts auf Straßenfesten verkaufen bis zu kleinkriminellen Aktivitäten. Besser war dann Schallplatten verkaufen und Kneipier. Dass ich meine spätjuvenile Delinquenz mit Euphorie betrieb, lag an meinem Faible für gutes Essen. Da ich mir kein gutes Essen leisten konnte, bin ich ein ausgesprochen guter Dieb geworden. Man klaute in einem Delikatessengeschäft vernünftiges Fleisch und teuren Käse, um dann in Ruhe beim Lesen in der Wohnung zu speisen.

Haben Sie auch Bücher gestohlen?
Selbstverständlich. Erstausgaben. Taschenbücher klaut man natürlich nicht.

Sie sollen damals ein erstklassiger Kampfsportler gewesen sein.
Sport und Antifa, das bedingte einander. Ich fing mit Karate an, aber das war mir zu eckig und autoritär. Über Thai- und Kickboxen bin ich bei Escrima gelandet. Das ist eine sehr effiziente Selbstverteidigungsmethode von den Philippinen. Der Verein, in dem ich trainierte, war eine lustige Melange aus Hausbesetzern, wirklichen Kriminellen, SEK-Beamten und Sportlern. Auf Demonstrationen erkannte man manchmal auf der anderen Seite der Absperrung einen Sportskollegen mit Helm, Schild und Schlagstock.

Als in Ihrem Viertel Neonazis auftauchten, wurden Sie nach der wirksamsten Selbstverteidigungstechnik gefragt. Sie sollen geantwortet haben: auf den Hals schlagen.
Ganz ehrlich, ich würde diese Legenden gerne loswerden, auch wenn sie wahr sind. Diese Form von Männlichkeitshabitus ist mir vollkommen fremd. Der Grund, Kampfsport zu betreiben, waren die Neonazi-Schläger und HSV-Hooligans, die einen im Umfeld der Hafenstraße und auf Konzerten permanent belästigten. Das waren organisierte, militante Rechtsradikale, die gefährlich waren. Wenn der HSV gegen Dortmund spielte, standen auf einmal 500 Leute vor einem, die »Sieg Heil!« brüllten oder »Wir schlagen euch tot, Zecken!« Diese Erfahrung der Ohnmacht führte dazu, dass man sich wehren können wollte.

Sind Sie mit der Justiz in Berührung gekommen?
Ein wenig. Es gibt ein historisches Foto, auf dem zwei deutsche Bischöfe mit einem hohen SS-Mann eine Parade abgehen, die Hand zum Hitlergruß erhoben. Als wir das Foto auf T-Shirts druckten und in Schallplattenläden verkauften, klagte die katholische Kirche auf Unterlassung wegen Verleumdung und volksverhetzerischer Absicht. Eine Verdrehung der historischen Wirklichkeit, aber wir hatten kein Geld, um durch die Instanzen zu gehen.

Wie war Ihr Verhältnis zu Alkohol und Drogen?
Mit 22, 23 habe ich aufgehört, Alkohol zu trinken, weil er meinen Verstand nicht klarer machte. Vorher hatte ich exzessiv getrunken und Amphetamine konsumiert. Als ich mit 29 anfing, Kunst zu studieren, bin ich sofort Alkoholiker geworden. Das war nervlich nicht anders durchzuhalten.

Wie kam jemand, der bis dahin nur T-Shirts bemalt und Plattencover gestaltet hatte, auf die Idee, sich an der Hochschule für bildende Künste zu bewerben?
Die Auslöser waren das Ende meiner Beziehung, die Tatsache, dass ich bereits 29 war und die Hochschule kein Abitur verlangte, die Aussicht, Bafög zu kassieren, und der Fall der Mauer. Es war klar, dass sich mit der Vereinigung der Wind drehen wird und die autonomen Projekte verschwinden. Ich habe 1989 keine Euphorie empfunden. Das erste Unappetitliche war diese Begeisterung für die Nation, die mir vollkommen egal war. Mit jemandem aus Leipzig hatte ich weniger zu tun als mit jemandem aus Amsterdam. Ostdeutschland war so weit weg wie Albanien.

Hatten Sie vor Ihrem ersten Tag als Kunststudent auch mal Bücher von Malern geklaut?
Logo. Man wusste, dass es in Hamburg Martin Kippenberger, Werner Büttner und Albert Oehlen gab. Und es gab das »La Paloma«. Ich bin da nicht reingegangen, weil ich die Leute nicht mochte, aber mir gefiel die Idee, dass es im Rotlichtmilieu eine Kneipe gibt, in der Bürger neben Künstlern, Zuhältern, Transen und Strichern sitzen, und es hängen eine Beuys-Schaufel an der Wand und Bilder von Jörg Immendorff und Blinky Palermo.

