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aus Heft 38/2015 Geschichte

Der Kommissar

Von Patrick Bauer  Illustrationen: Sam Vanallemeersch

Am Ende des Zweiten Weltkriegs übernimmt ein französischer Soldat das Kommando über ein Dorf im Schwarzwald. Bis heute ist er dort unvergessen - obwohl die rätselhafte Gestalt nach zwei Wochen schon verschwand.

Welschensteinach im Kinzigtal: Am 22. April 1945 kam mit den durchziehenden französischen Truppen auch René Ungar-Klein an.
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Es begann damit, dass der Amerikaner vom Himmel fiel.

Der Maierbub sah es zuerst. Am 9. Dezember 1944 war das, nach dem Mittag, die Luft trüb und kalt. Das Bombenflugzeug kam plötzlich über die Hänge gebrummt, qualmend, die Bäume zitterten. Ein Benzinkanister landete auf dem Feld. Klonk. Danach etwas Schwereres. Flatsch. Es war der Pilot. Sein Fallschirm hatte sich nicht geöffnet. Der Kopf war Brei. Das Haar, schwarz und lockig, schwamm darin. Die Beine hatten sich in den Bauch gebohrt. Das Flugzeug schlingerte unbemannt weiter, Richtung Frankreich. Brown hieß der Amerikaner, Robert H. Brown, geboren am 21. Juli 1921, Erkennungsmarke 0-815824-D.

Den verscharren wir gleich da am Waldrand, befahl der Ortskommandant, Stabsveterinär Braunschweig. Abends hörte der Bürgermeister davon, Josef Schwendemann. Das geht nicht, sagte Schwendemann, jeder braucht eine anständige Ruhestätte. Am nächsten Tag bestatteten die Totengräber den Amerikaner auf dem Friedhof.

So kam der Krieg nach Welschensteinach im Kinzigtal, mittlerer Schwarzwald, 892 Einwohner, 55 Höfe. In den ersten drei Monaten des Jahres 1945 kamen dann die, die vor dem Krieg flohen, Familien aus dem ganzen Reich, und vom Westen die Truppen auf dem Rückzug. Am 19. April 1945 errichtete der Volkssturm Schützenlinien hinter dem Dorf. In der Nacht stieß ein Bataillon unter dem Kommando eines Ritterkreuzträgers dazu. Sie bauten Panzersperren auf dem Weg nach Schweighausen. Beim Lixenhof sprengten sie die Straße. Am 20. April, Hitler hatte Geburtstag, bezogen die Soldaten Stellung auf dem Kirchberg, rund um das Pfarrhaus und die Schule.

Um 14 Uhr begann der Artilleriebeschuss, es pfiff und krachte, aber man sah die Franzosen hinterm Hügel nicht. Am schlimmsten erwischte es das Backhäusle vom Maier Josef. Die Wand hat es weggerissen, im Keller saß die Familie, großes Glück. Die Soldaten und der Ritterkreuzträger machten sich davon. Nur der Volkssturm blieb. Mit Maschinengewehren wollten sie die Franzosen, die nun von Schuttertal runterkamen, aufhalten. Zwei Deutsche starben. Auf der Gegenseite fünf. Der Rapp-Josef und Stulzens Theresia waren die einzigen verletzten Zivilisten. So endete der Krieg in Welschensteinach. Und doch nicht.

Die Besetzung erfolgte am Samstag, den 21. April 1945 um 6 Uhr morgens. Widerstand: keiner. Die meisten Franzosen strömten weiter Richtung Front. Doch am 22. April 1945 tauchte gegen Abend beim Pfarrer Hildebrand ein französischer Soldat auf, der ein Dokument vorzeigte, das ihn zum Ortskommandanten von Welschensteinach ernannte. Der Mann sprach sehr gut Deutsch. Er ließ sich »Kommissar« nennen. Sein Name: René Ungar-Klein. 22 Jahre erst. Ein Jude, hieß es, aus dem Elsass.
René Ungar-Klein im Alter von 18 Jahren. Es ist das letzte existierende Foto vor Ungar-Kleins Auftauchen in Welschensteinach. Foto: privat.