Mochten Sie St. Pauli?
Ja. Ich mochte auch fast schon pittoreske Läden wie Harrys Hafenbasar in der Hafenstraße, wo mit Krims und Krams gehandelt wurde, den Matrosen aus aller Welt mitgebracht hatten, vom aufgeblasenen Kugelfisch bis zum Fetisch aus Nigeria. Da es in den Achtzigerjahren noch nicht so viele Containerschiffe gab, hatte man den schönen Anblick eleganter südamerikanischer Offiziere in weißen Ausgeh-Uniformen. Das habe ich immer als total weltstädtisch und wahnsinnig romantisch empfunden, als wäre man in einem Roman von Joseph Conrad. Ich kann mich erinnern, dass am Hein-Köllisch-Platz mal argentinische Offiziere in Prunkuniform von der einen Seite und weiß gekleidete schwarze Matrosen von der anderen Seite kamen. Beide Gruppen waren offensichtlich auf Aufriss aus. Dieses Bild romantischer, fast homosexueller Männlichkeit in einem Viertel mit Kopfsteinpflaster und schmierigen Gassen hatte einen wahnsinnigen Appeal. Sich totsaufen und dumm rumvögeln hat mich selber nie interessiert, aber ich habe gern mittendrin gestanden. Zwischen 1986 und 1994 habe ich wahnsinnig viel Zeit an der Kreuzung Davidstraße und Reeperbahn verbracht. Es gab da einen Sicherungskasten, auf dem ich oft bis fünf Uhr morgens mit einem Freund saß. Man aß Pommes und schaute Theater.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Aufnahmeprüfung an der Kunsthochschule?
Die Auswahlkommission lehnte mich ab, aber Werner Büttner legte sein Veto ein. Beworben hatte ich mich mit Bleistiftzeichnungen, die sich mit den Wahrnehmungsklischees von Sexualität bei Rappern beschäftigten. Der zweite Block waren Zeichnungen, die sich kontrapunktisch mit den Ernsten Gesängen von Hanns Eisler auseinandersetzten. Auf eine Zeichnung war ich sehr stolz, weil sie eine Attacke gegen etablierte männliche Künstler war. Es gibt ein Foto, das Baselitz, Penck und Immendorff zeigt. Das habe ich durchgepaust und drunter geschrieben: »Die waschen ihre Schwänze nicht.« Auf dem Niveau habe ich mich beworben. Ich war dann ein sehr glücklicher Student, weil ich etwas über mich und die Kunst lernen konnte, for free. Die erste Frage, die mich interessierte, war, warum Bild A Illustration genannt wird und Bild B Kunst.

Später wurden Sie Assistent von Albert Oehlen. Beschäftigen Sie heute einen Assistenten?
Nein, ich weiß nicht, wozu der gut sein soll. Einmal habe ich jemanden für mich Quadrate ausmalen lassen. Nach einer Stunde Zugucken war ich so deprimiert davon, wie der gearbeitet hat, dass ich ihm Geld gab und es lieber selber machte.

Der Bildhauer Thomas Schütte sagt: »Von mir gibt’s nur etwas, wenn die Sammler im Atelier auftauchen. Ich will sehen, wer meine Werke kauft. Das ist so eine Art Gesichtskontrolle.«
Ja, Schütte, guter Künstler, intelligenter Typ. Guter Künstler bin ich auch, aber offensichtlich bin ich nicht intelligent. Ich kenne die meisten Käufer nicht.

Vor ein paar Jahren besuchte Rolf Breuer Ihr Atelier, damals Chef der Deutschen Bank. Kommen Sie sich in solchen Situationen auf furchtbare Weise arriviert vor?
Nein, ich finde solche Situationen interessant. Der Kunstbetrieb ist hierarchisch organisiert, aber das Entree in die Kunstwelt ist egalitär. Der normale Weg für jemanden ohne Abitur, Status und Geld, in eine großbürgerliche Villa zu kommen, ist einzubrechen oder als Putzfrau zu arbeiten. Als Künstler kannst du jahrelang gedarbt haben, und plötzlich ruft dich Brad Pitt an und will sieben Bilder von dir für seinen Palast in Hollywood haben. Diese Durchdringung sozialer Schichten und Hierarchien macht die Kunstwelt zu einem spannenden Labor.

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Sven Michaelsen

Beim Gespräch in seinem Berliner Atelier saß Daniel Richter dem Autor in einer kurzen, schwarzen Turnhose gegenüber, die mit Ölfarbe bekleckert war. Als ihm seine beiden weißen Katzen - sie heißen Sumo und Tofu - auf den Schoß sprangen, stand Richter auf und holte eine Fusselbürste. »Ich liebe Katzen«, sagte er, »aber gegen ihre Haare bin ich allergisch.«

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