Ungar-Klein quartierte sich in der Schule ein. Bald traute sich dort niemand mehr vorbei. Der »Kommissar« war kein großer Mann, aber eine Erscheinung. Oft fuchtelte er mit seiner Pistole. Mit den verbliebenen französischen Soldaten plünderte er Häuser, beschlagnahmte auch den Besitz der Flüchtlingsfamilien, die nach Welschensteinach gekommen waren, Schmuck, Pelzmäntel, Möbel, manche behaupten, im Wert von mehreren Hunderttausend Mark. Als seine Soldaten weiterzogen, bewaffnete der Kommissar ehemalige Zwangsarbeiter von den umliegenden Höfen, Polen. Auch sie raubten – und verprügelten die Leute oder sperrten sie ins Schulzimmer. Der Bürgermeister beschwerte sich bei der französischen Militärbehörde in Haslach. Aber es ging weiter.

Am 28. April ließ René Ungar-Klein auf dem Friedhof einen Regierungsobersekretär des Straßenbauamtes Offenburg, der in der Nähe festgenommen worden war, erschießen, Punkt 16 Uhr. Franz Neumaier, Rentner, und Bernhard Maier, Gastwirt, mussten das Grab schaufeln.

Zwei Tage später erschien ein Oberst der US Air Force. Er suchte einen verschollenen Soldaten. Genau, Robert H. Brown.

Der Pfarrer zeigte dem Oberst, wo er den Amerikaner hatte beerdigen lassen. Der Oberst war dankbar. Im Vertrauen bat der Pfarrer den Oberst um Hilfe. Er berichtete vom Treiben des »Kommissars«. Von der Angst. Der Oberst stellte Ungar-Klein zur Rede. Einige Tage später teilte die Gendarmerie René Ungar-Klein mit, er müsse das Dorf innerhalb 24 Stunden verlassen. Am 5. Mai ließ sich der »Kommissar« noch vom Bürgermeister Schwendemann standesamtlich mit einer deutschen Luftwaffenhelferin trauen, dabei hielt er seine Pistole gezückt. Dann verschwand er. René Ungar-Klein war nur zwei Wochen in Welschensteinach. Aber er ist bis heute geblieben.

»Da stand er immer und hat gebrüllt«, sagt Horst Maier und zeigt auf die Stufen vor dem Rathaus, das früher zugleich Schulhaus war, das Ungar-Klein besetzt hielt und in dem zuletzt die Sparkasse untergebracht war, weil es seit der Gemeindereform kein Rathaus mehr brauchte, aber jetzt braucht es auch keine Sparkasse mehr, alle sind online. »Wir Kinder sind dem Kommissar nicht zu nahe gekommen«, sagt Maier, der kleine Junge, der auf dem Feld stand, als der Amerikaner vom Himmel fiel. Maier ist ein kleiner Mann mit einem spitzen Grinsen geworden, und er grinst auch, wenn er von diesen »schlimmen Tagen« erzählt.

Neben ihm steht sein Bruder Erich, noch kleiner, noch spitzer grinsend. Erich war ein Baby, ein Jahr alt, als der »Kommissar« auftauchte, vergangenes Jahr hat er Siebzigsten gefeiert. Die Mutter hatte den Kinderwagen in den Keller geschleppt, kurz bevor die Wand vom Backhäusle wegkrachte. Außer den Maier-Brüdern gibt es nur eine im Ort, die damals schon gelebt hat, die Tochter der Wirtsfamilie, aber die erinnert sich nicht an damals. Erich Maier ist der Ortsvorsteher, er hat einen Schreibtisch im Rathaus, für den Papierkram. Im ersten Stock, wo René Ungar-Klein mit seinen Getreuen residierte, leben jetzt laut Erich Maier »Sozialhilfeempfänger«.

»Der ›Kommissar‹«, sagt Horst Maier, »hat die Männer gezwungen, ihn auf dem Rücken durchs Dorf zu tragen! Wie Tiere!« »Du hast den noch vor Augen?«, fragt Erich Maier. Fotos existieren nicht.

»Ha, logisch«, sagt Horst Maier, »ein furchterregender Kerl!«

Sie haben nie über den »Kommissar« gesprochen, niemand hat viel über ihn gesprochen, der Schreck ging still in die DNS des Dorfes und seiner Einwohner über, man raunte den Namen Ungar-Klein höchstens, beim Frühschoppen oder nach dem Gottesdienst. Als schäme man sich. Vielleicht wollte niemand darüber nachdenken, wofür sich die Zwangsarbeiter, die dem Kommissar halfen, eigentlich hatten rächen wollen. Über die Schuld des Kommissars und seiner Komplizen nachzudenken hätte bedeutet, über die eigene Schuld nachzudenken. In der Welschensteinacher Ortschronik, verfasst 1965, steht zu René Ungar-Klein: »In den Tagen seiner Herrschaft in Welschensteinach übte er ein Schreckens- und Terrorregiment aus. Danach konnte die Gemeinde wieder aufatmen.« So endet das Kapitel Nationalsozialismus, als wäre darin der »Kommissar« der schlimmste Verbrecher gewesen.

Interessant ist auch, was in der Ortschronik, deren Verfasser nicht mehr lebt, über den weiteren Verbleib von Ungar-Klein geschrieben ist: »Er soll sich noch einige Wochen in Haslach aufgehalten haben, kam dann, nachdem man seine Zugehörigkeit zur deutschen Waffen-SS feststellte, in das Lager Lahr-Diglingen, von wo er über Straßburg nach Israel flüchtete.« Auch in einer Veröffentlichung des Historischen Vereins für Mittelbaden aus dem Jahr 1985 wird die Episode um René Ungar-Klein als »schlimme Köpenickiade« bezeichnet.

Ein Hochstapler? Ein elsässischer Jude im Dienst der Waffen-SS? Der dann als französischer Soldat ein abgelegenes Schwarzwalddorf tyrannisiert?

»Ja, eine verrückte Gschicht«, sagt Erich Maier. Er hat sein ganzes Leben probiert, hier wieder Normalität herzustellen. Hat als Förster die Wälder aufgeräumt. Hat als Ortsvorsteher die deutsch-französische Freundschaft mit der elsässischen Gemeinde Truchtersheim aufgebaut. Reist seit Jahren nach Israel. Aber oft hat er bei der Einreise am Ben-Gurion-Airport gedacht: Wo ist der »Kommissar« geblieben?

Dann, vor zwei Jahren, rief bei Maier einer an. Der Name: Ungar-Klein. Oh, grüß Gott. Es war der Sohn. Jahrgang 1952. Aus Wien. Er wollte nach Welschensteinach. Ha, gut, Maier zeigte dem Mann, was es zu zeigen gibt. Der Mann fragte nichts. Maier auch nicht. Er gab dem Sohn eine Dorfchronik. Also, tschüssle. Reichen Sie meine Nummer nicht weiter, bat Ungar-Klein.

Der Historiker Manfred Hildenbrand, Ehrenbürger der Stadt Haslach, hörte von dem Besuch. Er brachte es fertig, einen Artikel über »Kriegsverbrechen« in der Region zu verfassen, in dem sowohl das Haslacher KZ als auch Ungar-Kleins »Ausschreitungen« erwähnt werden. Vorher rief Hildenbrand Ungar-Kleins Sohn an, der ihn harsch abwies. Maier hat Angst, der Sohn des »Kommissars« könnte denken, er hätte Hildenbrand die Nummer gegeben.

Man findet die Nummer jedoch, ohne dass Maier sein Wort brechen muss. Aber egal, wie oft man ihn fragt: Der Sohn will nicht über seinen Vater reden.

In französischen und deutschen Archiven findet sich nichts zu René Ungar-Klein. Auch nichts zu Colonel Rocaut, der den »Kommissar« enttarnt haben soll. Der US-Oberst, der Ungar-Kleins Verhalten zuerst gemeldet hatte, ist verstorben.

Schließlich ist es ein Eintrag in einem Ahnenforschungs-Forum, der weiterhilft. Eine Miriam Lieder hat einen Stammbaum für einen René Ungar-Klein angelegt. Miriam Lieder ist seine Tochter.

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Patrick Bauer

Patrick Bauer stieß durch Zufall auf die Geschichte von René Ungar-Klein: Er war im Kinzigtal auf den Spuren seines Großvaters unterwegs, über den er gerade ein Buch geschrieben hat (Der Anfang am Ende der Welt, Rowohlt) - und der am Ende des Zweiten Weltkrieges mit seiner Mutter nahe Welschensteinach vor den Bomben Schutz suchte.

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